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Geheimrat der Kanonen#

Der Großindustrielle Karl Freiherr von Skoda führte den ererbten Stahlkonzern zu Wachstum und Blüte.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 22./23. November 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Ilona Gälzer


Karl Freiherr von Skoda
Karl Freiherr von Skoda (1878-1929).© ONB Bildarchiv Austria

Als Karl von Skoda 1900 von seinem unerwartet gestorbenen Vater Emil, dem Gründer der Skoda AG, dessen Unternehmensanteile erbte, war aus einer kleinen Pilsner Werkstätte mit 30 Mitarbeitern ein breit gefächertes Unternehmen mit 3000 Beschäftigten entstanden. Weltweite Absatzmärkte fanden die Skodawerke als Ausrüster der Zucker- und Brauindustrie, aber auch als Ausstatter von Handels- und Kriegsschiffen. Der Qualität des Stahlgusses verdankte man etwa die Mitwirkung am Bau des Suezkanals oder die Lieferung von Turbinen für die Stromerzeugung bei den Niagarafällen. In der auf Wunsch der Heeresverwaltung im letzten Dezennium des 19. Jahrhunderts gegründeten Waffenfa-brik bemühten sich die Skoda-Ingenieure erfolgreich, den technologischen Vorsprung der deutschen und französischen Rüstungsunternehmen aufzuholen.

Mit 22 Jahren schien Karl von Skoda, trotz maschinenbaulicher Ausbildung und Dienst als Einjährig-Freiwilliger bei der k.u.k. Kriegsmarine, den Banken, die in der Skoda A. G. herrschten, zu jung, um nach dem Tode seines Vaters schon die Funktion eines Generaldirektors zu übernehmen.

Die Banken suchten einen erfahrenen Unternehmensleiter und fanden ihn in Georg Günther, dem Zentraldirektor der Böhmischen Montangesellschaft. Günther verringerte durch Neustrukturierung die Produktionskosten und verlegte die Generaldirektion nach Wien, um einen besseren Zugang zur Heeresadministration zu finden. Sein kommerzieller Erfolg - schon 1906 wurde eine Dividende von 6 Prozent ausbezahlt, die in den Folgejahren stetig steigen sollte - stärkte auch die Position Karl von Skodas.

Seit 1902 in den Verwaltungsrat kooptiert, wurde er 1906 zum Stellvertreter des Generaldirektors und nach anhaltenden Machtkämpfen mit Günther, der seinen Vertrag vorzeitig löste, 1909 zum Generaldirektor des Unternehmens gewählt.

Jahre der Expansion#

Karl von Skoda verlegte den Sitz der Wiener Generaldirektion an seinen Wohnsitz in die Kantgasse Nr. 3. Unter seiner Leitung begann ein unaufhaltsam erscheinender Aufstieg der Skodawerke. Durch Aktientausch verlagerte er die gesamte Friedensproduktion der Skodawerke in die Prager Maschinenbau AG (nunmehr "Vereinigte Maschinenfabriken A. G. vorm. Skoda, Ruston, Bromovsky und Ringhoffer") und konzentrierte die Skodawerke in Pilsen auf die Rüstungsproduktion. Skoda löste die alten Werkstätten im Pilsener Stadtzentrum auf und errichtete am Stadtrand neue Werkhallen, eine große Schmiede und eine Versuchsanstalt.

Um 1910 wurden in Pilsen aber nicht nur neue Produktionsstätten gebaut, sondern auch die ersten Arbeiterhäuser und ein Konsumverein für die Angestellten. So mancher Besucher meinte staunend, Pilsen sei eigentlich eine Vorstadt von Skoda.

Skoda war während des Ersten Weltkriegs der Haupt-Geschützlieferant der k.u.k. Monarchie. Der enorme Investitionsbedarf der Rüstungsindustrie lässt sich an der Steigerung des Aktienkapitals der Skoda AG. ablesen: Von 30 Millionen Kronen im Jahre 1911 steigerte es sich auf 42 Millionen bei Kriegsbeginn und bis zu 72 Millionen Ende 1916. Die Mitarbeiterzahl stieg von rund 3000 zur Jahrhundertwende auf rund 30.000 im Jahre 1917. Der Gewinn betrug 1909 bei Funktionsantritt Karl von Skodas rund 2,8 Millionen Kronen, lag 1913 bereits bei rund 7 Millionen; reduzierte sich zwar mit den Rohstoff-Versorgungsproblemen im ersten Kriegsjahr, stieg aber 1916 und 1917 auf je über 18 Millionen Kronen an.

