unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Der "Kutscher Europas"#

Klemens Lothar Wenzel von Metternich, der österreichische Außenminister, schuf auf dem Wiener Kongress politische Verhältnisse, die hundert Jahre lang Bestand hatten.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 12. Dezember 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Martin Haidinger


Wiener Friedenskongress, zeitgenössische Radierung von J. Zutz.
"Der große Wiener Friedenskongress zur Wiederherstellung von Freiheit und Recht in Europa", zeitgenössische Radierung von J. Zutz.
Abb.: akg-images/picturedesk.com

Wie so oft lagen die meisten Medien auch am Wiener Kongress falsch: In den Zeitungen und Journalen vor 200 Jahren war nicht der tatsächliche Spielmacher, sondern der politisch unbedeutende, aber prominente Feldherr Karl Fürst Schwarzenberg der österreichische Star schlechthin. Und dennoch hat der eigentliche Fädenzieher bereits 1814 dem 19. Jahrhundert das Gepräge gegeben: Klemens Lothar Wenzel von Metternich. Sein "System Metternich" überlebte ihn um viele Dezennien.

Der Kongress tanzte#

Begonnen hatte alles vor 200 Jahren beim Tanz. "Ach, das sind ja meine Stiegelhupferinnen!" Der gute Kaiser Franz, gerade einmal 48 Jahre alt, gab sich fast altväterlich, als er der Mädchen in den dunklen Hauben, den farbigen Blusentüchern, die über den Miedern gekreuzt waren, ansichtig wurde. Lou Thürheim, später berühmte Malerin und Schriftstellerin, und ihre Schwestern waren dem Motto des Balles im Hause Metternich nachgekommen, und in Trachten der Kronländer erschienen. Sie hatten oberösterreichische Bauernkostüme gewählt. Die Bäuerinnen des Salzkammergutes bedachte man mit diesem Kosenamen, da sie die vielen Hecken und Zäune, die die Fußwege ihrer Heimat absperrten oft nur durch kleine Stiegen überqueren konnten. Viel belacht wurde dagegen das Kostüm der Lady Castlereagh, die wieder einmal den Hosenbandorden ihres Mannes, des britannischen Außenministers, im Haar trug, mit der Devise "Ein Schelm, wer Böses dabei denkt". Sie hatte sich als Vestalin, als keusche, jungfräuliche Hohepriesterin der Antike verkleidet.

Auch Gastgeber Metternich lächelte. Der Karneval würde in diesem Jahr früh enden, schon am 7. Februar, was der Arbeit am großen Werk des Kongresses nur zuträglich sein konnte. Nun, im Jänner 1815, war man "in die Verlängerung" gegangen, da alle gehofft hatten, den Kongress im Lauf des Jahres 1814 über die Bühne zu bringen. Das war eindrucksvoll misslungen. Herr von Metternich, neben dem Kaiser als offiziellem, der geschäftsführende Gastgeber, galt seinen Zeitgenossen als "prinzipienlos, hinterhältig und zerstreut, aber unbestechlich und treu - kurzsichtig nur, was unter ihm Stehende betrifft", wie es die Chronistin Hilde Spiel 150 Jahre nach dem Kongress trefflich zusammenfasst.

Salonlöwe und Genie#

Am Ball bewegt sich der bald 42-Jährige als graziöser Herr des Hauses, ein Besucher meint "in ihm einen jener Männer zu erkennen, an denen die Natur ihre reizendsten Geschenke verschwendet hat, die nur für die frivolen Erfolge in der Gesellschaft berechnet zu sein scheinen." Ein Salonlöwe also. Bei näherem Hinsehen erkenne man allerdings das politische Genie Metternichs, sagt derselbe Beobachter, das "die Ereignisse voraussieht und lenkt. Sein Urteil, die Frucht langen Nachdenkens, ist unwiderruflich und sein Wort entscheidend, wie es einem Staatsmann, der von dem Einfluss jedes seiner Worte überzeugt ist, geziemt. Überdies ist Metternich einer der besten Erzähler unserer Zeit."

Der aus Koblenz gebürtige Edelmann, der einst vor dem revolutionären Frankreich geflüchtet ist, und heutzutage vielen als sprichwörtlicher Inbegriff der Reaktion gilt, sei eigentlich ein "Liberaler der Gesinnung nach", bescheinigt ihm Kongress-Sekretär Friedrich von Gentz. Kann Metternich so wie er will? Oder will er gar nichts außer Frieden und den Machterhalt seines Herrn, des Kaisers? Ist er seiner Zeit tatsächlich voraus, oder ist es nur die jahrelange Routine im Umgang mit gekrönten Häuptern, da er sich den Monarchen von Gottes Gnaden gegenüber respektlos benimmt, wie der Hofdichter Giuseppe Carpani beklagt ?

