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"Charity-Boom" in der Cottage#

Um die Not, die sich im zweiten Kriegsjahr 1915 allerorten zu zeigen begann, etwas zu lindern, wurden in Wien allerlei Opfermaßnahmen, Spendenaktionen und Wohltätigkeits-Veranstaltungen ersonnen.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 7./8. März 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Gerhard Strejcek


Der Wehrmann Wiens
"Der Wehrmann Wiens gemahne an die Zeit, da unerschöpflich wie des Krieges Leid, die Liebe war und die Barmherzigkeit": Dieser Spruch des nationalistischen Dichters (und Priesters) Ottokar Kernstock über dem hölzernen Ritter, in welchen die Wiener 1915 nach Entrichtung einer Spende Nägel einschlagen konnten, steht heute in einer Nische gegenüber vom Wiener Rathaus.
© Foto: Peter Jungwirth

Vor hundert Jahren ging der Erste Weltkrieg nach dem serbischen Desaster, dem Neutralitätsbruch in Belgien und dem Steckenbleiben der deutschen Truppen im Westen, den russischen Eroberungen und Bedrohungen in Galizien, sowie den ersten zaghaften Erfolgen der Mittelmächte im Osten in sein zweites Jahr. Die Daheimgebliebenen wollten helfen und erdachten neue Maßnahmen, mit denen Geld für die Opfer, darunter bereits zahlreiche Kriegsblinde und Invalide, gesammelt werden könnte. Volksbildner, Sozialdemokraten, kirchennahe Einrichtungen und Frauen aus dem bürgerlichen Milieu wetteiferten um die besten Ideen zwecks Soforthilfe für Flüchtlinge und Verwundete.

In vielen Privathäusern wurden Front-Offiziere, unter denen es im Ersten Weltkrieg viele Verwundete und Gefallene gab, einquartiert und umhegt. Die Gattin des Wiener Bürgermeisters, Bertha Weiskirchner, trat ebenso in den Vordergrund wie Frau Bienerth-Schmerling, deren Ehemann zeitweise Ministerpräsident war, dazu kamen aus dem Indus-triellenmilieu Frau Jenny Mautner und die Gattin des Ophtalmologen Professor Bergmeister, die beide ein künstleraffines Haus führten und einen regelrechten Charity-Boom in der Cottage und in Pötzleinsdorf auslösten.

Notspitäler#

Zu den zivilen Aktivitäten, in denen vorwiegend Frauen das Sagen hatten, zählten auch Suppenküchen, Ausspeisungen und Straßen-Sammlungen. Aber auch die Errichtung und der Betrieb von Notspitälern war, sieht man von den mehrheitlich männlichen Ärzten ab, überwiegend in weiblicher Hand, so etwa im Hilfsspital des Burgtheaters im roten Hof, wo sich Hedwig Bleibtreu nützlich machte. Das Künstlerhaus und das Sezessionsgebäude standen für Lazarettzwecke zur Verfügung, im Wiedner Spital operierte der Chirurg Julius Schnitzler, Arthurs Bruder, pausenlos.

Besonderes Augenmerk aber gewannen kulturelle Veranstaltungen. Die Mitwirkung von Prominenten sollte das Spendenaufkommen erhöhen und so wandte man sich an jene populären Autoren, die nicht im Kriegspressequartier ihren Dienst versahen und für Lesungen verfügbar waren. Arthur Schnitzler, der seinen Pazifismus nie verleugnet hatte, stand im März 1915 für mehrere "Vorlesungen" zur Verfügung. Da mehrere Arzt-Kollegen noch im reifen Alter zum Front- und Lazarettdienst einberufen worden waren, machte Schnitzler (er war 52 Jahre alt) sich beträchtliche Sorgen, sein künstlerisches Schaffen womöglich aufgeben zu müssen.

Während Olga, seine Gattin, bei mehreren Veranstaltungen sang - sie war ausgebildete Opernsängerin -, bot er Frau Bergmeister seine Mithilfe bei "Charities" an. Auch zu den Wiener Volksbildungseinrichtungen dürfte ein gutes Verhältnis bestanden haben, obwohl Schnitzler zu langährig aktiven Vortragenden keinen engeren Kontakt hatte. Doch bot ihm dieser Rahmen die Möglichkeit, als erklärter Kriegsgegner, der sich dem Hurrapatriotismus nie anschloss, einen Beitrag zu den Wohltätigkeitsaktivitäten zu leisten.

