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Im Geheimdienst Ihrer Majestät#

Der portugiesische Geheimagent Pero da Covilhã#


Von der Wiener Zeitung (Samstag/Sonntag, 2./3. März 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christoph Braumann


Die europäische Entdeckungsgeschichte wurde von berühmten Seefahrern und Eroberern geschrieben - und von vergessenen.#

Atlas Blaeu-Van der Hem (1662)
Covilhãs Ziel: Äthiopien, das Reich des Priesterkönigs Johannes. Atlas Blaeu-Van der Hem (1662).
© ÖNB

Wenn der Held im jüngsten "James Bond"-Thriller wieder einmal die Welt vor einem Terroristen rettet, führt er damit nicht nur eine jahrzehntelange cineastische Erfolgsgeschichte fort. Vielmehr hat die Rolle des Geheimagenten und Spions eine Tradition, die wahrscheinlich Jahrtausende zurück reicht. Organisierte Geheimdienste im heutigen Sinn sind allerdings eine Entwicklung der Neuzeit.

Einen besonders effizienten Geheimdienst hatte Portugal im 15. Jahrhundert unter König João II. aufgebaut. Seine Agenten wurden sowohl zum Ausspionieren anderer Herrscherhöfe von Sevilla bis Kairo eingesetzt, als auch für strategische Missionen. So war Pero da Covilhã Krieger, Spion und Diplomat in einer Person. Geboren um 1450 im portugiesischen Städtchen Covilhã, war Pero in jungen Jahren nach Andalusien gezogen. In Sevilla trat er in die Dienste des Herzogs von Medina Sidonia und erlernte nicht nur das Soldatenhandwerk, sondern eignete sich auch gute Kenntnisse des Kastilischen und Arabischen an; um diese Zeit lebte in Südspanien noch eine starke arabisch-moslemische Bevölkerung.

Polyglotter Spion#

Mit dem Bruder des Herzogs kam Pero dann gegen 1475 an den Hof des portugiesischen Königs Afonso V. Dank besonderer Fähigkeiten als Kämpfer wurde er Afonsos Schildknappe und diente ihm in mehreren Kriegszügen.

Afonsos Sohn und Thronfolger, König João II. (1481-1495), nahm Pero in seine Leibgarde auf. Nach der Aufdeckung einer Verschwörung gegen João II. wurde er für eine erste Geheimdienstmission eingesetzt: Die Verschwörer waren in das benachbarte Kastilien geflohen, und da Pero gut Kastilisch sprach, beauftragte ihn der König mit deren Ausforschung. Die nächsten Aufträge führten ihn aufgrund seiner Arabischkenntnisse nach Nordafrika. Aufgaben wie den Erwerb edler Araberpferde für den König erfüllte er ebenso zu dessen Zufriedenheit wie die Vorbereitung eines Friedensvertrags mit dem Herrscher des Berberreiches von Tlemcen.

Nach der erfolgreichen Rückkehr aus Nordafrika rief ihn João II. unter größter Geheimhaltung zu sich und eröffnete ihm den Plan für eine außergewöhnliche Unternehmung: Pero sollte sich zusammen mit dem ebenfalls arabophonen Diplomaten Afonso de Payva auf geheime Erkundungsmission in den Orient begeben. Die beiden sollten Informationen über den legendären christlichen "Priesterkönig Johannes" in Afrika einholen.

Ferner sollten sie in Erfahrung bringen, woher der Zimt und all die anderen in Europa so begehrten Gewürze stammten, die durch die Länder der Moslems nach Venedig kamen. Man stattete die beiden Agenten mit einer von Portugals besten Kartographen eigens gezeichneten Übersicht der Länder des Ostens aus. Diese beruhte vermutlich auf einer Karte der bekannten Welt, die der venezianische Mönch Fra Mauro im Auftrag des Vaters von João II. angefertigt hatte; sie stellte auch die Küsten des Indischen Ozeans dar.

