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Karl Renner – gegen Christ und Jud #

Wer in einer historischen Betrachtung Karl Lueger und vor allem seinen Antisemitismus kritisiert, darf damit den offenen Antisemitismus anderer nicht übersehen. Etwa jenen von Karl Renner.#


Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 14. Juni 2012).

Von

Franz Schausberger


Karl Renner
Gegner. Antisemitische Töne gebrauchte der Sozialist Karl Renner (1870-1950) in seinen Reden in den Zwanzigerjahren, auch in seinen Attacken gegen den mehrfachen christlich-sozialen Bundeskanzler der Ersten Republik, Ignaz Seipel (u., 1876-1932).
Foto: IMAGNO / ÖNB

„Mit dem heimlichen Hin- und Herlaufen bei den Banken, mit den Beziehungen zu den Bankdirektoren, damit wird sich das Judentum nicht aus der Welt schaffen lassen, das dabei gedeiht.“

„Sie (Bundeskanzler Seipel) haben endlich auf den Thron unserer Finanzen das edle Paar gesetzt: Christ und Jud, Doktor Gürtler und Dr. Rosenberg.“

„Wenn der arme Dr. Lueger jedesmal, wenn Sie (Bundeskanzler Seipel) gegen seinen (antisemitischen) Geist sündigten, sich nur einmal im Grabe umgewendet hat, so müsste er schon zu einem perpetuum mobile, zu einem Windrade geworden sein.“

Das sind keine antisemitischen Wortgewitter des Christlichsozialen Karl Lueger, sondern des Sozialdemokraten Karl Renner. Trotzdem soll ein Stück Ring seinen Namen behalten, wogegen Lueger dieser Ehre nicht mehr würdig ist. Allein die Parlamentsprotokolle von 1920 bis 1923 belegen den Antisemitismus Renners hinreichend.

Aus der Entscheidung der Stadt Wien, den „Karl-Lueger-Ring“ in „Universitäts-Ring“ umzubenennen, ergeben sich viele Fragen, die mit der Glaubwürdigkeit und Ausgewogenheit der Geschichtsforschung zusammenhängen. Deshalb muss bei aller Berechtigung der Diskussion über den Antisemitismus Karl Luegers auch über den Antisemitismus Karl Renners sachlich diskutiert werden. Ohne deshalb die großen Verdienste beider Persönlichkeiten um die Republik Österreich und die Stadt Wien schmälern zu wollen.

Aus der heutigen gesicherten Kenntnis der geschichtlichen Ereignisse des 20. Jahrhunderts einschließlich der furchtbaren Greueltaten des Nationalsozialismus im Holocaust sind die vielen antisemitischen Äußerungen Karl Luegers keinesfalls akzeptabel und eindeutig zu bedauern. Auch wenn dieser populistische Antisemitismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei Weitem nicht vergleichbar ist mit dem zerstörerischen rassistischen Antisemitismus des Hitler’schen Nationalsozialismus. Lueger kannte weder Hitler noch den Nationalsozialismus.

Wann immer er konnte, gab Karl Renner in seinen Parlamentsreden den Begriffen „jüdisch“ oder „Juden“ einen negativen Drall. Es ging ihm 1920 nicht um die Schleichhändler in Wien generell, es waren immer die „jüdischen Schleichhändler“, die er anklagte, obwohl eine große Zahl nichtjüdisch war.

Attacken auf Seipel wegen Juden-Kontakten #

Es ging ihm nicht darum – wie man es von einem Sozialdemokraten erwarten konnte – das Großkapital, den Manchesterliberalismus generell und die Banken zu kritisieren, es ging ihm immer um das „jüdische Großkapital“ um die „jüdischen Banken“ und den „jüdischen Manchesterliberalismus“.

Nachdem die Nationalratswahl vom Oktober 1920 eine Mehrheit für die bürgerlichen Parteien gebracht hatte, äußerte sich Renner in der Nationalratssitzung vom 23. November 1920 unzweideutig zur „Judenfrage“ und forderte die neue Regierung ironisch zum Handeln auf: „Sie werden jetzt Gelegenheit haben, die Judenfrage zu klären.“ Denn unter der christlichsozialen Herrschaft in Wien seien „die Juden reich geworden“, und während sie früher „noch bescheiden in der Leopoldstadt wohnten, haben sie jetzt Maria hilf und alle Bezirke überschwemmt“. Daher der Aufruf Renners an die Regierung: „Leben Sie sich aus auf diesem Gebiete!... Wir haben auch gar nichts dagegen, dass Sie den Herrn Kollegen Kunschak als Minister ohne Portefeuille für die Judenfrage einsetzen.“ Renner präzisierte dies noch einmal im März 1921: „ein Amt, das endlich das uralte Programm des Judenpogroms erfüllt, einen Spezialminister für Judenfragen, damit doch endlich gezeigt wird, dass Sie mit der Judenverfolgung ernst machen.“

Renner ritt zahlreiche Angriffe auf Bundeskanzler Seipel und warf ihm seine Verbindung zu den Juden vor, wie etwa zum jüdischen, wirtschaftsliberalen Redakteur der „Neuen Freien Presse“, Moritz Benedikt, den – wie Renner ihn nannte – „Einbläser des Professors Seipel“.

