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„Ich wollte die Welt verändern"#

Mélanie Volle-Berger#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 12. November 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Alexander U. Mathé aus Paris


Sie floh 1938 vor den Nazis und war im Widerstand in Frankreich - Interview mit Melanie Volle-Berger#

Melanie Volle-Berger heute mit Bundespräsident Heinz Fischer und Gattin
Die Widerstandskämpferin heute (r.) mit Bundespräsident Heinz Fischer und Gattin in Paris.
© Lechner

"Wiener Zeitung": Wie war das damals, als Sie 1938 aus Österreich geflohen sind?

Melanie Volle-Berger: Ich war 16 Jahre alt. Ein Jahr vorher, mit 15 Jahren, hatte ich angefangen, illegal zu arbeiten. Illegal deshalb, weil schon 1934 alle Parteien verboten waren. Der einzige Ort, an dem wir uns alle treffen konnten, war die Lobau - die bis heute für Naturisten bekannt ist. Und so habe ich meine erste politische Diskussion nackt erfahren. Aber ich habe schon viel früher - mit 13 - begonnen, politisch zu denken.

Wie sind Sie zu ihrer Haltung gekommen?

Ich war schon als Kind ein bisschen rebellisch. Ich konnte nicht verstehen, warum es Arme und Reiche gibt. Ich konnte nicht verstehen, dass es Menschen gibt, die glauben, dass sie besser sind, weil sie eine andere Hautfarbe haben, oder eine andere Religion. Das habe ich nie verstehen wollen. Ich wollte immer die Welt verändern. Ich will sie noch immer verändern, nur leider komme ich nicht mehr dazu.

Und dann, in Paris, wie war die Situation dort?

Frankreich war für uns das Land der Freiheit, das Land der "grande révolution".

Hat sich das bewahrheitet? Frankreich hat ja alles, was deutschsprachig war, in einen Topf geworfen und auch Nazis mit Antifaschisten zusammen eingesperrt.

Am Anfang war das nicht so. Solange der Krieg nicht ausgebrochen war, wurden wir eigentlich ganz gut empfangen. Auch wenn das nicht in allen Fällen so war. Ich hatte Glück, weil ich einen französischen Namen habe - Melanie Berger, der Name ist ja genauso deutsch, wie er französisch ist. Aber in dem Augenblick, in dem der Krieg 1939 ausgebrochen ist, wurde deklariert, dass wir Ausländer sind, die man einsperren muss. Das galt für alle, auch für Antifaschisten. Auch mich haben sie in ein Lager gesteckt, in das Camp de Gurs. Zum Glück ist es mir gelungen, von dort zu fliehen und eine Arbeit als Dienstmädchen zu finden.

Sie haben dann mitgeholfen, den Widerstand in Frankreich aufzubauen. Wie hat das ausgesehen?

Wir waren eine österreichische Gruppe, bei der aber auch Deutsche dabei waren. Wir haben auf Deutsch Schriften herausgegeben, die Soldaten erklärt haben, was eigentlich der Nationalsozialismus ist. Das war natürlich keine einfache Arbeit, weil wir dadurch sehr viele Freunde verloren haben, aber wir haben auch einige gewonnen. Unter denen war ein Soldat, der mir dabei geholfen hat, mich aus dem Gefängnis herauszuholen.

Sie waren im Gefängnis?

Ja, wegen dieser deutschen Flugblätter, die wir herausgegeben haben. Ich wurde verhaftet und zu 15 Jahren Kerker verurteilt. Zwei Jahre habe ich im Gefängnis in Marseille verbracht, bevor ich fliehen konnte - dank der Hilfe eben dieses Soldaten und meiner österreichischen Widerstandsgruppe. Ich habe denen von innen erklären können, was sie machen sollten, damit ich da rauskomme.

Die französische Widerstandsbewegung hat da nicht geholfen?

Mit der standen wir damals noch nicht in Kontakt; der wurde erst 1943 geknüpft. Ab dann war es für uns auch leichter, falsche Papiere zu bekommen und beispielsweise Namen zu wechseln.

Ein anderer berühmter französischer Widerstandskämpfer, Stéphane Hessel, hat der heutigen Jugend vorgeworfen, zu passiv zu sein. Sehen Sie das ähnlich?