Der Mythos vom Reich des mächtigen Priesterkönigs Johannes war das letzte Echo einer Erinnerung in Europa an das uralte Kaiserreich im Hochland von Äthiopien. Dessen Einwohner waren schon im 4. Jahrhundert zum christlichen Glauben bekehrt worden. Äthiopien stand bis ins Mittelalter in kulturellem Austausch mit dem Oströmischen Reich, doch mit der Ausbreitung des Islam war es vom Abendland abgeschnitten worden. Hinter dem Interesse von João II. am Priesterkönig Johannes stand sein ambitionierter "Indienplan": Er verfolgte das Ziel, die moslemisch beherrschten Gebiete durch die Umsegelung Afrikas zu umgehen und das Herkunftsland der in Europa so profitablen Gewürze direkt zu erreichen. Dabei sah er den Priesterkönig Johannes als möglichen strategischen Verbündeten im Rücken der Muslime an.

Im selben Jahr sandte João II. auch eine Flotte unter Bartolomeu Diaz aus, um die Südspitze Afrikas zu umsegeln: Gleichsam in einer "Zangenoperation" sollte zu Wasser und zu Land der Weg nach Indien erkundet werden! Afonso de Payva und Pero da Covilhã machten sich am 7. Mai 1487 von Portugal aus über Barcelona und Neapel auf den Weg nach Rhodos. Dort erwarben sie eine Ladung Honig, der in arabischen Ländern äußerst begehrt war, und schifften sich, getarnt als muslimische Handelsreisende, nach Alexandria ein. Kaum angekommen, drohte das Unternehmen zu scheitern, denn beide Reisegefährten erkrankten an schwerem Fieber. Doch mit Gottes Hilfe genasen sie, kauften für den Erlös aus dem Honig andere Handelsgüter und reisten weiter nach Kairo. Dort schlossen sie sich maghrebinischen Mauren an, die über das Rote Meer nach Aden am Indischen Ozean reisten. In Aden trennten sich ihre Wege: Afonso brach auf nach Äthiopien, um den Priesterkönig Johannes ausfindig zu machen, Pero suchte eine Schiffspassage nach Indien. In Kairo wollten sie sich wieder treffen.

Indien war für Europa kein weißer Fleck mehr auf der Karte: Schon Alexander der Große hatte auf seinem Eroberungszug Nordindien erreicht, auch mit dem Römischen Reich bestanden regelmäßige Handelsverbindungen. Im Mittelalter hatten vor allem italienische Händler und Abenteurer wie Marco Polo, Oderico di Pordenone und Nicolo di Conti Indien und noch entferntere Teile Asiens bereist und in ausführlichen Berichten geschildert. Doch die Ausbreitung des Islam und die Auslöschung des Byzantinischen Reichs durch die Osmanen hatten alle direkten Verbindungen Indiens mit Europa unterbrochen.

Pero da Covilhã ging in Aden an Bord einer arabischen Dhau, die den Indischen Ozean mit dem Sommermonsun überquerte. Im Herbst des Jahres 1488 erreichte er den Hafen von Cananor an der südindischen Malabarküste. Von dort reiste er weiter nach Calicut, dem Zentrum des Gewürzhandels. Im weiter nördlich gelegenen Goa schiffte er sich dann zur Rückreise ein, die ihn über die ostafrikanische Küste nach Hormuz am Persischen Golf führte, und auf dem Seeweg über das Rote Meer zurück nach Kairo.

Doch als Pero da Covilhã dort nach dem Verbleib seines Gefährten Afonso de Payva forschte, erfuhr er, dass dieser gestorben war. Pero wollte sich schon auf den Heimweg nach Portugal machen, als er von zwei portugiesischen Juden hörte, die in Kairo nach ihm suchten. Die beiden übergaben ihm ein Schreiben von König João II., worin dieser sein großes Interesse an Informationen über den Priesterkönig Johannes unterstrich. Andererseits wünschte der König, dass einer der beiden jüdischen Agenten, Rabbi Abraham, nach Hormuz begleitet werde, um diesen wichtigen Hafen genauer auszukundschaften.

