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Norbert Leser - der SPÖ ungeliebter Historiker#


Von

Trautl Brandstaller

Aus: Europäische Rundschau 2015/1


Die österreichische Sozialdemokratie war das zentrale Thema, das den Juristen, Sozialphilosophen und Politologen Norbert Leser sein Leben lang umtrieb. Eine Liebe, die von der Partei zu keiner Zeit erwidert wurde. Norbert Leser blieb von Anfang an bis zu seinem Tod am Silvesterabend des Jahres 2014 ein ungeliebter Außenseiter, ein Historiker, den die Partei gar nicht verdiente, wie Günther Nenning einmal meinte.

Norbert Leser stammte aus rotem Urgestein, er wurde 1933 im Burgenland, in Oberwart, geboren und wuchs in einem traditionell geprägten sozialdemokratischen Milieu auf - sein Onkel war 1945 sozialdemokratischer Landeshauptmann des Burgenlandes. Seine Studien der Rechtswissenschaften und Soziologie an der Universität Wien brachten ihn früh mit nonkonformistischen Katholiken wie August Maria Knoll in Verbindung, und Grenzen zu überwinden, blieb ein Leben lang sein Leitmotiv - Verbindungen herzustellen zwischen den traditionellen Lagern Österreichs, dem konservativ-katholischen und dem traditionell antikatholisch-sozialdemokratischen Lager.

Nach dem Studium der Rechtswissenschaften und Soziologie in Wien habilitierte er sich 1969 in Graz mit einer Arbeit zur Geschichte der Sozialdemokratie in der Ersten Republik. »Zwischen Reformismus und Bolschewismus, Der Austromarxismus in Theorie und Praxis« ist bis heute ein Standardwerk, in dem Leser die fundamentalen Differenzen in der Sozialdemokratie der Ersten Republik untersuchte - er kritisierte die revolutionäre Rhetorik Otto Bauers und dessen unerbittliche Ablehnung jeder Koalition mit den Christlich-Sozialen, wobei der rhetorische Radikalismus der Parteiführung in diametralem Gegensatz zum praktischen Zurückweichen vor allen faschistischen Entwicklungen des konservativen Lagers stand. Leser nimmt in dieser seiner Habilitationsschrift eindeutig Stellung für Karl Renner und dessen pragmatische Politik des versuchten Kompromisses mit dem konservativen Lager.

Gleichzeitig engagiert er sich in den sechziger Jahren persönlich für eine Reform der Sozialdemokratie, deren Festhalten an der Großen Koalition er für schädlich für die Partei und schädlich für Österreich hält. In den Debatten um eine Änderung des Parteikurses in Richtung Öffnung der Partei zu liberalen und katholischen Kräften, zu Wissenschaftlern und Kulturschaffenden, wie sie Bruno Kreisky initiierte, stand Norbert Leser immer auf Seiten der Reformer. Umso größer war seine Enttäuschung, als ihn die Sozialdemokratie nach dem Wahlsieg des Jahres 1970 nicht zu höheren Weihen berief. Hertha Firnberg verschaffte ihm zwar 1971 den ersten Lehrstuhl für Politische Wissenschaften an der Universität Salzburg, zu den Arbeiten an einem neuen Parteiprogramm, die Kreisky nach seinem zweiten Wahlsieg 1975 einleitete, wurde er jedoch nicht herangezogen. Kreisky schätzte seine Kritik an Otto Bauer nicht, obwohl er selbst die Politik Karl Renners in die Praxis umsetzte.

Norbert Leser hatte seine Kritik am Austromarxismus immer stärker auf die These der »geteilten Schuld« (am Untergang der Ersten Republik) zugespitzt, was die Traditionalisten in der Partei, und nicht nur diese, vor den Kopf stieß und im Übrigen auch im historischen Rückblick keineswegs den Tatsachen entsprach. Otto Bauer hatte wohl im Linzer Parteiprogramm und in vielen seiner Reden von der Notwendigkeit der Revolution gesprochen, die Zerstörer der Demokratie aber standen eindeutig im christlich-sozialen Lager, die seit Gründung der Republik die Demokratie für ein Unglück gehalten und die Sozialdemokraten als unversöhnliche Gegner bekämpft hatten.

