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Weltgeschichte in Königgrätz #

Auf den Tag genau vor 150 Jahren schlug Preußen die österreichische Armee. Die Hohenzollern drängten damit die Habsburger aus Deutschland Richtung Balkan ab. Triumph und Niederlage mit dramatischen Folgen. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Kleinen Zeitung (Sonntag, 3. Juli 2016)

Von

Christian Weniger


Nach dem Sieg auf dem Schlachtfeld bei Königgrätz: Jubel für den preußischen König Wilhelm I.
Nach dem Sieg auf dem Schlachtfeld bei Königgrätz: Jubel für den preußischen König Wilhelm I.
Foto: APA

Der preußische Kapellmeister Gottfried Piefke verfügt über Kampferfahrung. Im Krieg um Schleswig-Holstein, den Österreich und Preußen 1864 gemeinsam gegen Dänemark führen, zeichnet er sich bei der Entscheidungsschlacht, die als „Sturm auf die Düppeler Schanzen“ in die Geschichte Eingang findet, dadurch aus, dass er an der Spitze seines vordrängenden Musikkorps den Takt mit gezücktem Säbel angibt. Dafür zeichnet Kaiser Franz Joseph den Preußen Piefke aus. Zwei Jahre später, an diesem 3. Juli 1866, einem nebeligen und feuchten Tag, wie die Chronisten berichten, zieht der Kapellmeister wieder in die Schlacht – in der Gegend um das böhmische Städtchen Königgrätz. Diesmal marschiert man gegen den einstigen Bündnispartner, gegen Österreich.

„Nicht durch Reden oder Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Eisen und Blut“, kündigt der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck schon 1862 unverblümt an – und jetzt geht es um die Lösung „der großen Frage“, wer künftig in dem durch Vielstaaterei zerklüfteten Deutschland den Ton angibt. Bisher waren das die Habsburger – deren erlauchte Häupter über Hunderte Jahre die Krone des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation trugen. Bis sich dieses Reich unter dem Druck Napoleons 1806 auflöst. Dafür errichtet Kaiser Franz aus seinen habsburgischen Ländern schon 1804 das Kaisertum Österreich. Der Wiener Kongress, der Europa nach der Niederlage des französischen Imperators neu ordnet, begründet 1815 als Ersatz für das untergegangene Reich den Deutschen Bund, einen eher losen Zusammenschluss. Immer mehr aber spitzt sich im Zuge des wachsenden Nationalismus die Frage zu, welche Macht Deutschland dominieren soll – Österreich, also die großdeutsche Lösung, oder Preußen, aber unter Ausschluss Österreichs, genannt die kleindeutsche Variante.

Der Bruch #

Königgrätz
Königgrätz
Grafik: Kleine Zeitung

Otto von Bismarck sucht die Entscheidung auf dem Schlachtfeld, als Aggressor wollen weder er noch sein König, Wilhelm I., gelten, auch später nicht, als sie 1870 gegen Frankreich ziehen. Also annektiert Preußen diesmal unter einem Vorwand das von Österreich verwaltete Holstein und provoziert so eine Kriegserklärung offiziell des Deutschen Bundes, tatsächlich von Österreich und der mit ihm verbündeten Königreiche wie Bayern und Sachsen. Preußen erhält jedoch Unterstützung vor allem von norddeutschen Staaten. Mit dem jungen Königreich Italien, das sich noch Venetien von Österreich einverleiben will, besteht ein Bündnisvertrag. Das mit den Italienern ist relativ schnell erledigt. Deren Armee vernichtet Erzherzog Albrecht mit seinen Truppen unterbei Custozza, am 24. Juni, zur See siegt Admiral Wilhelm von Tegetthoff in der Seeschlacht von Lissa.

