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Der Gigant des Mittelalters #

Kaiser Karl der Große, vor 1200 Jahren gestorben, hat seinen Meister-Biographen gefunden#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Dienstag, 14. Jänner 2014)

Von

Friedrich Weissensteiner


Kaiser Karl der Große, Abb. aus: Kemptener Klosterchronik 1499
Kaiser Karl der Große stiftet mit seiner Königin Hildegard das Kemptener Kloster (Kemptener Klosterchronik 1499).
© wikimedia

Der Frankenkönig Karl der Große (768-814), der zur Weihnachtszeit des Jahres 800 in der Basilika zu St. Peter in Rom von Papst Leo III. zum Kaiser gekrönt wurde, war zweifellos der bedeutendste Herrscher des Mittelalters. Er erweiterte in zahlreichen Kriegszügen gegen die Sachsen, Bayern und Langobarden, gegen die Awaren und Slawen die Grenzen seines ererbten fränkischen Kernlandes und gebot schließlich über ein Riesenreich, das von den Pyrenäen bis zur Elbe und von der Nordsee bis nach Mittelitalien und in den pannonischen Raum reichte.

Dieses Großreich zu verwalten und gegen Angriffe von außen zu schützen (Normannen, Sarazenen), erforderte weitreichende militärische und organisatorische Maßnahmen, die der Herrscher zielgerichtet und zielsicher setzte. Hiebei konnte er sich wenigstens teilweise auf die Strukturen stützen (Gerichtsbarkeit, Steuerwesen, Domänenwirtschaft), die im westlichen Teil des ehemaligen Römischen Reiches die Wirren der Völkerwanderungszeit überdauert und an die seine Vorgänger angeknüpft hatten.

Karl ließ an den Außengrenzen des Reiches Grenzmarken errichten, erneuerte die Grafschaftsverfassung, baute die fränkische Heeresorganisation aus und schuf "Pfalzen" als zunächst nicht ortsfeste Herrschaftszentren. Die königlichen Gesetze und Verordnungen erfolgten durch sogenannte Kapitularien.

Glaube ja, Eherecht nein#

Ein besonderes Anliegen war dem christlichen Herrscher die Verbreitung des Glaubens und die Förderung der katholischen Kirche. Der Herrscher, der das kirchliche Eherecht persönlich keineswegs respektierte, gründete neue Bistümer und Klöster, die er mit grundherrschaftlichen Privilegien ausstattete. Neben den Gaugrafen waren die Bischöfe und Äbte die Träger der Reichsverwaltung. An seinem beliebtesten Aufenthaltsort, der Pfalz zu Aachen, scharte er bedeutende Gelehrte um sich (Einhard, Alkuin, Paulus Diaconus), die eine geistige Erneuerung, die Karolingische Renaissance, in die Wege leiteten.

Die Sammlung von liturgischen Texten, von volkssprachlichen Heldentaten und Liedern, vor allem aber die Vereinheitlichung der Schrift (Karolingische Minuskel) waren das Resultat dieser Bemühungen.

Das politische Interesse und das Ansehen Karls des Großen reichten weit über die Grenzen seines Reiches hinaus. Der fränkische Herrscher unterhielt diplomatische Beziehungen zu den oströmischen Kaisern in Byzanz, die seine Rangerhöhung zunächst als Provokation empfanden, und zur orientalischen Welt der Muslime, die einen nachhaltigeren Einfluss auf das Frankenreich ausübte, als bislang angenommen wurde. Johannes Fried, emeritierter Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Frankfurt, ist einer der angesehensten deutschen Mediävisten. Er legt mit dieser umfangreichen Biographie sein Opus magnum vor.

Mit schöpferischer Intuition#

Obwohl die Quellen über diese Zeit bekanntermaßen äußerst spärlich fließen, zeichnet Fried mit thematischer Meisterschaft und faszinierender Sprachkunst ein ungeheuer dichtes Bild, ein beeindruckendes Panorama der Epoche. Der Autor bekennt sich im ausführlichen Prolog seines grandiosen Werkes zur schöpferischen Intuition, um seiner Darstellung Farbe zu geben. Er lässt sie im reichen Maße sprudeln, ohne selbstverständlich den Boden der Wissenschaftlichkeit zu verlassen. Fried stellt viele Fragen, die er mit großem historischen Verantwortungsbewusstsein zu beantworten versucht. "Die Geschichte fließt immerzu fort, weil sie dem menschlichen Gedächtnis verhaftet ist, sie muss stets überdacht und neu erzählt werden", schreibt er.

Diesem Anspruch wird er auf überzeugende Weise gerecht. Karl der Große, dessen Todestag sich am 28. Jänner 2014 zum 1200. Mal jährt, hat mit dieser Biographie seinen historischen Meister gefunden.

Information#

Johannes Fried: Karl der Große. Gewalt und Glaube, C.H. Beck Verlag, München 2013, 736 Seiten, 30,90 Euro

Wiener Zeitung, Dienstag, 14. Jänner 2014