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Mitteleuropäische Enzyklopädie #

Auf dem Buchmarkt hat das Gedenken an den Ersten Weltkrieg 99 Jahre nach dessen Beginn voll eingesetzt #


Von der Wiener Zeitung (Mittwoch, 9. Oktober 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Friedrich Weissensteiner


Fußmarsch an die Front (Galizien, Winter 1915)
Fußmarsch an die Front (Galizien, Winter 1915). Mit Texten aus dem gleichnamigen monumentalen Werk von Karl Kraus stellt der Band „Die letzten Tage der Menschheit“ (Herausgeber Anton Holzer, Primus Verlag, 144 Seiten, 30,80 Euro) in Bildern, die wirklich mehr als tausend Worte sagen, die Katastrophe des Ersten Weltkriegs mit all ihren Auswirkungen auf Menschenschicksale dar.
Foto: © Österreichische Nationalbibliothek

Ende Juli 1914 brach er los, der Erste Weltkrieg, den der amerikanische Diplomat George F. Kennan die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ genannt hat. Wie er losgebrochen ist, warum, wer ihn herbeigeführt, wer ihn entfesselt hat, mit derartigen Fragen befasst sich die historische Wissenschaft seit einem Jahrhundert und kommt von verschiedenen Standpunkten aus zu sehr subjektiven Einschätzungen und Urteilen. Die Aktenberge zum Thema im In- und Ausland sind riesig, die einschlägige Literatur füllt Bibliotheken und ist fast unüberblickbar.

Um diese Stofffülle zu bändigen und die vielen militärischen, politischen und wirtschaftlichen Aspekte zu berücksichtigen, unter denen man diesen Forschungsgegenstand betrachten muss, bedarf es einer riesigen Sachkenntnis und einer auf höchstem Niveau stehenden wissenschaftlichen Kompetenz. Den langjährigen Direktor des Wiener Heeresgeschichtlichen Museums, Manfried Rauchensteiner, zeichnen diese Eigenschaften in höchstem Maß aus. Sein voluminöses Buch, eine vollständig überarbeitete und wesentlich erweiterte Fassung des vor zwanzig Jahren erschienenen Werkes „Der Tod des Doppeladlers. Österreich-Ungarn und der Erste Weltkrieg 1914- 1918“ bezeichnet der Verlag als „eine mitteleuropäische Enzyklopädie“. Dieser Klassifizierung kann man vorbehaltlos zustimmen.

Facetten des Mordens #

Der über die Grenzen Österreichs hinaus bekannte Militärhistoriker beschreibt in 24 Kapiteln mit thematischer und sprachlicher Meisterschaft die Komplexität des furchtbaren Völkermordens in allen Facetten. Den Kern seiner Darstellung bilden selbstverständlich die militärischen Ereignisse an allen Fronten, die strategischen Erwägungen der Armeekommandos, die verlustreichen Schlachten, der Einsatz der verschiedenen Kampfmittel. Der Darstellungsbogen reicht über diese Kriegsgeschehnisse aber weit hinaus. Rauchensteiner analysiert die Wirtschaftslage der Doppelmonarchie, untersucht die Finanzierung des Krieges, schildert die Lage an der „Innenfront“, das Arbeitsleid in den Fabriken, die Verknappung der lebensnotwendigen Güter und die daraus resultierenden Krawalle und Streiks. Auch die innenpolitischen Ereignisse und die politischen Umwälzungen im Ausland (Oktoberrevolution in Russland!) und deren Wechselwirkungen bis hin zum Zerfall der Donaumonarchie bezieht er natürlich in den Kreis seiner Betrachtungen ein.