Pero berichtete dem König vorerst über den Gewürzhandel: Zimt und Pfeffer habe er im indischen Calicut gefunden, Nelken stammten von noch weiter her, man könne in Calicut aber alles erhalten. Zudem beschrieb er aufgrund von Informationen arabischer Seeleute, wie man vom Atlantik aus Afrika umsegeln und das ostafrikanische Sofala anlaufen könnte; von dort wäre bei günstigem Monsun die Küste von Calicut leicht zu erreichen. Diesen Bericht sollte der zweite Agent dem König überbringen, während Pero da Covilhã mit Rabbi Abraham nach Hormuz aufbrach. Dort trennte er sich von ihm, um nach Äthiopien zu reisen. Ob sein Bericht jemals in Portugal eintraf, lässt sich nicht mehr belegen. Als Vasco da Gama 1498 Indien erreichte, lief er jedenfalls als erstes den Hafen Calicut an. In der Folge errang Portugal die Seeherrschaft im Indischen Ozean, wodurch das Kaiserreich im Hochland von Abessinien seine strategische Bedeutung einbüßte.

Karriere beim Negus#

Auch von Pero da Covilhã gab es keine Kunde mehr. Erst dreißig Jahre nach dessen Verschwinden entsandte Portugals König Manuel I. eine offizielle Gesandtschaft nach Äthiopien. Die Delegation unter Rodrigo de Lima ging im April 1520 in Massaua am Roten Meer an Land. Ein Mitglied, der Franziskanermönch Francisco Alvarez, berichtete umfassend über die Reise. Krankheiten, Mangel an Tragetieren, Wetterunbilden, auch Streit in den eigenen Reihen erschwerten das Vorankommen. Endlich erreichte die Delegation den Aufenthaltsort des Kaisers ("Negus") Lebna Dengel im Hochland. Wie Europas frühmittelalterliche Herrscher hatte der Negus keine feste Residenz, sondern regierte von einer wandernden Zeltstadt aus. Groß war die Überraschung der Gesandten, als ein Mitglied des Hofstaats sie auf Portugiesisch ansprach: Es war Pero da Covilhã!

Der nun etwa Siebzigjährige erzählte Alvarez seine Lebensgeschichte; sie ist im Reisebericht des Mönchs überliefert: Pero war nach der Trennung von Rabbi Abraham nach Jeddah am Roten Meer gereist und sogar nach Mekka. Um 1493 hatte er Äthiopien erreicht und war vom damaligen Kaiser Iskinder freudig empfangen worden. Dieser wollte ihn mit hohen Ehren nach Portugal zurücksenden, verstarb aber kurz darauf. Sein Nachfolger Na’od ernannte Pero da Covilhã zu seinem Berater und schenkte ihm große Ländereien. Als Covilhã um die Erlaubnis zur Heimreise bat, wollte Na’od ihn aber ebensowenig ziehen lassen wie später sein Sohn Lebna Dengel. So hatte Pero eine äthiopische Prinzessin geheiratet, war bei Hof zu hohen Ehren gelangt und hatte drei Jahrzehnte in Äthiopien verbracht.

Der portugiesischen Delegation schien ein ähnliches Schicksal zu drohen: Nach freundlichem Empfang durch den Negus verzögerte dieser ihre Abreise immer wieder. Tatsächlich verstrichen ganze fünf Jahre, bis es den Gesandten glückte, die Heimreise anzutreten. Pero da Covilhã kam nicht mehr mit nach Portugal. Vielleicht befand er, dass er genug gereist sei. So beschloss er sein abenteuerliches Leben in Äthiopien.

Christoph Braumann, geboren 1952 in Köstendorf, Salzburg. Referatsleiter für Landesplanung in der Salzburger Landesregierung. Befassung mit historischer Raumentwicklung und Geschichte der Kartographie.

Wiener Zeitung (Samstag/Sonntag, 2./3. März 2013)