unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Gab es vor tausend Jahren schon eine Millionenstadt? (Essay)#

von Franz Stürmer

1860 stieß der französische Naturkundler Henri Mouhot in Kambodscha nördlich der Provinzhauptstadt Siem Reap auf dem Weg nach Laos auf beeindruckende, vom Dschungel überwucherte Ruinen. Seine Publikationen lenkten das Interesse der westlichen Welt, vor allem der Franzosen, auf die riesigen versunkenen Tempelanlagen. Nach dem Rückzug von Siam aus Kambodscha 1907 konnten vor allem französische Forscher darangehen, die Anlagen flächendeckend aufzunehmen.

Mouhot hatte Angkor, die einstige Hauptstadt des Reichs der Khmer entdeckt. Basis für diese mittelalterliche Großstadt und den Aufstieg des Khmerreiches war eine ausgeklügelte Bewässerungstechnik, die unabhängig von den periodischen Monsun-Regenzeiten und dem nahen riesigen Tonle-Sap-See bis zu drei (statt einer) Ernten im Jahr ermöglichte. Riesige Wasserreservoirs (Barays) in einer Größe von 8 mal 2 km und ein Netz von Kanälen versorgten die Reisfelder auch in der Trockenzeit mit Wasser. Die damit erreichbare Überproduktion erlaubte ein rasches Bevölkerungswachstum, wobei nur ein geringer Teil in der Landwirtschaft beschäftigt war, sondern Soldaten, Arbeiter, Handwerker und Priester den Hauptanteil ausmachten. Damit konnte der Herrscher der Khmer, der Gottkönig, auf ausreichend Truppen, aber auch auf Erbauer derHauptstadt und Priester als Erhalter der weiträumigen Tempelhallen zurückgreifen.

Im Jahr 802 sagte sich Prinz Jayavarman II. von der Oberhoheit des Königreichs Java los und erklärte alle von Khmer bewohnten Gebiete als sein unabhängiges Khmer-Reich.

Unter König Yasovarman I. (889–900) wurde mit dem Bau Angkors begonnen. Nach mehreren Übergriffen durch das Champareich (Vietnam) wurde ab 1113 unter Jayavarman VI. (als Khmer-König Suryavarman 1113–1145) Angkor Wat gebaut.

Unter Jayavarman VII. (1181–1218) erreichte das Khmer-Reich mit einer Ausdehnung über das gesamte Festland von Südostasien seinen Höhepunkt. Um 1200 wurde mit dem Bau einer neuen Inneren Königsstadt begonnen – Angkor Thom. Allein diese von einer Mauer mit von viergesichtigen monumentalen Köpfen gekrönten Toren umgebene Stadt besaß eine Fläche von 10 km². Angkor Wat, der bekannteste Tempel, lag rund 2 km außerhalb und der Dschungeltempel Ta Prohm über 1 km östlich der Stadtmauer.

In den folgenden Jahrzehnten begann der Niedergang des Khmer-Reiches, das zusehends Spielball der Thais und der Cham wurde, und 1432 wurde die einstige Millionenstadt nach Eroberung durch die Thais geplündert, von den Khmer geräumt und dem Dschungel überlassen.


Dieser Essay stammt mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus dem Buch:

© 2007 by Styria Verlag in der, Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien
© 2007 by Styria Verlag in der
Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien