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Familiäre Opposition#

Kaiser Franz Joseph wurde von seiner Frau, Kaiserin Elisabeth, in seiner Ungarnpolitik maßgeblich beeinflusst, während er den reformerischen Ansätzen seines Sohnes Rudolf Widerstand entgegensetzte.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 28. Mai 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Anna Maria Sigmund


Der Kaiser betet am Sarg seines Sohnes Rudolf
Der Kaiser betet am Sarg seines Sohnes Rudolf, der sich 1889 das Leben genommen hat.
Foto: © Sammlung Rauch/Interfoto/picturedesk.com

Am 8. Juni 1867 wurden Kaiser Franz Joseph und seine Gattin in der Matthiaskirche von Buda mit fast mittelalterlichem Pomp zum König und zur Königin von Ungarn gekrönt. Die Zeremonie bildete den Abschluss und die Besiegelung des zuvor zwischen dem Kaiserreich Österreich und dem ungarischen Kronland vereinbarten "Österreichisch-Ungarischen Ausgleichs". Begeisterte "Eljen"-Rufe erschallten.

Elisabeth, Kaiserin von Österreich und nunmehrige Königin von Ungarn, sah sich am Ziel ihrer politischen Ambitionen. Vehement und mit allen ihr als Herrscherin und Ehefrau zur Verfügung stehenden Mitteln hatte sie für die ungarischen Interessen gekämpft - der "Ausgleich" ging schließlich weit über die Wiedererlangung der alten Rechte hinaus, die man dem ungarischen Volk nach seiner Revolution gegen das Haus Habsburg 1848 aberkannt hatte.

Davor war die als Schönheit gepriesene Kaiserin von Österreich politisch nie in Erscheinung getreten. Zeitgenossen kritisierten sie als "unnahbar und unsichtbar". Tatsächlich litt Elisabeth unter psychischen Problemen, Menschenansammlungen lösten Furcht und Panik bei ihr aus.

Ungarischer Einfluss#

Die lebenslange Passion der Herrscherin für die Magyaren wurde von einer ungarischen Dame ihres Gefolges geweckt, die emotionsgeladen vom schweren Los ihrer Landsleute unter dem habsburgischen Joch klagte. Elisabeth zeigte sich interessiert, sie lernte ungarisch. 1864 wählte sie erneut eine Ungarin als Gesellschafterin: Ida Ferenczy blieb bis zur Ermordung der Kaiserin, insgesamt 34 Jahre lang, in einer einzigartigen Position bei Hof. Sie wurde, wie Elisabeths Briefe zeigen, die wichtigste Ratgeberin und engste Freundin der menschenscheuen Monarchin.

Neben ihrer Herrin diente die glühende Patriotin auch ihrer Heimat. Im Auftrag der Politiker Franz Deak, dem "Gewissen Ungarns", und Gyula Andrássy, wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und nach einer Amnestie erst 1858 aus dem Exil zurückgekehrt, indoktrinierte sie die Kaiserin für die ungarische Sache. Aus dem Zentrum der Macht informierte sie ihre Mentoren unverzüglich über alle politischen Strömungen.

1865 wurde das Engagement der Monarchin für die ungarische Nation publik und sowohl vom Hof als auch den führenden Politikern teilweise scharf verurteilt.

Im Jänner 1866 erschien eine Delegation des ungarischen Landtags in Wien. Das erste Treffen zwischen der demonstrativ in ungarische Nationaltracht gekleideten 28-jährigen Elisabeth und dem gut aussehenden 42-jährigen Gyula Andrássy im Prachtgewand der magyarischen Aristokratie war voll theatralischer Spannung. Sie sprach ungarisch und er gewann den Eindruck, dass "die Vorsehung uns Hilfe in schöner Gestalt zuteilwerden lässt".

Nach der verheerenden Niederlage von Königgrätz im Juni 1866 hatte Österreich den Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland gegen Preußen verloren, der Deutsche Bund löste sich auf. Als Elisabeth Anfang Juli 1866 nach Budapest reiste, stand das Land am Rande einer von Preußen unterstützten Revolte. Die Kaiserin fungierte als Sprachrohr von Andrássy, dessen williges, ja fanatisches Werkzeug sie wurde. Sie bat und drohte ihrem Mann: "Sagst du nein, handelst du unverantwortlich . . ."

Unter der Leitung von Ministerpräsident Friedrich von Beust kam es bereits am 15. März 1867 zum "Österreichisch-Ungarischen Ausgleich". Eine Doppelmonarchie mit zwei gleichberechtigten Landeshälften (Cisleithanien und Transleithanien) trat an die Stelle des seit 1804 bestehenden Kaiserreichs Österreich. Nur die Außenpolitik und das Militär bildeten eine gemeinsame Basis.

Nur Ungarn wurde in dem Vielvölkergebilde als eigenständiger Staat anerkannt, für die anderen Kronländer gab es keine Zugeständnisse. Erbitterung machte sich breit. Die kaisertreuen Kroaten fühlten sich verraten, in Böhmen und Mähren unterblieb der versprochene "österreichisch-tschechische Ausgleich".

Elisabeth kümmerten die Auswirkungen ihrer einseitigen Parteinahme nicht. Als "Erzsebet kiralyne" bevorzugte sie weiterhin Ungarn, wo man sie zu hofieren wusste. Oft weilte sie in Schloss Gödöllö, das die dankbare ungarische Regierung dem Kaiserpaar zur Verfügung gestellt hatte. Ihr Günstling Andrássy wurde Außenminister. In seiner Ägide wurde der Zweibund mit Deutschland geschlossen und Bosnien-Herzegowina in einem blutigen Krieg okkupiert.

Kronprinz Rudolf, der einzige Sohn von Franz Joseph und Elisabeth, ist vor allem durch seinen aufsehenerregenden Selbstmord am 31. 1. 1889 in die Geschichte eingegangen. Der 30-jährige, verheiratete Thronfolger erschoss erst seine Geliebte, die 17-jährige Mary Vetsera, und beendete dann sein Leben, das er als gescheitert ansah.

Prinzenerziehung#

Auf Wunsch seiner Eltern hatte Rudolf eine profunde, moderne Erziehung erhalten. Zwischen 1864 nd 1877 vermittelten an die 50, meist ausgezeichnete Lehrer dem lerneifrigen Thronfolger ihr Wissen, aber auch ihre politischen Ansichten. Der Geschichtslehrer Josef Zhisman lehrte ihn die Verachtung von Adel und Klerus. Seine Ideen finden sich in einem Aufsatz des 14-Jährigen, in dem er den gesamten Adel als Gegenpol zu Bildung und Wissenschaft sah: "Was wissen diese Leute von Wissenschaft? . . . sind nicht würdig den Namen Humboldt auszusprechen!" Die Geistlichkeit verachtete Rudolf als Hort von Ignoranz und Unwissenheit.

Ein anderer Lehrer flößte seinem Schützling die unkritische Verehrung für Kaiser Joseph II. ein, und der Geograph Dionysius Grün erfüllte den jungen, sensiblen und exaltierten Thronfolger mit Widerwillen gegen das Deutsche Reich und den mächtigen Reichskanzler Bismarck, den Rudolf dann als "Dionysos-Bismarck, Tyrann von Berlin" verhöhnte. Der berühmte Geologe Ferdinand Hochstetter machte Rudolf zum Anhänger der damals sehr angefeindeten Evolutionstheorie von Charles Darwin.

Als von 1876 bis 1878 Carl Menger, der wichtigste Vertreter der "Österreichischen Schule der Nationalökonomie", Privatlehrer Rudolfs wurde, war dieser bereits ein Gegner des Adels, des Klerus und der Allianz mit dem Deutschen Reich. Menger, der größten Einfluss auf den Thronfolger erlangte, publizierte neben seinen wissenschaftlichen Werken kritische politische Artikel und Pamphlete - viele anonym. Diese Praxis lehrte er seinen Schüler, dem dies allerdings zum Verhängnis werden sollte. Zusammen mit Menger verfasste er 1878 ein 48 Seiten langes Pamphlet, "Der österreichische Adel und sein constitutioneller Beruf", in dem er seine Standesgenossen pauschal aufs Schärfste beschimpfte. Sie seien alle von "grenzenloser Trägheit", hätten "Scheu vor Studien, dumme soziale Gewohnheiten" und strotzten "vor Vergnügungssucht". Menger und Rudolf blieben der Vorsicht halber anonym. Die "Adelsschrift" löste in Wien einen Sturm der Entrüstung aus. Gerüchte über die Autorenschaft machten die Runde. Von da an stand der Thronfolger im Visier der Polizeibehörden.

