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"Der Renner-Ring muss weg"#

Marko Feingold wird am Dienstag 100 Jahre alt. Der KZ-Überlebende ist immer noch empört über Schikanen nach Rückkehr.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 24. Mai 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Matthias Nagl


Marko Feingold
Marko Feingold blieb in Salzburg, weil ihm der Weg nach Wien verwehrt wurde.
© Erika Mayer

Salzburg. Wenige Tage vor seinem 100. Geburtstag empfängt Marko Feingold zum Interview. Es ist Vormittag, der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde sitzt an seinem Schreibtisch in der Salzburger Synagoge. Nach einem zehnminütigen Prolog Feingolds über sein Buch "Wer einmal gestorben ist, dem tut nichts mehr weh", seine Weigerung, bei Lesungen vorzulesen, und Feingolds Besuche von Vorstellungen des Kabarettisten Karl Farkas im Wien der Zwischenkriegszeit startet das Interview. Wie sich im Gespräch aufgrund von Feingolds Meldungspapieren herausstellte, fand das Interview auf den Tag genau 68 Jahre nach der Ankunft Feingolds aus dem Konzentrationslager Buchenwald in Salzburg statt.

"Wiener Zeitung": Herr Feingold, Sie sind Ehrenbürger der Stadt Salzburg und haben zahlreiche weitere Ehrungen von Stadt und Land Salzburg bekommen. Dabei sind Sie zufällig in Salzburg gelandet.

Marko Feingold: Das ist richtig. Das Wort Zufall kommt bei mir immer wieder vor. Ich möchte nicht von Wunder reden, denn sonst hält man mich für einen Heiligen - und das bin ich nicht, auch wenn ich eine religiöse Gemeinde zu vertreten habe. Ich erzähle Ihnen, wieso ich in Salzburg bin. Ich war im Konzentrationslager Buchenwald. Wir sind am 11. April 1945 befreit worden. 27 von 28 vertretenen Nationen sind damals von ihren Heimatländern geholt worden. Eine Nation ist geblieben, das waren wir Österreicher, der überwiegende Teil aus Wien. Mitte Mai waren wir die Einzigen, die noch da waren. Wir sind dann nach Weimar gegangen, haben uns Transportmittel besorgt und ein Transport mit 128 Österreichern ist auf den Weg nach Wien gegangen. Wir kamen bis zur Zonengrenze an der Enns. In Wien hatte sich schon die provisorische Regierung unter Karl Renner etabliert. Sie hat dort Befehl gegeben, uns nicht durchzulassen. Es hat geheißen, auf Befehl dürfen keine KZler, keine Juden und keine Vertriebenen zurück.

Denn insbesondere Renner hat sich hervorgetan, man müsse sich jetzt um die Wiener Bevölkerung kümmern, weil sie hat doch ihren Führer verloren. Und so entstanden dann die Freibriefe, die Persilscheine und alles Mögliche. Renner war vor dem Krieg der Erste, der mit fliegenden Fahnen zu den Deutschen übergelaufen ist. Was der sich geleistet hat ... Der Renner-Ring muss weg! Die Amerikaner haben uns dann jedenfalls zurück nach Buchenwald geschickt. Einige von uns sind schon in Enns geblieben, ein paar sind in Linz ausgestiegen, ein paar in Wels und in Attnang-Puchheim. In Salzburg, knapp vor der deutschen Grenze, habe ich gefragt, wer steigt mit mir aus? Fünf Leute sind mit mir ausgestiegen.

Warum sind Sie genau in Salzburg ausgestiegen?

Es war die letzte Möglichkeit vor der deutschen Grenze. Ich wollte nicht nach Deutschland. So war ich für einige Wochen Flüchtling im eigenen Land und wurde als solcher von den Amerikanern sogar für eine Auswanderung nach Amerika registriert.

Und warum sind Sie in Salzburg geblieben?

Jetzt kommen die Zufälle. In dem Haus, wo wir bleiben konnten, war von der Stadt ein Büro eingerichtet für durchziehende politisch Verfolgte. Wir bekamen mit den Flüchtlingen zu essen. Einige Tage später stand ich auf einem Sessel, dann wurde gesagt, der wird das Büro jetzt führen. Ich habe mich nicht durch Worte und Taten hervorgetan. Ich weiß selbst nicht, wie ich auf den Sessel gekommen bin. Mit zwei Mitbewohnern haben wir das Büro dann aber übernommen und geführt. Das war der Beginn meiner Zeit in Salzburg.

Im Lauf der Zeit brauchten die Amerikaner immer mehr von uns, weil wir die einzigen Österreicher waren, die sich in den hiesigen Verhältnissen auskannten.

Warum wollten Sie ursprünglich nach Wien zurückkehren?

Ich hatte keine Ahnung, wo meine Familienmitglieder waren. Von meinem Vater wusste ich, dass er verstorben war. Doch die anderen sucht man in Wien. Deshalb wollte ich unbedingt nach Wien. Was sich Renner geleistet hat: Wiener nicht nach Wien hinein zu lassen, das ist das impertinente. Ein Freund von mir in Salzburg hatte Frau und Kind in Wien und durfte nicht nach Wien. Diese Einzelschicksale sind das, was mich bis zum heutigen Tag empört. Wir haben in Salzburg einen sehr schlechten Landeshauptmann gehabt - Schausberger. Aber einen guten Historiker! Der packt jetzt alles aus, was den Renner betrifft. In Wien habe ich mir dann zumindest Kontaktadressen organisiert.

