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Ash/Nieß/Pils (Hrsg): Geisteswissenschaften im Nationalsozialismus#

Braune und weiße Schafe#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 4. Februar 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Hellmut Butterweck


Mit einer Büste in ihrem Arkadenhof ehrt die Universität Wien verdiente Professoren – die Westen einiger der ehemals Geehrten sind mit braunen Flecken beschmutzt., Foto: Austria Forum
Mit einer Büste in ihrem Arkadenhof ehrt die Universität Wien verdiente Professoren – die Westen einiger der ehemals Geehrten sind mit braunen Flecken beschmutzt.
Foto: Austria Forum

Dass Heinz Kindermann nach der Nazikarriere und einer Zwangspause auch die Nachkriegskarriere gelang, weiß jeder Wiener Theaterwissenschafter. Dass sein Buch über das Burgtheater aber bereits in der Nazizeit von den Germanistik-Professoren, allen voran Josef Nadler, für wissenschaftlich wertlos erklärt und Kindermann von ihnen als ungeeigneter Kandidat für den geplanten Lehrstuhl für Theaterwissenschaft abqualifiziert worden war, zählt zu den vielen bisher unbekannten Fakten, die das jüngste Werk über die "Geisteswissenschaften im Nationalsozialismus" lesenswert machen. Die Fakultät konnte nur noch kuschen. Der Mann hatte eben nicht erst in der Nachkriegszeit gute Beziehungen.

Die Nazis ebenso wie die Anpasser konnten nach dem Krieg mit Solidarität rechnen – Ihresgleichen war allgegenwärtig. So kam es, dass ein nie an die NSDAP angestreifter Germanist trotz akuten Professorenmangels mit Erreichen der Altersgrenze noch 1945 sofort in den Ruhestand versetzt, ein gleichaltriger Angestreifter aber Ordinarius werden konnte. Der erst nach dem "Anschluss" eingetretene und später ausgeschlossene Katholik Nadler war der einzige Wiener Germanist, der nach 1945 nicht wegen Zugehörigkeit zur NS-Partei, sondern wegen seiner wissenschaftlichen Positionen nicht mehr lehren durfte. Seine Interpretation der Literatur aufgrund ihrer Zuordnung zu diesem oder jenem deutschen Stamm hatte schon den Nazis nicht völlig in den Kram gepasst, sie sahen das Germanentum lieber als Einheit. 1945 waren solche Lehren völlig obsolet.

Die jüdischen Dichter passten nicht in sein Schema, und die antisemitischen Töne hatte es bei ihm schon lang vor den Nazis gegeben. Man darf daran zweifeln, dass sie die Fachkollegen nach der Befreiung plötzlich besonders gestört hätten. Schließlich waren auch viele Nazigegner und Opfer Antisemiten. Schon in der frühen Nachkriegszeit sind eine ganze Reihe durch Widerstand "geadelte" antisemitische Äußerungen nachweisbar. Doch mit dem Antisemitismus ohne Nazis berühren wir ein Thema, um das die Forschung einen großen Bogen macht.

Das von 18 Autoren erarbeitete Werk bietet ein Panorama mit braunen und weißen Schafen und ungezählten Zwischentönen. Die Bandbreite reicht von Naziwissenschaftern, die ihre Kollegen verfolgten und denunzierten, bis tief in nicht mehr erkundbare Grauzonen. Manches braune Schaf kommt zu milde weg.

Viele Fragen bleiben offen. Zum Beispiel, ob Louis Paulovsky den illegalen österreichischen Nazis wirklich Übersetzerdienste geleistet hat. Sein Ruf als Vorstand des Wiener englischen Dolmetschinstituts und die Qualität der dort gebotenen Ausbildung wurden nach dem Krieg legendär. Er war in der NS-Zeit als Assistent und Lektor eingestellt worden – ohne Studium, lediglich mit Hauptschulabschluss, doch mit einem über jeden Zweifel erhabenen Wissen. Die Bestätigung, er habe bereits 1937 "Übersetzungen illegaler Nachrichten ins Englische für England und Amerika durchgeführt und sich somit illegal für die Partei betätigt", war dabei sicher hilfreich. Doch Österreichs Gerichte hatten nach 1945 ihre liebe Not damit, Nazis, die der illegalen NSDAP tatsächlich bereits vor dem "Anschluss" angehört hatten, von solchen zu unterscheiden, denen die illegale Zugehörigkeit oder frühe Dienste für die Nazis in der NS-Zeit gefälligkeitshalber bescheinigt worden waren. 1938 wollten Tausende immer schon Nazis gewesen, 1945 Zehntausende es nie und nimmer oder nur unter Zwang gewesen sein. Worauf die vielen Jahrzehnte folgten, in denen man so wenig wie möglich darüber wissen wollte. Die Akteure sind tot. Doch das Papier in den Archiven spricht – nach dem Geschmack mancher Leute selbst heute noch zu viel.


Mitchell G. Ash, Wolfram Nieß, Ramon Pils (Hrsg): Geisteswissenschaften im Nationalsozialismus – Das Beispiel der Universität Wien. Vienna University Press, 588 Seiten, 69,90 Euro.


Wiener Zeitung, Freitag, 4. Februar 2011



Eine notwendige und wichtige Studie, ärger als bei den Germanisten war es noch bei den Historikern. Der US-Amerikaner Iggers hat schon 1972 eine bahnbrechende Studie über "Die deutsche Geschichtswissenschaft in der NS-Zeit " vorgelegt. Vergleichbares fehlt für Österreich.

Wie unter anderem die "Wiener Gesera" zeigt, haben die Nazis den Antisemitimus nicht erfunden, sondern sich lediglich auf ein in der Habsburger-Monarchie extrem gut bestelltes Feld "draufgesetzt".

Diese gesamtösterreichische Judenvernichtung im Rahmen der Gesera sollte endlich einmal detailliert erforscht werden, da Butterweck völlig recht hat, wenn er meint, dass um Antisemitismus ohne Nazis bisher ein weiter Bogen gemacht wurde, und zwar aus sehr naheliegenden Gründen....

Wie das Forum erfreulicherweise berichtet, nehmen sich jetzt aber sogar auch Theologen des Themas an daher sollten Historiker endlich den handwerklichen Teil erledigen, nämlich die Fakten in den siebzehn betroffenen Städten ermitteln und beweisbar darstellen, was eine unverzichtbare Diskussiongrundlage wäre. Finanzierungsprobleme dürfte es infolge der Sensibilität des Themas dabei ja kaum geben...

Das würde auch dem Ansehen Österreichs im Ausland sicher nicht schaden, allerdings müsste natürlich die wissenschaftliche Prominenz das Projekt unterstützen und sogar einfordern....; auch Thomas Ebendorfer, der die grundlegenden Fakten über die Gesera in seiner Chronica Austriae überliefert, war übrigens Rektor der Wiener Universität und trug mit der Publikation ein beachtliches Risiko.... --Glaubauf Karl, Mittwoch, 9. Februar 2011, 11:23