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Geraubte Bücherschätze#

Während der NS-Zeit gelangten viele geraubte Bücher in Österreichs Bibliotheken. Der monetäre Wert dieser Werke ist meist gering. Trotzdem ist es sinnvoll, nach ihrer Herkunft zu forschen.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE 3. April 2008

von

Thomas Mündle


Exlibris

„Geschenke“ der Gestapo#

So „schenkte“ etwa die Polizei stelle Wien während der NS-Zeit der Unibibliothek Wien 1.200 französischsprachige Bücher. Woher diese Werke ursprünglich stammen, ist bis heute unklar. Allgemein bekannt hingegen ist, dass die Gestapo Büchereien von feindlichen Parteien, religiösen Gemeinschaften, Logen und von jüdischen Institutionen plünderte und sich aneignete. Eine andere Quelle für Bücher war der Hausrat von emigrierenden Juden; die Vertriebenen durften nichts mitnehmen. Eine eigens von der Gestapo Wien eingerichtete Verwaltungsstelle, die Vegusta, kümmerte sich um die Verwertung dieser Sachwaren. Bücher wurden etwa zur Versteigerung am Dorotheum angeboten oder direkt an Antiquariate und Privatpersonen verscherbelt. Oft über Umwege kamen sie so in die Bibliotheken. Gezielt Jagd auf Bücher machte der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg, indem er systematische Raubzüge in die besetzten Ge biete plante. Vom organisierten Bücherraub wollte auch die Österreichische Nationalbibliothek profitieren. Der damalige Direktor Paul Heigl, ein fanatischer Nationalsozialist, versuchte etwa in den Besitz von prominenten Sammlungen zu kommen. Ein Unrechtsbewusstsein für den Handel mitfremden Eigentum gab es damals offenbar nicht. Man befände sich im Krieg. Es handle sich schließlich um Kriegsbeute, so die oft verwendete Argumentat ion. Auch nach dem Ende des Krieges wurde man nicht einsichtig: Das „herrenlose Gut“ (Besitzer gab es scheinbar keine) dürfe behalten werden, um die erlittenen Kriegs verluste wettzumachen.

Verkauf unter Zwang#

Doch nicht nur geschenkte und getauschte Bücher können von zweifelhafter Herkunft sein. Auch mit den gekauften verbindet sich mitunter eine Geschichte des Unrechst, wie der Fall von Elise und Helene Richter exemplarisch zeigt. Elise Richter - Österreichs erste außerordentliche Professorin – wurde aufgrund ihrer jüdischen Herkunft nach dem „Anschluss“ zwangspensioniert. Die beiden Schwestern gerieten deshalb in finanzielle Bedrängnis, so dass sie sich gezwungen sahen, ihre 3.000 Bände umfassende Bibliothek an die Kölner Universitäts-und Stadtbibliothek zu verkaufen. Be zahlt hat die USB Köln aber nicht. Sieben Monate später wurden das Geschwisterpaar nach Theresi enstadt deportiert, wo sie kurze Zeit darauf ermordet wurden. Verkäufe unter Zwangdürften vielfach stattgefunden haben, meint Christian Mertens von der Wienbibliothek im Rathaus und fügt hinzu: „Wenn doch Geld geflossen ist, dannoftaufSperrkonten.“Teileder Richter-Bibliothek fanden ihren Weg zurück nach Österreich. Die Wienbibliothek ist etwa im Besitz des Studentenausweises von Elise Richter (der zu jener Zeit nur die männliche Anredeform kannte). Die Nationalbibliothek beherbergt mehrere Bücher, die sich leicht am auffälligen Exlibris-Stempel (siehe Bild) erkennen lassen. Auch in drei Fachbibliotheken der Universität Wien konnten zehn Bücher der Geschwister ausfindiggemacht werden.Eine Rückgabe der Bücher ist bis dato gescheitert. Der Grund: Die rechtmäßigen Erben konnten nicht ausfindig gemacht werden. Dabei hat der Nationalfond mit w.restitutionskunst.at eigens eine Webseite geschaffen, um Bücher und Besitzer (respektive deren Nachkommen) zusammen zu führen. Hin und wieder klappt das auch. So hat die Wienbibliothek zunächst etliche Briefe nach garn geschickt, um etwas über den Verbleib von Ludwig Friedrich erfahren, der 1938 von Wien nach Szentgotthard gezogen war. Ohne Erfolg. Doch vor kurzem konnte die Sammlung Friedrich an einen in Israel lebenden Großneffen übergeben werden. Er hatte Seite zufällig beim Surfen im Internet entdeckt.

Wertvoll für den Einzelnen#

Bei der Rückgabe von Büchern geht es sehr oft nicht um hohe ma terielle Werte. Monika Löscher, die Provenienzforschung an den Fachbibliotheken der Uni Wien betreibt, erzählt von einem Gespräch mit einem älteren Herrn, der den Verlust eines populärwissenschaftlichen Werkes über Bakterien dennoch bis heute beklagt. Und Margot Werner von der Nationalbiblio thek sagt: „Wir hatten zwei Ver wandte, die ganz erpicht darauf waren, ein paar Modehefte aus den 1930er Jahren zu bekommen.“ In sehr vielen Fällen lassen sich die ehemaligen Besitzer aber nicht mehr eruieren. Auch weil selten genaue Angaben in den Büchern stehen. Die Forscher finden dann Einträge wie: „Zum Burzitag vom Kurzibold“. Oder: „Für den schö nen Chauffeur“. Was soll mit die sen Büchern geschehen? Die ver schiedenen Bibliotheken denken über unterschiedliche Strategien nach. Eine Möglichkeit ist, dass die Bücher versteigert werden und der Gewinn Holocaust-Projekten zugute kommt. Eine andere, die Bücher mit einem Schlagwort wie „NS-Raubgut“ zu kennzeichnen. Damit die Erinnerung wach bleibt.

Anhang: PROVENIENZFORSCHUNG#

Seit etwa 1990 beschäftigt sich die österreichische und internationale Provenienzforschung mit dem Raub von Kulturgütern währendder NS-Zeit. Doch erst 1998, als zwei Schiele-Bilder aus der Sammlung Leopold in New York beschlagnahmt wurden, kommt es hierzulande zu einer breiten öffentlichen Debatte. Noch im selben Jahr wird das Kunstrückgabegesetz einstimmig beschlossen. Danach sind Sammlungen, Museen und Bibliotheken des Bundes verpflichtet, ihre Erwerbungen von 1938 bis 1945 zu überprüfen. Die Österreichische Nationalbibliothek durchforstet daraufhin rund 200.000 Bücher. 2004 werden die Ergebnisse im Rahmen einer Ausstellung präsentiert. Die Wienbibliothek und die Universitätsbibliothek Wien haben letzte Woche ihre (ersten) Resultate im Rahmen einer internationalen Tagung vorgestellt und gleichzeitig zwei kleinere Ausstellungen dazu eröffnet. TM

DIE FURCHE Nr. 14, 3. April 2008