"Für die im Feld Erblindeten" und die Versorgung der Kriegswitwen las Schnitzler zweimal in Volksbildungseinrichtungen der Stadt Wien sowie einmal im Konzerthaus, wo naturgemäß der größte Andrang herrschte. Diese Lesung fand am 30. März 1915 statt. Schnitzler notierte in seinem Tagebuch in gewohnt akribischer Art, dass er aus der Erzählung "Der blinde Geronimo und sein Bruder", aus dem "Schleier der Beatrice" und aus dem kurzen Prosawerk "Der letzte Weg" gelesen hatte.

Gemeinsam mit seinem Nachbarn, dem Porträtmaler und Fotografen Professor Ferdinand Schmutzer, der auch viele Habsburger dargestellt hatte, gab Schnitzler überdies eine Sonderausgabe des "Geronimo" im Österreichischen Verlag heraus. Sein deutscher Verleger Samuel Fischer hatte erst im Vorjahr einen Erzählband editiert, der unter anderem auch diese Erzählung enthielt. Niemand stieß sich daran, dass ausgerechnet im Jahr des italienischen Kriegseintritts gegen die k.u.k. Monarchie, der sich bereits im Frühjahr abzeichnete, ein italienischer Sänger der "Held" der illustrierten Ausgabe war.

Schnitzlers "Geronimo"#

Die Pointe dieser Erzählung ist ein besonders perfider Akt eines Spenders, der dem blinden Sänger Geronimo weismacht, er habe seinem Bruder ein goldenes 20-Frankenstück gegeben, was nicht den Tatsachen entspricht. Aber das Vertrauen zwischen den beiden Brüdern wird durch diesen bösartig gestifteten Zwist zerstört, was umso schwerer wiegt, da der Bruder auf Grund einer Kindheits-Torheit die Verantwortung für die Erblindung Geronimos trägt. Man hätte diese Geschichte bildlich auch auf die Kriegsparteien übertragen können, aber nur wenigen Bürgern war bewusst, das sie selbst gerade Opfer bösartiger Täuschungen wurden.

Einer jener Autoren, die den Patriotismus chauvinistisch-nationalistischer Prägung mehr schürte als ihn zu kalmieren, war der 1848 in Marburg (damals Unter-Steiermark, seit 1919 Slowenien) geborene Dichter und Priester Ottokar Kernstock. Nach einem abgebrochenen Jus-Studium in Graz hatte er sich der Theologie verschrieben und war zunächst ins Kloster Vorau eingetreten. Schon um die Jahrhundertwende war der langjährig in der Festenburg am Wechsel (St. Lorenzen/Stmk, zugleich sein Todesort 1928) wirkende Priester mit "alldeutschen Weisen" an die Öffentlichkeit getreten. Die Wiener Stadtverwaltung unter dem christlich-sozialen Bürgermeister Richard Weiskirchner bediente sich seiner Verse in unkritischer Manier wie übrigens später auch die NSDAP.

Am 5. März 1915 stellte die Stadtverwaltung am Schwarzenbergplatz einen lebensgroßen, hölzernen Ritter auf, in den die Wiener nach Entrichtung einer Spende Nägel einschlagen konnten. Der dazu verfasste Sinnspruch Kernstocks ist in Fraktur gemeißelt und befindet sich ebenso wie der seltsam düstere Eisen-Mann seit 1919 und bis dato in einer Nische gegenüber vom Rathaus an der Ecke Felderstraße/Rathausstraße unweit der Planungsabteilung des Magistrats.