Nach Beendigung seiner Studien pflegte der Kronprinz jenen Lebensstil, den er beim Adel scharf kritisierte. Er widmete sich der Jagd, dem Reiten, hatte unzählige Liebschaften. Sein Freundeskreis bestand aus Aristokraten, Journalisten und Halbwelt. Johanna Wolf, eine auf aristokratische Kreise spezialisierte Kupplerin, vermittelte ihm die Prostituierte Mizzi Kaspar, mit der ihn ein jahrelanges Verhältnis verbinden sollte. Rudolf betätigte sich auch als Geheimagent, indem er Johanna Wolf zur Bespitzelung des deutschen Thronfolgers Wilhelm anwarb. Wolf arbeitete allerdings als Doppelagentin - im Dienste Wilhelms und Rudolfs.

1881 lernte der enttäuschte, durch seinen Vater von der Politik ferngehaltene Thronfolger Moriz Szeps, den einflussreichen, jüdischen Herausgeber des "Neuen Wiener Tagblatts", der führenden antiklerikalen und linksliberalen Zeitung Österreichs, kennen. Das Stadtpalais von Szeps im 9. Wiener Bezirk war ein Zentrum für liberale, frankophile Kreise. Kronprinz Rudolf, selbst Anhänger der liberalen Partei ("Klub der Liberalen"), besuchte Szeps - wie er glaubte - inkognito und heimlich. Heimlich traf er über Vermittlung von Szeps auch den französischen linksbürgerlichen Politiker Georges Clemenceau in der Wiener Hofburg.

Tatsächlich beobachteten die Polizeibehörden nicht nur jeden Schritt Rudolfs, sie registrierten auch die von einem Anonymus gezeichneten Leitartikel im "Neuen Wiener Tagblatt" und ordneten sie richtigerweise dem Thronfolger zu. Im Gegensatz zu den sachlichen politischen Berichten, die er offiziell an seinen Vater richtete, waren sie derart radikal in Ton und Inhalt, dass Szeps sie oft entschärfen musste oder aus Sorge vor der Zensur die Publikation verweigerte.

Brief an den Kaiser#

Als Julius Felix gab Rudolf in Paris eine 35-seitige Broschüre heraus: "Österreich-Ungarn und seine Alliancen. Offener Brief an S.M. Franz Joseph". Darin forderte er eine Abkehr von Deutschland und ein Bündnis mit Frankreich. In geradezu visionärer Weise schrieb er: "Lassen Sie den Balkan Majestät, so lange es noch Zeit ist! Eine Gefahr, die von dort her Europa bedrohte, würde nicht Sie allein und Österreich, sondern alle übrigen Mächte betreffen. . . . Lassen Sie Bulgarien und das ganze Gesindel am Balkan und werfen Sie denselben womöglich noch Ihr Bosnien und Herzegowina an den Kopf . . . "

Rudolf alias Julius Felix blieb ungehört. Im Gegensatz zu seiner Mutter besaß er keinen Einfluss auf Kaiser Franz Joseph. Isoliert, verspottet, depressiv und schwer an Syphilis erkrankt, machten sich bei ihm Selbstmord-Gedanken breit. Mizzi Kaspar lehnte es ab, mit ihm zu sterben und meldete das Ansinnen dem Polizeipräsidenten, der dies mit Hohn quittierte. Als ihn sein Vater aufforderte, bei einem Empfang für den ihm verhassten deutschen Thronfolger Wilhelm in deutscher Uniform zu erscheinen, fühlte sich Rudolf im Freundeskreis desavouiert. Der Weg nach Mayerling schien ihm die einzige Lösung.

Anna Maria Sigmund ist Historikerin in Wien, Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung und Autorin zahlreicher historischer Bücher.

Wiener Zeitung, Samstag, 28. Mai 2016