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Gipfel der Selbstzerstörung#

Der deutsche Journalist und Autor Uwe Nettelbeck (1940-2007) zeigte am Beispiel der Kämpfe in den Dolomiten die absolute Irrationalität des Ersten Weltkriegs auf.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Sa./So., 26./27. April 2014)

Von

Andreas Wirthensohn


Buchcover: Der Dolomitenkrieg
Buchcover: Der Dolomitenkrieg

Manchmal hat so ein Weltkrieg schon auch sein Gutes: Wer heute als Wanderer oder als Klettersteiggeher in den Dolomiten unterwegs ist, profitiert nicht selten davon, dass sich hier, an der "Front in Fels und Eis" (autobiographisches Werk von Gunther Langes, 1932), von 1915 bis 1918 Italiener und Österreicher gegenüberstanden. In unmittelbarer Nähe der Drei Zinnen etwa, einem der am heftigsten umkämpften Gebirgsstöcke, kann man den Paternkofel auf spektakulären Steiganlagen erobern, die zum Teil als Tunnel im Fels verlaufen und allesamt aus dem Ersten Weltkrieg stammen.

Vom Gipfel aus öffnet sich dann der Blick auf Felsgebilde, die noch heute arg geschunden aussehen und die Narben von damals tragen, Narben, die ihnen Granatbeschuss, die Sprengung ganzer Gipfel und mühsam angelegte Nachschubwege zugefügt haben. Hier oder am Monte Piano, am Lagazuoi oder auch am Ortler sind die Südtiroler Berge eine Art riesiges Freilichtmuseum des Gebirgskriegs: Auf Schritt und Tritt stößt man auf Stollengänge, Gefechtsstellungen und Denkmäler, die den "eroismo" oder die "Vaterlandstreue" der Gefallenen feiern.

Auch die Literatur zum Dolomitenkrieg ist bis heute nicht ganz frei von Heldenverehrung und Verklärung der alpinistischen Leistungen, die damals vollbracht wurden. Zwar gibt es inzwischen einige höchst seriöse militärgeschichtliche Arbeiten, doch das Feld dominieren nach wie vor populärwissenschaftliche Darstellungen, etwa von Heinz von Lichem oder Gunther Langes. In dieser Landschaft steht wie ein Solitär das Buch von Uwe Nettelbeck, das erstmals 1976 erschienen ist und jetzt wieder aufgelegt wurde.

Uwe Nettelbeck (1940-2007), das sollte man wissen, war in den 1960er Jahren so etwas wie der Freigeist des bundesdeutschen Journalismus. Als Film- und Literaturkritiker sowie als Gerichtsreporter schrieb er vor allem für die "Zeit" und brach besonders gern eine Lanze für kulturelle Produkte von den Rändern des Betriebs.

1969 zog er sich dann aus dem Journalismus zurück, produzierte ein paar Jahre die "Krautrock"-Band Faust und gab von 1976 bis zu seinem Tod zusammen mit seiner Frau die Zeitschrift "Die Republik" heraus, die mitunter mit Karl Kraus’ "Fackel" verglichen wurde. Kein Wunder also, dass "Der Dolomitenkrieg" kein konventionelles Werk der Geschichtsschreibung geworden ist, sondern ein eigenwilliges Stück dokumentarischer Literatur. Das Buch ist eine Collage aus Fremdmaterial, das nicht näher gekennzeichnet wird. Überwiegend handelt es sich um Berichte von Kriegsteilnehmern oder Beo-bachtern, also um "Erzeugnisse der Etappe oder der warmen Redaktionsstube", wie Detlev Claussen in seinem Nachwort schreibt. Es geht nicht darum, den Krieg authentisch darzustellen, es geht auch nicht um irgendwelche Kriegsschuldfragen oder strategisch-politische Schachzüge. Nettelbeck will nur eines: den Schrecken dieses Krieges, vor allem seine absolute Irrationalität, ja Absurdität erfahrbar machen.

Und das gelingt ihm auf beeindruckende Weise. An wohl keinem Schauplatz des Ersten Weltkriegs wurde so viel Aufwand für so wenig Ertrag betrieben. Natürlich kamen an der Westfront oder in den grausamen Isonzo-Schlachten weitaus mehr Menschen ums Leben, aber gerade dadurch, dass der jahrelange erbitterte Kampf um irgendwelche Berggipfel für den Kriegsverlauf als solchen völlig irrelevant war, wird die ganze Sinnlosigkeit umso deutlicher.

Besonders eklatant zeigt sich das im fast 4000 Meter hohen Ortler-Massiv, wo "die Möglichkeiten der geregelten Geländegewinnung oder -behauptung auf Null sanken" und wo für die "Beförderung eines einzigen Lärchenstammes von nicht mehr als 10 m Länge" selbst bei gutem Wetter "50 Mann und anderthalb Tage benötigt wurden". Nicht minder absurd waren die unzähligen "unterirdischen Offensiven", also all die Stollen, die im Wettlauf mit dem Feind in den Berg getrieben wurden, um die besetzten Gipfel einfach zu sprengen - frei nach dem Motto "wer die Tiefe hat, hat auch die Höhe".

Nettelbecks eindringlicher Montagetext, der durchaus als Vorläufer von Walter Kempowskis großem "Echolot"-Projekt über den Zweiten Weltkrieg betrachtet werden kann, ist ein Lehrstück über die Gewalt, vor allem aber darüber, mit wie viel Hingabe der Mensch bereit ist, sich selbst zu zerstören. Von Nietzsche stammt der schöne Satz, der Krieg sei gerade für die "Edelsten des Volkes" ein "Umweg zum Selbstmord, aber ein Umweg mit gutem Gewissen". Dass dieser Satz zumindest vor 100 Jahren stimmte, zeigt dieses Buch auf bemerkenswerte Weise.

Uwe Nettelbeck: Der Dolomitenkrieg. Mit einem Nachwort von Detlev Claussen. Berenberg, Berlin 2014, 152 Seiten, 20,70 Euro.

Wiener Zeitung, Sa./So., 26./27. April 2014