"Metternich behandelt die Souveräne etwas zu leicht, spricht mit ihnen ohne sich von seinem Sitze zu erheben, und erlaubt sich einen verletzenden Ton!" Das bemerkt etwas misslaunig auch der französische Gesandte Talleyrand, und der russische Zar Alexander will den saloppen Metternich gleich ganz abgesetzt sehen, aber das liegt vielleicht auch an seiner Rivalität mit dem Österreicher - in der Politik wie in der Liebe, denn man teilte sich unfreiwillig mindestens mehr als eine Mätresse, unter anderem die vom Zaren mitgebrachte russische Fürstin Bagration, oder die Herzogin von Sagan.

Preußischer Unwille#

Die Geheimpolizei notiert, dass sich vor allem der Preuße Wilhelm von Humboldt über Metternich beschwert. "Er verliert jeden Vormittag, indem er nie vor 10 Uhr früh das Bett verlässt und, kaum angezogen zur Sagan seufzen geht, fünf bis sechs Stunden lang . . ." Von 40 Menschen, die ihn täglich sprechen wollen, würden nur drei bis vier vorgelassen, und sie selbst müssten oft stundenlang darauf warten, monieren die Preußen. Auch die anderen österreichischen Repräsentanten wie Schwarzenberg oder Innenminister Ugarte seien entweder dekadent oder unfähig. Die Preußen "müssen daher in Deutschland die erste Rolle spielen, und alle übrigen Mächte müssen es mitbefördern, weil von Österreich gar nichts Energisches zu erwarten wäre."

In einem sind aber alle einig: Herr von Metternich ist nicht bestechlich. Allerdings sei er, so ein russischer Diplomat, bei den Rothschilds verschuldet.

Ein Exemplar der großen Schlussakte des Wiener Kongresses aus dem Jahr 1815
Ein Exemplar der großen Schlussakte des Wiener Kongresses aus dem Jahr 1815.
© Foto: apa/Roland Schlager

Trotz des scharfen preußischen Verdikts ist die österreichische Mannschaft am Kongress mit eigenwilligen, aber fähigen Männern aufgestellt: der Preuße Friedrich von Gentz als gewandter Sekretär wie Propagandist, und der ungesellige wenn auch liebenswürdige Johann Philipp Freiherr von Wessenberg-Ampringen, der als zweiter Bevollmächtigter des Kaisers großen Fleiß und hohe Arbeitsmoral beweist.

Herr von Metternich betrachtete zufrieden die Gäste seines Balls. Wenn man ihm vielleicht auch nur nachsagte, dass er die Puppen tanzen ließ - heute, hier am Parkett traf es ganz gewiss zu - und morgen war ja wieder ein neuer Tag.

Szenenwechsel: Wieder einmal war es Sonntag. Der junge Mann atmete kurz durch, dann machte er sich auf den Weg. Selbst heute hatte er Unterricht, und zwar auswärts, nicht daheim wie an den anderen Tagen.

Eine anstrengende Woche lag hinter ihm. Tag für Tag war er von sechs Uhr früh bis neun Uhr abends der Sklave eines dichten Stundenplans. Während 32 Unterrichtsstunden wurden ihm Astronomie, Buchhaltung, Tschechisch, Ungarisch, Französisch, Geographie, Tanzen, Fechten, Italienisch, Polnisch, Mathematik, Latein Griechisch, Jurisprudenz, Turnen und Schwimmen, Naturgeschichte, Philosophie und Technologie beigebracht, dazu noch Religion und jede Menge militärisches Exerzierreglement.

Schüler und Lehrer#

Widerwillig musste er auch Musikstunden über sich ergehen lassen. Seit er sechs Jahre alt war, wurde er solcherart dressiert, stand von früh bis spät unter der Fuchtel seiner Erzieher Heinrich Bombelles und Major Franz von Hauslab. Bis in kleinste Details hinein wurde er von seiner Umgebung überwacht, sein Tagebuch fleißig von anderen gelesen - da war keine Chance auf Freiraum, die kleinste Privatheit. Und dennoch war dieser passive, etwas gedrückte und einsilbige Jüngling mit seinen 17 Jahren bereits Oberst eines Dragonerregiments, wurde er von den Freundinnen seiner Mutter scherzhaft "Gottheitel" genannt!

