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Das Höllenwerk der Vernichtung #

Bei Verdun fand von Februar bis Dezember 1916 die längste Schlacht der Weltgeschichte statt. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Dienstag, 20. Mai 2014)

Von

Rainer Mayerhofer


Zehntausende Grabkreuze erinnern an die Schlacht.
Zehntausende Grabkreuze erinnern an die Schlacht.
© Foto: reuters

Wie für den Zweiten Weltkrieg die Schlacht von Stalingrad als Symbol steht, so gilt jene von Verdun als Sinnbild für den Ersten Weltkrieg. Dreihundert Tage dauerte diese längste Schlacht der Weltgeschichte vom deutschen Angriff am 21. Februar 1916 bis zum Ende der letzten französischen Großoffensive am 20. Dezember 1916.

Deutsche und französische Truppen verloren in dieser Schlacht, die der Historiker und „Zeit“-Redakteur Karl-Heinz Janßen ein halbes Jahrhundert später in seinem Buch „Die Mühle von Verdun. Ein konventioneller Massenmord?“ als „Höllenwerk der Vernichtung“ bezeichnete, rund 700.000 Soldaten, wobei der Begriff Verluste Tote, Vermisste, Gefangene und Verwundete umfasst. Die genaue Zahl der Gefallenen – sie liegt auf jeden Fall über 200.000 – konnte nie festgestellt werden. Bis heute findet man auf dem rund 30 Quadratkilometer großen Schlachtfeld menschliche Überreste. Die vorerst letzten Bestattungen fanden im Dezember 2013 statt.

Der Historiker und Publizist Olaf Jessen hat in einem spannend geschriebenen Tagebuch diese „Urschlacht des Jahrhunderts“, wie das Buch im Untertitel heißt, Etappe für Etappe aufgearbeitet. Um das Patt im Stellungskrieg an der Westfront aufzubrechen, planten die Generalstäbe der Briten und Franzosen auf der einen und der deutschen auf der anderen Seite seit dem Herbst 1915 ihre weiteren Schritte, wobei beide Seiten auf eine Zermürbung des Feindes als Vorspiel für eine Rückkehr zum Bewegungskrieg setzten. Im Dezember 1915 fällt dann auf deutscher Seite die Entscheidung, dass der Angriff unter dem Codewort „Gericht“ im Raum Verdun erfolgen soll. Ende Jänner 1916 meinte der Chef des Generalstabs des deutschen Feldheeres, General Erich von Falkenhayn, dass die Schlacht von Verdun innerhalb von vierzehn Tagen eine Entscheidung herbeiführen könnte. Die Kriegsentscheidung solle dann im Frühjahr fallen bis spätestens Mai 1916, bevor der Gegner zu eigenen Offensiven antreten kann. Der ursprünglich für 12. Februar geplante Beginn der Schlacht muss wegen Schlechtwetters, das wochenlang auch den deutschen Aufmarsch gedeckt hat, verschoben werden. In den Morgenstunden des 21. Februar beginnt die deutsche Artillerie mit ihrem Angriff. Der deutsche Leutnant Eugen Radtke spricht in seinen Erinnerungen von einem „Höllenkonzert von gewaltiger Schönheit, einer Sinfonie des Teufels“. Artillerie-General Victor Kühne, der bei dem ersten Angriff ebenfalls dabei ist, wird noch deutlicher: „In die aufquellenden Rauchmassen mischen sich nicht nur Wolken der aufgerissenen Erde, sondern auch Baumstämme, Balken, Drahtfetzen, Menschenleiber – ein Anblick, der die Phantasie eines Dante in seiner furchtbaren Größe und Schrecklichkeit überbietet.“

Falkenhayns „Blutabzapfung“ #

Die Anfangserfolge der deutschen Truppen führen dazu, dass in der Verdun-Schlacht auf französischer Seite Ende Februar General Philippe Petain das Kommando übernimmt. Am 25. Februar erobern die Deutschen das Fort Douaumont, das sie bis zum 23. Oktober unter großen Opfern halten können. Die Gegner aber treten auf der Stelle. Mit falschen Zahlen macht man auf deutscher Seite auf Optimismus, schiebt später die Schuld am Scheitern auf den österreichischen Bundesgenossen.

Falkenhayn verliert den Posten als Generalstabschef an Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff und schreibt in seinen Erinnerungen: „Wir waren entschlossen, Frankreich durch Blutabzapfung zur Besinnung zu bringen.“ „Er hat den Tod von drei- oder vierhunderttausend Menschen zu verantworten, die vor Verdun geopfert wurden, von Kugeln durchsiebt, von Schrapnells zerfetzt, von Handgranaten zerrissen, von Flammenwerfern verbrannt, von Giftgas erstickt, von Trümmern begraben“, zog der Historiker Karl- Heinz Janßen Jahrzehnte später Bilanz.

Sachbuch

Verdun 1916 – Urschlacht des Jahrhunderts. Olaf Jessen C.H.Beck, 496 Seiten, 25,70 Euro

Wiener Zeitung, Dienstag, 20. Mai 2014