Die These von der »geteilten Schuld« führte zur Marginalisierung Lesers in der Partei, die in kleinen Zirkeln immer noch an einer unkritischen Heroisierung des Austromarxismus festhielt und jede Kritik an Otto Bauers Politik prinzipiell ablehnte. Aber auch mit seinem zweiten Schwerpunkt-Thema blieb Norbert Leser relativ isoliert in der Partei. Die Aussöhnung der SPÖ mit der Kirche war zwar ein offizielles Anliegen Bruno Kreiskys, aber die Basis der Partei folgte diesem Anliegen nur ungern. Der stets geforderte Dialog zwischen Sozialdemokratie und katholischer Kirche blieb über weite Strecken in Rhetorik stecken. Zudem vertrat Norbert Leser einen Katholizismus, der weit hinter dem Zweiten Vatikanischen Konzil zurückblieb - er liebte Weihrauch, Orgelklang und lateinische Messe, die innerkatholischen Reformen interessierten ihn nicht, in der Kirche hielt er es mit den Traditionalisten, nicht mit den Reformern. 1978 publizierte er einen schmalen Band »Gottes Spuren in Österreich«, in dem er sein Verhältnis zum politischen Katholizismus, seine Stellung zur Religion in der Gesellschaft und zu prägenden Persönlichkeiten der österreichischen Kirche darlegte.

Umso heftiger und radikaler entwickelte sich seine Haltung gegenüber der SPÖ. Dort ortete er sehr früh die Entstehung einer »neuen Klasse« in der Partei, die Entfremdung zwischen Parteiführung und Parteibasis, die Geldgier der Funktionäre und ihre Anfälligkeit für Korruption, die Privilegienwirtschaft und den Filz, das Desinteresse an gesellschaftspolitischen Veränderungen und die Ämterkumulierung, das Ende der offenen Partei und die wachsende Vetternwirtschaft. Alle zehn Jahre las er seiner Partei die Leviten: 1988 mit dem Buch »Salz der Gesellschaft«, wo er noch einen gewissen Optimismus auf positive Veränderungen hegt, 1998 wird daraus schon eine »Elegie auf Rot« und 2008, zum 120. Jahrestag der Parteigründung, prophezeit er den »Sturz des Adlers«.

Obwohl immer dem rechten Flügel zugeordnet, analysiert er früher als andere die Ursachen für den Wählerschwund und den ideellen Niedergang der Partei.

Seine zunehmende Isolierung in der Partei und sein stockkonservativer Katholizismus führen ihn an merkwürdige Ufer - er nimmt ein Ehrenband der katholischen Landsmannschaft »Maximiliana«an, die sich offen als monarchistisch deklariert. Im Kreis der jungen Männer der Studentenverbindung fühlt er sich wohl. Otto von Habsburg, den er persönlich kennenlernt, wird für ihn zu einer der bedeutendsten politischen Figuren Europas. Und auch anderweitig entwickelt er immer konservativere Züge, so wird seine Liebe zum klassischen Wienerlied, begleitet von Schrammein, und zum Wiener Heurigen auf einer eigenen CD dokumentiert, wo Leser das bekannte Lied »Herr Doktor, erinnern Sie sich noch ans Zwölfer-Jahr?« höchstpersönlich singt. Skurril gestaltet er auch die universitäre Feier zu seiner Emeritierung an der Wiener Universität - mit Narrenkappe singt er zum Abschied von seiner universitären Karriere ein Wienerlied.

Der Wandel der sozialdemokratischen Parteien in Europa nach 1989 in Richtung »Dritter Weg« entzog sich seinem analytischen Blick, seine Kritik reduzierte sich immer stärker auf Personen, nicht auf ideologische Fehlentwicklungen. In einem seiner letzten Artikel zur österreichischen Sozialdemokratie stellte er mit Erstaunen fest, dass er, der ewig rechte Kritiker seiner Partei, plötzlich an deren linkem Flügel gelandet war.

Norbert Lesers umfangreiches publizistisches Werk bleibt, bei aller Kritik, die man an manchen seiner Positionen üben mag, ein Meilenstein in der Geschichte der Zweiten Republik, es hat wesentlich dazu beigetragen, die erstarrten Fronten im Nachkriegsösterreich zu begradigen und das klassische Lagerdenken zu überwinden.