"Das österreichische System", so schärfte ihm an diesem Wochenende sein prominenter Sonntagslehrer ein, "muss um jeden Preis erhalten bleiben. Nur so ist der Frieden in Europa zu retten!" Klemens Wenzel Lothar von Metternich, so hieß der 74 Jahre alte Lehrer, wusste wohl, dass mit dem jungen Mann der künftige Kaiser von Österreich vor ihm saß. Denn Metternich selbst hatte als einflussreicher Staatskanzler des Kaiserreiches beschlossen, dass der jugendliche Erzherzog bald dem derzeit waltenden Staatsoberhaupt nachfolgen sollte.

Auf Erzherzog Franz Joseph, dem Neffen des amtierenden Kaisers Ferdinand, ruhte seit seiner Kindheit die Hoffnung des Hauses Habsburg. Ferdinand galt als krank und geistig minderbemittelt, sein Bruder und logischer Nachfolger Franz Karl als schwach und antriebslos, und so sollte nun dessen Sohn Franz Joseph neuer Kaiser von Österreich werden. Metternich, seit Jahrzehnten der eigentliche Regent im Land und weit darüber hinaus, nahm Franz Joseph seit November 1847 tüchtig in die Mangel, und brachte ihm an den Sonntagen bei, wie Staatskunst zu funktionieren hatte. Vor allem, so sagte der Alte, sei der Kaiser Herrscher von Gottes Gnaden und trotz aller da und dort in Kauf genommenen Verfassungen und anderen von den Zeitläuften aufgezwungenen demokratischen Modeerscheinungen der unumschränkte Herr. Mit des Kaisers Autorität sei nicht zu spaßen, meinte der alte Fuchs und rechnete selbstverständlich sich selbst in diese Autorität mit ein. Denn wer sonst außer ihm, der seit der Zeit Napoleons die habsburgische Politik bestimmte, sollte einen Teenager als Nachwuchskaiser anleiten? Die Sonntagslektionen schweißten Metternich und Franz Joseph zusammen, hier wurde die politische Stafette von Alt zu Jung weitergereicht.

Seine klammheimlichen Zweifel am System verschwieg der Kanzler dem jungen Erzherzog, nicht aber seinen politischen Freunden. "Ich bin kein Prophet, und ich weiß nicht, was wird", sagte Metternich 1847 zum preußischen Diplomaten Graf Guido Usedom, "aber ich bin ein alter Arzt und kann vorübergehende von tödlichen Krankheiten unterscheiden. An diesen stehen wir jetzt. Wir halten hier fest, solange wir können, aber ich verzweifle fast an dem Ausgang."

Das bekam Franz Joseph von seinem Sonntagslehrer freilich nicht zu hören. Die Liberalen, so Metternich, "schießen nur die Bresche, über welche die Radikalen in die Festung eindringen . . . Der irrtümliche Begriff der Nationalität ist gleichbedeutend mit dem Rufe Krieg ohne Ende - von allen gegen alle."

Franz Joseph lauschte und sog alles kritiklos auf. Und der Einfluss des Alten würde lange nachwirken. Zumal Metternich die letzten paar Jahre seines Lebens - er starb 1859, kurz vor der für Österreich katastrophalen Schlacht bei Solferino - nach seinem Londoner Exil wieder in Wien verbrachte, und von Franz Joseph abermals konsultiert wurde.

1814 - 1914 – 2014#

Wie lange dauert eine halbe Ewigkeit? Stellen wir uns einmal vor, nur so als Gedankenexperiment, wir schreiben das Jahr 2014 in Österreich. Das Staatsoberhaupt ist 84 Jahre alt. Nach wie vor trifft der Mann weitreichende Entscheidungen für das Land. An der Macht ist er schon seit 1948! Da war der Zweite Weltkrieg erst drei Jahre vorbei gewesen, Österreich von vier Mächten besetzt, die Lebensmittel rationiert. Überall im Land bestimmten die Trümmer des Bombenkriegs das Bild auf den Straßen. Das ist lange her, doch der 84-Jährige entscheidet 66 Jahre danach, 2014, immer noch, über Krieg und Frieden.

Als er nun einem Nachbarland den Krieg erklärt, schöpft er aus einem reichen Erfahrungsschatz. Es tut ihm leid, schreibt er seiner Bevölkerung in einem offenen Brief, dass es so kommen muss, aber die Vorsehung hat es gewollt, dass ein hasserfüllter Feind weiteres Friedenhalten unmöglich macht. So eine Kriegserklärung ist keine leichte Entscheidung, und wahrscheinlich denkt der Greis an die Tage zurück, als er das politische Handwerk gelernt hat, und zwar von einem Mann, der seinerseits im Jahr 1889 politisch erwacht war, als Pferdedroschken durch Straßen rumpelten, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei gegründet, und Adolf Hitler geboren wurde!