Volle-Berger 1946 in Frankreich
Volle-Berger 1946 in Frankreich.
© Collection

Ich habe im April mit Jugendlichen eines Gymnasiums in Wien gesprochen. Die haben mir fantastische Fragen gestellt, von Europa bis Religion. Ich habe ihnen gesagt, dass es Sachen gibt, die man einfach nicht akzeptieren darf. Und dass man die Courage haben kann, zu sagen: "Damit bin ich nicht einverstanden." Das haben sie sehr gut verstanden. Was die Jugend betrifft: Das ist wie bei den Erwachsenen - es gibt Gute und es gibt Schlechte. Aber im Großen und Ganzen habe ich Vertrauen zu ihnen. Die Jugend hat es nicht leicht. Arbeitslosigkeit. Jeder, der arbeitet, sollte mindestens so viel Geld erhalten, dass er seine Kinder ausbilden kann und dass er eine Wohnung hat. Es gibt aber heute Menschen, die arbeiten und das nicht haben, und gleichzeitig Menschen, die über Millionen- und Milliardenvermögen verfügen. Ich verstehe nicht, wie so etwas sein kann.

Was würden Sie Jugendlichen empfehlen, zu tun?

Die müssen ihren eigenen Weg finden. Wir haben nach dem Krieg sehr viel getan und erreicht, etwa die soziale Sicherheit in vielen Belangen. Die Welt hat sich aber so verändert, dass die heutige Jugend nicht mehr dieselben Methoden anwenden kann, die wir angewandt haben. Damals hatten wir nur einen "Boss", wie man so sagt. Den gibt es nicht mehr, es ist alles multinational geworden. Europa ist so ein Beispiel. Also ich bin für Europa, aber solange wir nicht überall die gleichen Gesetze haben und dieselben Gehälter wird das nie etwas. Man muss etwas für alle Menschen finden. Die Erde ist so fantastisch und wir richten sie zugrunde.

Es gibt mitten in der Krise, mitten in einer Situation hoher Arbeitslosigkeit wieder Strömungen, die allzu leichte Antworten...

Leider, leider; in ganz Europa, in Österreich wie in Frankreich, in Deutschland wie in Ungarn. Aber die Menschen glauben immer, dass es mit einer politischen Positionierung getan ist. Wenn die Rechten an der Macht sind, sagen die Linken, dass sie das und das machen werden. Also ich bin links, aber immerhin kritisiere ich sie. Denn wenn sie an der Macht sind, machen sie auch nichts besser als die anderen.

Wie war es damals für Sie, als Sie das erste Mal wieder zurück nach Österreich gekommen sind?

Einerseits war ich sehr froh. Das heißt aber nicht, dass alles gut war. Als ich zurückgekommen bin, war Österreich von den vier Mächten besetzt. Das war wirklich nicht leicht für mich. Ich hätte natürlich bleiben können. Meine Freunde wollten, dass ich bleibe. Aber Österreich hat uns rausgeschmissen, hat mich rausgeschmissen und meine Eltern rausgeschmissen. Das habe ich nicht ertragen können. Ich bin in Frankreich geblieben.

Information#

Mélanie Volle-Berger

wurde am 8. Oktober 1921 in Wien geboren. Sie trat, wie Karin Nusko in einer Kurzbiografie schreibt, 1936 von den Revolutionären Sozialisten zu den Revolutionären Kommunisten (RK) über. Im März 1938 emigrierte sie aus Österreich über Deutschland nach Belgien und arbeitete als illegale Ausländerin in Antwerpen in der Auslandsorganisation der Revolutionären Kommunisten, unter anderen mit Georg Scheuer. Gemeinsam gingen sie im Frühling 1939 nach Frankreich, wo Melanie Berger ihre Widerstandstätigkeit fortsetzte. Nach der Internierung von Georg Scheuer und Gustav Gronich in Les Milles wurde sie nach Clermont-Ferrand verwiesen, wo sie bei einem Advokaten arbeitete. So konnte sie vorläufig der Inhaftierung entgehen.

Volle-Berger reorganisierte die Gruppe in Clermont-Ferrand und fungierte als Verbindungsfrau zwischen den Stützpunkten in Antwerpen, Les Milles, London, Zürich und New York. Vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Clermont-Ferrand wurde sie evakuiert und siedelte sich in Montauban an und traf dort wieder mit Georg Scheuer zusammen. Im Jänner 1942 wird sie verhaftet und am 16. September vom Militärtribunal Toulouse wegen "kommunistischer und anarchistischer Aktivität" zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Danach wird sie in das Frauengefängnis "Baumettes" in Marseille überstellt. Die Situation von "Anna", so der Deckname Melanie Bergers im Widerstand, wird prekär, da die Gestapo seit 1943 in den Gefängnissen der Vichy-Regierung nach politischen Häftlingen forscht. Nachdem Melanie Berger mit Gelbsucht in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, kann sie von dort in einer spektakulären Aktion von einem Kommando der RK, bestehend aus Ignaz Duhl, Gustav Gronich, Lotte Israel und Georg Scheuer, befreit werden. Die Mitglieder der RK, unter denen sich auch ein Wehrmachtsoldat befindet, geben sich dabei als Nazi-Funktionäre aus, die gekommen seien, um Melanie Berger abzuholen.

Wiener Zeitung, Dienstag, 12. November 2013