Aber es hätte nichts gegeben, was Sie nach Wien zurückgezogen hätte?

Nein, inzwischen habe ich entdeckt, dass es in Salzburg sehr schön zu leben ist. In meiner Jugend hätte ich nie denken können, in einer Provinzstadt zu leben. Ich war gewöhnt, am Abend auszugehen. Aber nach dem Krieg war ich etwas mäßiger und hier war ich gleich bekannt.

Salzburg hatte stets eine sehr kleine jüdische Gemeinde. Wie war nach dem Zweiten Weltkrieg in Salzburg die Stimmung den Juden gegenüber?

Sehr gehässig, bis zum heutigen Tag. Ich glaube, es ist nicht der Katholizismus daran schuld. Der Ex-Nationalsozialismus gondelt hier noch herum. Salzburg war ein Eldorado für gesuchte Nationalsozialisten. Viele kroatische Nationalsozialisten, die unter Tito nicht bleiben wollten, sind hauptsächlich nach Salzburg gekommen. Der Verband der Unabhängigen (Vorgängerpartei der FPÖ, Anm.) konnte nirgends anders gegründet werden als in Salzburg.

Sie sagen, bis zum heutigen Tag.

Ja. Es gibt viele Persönlichkeiten aus den kroatischen Ländern, die in guten Positionen untergebracht wurden. Es gibt viele Preise, die nach diesen Personen benannt und heute noch vergeben werden - und alles hat einen nazistischen Nachschlag. Man liebt hier in Salzburg den Waggerl (Schriftsteller, Karl Heinrich, Anm.), ebenso Tobi Reiser mit seinen Weihnachtsliedern (Gründer des Salzburger Adventsingens, Anm.). Jetzt kommt man drauf, "die waren ja bei der Partei!" Aber nichts passiert.

Trotzdem haben Sie nie überlegt, wegzugehen?

Nein, meine Wurzeln sind hier. Wissen Sie, Salzburg hat einen großen Vorteil. Wo immer Sie stehen, Sie können in fünf Minuten zu Fuß in der freien Natur sein. Das ist das Schöne an Salzburg. Die Menschen muss man ja nicht sehen.

Verfolgen Sie eigentlich die aktuelle Politik?

Ja, gezwungenermaßen. Ich muss ehrlich gestehen, der Katschthaler war für uns der beste Landeshauptmann bis jetzt. Er hat am meisten für uns getan.

Denken Sie heute noch oft zurück an Ihre Zeit im KZ?

Ja, unvermeidlich. Immer wieder bringt Sie irgendetwas auf diesen Gedanken. Ein Beispiel: Ich habe heute für jeden Süchtigen Verständnis. Ich selbst wurde im KZ hungersüchtig. Diese Krankheit kennt kein Arzt, weil er nie einen Menschen gesehen hat, der in so eine Situation geraten wäre. Ich habe heute Milde für alle Leute, die süchtig sind.

Zur Person#

Der KZ-Überlebende Marko Feingold ist Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Salzburg und feiert er am Dienstag seinen 100. Geburtstag. Feingold wurde am 28. Mai 1913 im damaligen Neusohl in der österreichisch-ungarischen Monarchie (heute: Banska Bystrica in der Slowakei) geboren und wuchs in Wien auf. In der Zwischenkriegszeit arbeitete er als Handelsvertreter in Italien. Nach dem "Anschluss" an Deutschland flüchtete Feingold nach kurzer Haft nach Prag, wo er neuerlich verhaftet wurde und von wo er 1940 ins KZ Auschwitz überstellt wurde.

Über die KZ Neuengamme und Dachau kam er ins KZ Buchenwald, wo er bis zur Befreiung 1945 inhaftiert war. In Salzburg wurde er zum Leiter der "Verpflegsstätte für politisch Verfolgte aller Religionen" bestimmt. Er übernahm auch den Vorsitz der jüdischen Gemeinde Salzburgs und war 1946 kurz Präsident der Kultusgemeinde. Im Jahr 1948 eröffnete Feingold in Salzburg ein Modegeschäft, das er bis zu seiner Pensionierung 1977 betrieb. Bald danach übernahm Feingold wieder die Präsidentschaft der Kultusgemeinde und hält nach wie vor Vorträge vor Schülern und Studenten.

Hintergrund: Salzburgs jüdische Gemeinde#

Die heutige Synagoge in Salzburg wurde im Jahr 1901 eingeweiht. Kleine jüdische Gemeinden gab es in Salzburg schon seit dem 13. Jahrhundert. Über Jahrhunderte kam es aber regelmäßig zu Judenvertreibungen. Um den k.u.k. Hofantiquar Albert Pollak wuchs Ende des 19. Jahrhunderts eine jüdische Gemeinde, die die Mittel für eine Synagoge aufbrachte und diese an ihrem heutigen Standort auf dem Grundstück eines jüdischen Bürgers errichtete.

Während der Nazizeit wurde die Synagoge teilweise zerstört und die Juden wurden abermals vertrieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen rund 125.000 jüdische Flüchtlinge durch Salzburg, etwa 500 davon blieben und bauten die Synagoge wieder auf. Die Fertigstellung war erst durch eine Spende in den 1960er Jahren möglich. 1968 wurde die Synagoge neuerlich eingeweiht. Heute hat die Gemeinde rund 70 Mitglieder.

Wiener Zeitung, Freitag, 24. Mai 2013