Eines besonderen Hinweises bedürfen Rauchensteiners Feststellungen über die Rolle, die Kaiser Franz Joseph in der sogenannten Julikrise des Jahres 1914 gespielt hat. Der 84-jährige Monarch entschied sich – so der Autor – bereits ein paar Tage nach dem Attentat von Sarajevo für eine militärische Operation gegen das Königreich Serbien. Rauchensteiner wörtlich: „(. . .) wohl am ehesten bei einer der Audienzen des Grafen Berchtold am 30. Juni oder am 2. Juli, fiel jenes Wort, das als Votum des Monarchen verstanden wurde: Krieg!“ (Zitat S. 123) Leopold Graf Berchtold war damals k. u. k. Minister des Äußern.

Das unmissverständliche Wort des Obersten Kriegsherren war Wasser auf die Mühlen der Kriegspartei am Wiener Hof. Die Kriegsmaschinerie wurde in Gang gesetzt, der Kaiser fuhr am 7. Juli mit dem Hofzug zurück nach Ischl. An den gemeinsamen Ministerratssitzungen, bei denen in der Folge die wichtigen Entscheidungen fielen, nahm er nicht teil. Die Kriegserklärung an Serbien geschah ohne weitere Rücksprachen, ohne eine letzte dramatische Konferenz. Der Kaiser unterfertigte ganz einfach das ihm vorgelegte Blatt Papier. So Rauchensteiner. – Für Debatten in Fachkreisen dürfte gesorgt sein.

Sachbuch#

Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie. Manfried Rauchensteiner. Böhlau, 1222 Seiten, 45 Euro

Wiener Zeitung, Mittwoch, 9. Oktober 2013


Der Kaiser wollte diesen Krieg nicht, definitiv nicht, das ist längst geklärt....

-- Glaubauf Karl, Samstag, 2. November 2013, 12:06


Das Bild zeigt dramatisch den Zustand der Armee: kein Stahlhelm, extrem adipöse Offiziere...; als sich Conrad 160.000 Stahlhelme von den Deutschen ausborgen wollte, holte er sich klarerweise eine Abfuhr....

-- Glaubauf Karl, Samstag, 2. November 2013, 12:09


Weshalb sollte der Kaiser den Krieg wollen, wenn er am 7. Juli mit dem Hofzug nach Ischl fährt, business as usual macht und in der extremsten bisherigen Krisensituation der Monarchie nicht einmal an den entscheidenden Sitzungen des gemeinsamen Ministerrats teilnimmt, wo der ungarische Minsterpräsident Tisza erst auf Linie der Kriegspartei gebracht werden muss ? Rauchensteiners These ist unlogisch...er weiss ja nicht einmal, wann Franz Joseph den Krieg angeordnet haben soll...

-- Glaubauf Karl, Samstag, 2. November 2013, 12:28


"Wohl (sic!!!) am ehesten bei den Audienzen des Grafen Berchtold fiel jenes Wort Krieg...." siehe oben..

Und das bitte soll ein Beweis sein für die Kriegsschuld des Kaisers ? Rauchensteiner kann nicht einmal beweisbar belegen, wann FJ das gesagt haben soll, noch dazu bedeutete in der ersten Phase der Julikrie das Wort Krieg semantisch eine Strafaktion gegen Serbien aber nicht den von der Kriegspartei der Diplomaten und Generalstäbler bewusst in Kauf genommenen Weltkrieg. Ein sehr krampfhaftes updating eines schon vor zwanzig Jahren erschienen Buches "Der Tod des Doppeladlers" ?

Interessant wäre natürlich ob der Rezensent, ein vielfach durch hervorragende Publikationen ausgewiesener Fachmann, selbst der Meinung ist, das Franz Joseph so sorglos den Krieg anordnete und dann einfach nach Ischl fuhr, wo er kaum logistische Infrastruktur hatte ? In der Annexionskrise von 1908 wollte er den Krieg keineswegs, Russland sollte mit der Öffnung der Meerengen Bosporus etc den Zugang zum Mittelmeer als Ausgleich erhalten, was von den Briten aber nicht von FJ verhindert wurde...

-- Glaubauf Karl, Samstag, 2. November 2013, 12:51