Schweres Geschütz#

Skoda war Mitbegründer der Österreichischen Flugzeugfabrik in Wiener Neustadt, aber auch der Kanonenfabrik im ungarischen Györ. Er war an den Österreichischen Daimler Werken beteiligt, mit denen eine langjährige Zusammenarbeit entstand, um den bei Skoda entwickelten 30,5 cm Mörser leichter transportieren zu können. Dieser zu den schwersten Geschützen des Weltkriegs zählende Mörser war zwar nicht so durchschlagskräftig wie die "dicke Berta", der 42 cm Mörser von Krupp (während des Krieges baute auch Skoda 42 cm Haubitzen), war aber leichter manövrierbar. Mit einem eigenen, von Ferdinand Porsche entwickelten Motorzug befördert, konnte der Mörser binnen einer Stunde gefechtsbereit sein.

Seine Wirkung beschrieb seinerzeit Generalmajor Ritter von Obermeyer: Trotz eines nur 3 m langen Rohres könnten die 380 kg schweren Spitzbomben bis zu einer Höhe von rund 4000 Meter abgefeuert werden und damit also den Großglockner überfliegen. Eine spezielle Füllung der Bomben erzeugte die heftige Wirkung von Minengranaten. Im August 1914 sandte die k.u.k. Heeresleitung auf deutsches Ersuchen 30,5 cm Mörser nach Belgien, wo sie rasch die drei Meter dicken Betonkuppeln der Forts von Namur und Antwerpen durchschossen.

Durch diese ersten Erfolge wurde der Mörser so populär, dass sein Abbild Notenblätter zierte - etwa den "Skoda-Marsch" von Hans Rezek und den "Freiherr von Skoda-Marsch" von Julius Hafner -, aber auch Abzeichen, deren Verkaufserträgnisse Hilfsmaßnahmen ermöglichen sollten.

Skodas Geschick sorgte dafür, den Mörser im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. 1914 überreichte der Unternehmer in einer besonderen Audienz Kaiser Franz Joseph ein Modell des Mörsers, bald danach präsentierte er dem Monarchen gemeinsam mit dem Maler Goltz die in Belgien entstandenen Bilder über die Wirkung des Mörsers.

1915 enthüllte Erzherzog Leopold Salvator in Mödling eine von Skoda gespendete, verkleinerte Holznachbildung des Mörsers, um nach dem Vorbild des Wiener "Wehrmanns in Eisen" dem Witwen- und Waisenhilfsfonds Spenden zuzuführen. Für die Kriegsausstellung 1917 im Kaisergarten des Praters hatte Skoda den 30,5 cm Mörser als Modell in Originalgröße nachbauen lassen und die Goltz-Bilder zur Verfügung gestellt. Es gab kleine 30,5 cm Mörsermodelle und Matador-Bausätze zu kaufen.

Der "Mörser-Hype"#

Unter dem Eindruck seiner eigenen militärischen Erfahrungen spendete Ludwig Wittgenstein für die Beschaffung von 30,5 cm Mörsern eine Million Kronen, wie seine Schwester Hermine in ihrer Familienchronik wenig verständnisvoll anmerkte. Heute würde man all dies wohl als "Mörser-Hype" bezeichnen.

Skoda wurde 1914 in den Freiherrenstand erhoben und Mitglied des Herrenhauses im Reichsrat, 1915 erfolgte die Ernennung zum Marineartillerie-Generalingenieur a. D. (eine einmalige Ehrung), drei Jahre danach die Verleihung der Geheimen Ratswürde. Er war Träger zahlreicher Orden, Auszeichnungen und von Ehrendoktoraten der Technischen Hochschulen Stuttgart, Prag und Brünn.