Renner attackierte die Christlichsozialen, denn sie stünden „in der Gefolgschaft des jüdischen Großkapitals, ganz offen gesagt, der jüdischen Banken“, vor denen er jene warnte, die ihr Geld in Form von Sparguthaben an die Raiffeisenkasse gaben:

„Da (in den Raiffeisenbanken) wird es noch von guten Christen verwaltet. Aber die Überschüsse sind so groß, so schickt die Landesstelle sie natürlich in die jüdische Großbank, auf deren Treppe sie ja ohnehin dem Professor Seipel begegnet.“

„Unterwerfung unter jüdisches Kapital“ #

Ebenso kritisierte er den Bundeskanzler in einer Parlamentsrede am 28.11.1922 wegen dessen jüdischen Finanzfachmanns und Beraters Dr. Gottfried Kunwald (1869– 1938), weil mit diesem das gesamte Kleinbürgertum unter das jüdische Großkapital gezwungen werde. In ähnlicher Weise warf er im Oktober 1921 im Parlament Finanzminister Gürtler die Heranziehung des jüdischen Volkswirtschaftlers Dr. Wilhelm Rosenberg (1869 –1923) als Experten vor. Damit habe sich das Herausgehen der Sozialdemokratie aus der Regierung als richtig herausgestellt, da es der zähen Taktik Seipels gelungen war, „die Unterordnung des ganzen Kleinbürgertums unter die Führung des jüdischen Großkapitals, zur Tatsache zu machen, ...indem Sie endlich auf den Thron unserer Finanzen das edle Paar gesetzt haben: Christ und Jud, Doktor Gürtler und Dr. Rosenberg.“

Letztlich – so Renner – sei die von Seipel im Jahr 1922 erreichte Genfer Sanierung, die Österreich eine Völkerbundanleihe von 650 Millionen Goldkronen (rund zehn Milliarden Euro) gegen die Hyperinflation brachte, nichts anderes als eine Unterwerfung unter das jüdische internationale Großkapital gewesen, als dessen Vorkämpfer er Seipel bezeichnete. Dadurch würden die besitzenden Klassen in Österreich immer mehr landesfremd (nämlich jüdisch). Renner warf Seipel, dem „Judenliberalen in der Soutane“, eine totale geistige Umkehr vor, indem „sich zum Schlusse Agrarier und Städtebürger, Christ und Jud vereinigt haben“.

Ignaz Seipel
Ignaz Seipel (1876-1932)
Foto: IMAGNO / ÖNB

Für die Bankenskandale des Jahres 1926 fand Karl Renner eine einfache – antisemitische – Erklärung: Alles sei vernichtet worden, „um den Seipelschen Gedanken der Verbindung des christlichen Bürgertums und den jüdischen Banken zu vollenden“.

„Ich müsste meine ganze Vergangenheit verleugnen, wenn ich die große geschichtliche Tat des Wiederzusammenschlusses der deutschen Nation nicht freudigen Herzens begrüßte.“ So Renner in einem Interview wenige Tage vor der von Hitler angesetzten, unfreien Volksabstimmung am 10. April 1938, die den Einmarsch legitimieren sollte. Renner musste längst wissen, was Hitler in „Mein Kampf“ angekündigt und dann seit 1933 als „Führer und Reichskanzler“ in Deutschland angerichtet hatte. Trotzdem bekannte Renner klar: „Als Sozialdemokrat und somit als Verfechter des Selbstbestimmungsrechtes der Nationen, als erster Kanzler der Republik Deutschösterreich und als gewesener Präsident ihrer Friedensdelegation zu St.-Germain werde ich mit Ja stimmen.“ Und zwar (wie er kurz darauf erklärte) „spontan und in voller Freiheit“ und „in dem Bewusstsein, dass mein Wort viele ehemalige Parteimitglieder bestimmen wird.“ Renner wusste zu diesem Zeitpunkt, dass etwa sein jüdischer Genosse Robert Danneberg bereits am 1. April mit dem „Prominententransport“ ins KZ Dachau gebracht worden war, wo er später ermordet wurde.

Vorschläge zur politischen Redlichkeit #

Noch im Dezember 1938 (also drei Monate nachdem das Sudetenland bereits in das Deutsche Reich eingegliedert war) bewies Renner in einer Broschüre über das sudetendeutsche Problem, wie konsequent er die blutigen Opfer des Nationalsozialismus sowie den von KZ und Gestapo praktizierten strukturellen Terror einfach verdrängte und sich trotz allem den Nazis anbiederte.

Zweifellos haben sich Lueger und Renner um Österreich verdient gemacht. Trotzdem gilt es, auch ihre ideologischen Schwachstellen anhand erdrückender Fakten aufzuzeigen. Allerdings: Luegers Namen vom Ring zu tilgen, Renner aber nicht anzutasten, ist nicht nur historisch unehrlich, sondern bedeutet ein Messen mit zweierlei Maß.

Daraus ergeben sich zur Erhaltung der historischen und politischen Redlichkeit zwei Optionen: Neben der Umbenennung des „Karl-Lueger-Rings“ in „Universitäts-Ring“ erfolgt zeitgleich auch die Umbenennung des „Karl-Renner-Rings“ in „Parlaments- Ring“ (wie dieser Abschnitt des Rings bis 1956 hieß). Wer getraut sich zu verantworten, dass der viel sensiblere Abschnitt direkt vor dem österreichischen Parlament den Namen eines nachgewiesenen Antisemiten und Anschluss-Befürworters an Hitlers Deutschland und damit der Zerstörung des österreichischen Staates trägt?

Oder: Man belässt die alte Bezeichnung beider Abschnitte des Rings in der bisherigen Form und weist in Zusatztafeln auf die kritikwürdigen Haltungen der beiden Politiker hin. Diese Form der Aufklärung über Fehlverhalten verdienter Persönlichkeiten ist politically correct, ehrlich und wurde ganz bewusst in anderen Fällen gewählt.


Der Autor ist Universitätsdozent für Neuere Österreichische Geschichte, Universität Salzburg

DIE FURCHE, 6. Juni 2012