General in Panik #

Die Entscheidung aber fällt bei Königgrätz. Die für Österreich schon im Vorhinein verloren zu sein scheint. Bereits in Gefechten im Vorfeld erleiden Habsburgs Einheiten schwere Verluste. Der Befehlshaber in Böhmen, Feldzeugmeister Ludwig von Benedek, wollte das Kommando ohnehin nicht übernehmen, Kaiser Franz Joseph überredete ihn. Und dieser Benedek fordert in Panik nach den ersten Vorgefechten telegrafisch den Kaiser in Wien auf, sofort und bedingungslos Frieden zu schließen. Er muss bleiben. Diese Schlacht, die zu den großen Schlachten der Weltgeschichte zählt, mündet in einer Niederlage der Österreicher, weil ihr Kommandeur sich nicht durchsetzen kann, die ihm unter geordneten Militärs seine Befehle nicht befolgen und weil vom fernen Wien intrigiert und eingegriffen wird. Selbst als es gegen Mittag scheint, Österreich könnte den Sieg in diesem Waffengang davontragen, versagen der Feldzeugmeister und seine Generäle. Die Preußen ernten für ihr militärisches Geschick in der Geschichtsschreibung Lobhudelei. Auch für Generalstabschef Helmuth von Moltke, der seine Streitmacht getrennt und gestaffelt in drei Säulen marschieren lässt. „Getrennt marschieren, vereint schlagen“, gibt er als Losung aus. Schon Napoleon ließ seine Korps getrennt marschieren und zog sie erst für die Schlacht zusammen. Aber die Österreicher wie geplant bei Königgrätz einzukesseln, das gelingt Moltke doch nicht. In der Schlacht bei Königgrätz, in der 221.000 Preußen gegen 215.000 Österreicher und Sachsen kämpfen, erlebt ein gewisser Paul von Hindenburg als Leutnant des preußischen 3. Garderegiments zu Fuß seine Feuertaufe. Er erobert mit seinem Zug eine österreichische Artilleriestellung.

Kaiser Franz Joseph
Kaiser Franz Joseph konnte sich nach 1866 Reformen nicht verweigern
Foto: PICTUREDESK
Feldzeugmeister Ludwig von Benedek wollte das Kommando nicht
Feldzeugmeister Ludwig von Benedek wollte das Kommando nicht
Foto: PICTUREDESK
Bismarck reicht Generalstabschef Moltke das Zigarrenetui
Bismarck reicht Generalstabschef Moltke das Zigarrenetui
Foto: PICTUREDESK

Kaiser Franz Joseph reformiert #

Die Preußen dringen nach Königgrätz in Österreich ein. Bis nach Gänserndorf in Niederösterreich, wo sie am 31. Juli mit 60.000 Mann ihre Siegesparade abhalten. Voran das Musikkorps, das den „Königgrätzer Marsch“ spielt, den Kapellmeister Piefke während der Schlacht komponiert haben will, Jetzt marschieren er und sein Bruder an der Spitze der Militärkapelle. „Die Piefkes kommen“, rufen die Leute. So wird es überliefert.

Bismarck übt Großzügigkeit gegenüber dem unterlegenen Österreich, verzichtet auf territoriale Forderungen, nicht aber auf eine finanzielle Kriegsentschädigung. Preußen rückte zur dominierenden Macht im deutschen Raum auf, aber das Habsburgerreich soll künftig Bündnispartner sein. Venetien allerdings geht an Italien verloren.

Paul von Hindenburg
Paul von Hindenburg kämpfte als junger Leutnant bei Königgrätz
Foto: PICTUREDESK

Der unter politischen Druck geratene Kaiser Franz Joseph kann keine Reformen in seinem Reich mehr abblocken. Aus dem Kaiserreich Österreich wird 1867 durch den Ausgleich mit Ungarn die Doppelmonarchie. Ungarn erhält weitgehende Autonomie, gemeinsame Angelegenheiten bleiben das Militär und die Außenpolitik. Den Tschechen bleiben diese Privilegien verwehrt. Vorbei ist es auch mit dem Absolutismus, Franz Joseph wird zum konstitutionellen Monarchen. Der Balkan gerät zum neuen Hoffnungsgebiet der Habsburgermonarchie, ein Konflikt mit dem zaristischen Russland, das sich als Schutzmacht aller Slawen versteht, ist programmiert. Tatsächlich kommt der Funke, der 1914 Europa in Brand steckt, vom Balkan, aus Sarajewo, wo Thronfolger Franz Ferdinand mit seiner Frau ermordet wird.