Der Skodakonzern sollte noch 1918 Rüstung für mehrere Millionen Kronen liefern, Aufträge, die mit Kriegsende storniert wurden. Zwar versuchte Skoda seit 1917 das Werk durch den Aufbau einer Lokomotivfabrik wieder auf die Friedensproduktion vorzubereiten und strebte eine Fusion mit der böhmischen Autofabrik Laurin & Klement an; beides gelang jedoch nicht so rasch. Bei Kriegsende standen die riesigen Anlagen zur Rüstungsproduktion leer, das Personal war beschäftigungslos, die enormen Forderungen an die k.u.k. Armee uneinbringlich und die in Höhe mehrerer Millionen Kronen gezeichneten Kriegsanleihen wertlos.

Der neue Tschechoslowakische Staat verpflichtete jene Unternehmen, die ihre Fabriken auf tschechischem Gebiet, den Firmensitz aber im Ausland hatten, ihre Unternehmen zu nostrifizieren, d.h. den Hauptsitz in der ČSR zu errichten und die Aufsichtsräte der Aktiengesellschaften mehrheitlich tschechisch zu besetzen. Um einer drohenden Enteignung zu entgehen, verkaufte Skoda sein 51 Prozent-Aktienpaket an den Skodawerken weit unter dessen Wert. 1919 übersiedelte er mit der Familie nach Zürich, kehrte später wieder - allerdings alleine - zurück nach Wien. Zeitgenössischen Berichten ist zu entnehmen, dass Skoda nach dem Umsturz ein gebrochener Mann war.

Sein Vermögen legte Skoda vorwiegend in Immobilien an. Schon 1909 hatte er in Gaaden bei Mödling vom Münchner Architekten Emanuel von Seidl inmitten eines großen Forstreviers ein Jagdschloss erbauen lassen. Hier wie auch auf seinem slowakischen Landsitz konnte er seiner einzigen Leidenschaft nachgehen, die ihm außer der Leitung seiner Unternehmen eigen war, der Jagd.

1925 erlitt er auf der Fahrt von Gaaden nach Wien einen schweren Autounfall, bei dem sein Chauffeur starb und er verletzt wurde. Wenige Jahre danach, im Jänner 1929, starb Skoda 51-jährig während einer Kur am Semmering und wurde am Friedhof von Gaaden beerdigt. An seinen Tod vor 85 Jahren erinnert heute noch seine Totenmaske im örtlichen Heimatmuseum.

Da seine drei ohne Nachkommen gebliebenen Kinder im Ausland lebten und dort auch starben, ist von Karl Skoda in Österreich wenig überliefert. Man erinnert sich an "Skoda" vorwiegend als Rüstungsunternehmen und an den Namensgeber für jene Autofabrik, die heute zum Volkswagenkonzern gehört.

Skoda, der Mäzen#

Weniger bekannt ist Skodas Mäzenatentum. Er gehörte dem Gründerverein für das Technische Museum in Wien an und ermöglichte zusammen mit Bernhard Wetzler - mit dem er in Moosbierbaum bei Tulln die Pulverfabrik Skodawerke-Wetzler AG gegründet hatte - durch eine gemeinsame 300.000 Kronen-Spende die Anschaffung der Uhrensammlung der Baronin Ebner-Eschenbach für das Wiener Uhrenmuseum.

Skoda spendete äußerst großzügig für zahlreiche Kriegsfürsorgeeinrichtungen, stellte etwa dem Roten Kreuz 200.000 Kronen für den Bau einer Lungenheilstätte bei Puchberg am Schneeberg zur Verfügung. In Gaaden war er mit seinem großen land- und forstwirtschaftlichen Gut nicht nur Dienstgeber in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, sondern auch ein Wohltäter für arme Familien; er förderte die Ausstattung der Schule, die Einrichtung eines Kindergartens und finanzierte ein Erholungsheim für Kriegsversehrte.

Karl Skoda war ein am technischen Fortschritt interessierter Neuerer. Es war sein persönliches Drama, dass seine unternehmerische Weitsicht, sein kaufmännisches Genie und seine technische Begabung in der falschen Branche zum Einsatz kamen.

Information#

Literatur: Gerhard A. Stadler: Die Rüstungsindustrien der Donaumonarchie und ihre Exporte nach Lateinamerika. Wien 1986.

Ilona Gälzer ist Juristin im Ruhestand, beschäftigt sich mit lokalhistorischen Forschungen und ist als Fachschriftstellerin tätig.

Wiener Zeitung, Sa./So., 22./23. November 2014