Können Sie sich das vorstellen? Im Jahr 2014 entscheidet einer über Wohl und Wehe mehrerer Länder, der von einem Charakter des 19. Jahrhunderts erzogen worden ist? Undenkbar? Skandalös?

Nun, versetzen Sie das ganze um genau einhundert Jahre zurück, und sie haben die Geschichte von Metternich, geboren 1773, und Franz Joseph, der im Sommer 1914 in Bad Ischl seinen Namen unter die Kriegerklärung an Serbien setzte und damit den sogenannten "Ersten Weltkrieg" eröffnete!

Diese Daten markieren also das lange 19. Jahrhundert der Revolutionen von Robespierre bis Lenin, der Weltkriege von Napoleon bis Franz Joseph und die Beteiligten an all dem kannten einander zum Teil eben noch persönlich und wirkten aufeinander ein. Gerade Metternich entwickelte Visionen, in deren Mittelpunkt er selbst stand!

1820 wird er seiner Geliebten Dorothea Lieven sagen: "Mein Leben ist in eine abscheuliche Periode gefallen. Ich bin entweder zu früh oder zu spät auf die Welt gekommen; jetzt fühle ich mich zu nichts gut. Früher hätte ich die Zeit genossen, später hätte ich dazu gedient wieder aufzubauen; heute bringe ich mein Leben zu, die morschen Gebäude zu stützen. Ich hätte im Jahr 1900 geboren werden und das 20. Jahrhundert vor mit haben sollen." Da hätte er allerdings auch nicht gerade wenig zu tun gehabt . . .

Die letzte Walzerjause#

Wenige Wochen vor dem Kriegsmanifest 1914 hatte man noch die 100-Jahrfeiern zum Gedenken an den Kongress begangen. Pauline Metternich, die "Fürstin Paulin", durch innerverwandtschaftliche Heirat zugleich Enkelin und Schwiegertochter des alten Metternich und Doyenne der guten Wiener Gesellschaft, gab im März 1914 eine " Alt-Wiener Walzerjause", bei der mit putzigen Kostümen die alte Zeit wieder auferstehen sollte.

Und am zweiten Juni rollte über die Prater Hauptallee mit 166 offenen Equipagen, Benzin- und Elektrowagen ein prächtiger Blumenkorso im Gedenken an den Friedenskongress. Unter den begeisterten Gästen: das Thronfolgerpaar Franz Ferdinand und Sophie im offenen Automobil. 26 Tage danach waren die beiden tot, und ausgerechnet der kaiserliche Obersthofmeister namens Alfred Fürst von Montenuovo, der Enkel von Napoleons Witwe Marie Louise und ihrem durch Kaiser Franz und Metternich mit ihr verkuppelten morganatischen zweiten Ehemann, dem Grafen Neipperg, war es, der eine würdige Totenfeier für die Ermordeten wegen der nicht standesgemäßen Sophie vereitelte . . .

Martin Haidinger, geboren 1969 in Wien, ist Historiker, Radiojournalist in der Ö1-Wissenschaftsredaktion und Schriftsteller. Er lebt und arbeitet in Wien. Heuer hat er zusammen mit Günter Steinbach das Buch "Der Wiener Kongress. Jahrhundertspektakel zur Machtverteilung" geschrieben. In diesem historischen Essay schildern die beiden Autoren den Verlauf und die Folgen des diplomatischen Großereignisses. (Edition Steinbauer, Wien, 208 Seiten, 22,50 Euro.)

Wiener Zeitung, Freitag, 12. Dezember 2014


Metternich schuf politische Verhältnisse, die hundert Jahre lang Bestand hatten ??? Zertrümmerte nicht die europäische Revolution von 1848 sein System so, dass der Verhasste nach England flüchten musste, um sein Leben zu retten ?

Wurde das deutsche Reich 1870/71 von Metternich gegründet oder vielleicht doch von einem gewissen Bismarck? Der Ausgleich mit Ungarn 1867 ist auf Metternich zurückzuführen oder vielleicht auf die Schlacht von Königgrätz und das Wirken Bismarcks ?

Was hatte denn da hundert Jahre Bestand ?

-- Glaubauf Karl, Mittwoch, 7. Jänner 2015, 14:06