Bismarck inszeniert 1870 seinen nächsten Krieg, den mit Frankreich, das unterliegt. Im Spiegelsaal von Versailles lässt sich der Hohenzoller Wilhelm zum Deutschen Kaiser ausrufen. Kapellmeister Piefke würdigt das Ereignis mit einem Marsch – „Preußens Gloria“. Im Alter von 68 Jahren stirbt der Komponist Anfang 1884. In Gänserndorf, wo sein „Königgrätzer Marsch“ zum ersten Mal erklang, errichtet man Piefke 2009 ein Denkmal. Seine Märsche pflegt heute die Militärmusik der Bundeswehr mit Hingabe.

Der Untergang #

Paul von Hindenburg kämpft auch im Deutsch-Französischen Krieg, nimmt 1871 an der Kaiserproklamation in Versailles teil. Im Ersten Weltkrieg wird er als Bezwinger der Russen in der Schlacht bei Tannenberg zum Chef des Deutschen Generalstabes berufen und übernimmt die eigentliche Macht im Deutschen Reich. Nach dem militärischen Zusammenbruch rät er Kaiser Wilhelm II., ins Exil zu gehen.

Im Alter von 77 Jahren lässt sich Hindenburg 1925 zum Reichspräsidenten wählen. Am 31. Jänner 1933 ernennt der ehemalige kaiserliche Generalfeldmarschall, der 1866 bei Königgrätz als Leutnant kämpfte, den Führer der Nationalsozialisten, den aus Österreich stammenden Adolf Hitler, zum deutschen Reichskanzler. „Böhmischer Gefreiter“, nennt Hindenburg den späteren Diktator. Der verleibt 1938 Österreich dem Deutschen Reich, dem Dritten, ein und zettelt den nächsten Weltkrieg an. Der mit dem Untergang des Deutschen Reiches und Preußens endet. Der Alliierte Kontrollrat löst den Staat Preußen als „Träger des Militarismus“ per Gesetz am 25. Februar 1947 auf.

Information#

Zündnadelgewehr
Zündnadelgewehr
Erzherzog Albrecht
Erzherzog Albrecht
Gedenksteine an das Gemetzel
Gedenksteine an das Gemetzel

Das überbewertete Zündnadelgewehr #

Hartnäckig hielt sich lange Zeit die Behauptung, das Zündnadelgewehr der preußischen Armee habe die Schlacht bei Königgrätz entschieden. Zwar konnte man mit dem von Johann Nikolaus Dreyse entwickelten Hinterlader drei Mal schneller schießen als mit dem von den Österreichern verwendeten Lorenz-Vorderlader. Doch die Reichweite des neuen Zündnadelgewehrs war geringer, auch die Treffsicherheit. Von Vorteil für die preußische Infanterie war, dass sie in der Deckung liegend nachladen konnten, während die österreichischen Soldaten sich dazu erheben mussten. Das Zündnadelgewehr war für Preußen ein Vorteil, aber seine Bedeutung wird heute von Militärhistorikern nicht als entscheidend beurteilt.

Der Sieg von Custozza #

Kaiser Franz Joseph selbst hatte als Heerführer 1859 die Schlacht bei Solferino verloren, ein anderer Habsburger war 1866 im Süden erfolgreich. Erzherzog Albrecht, ältester Sohn von Erzherzog Karl, der Napoleon bei Aspern besiegte, fügte der Armee des italienischen Königs Viktor Emanuel II. bei Custozza|AEIOU/Custozza] eine schwere Niederlage zu. Dabei waren die Italiener mit 84.000 Mann den Österreichern (74.000 Mann) überlegen. Trotz der Niederlage erhielt das mit Preußen verbündete Italien Venetien.

Benedeks Schweigen #

Gegen Feldzeugmeister Benedek wurde nach Königgrätz eine kriegsgerichtliche Untersuchung eingeleitet, die der Kaiser niederschlug. Benedek musste aber über Königgrätz schweigen. Er starb 1881 in Graz.

Das Schlachtfeld #

Auf den Feldern, die 1866 zum Schlachtfeld wurden, erinnern Gedenksteine an das Gemetzel, ein kleines Museum erzählt die Geschichte dieses Deutschen Krieges. Königgrätz selbst (heute Hradec Králové), damals eine österreichische Festung, in deren Nähe gekämpft wurde, hat heute gut 92.000 Einwohner und ist eine Universitätsstadt.

Kleinen Zeitung, Sonntag, 3. Juli 2016


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