Die Inschrift über dem Nagelritter lautet: "Der Wehrmann Wiens gemahne an die Zeit, da unerschöpflich wie des Krieges Leid, die Liebe war und die Barmherzigkeit". Sie ist in vergoldeten Lettern in die Wand gemeißelt. Wer aber genau hinsieht, kann die darüber stehende, nicht vergoldete, aber unsägliche Zeile "Gut und Blut fürs Vaterland" entziffern. Dieses Motto geht zwar bis aufs Mittelalter zurück, aber die Zitierung in diesem Kontext ist eindeutig und geradezu paradigmatisch für den Missbrauch und Raubbau, den der Staat zu Kriegszwecken mit den humanen und materiellen Ressourcen seiner Bürger trieb. Die Familien verloren ihre Ernährer, die in Massen auf den Feldern von Verdun und in Galizien niedergemäht wurden; die Zurückgebliebenen verloren ihre Gesundheit, waren unternährt, mussten wegen der Blockade von Ersatzlebensmitteln leben, sämtliches Edelmetall abgeben und investierten ihre letzten Ersparnisse aus vermeintlichem Patriotismus in wertlos werdende Kriegsanleihen.

Wer die pseudo-solemnen und eigenartig verstellten Zeilen Kernstocks vor dem zynischen Hintergrund des Weltkriegs liest, kann darin keine Lyrik oder künstlerische Aussage erkennen, sondern nur einen billigen Werbespruch für eine unmoralische Sache. Die Zeitgenossen sahen dies allerdings anders.

In dem unmittelbar neben der "Wehrmann"-Nische gelegenen Wiener Museum des Augenblicks "Musa" (es bietet zeitgenössische Gemälde und Installationen, die auch entlehnt werden können) verfügt man zwar über die gebotene Distanz zu Kernstocks Spruch und seinem Verfasser, der Magis- trat hat die Zeilen des Wegbereiters des NS-Systems aber bewusst nicht entfernt. Wöchentlich findet eine Veranstaltung zum "Wehrmann" statt, und für vier Euro kann man eine Broschüre zur Bedeutung des eisernen Zeitzeugen erwerben. Das alles ändert nichts daran, dass Kernstock auch der Dichter des "Hakenkreuzliedes" für die Nazi-Ortsgruppe Fürstenfeld war und auch die republikanische Textversion für die Haydn-Hymne im Blut-und-Boden-Stil verfasst hat: "Sei gesegnet ohne Ende, Heimaterde wunderhold" lautete der von 1929 bis 1938 gesungene Anfang des mehrfach missbrauchten Liedes.

Kriegsleid in Wien#

In Wien war im März 1915 bereits deutlich das Leid des Kriegs spürbar geworden. Täglich kamen Nachrichten von Gefallenen, in den Spitälern operierten die Chirurgen pausenlos, zahlreiche Flüchtlinge waren aus dem umkämpften Gebiet der heutigen Ukraine nach Wien gezogen, darunter Handwerker, deutschsprachige Wissenschafter und versprengte Künstler. Die zaristischen Truppen nahmen sich die Bevölkerung vor und terrorisierten vor allem die jüdischen Ansiedler als "Kollaborateure" der k.u.k. Monarchie. Aber auch in Wien herrschten für die Zuwanderer und Flüchtlinge weder Wonne noch Waschtrog.

Wie dramatisch die Situation war, zeigt die Situation der Angehörigen der Universität Lemberg (Galizien, heute West-Ukraine, L’viv), deren Wirkungsstätte in die Hände russischer Truppen fiel. Aber auch die Universität in Czernowitz (damals zu Cisleithanien/Bukowina zählend, heute Ukraine, ab 1918 rumänisch) konnte nicht mehr lange ihren Betrieb aufrecht erhalten. Die einst im Lemberg und Czernowitz Lehrenden standen verzweifelt vor den Toren der niederösterreichischen Statthalterei in Wien und pilgerten sodann ins k.k. Unterrichtsministerium, wo ihnen beschieden wurde, dass eine Gehaltzahlung mangels Existenz der hohen Bildungseinrichtung nicht mehr möglich sei.

Gerhard Strejcek, geboren 1963, ist Außerordentlicher Universitätsprofessor am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht an der Universität Wien.

Literaturhinweise:#

  • Arthur Schnitzler: Tagebuch 1913-1916, Verlag der ÖAW, Wien, 2. Aufl 1989.
  • Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts. S. Fischer, Frankfurt/Main 2013.
  • Philip Blom: Der taumelnde Kontinent. Europa 1900-1914. dtv, München 2011 (6. Aufl. 2014).

Wiener Zeitung, Sa./So., 7./8. März 2015