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Hitler im Schrank#

von Nicolai Baron Freytag-Loringhoven

„ Das war wohl an einem anderen Tag, vielleicht haben die VERSTECKEN gespielt?!“ So äußerte sich vor gut dreißig Jahren ein angesprochener Historiker des Münchner Instituts für Zeitgeschichte. „Die“ – das waren in diesem Fall Adolf Hitler und Helen Hanfstaengl- jene amerikanische Frau von Hitlers späterem Pressechef Ernst „Putzi“ Hanfstaengl, die laut Hitler „so schön war, daß neben ihr alles verschwand“.

Sommer 1953. Ich durfte als wohlbestallter Lehrling des Münchner Bankhauses Neuvians, Reuschel & Co (Monatsgehalt DM 60) bei Erna Hanfstaengl, der Schwester Putzis, in Uffing am Staffelsee mit meinem jüngeren Bruder eine Woche Urlaub machen; unsere Familien waren seit Jahrzehnten befreundet. Ebenfalls Gast im Haus war meine Mutter mit ihren zwei jüngsten Söhnen, von denen einer Patensohn von „Tante Erna“ war. Eines Tages nahm mich diese an der Hand mit der Bemerkung „Ich muß Dir etwas zeigen“. Im ersten Stock angekommen deutete sie auf einen Schrank mit der Bemerkung „Da war der Hitler drin, wie die Polizei kam“.

Sie meinte damit natürlich nicht, daß Hitler in diesem Schrank von der Polizei aufgespürt wurde, sondern vielmehr, daß er an jenem Tag einmal in diesem Schrank drin war! Ich war höchst beeindruckt und stellte keine weiteren Fragen.

Später, beim Lesen des Berichts von Landespolizei-Oberleutnant Rudolf Belleville, der Hitler am 11. November 1923 nach dem „Marsch zur Feldherrnhalle“ und Flucht hier in diesem Uffinger Haus verhaftet hatte, ging mir ein Licht auf.

Belleville hatte zuerst das Haus der Hofrätin Katherine Hanfstaengl durchsucht und war dann zum Haus ihres Sohnes zurückgekehrt, wo er vorher zwei Beamte postiert hatte.
Hitler wollte damals in diesen letzten Momenten noch nicht aufgeben (eine Eigenschaft, die er auch 20 Jahre später an den Tag legte) – sonst hätte Helen Hanfstaengl beim Anruf Bellevilles aus dem Haus ihrer Schwiegermutter gesagt: „Er ist hier, er stellt sich!“. Hitler war kaum fluchtfähig oder fluchtwillig: er hatte einen luxierten linken Arm („Schwester Pia“ Eleonore Baur hatte ihn verbunden, was ihr den „Blutorden“ einbrachte. Später war sie im KZ Dachau an „medizinischen Versuchen“ beteiligt). Und fluchtwillig war er auch nicht, was seine Adjustierung im weißen Seidenpyjama andeutet und zudem befürchtete er, erschossen zu werden (Aussage lt. Belleville).

Es blieb ihm also nur noch als letzte Hoffnung: ein gutes Versteck im Haus! Und bei der intensiven Verstecksuche wurde natürlich nicht nur der bewußte, knapp mannshohe Schrank überprüft, sondern ebenso alle anderen Möglichkeiten in beiden Stockwerken. Dies passt genau zu den Feststellungen der zwei Posten. Diese hatten „im ganzen Haus eine große Unruhe, ständiges Hin- und Hergehen, Lichtauf- und abdrehen etc“ bemerkt ( Belleville-Bericht).

Daß diese Uffinger Details, Hitlers Verstecksuche, damals nicht publik wurde, überrascht wenig, denn der „Führer unterm Bett, im Schrank, in der Besenkammer“ wäre gefährlich geworden. In der Folge kam es zu einer völlig konventionellen Verhaftung – eine Aufspürung in einem Versteck hätte doch ein bizarres „Führer“-Bild ergeben.

Erna Hanfstaengl erfuhr damals alles brühwarm von ihrer Schwägerin; 30 Jahre später erzählte sie es, auch meinem Bruder Axel am folgenden Tag, nicht jedoch meiner Mutter, geschweige denn den jungen Brüdern. Es sollte auch keine lustige Geschichte sein, denn „Hitler“ war bei der Geschichte unserer beiden Familien absolutes Tabu-Thema.

1980 schilderte ich Egon Hanfstaengl, dem Sohn Helens und Putzis, in einem Brief die Erzählung der Tante Erna. Er war bei einem späteren Telefonat zu diesem Thema hörbar unfroh. Bei den Geschehnissen 1923 war er als kleiner Bub im Haus gewesen.

Der Historiker Hans Mommsen sah in der Episode einen Beleg für die Trivialität Hitlers. Dem ist wirklich beizupflichten.

PS: Mommsen hat noch 2007/2008 Nicolai Baron Freytag-Loringhoven gebeten, die Geschichte Ian Kershaw einem englischen Freund von Mommsen zu senden. Sie wurde dann aber doch nicht veröffentlicht und erscheint damit hier im Austria-Forum zum ersten Mal.


die presse berichtet heute darüber, die wiener historkerin anna maria sigmund hat das in ihr buch aufgenommen, "hitler im bademantel". damit konnte geklärt werden, was hitler unmittelbat nach dem putsch machte, wie es schon im obigen essay geschehen ist...hg

-- Glaubauf Karl, Samstag, 20. Juli 2013, 13:43