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Auf der Jagd nach NS-Raubkunst#

Robert M. Edsels Buch "Monuments Men" erhellt ein fast vergessenes Kapitel der Weltkriegshistorie#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 22. März 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Luitgard Koch


Die Geschichte schrieb einen Thriller, der von George Clooney verfilmt wird.#

Robert M. Edsel
Robert M. Edsel erzählt die Geschichte des NS-Kunstraubs.Matthew HawthorneRobert M. Edsel erzählt die Geschichte des NS-Kunstraubs.
© Matthew Hawthorne

Es geschah in Florenz. Robert M. Edsel steht auf der Ponte Vecchio, eine der ältesten Brücken, die beim Rückzug der Nazis nicht zerstört wurde. Damals in den späten 1990er Jahren macht sich der US-Amerikaner aus Dallas zum ersten Mal Gedanken darüber, wie so viele von Europas größten Kunst- und Kulturschätzen, Bilder von Leonardo da Vinci, Skulpturen von Michelangelo, die Zerstörung des Zweiten Weltkriegs überleben konnten. Wer hat sie gerettet? Und er beginnt zu recherchieren. Dabei stößt der mittlerweile 57-Jährige auf eine abenteuerliche Geschichte.

Als die Alliierten in der Normandie landen, ist unter ihnen eine Sondereinheit: die "Monuments Men". Eine ambitionierte Truppe, vorwiegend Amerikaner und Briten, ausgesandt, um das Unwiederbringliche zu schützen. Keine Soldaten, sondern Menschen, die mit der Kunst eng verbunden sind. Darunter Bildhauer, Museumskuratoren, Kunsthistoriker und Architekten. Ihr Auftrag: Bedeutende Kulturgüter vor der Zerstörung zu bewahren, geraubte und verschollene Kunstwerke aufzuspüren.

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Die Nationalsozialisten organisieren den größten Diebstahl der Geschichte und lassen aus den besetzten Gebieten Europas mehr als fünf Millionen Kunstobjekte für das "Führermuseum" ins Reich schaffen. Je näher die Alliierten und die Sowjets rücken, umso einfallsreicher werden die NS-Räuber beim Verstecken ihrer Beute - und umso gewissenloser.

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"Monuments Men" bei ihrer abenteuerlichen Suche nach den von den Nationalsozialisten gestohlenen Kunstschätzen.
© Robert Posey Collection

Kreuz und quer fahren die Monuments Men durch kriegerisches Gebiet. Mitten in den Wirren des zusammenbrechenden Dritten Reichs spüren sie die Nazi-Verstecke auf. Der Texaner und sein Koautor Brett Witter erzählen diese atemberaubende und größte Schatzsuche der Geschichte anhand von persönlichen Briefen und Tagebüchern der Schlüsselfiguren - bis zum dramatischen Showdown im Salzbergwerk von Altaussee.

Das Buch liest sich wie ein Thriller im Stil von Indiana Jones. Siebzehn Jahre lang arbeitet der ehemalige Tennisspieler unablässig an seinem Thema. "Diese Männer hatten bereits Familie und Karriere", betont der einstige Ölmagnat, der seine Firma vor Jahren verkaufte. Das alles ließen sie zurück. Zwei von ihnen wurden dabei getötet. "Ob Künstler, Museumskuratoren und Architekten heute auch dazu bereit wären derartigen Idealismus aufzubringen?", fragt sich der Philanthrop.

Am meisten beeindruckt den ambitionierten Kunstsammler freilich eine Frau in der Männerriege. Rose Valland, eine Pariser Museumsangestellte, ist für ihn eine wahre Heldin. Die couragierte Französin aus einfachen Verhältnissen gewann das Vertrauen der Nazis und spionierte sie in den vier Jahren der Besatzung aus. Nach der Befreiung von Paris trugen ihre Informationen, entscheidend dazu bei, die in Frankreich geraubten Kunstschätze wiederzufinden. "Sie verbrachte ihr Leben damit, dieses Unrecht wiedergutzumachen, selbst als viele ihrer Landsleute nichts mehr davon wissen wollten", weiß der Autor über die stockende Aufarbeitung des NS-Kunstraubs. Schließlich sind noch immer tausende Kunstwerke jüdischer Sammler verschollen.

Überfülle an Material#

Eine der Herausforderungen, die Edsel kaum bewältigen konnte, war die Fülle an Material. Denn wer sich mit dem Thema Zweiter Weltkrieg befasst, wird mit Dokumenten, Fotos und Filmen überschüttet. "Die größte Hilfe für mich war jedoch der Kontakt zu den Monuments Men selbst und ihren Familienangehörigen."

Manche hatten ihre Briefe und Familiendokumente wohlgeordnet und konnten sie gleich zur Verfügung stellen. Andere suchten extra für ihn aufwendig ihre Sachen zusammen. "Fremden Einblick in Briefe derart persönlicher Natur zu geben setzt großes Vertrauen voraus", betont Edsel. "Eines meiner bewegendsten Erlebnisse", erzählt der Weltbürger, "war das Treffen mit Lane Faison Jason in Massachusetts." Lane kam im Sommer 1945 nach Altaussee, um an den Verhören der deutschen Offiziere teilzunehmen, die dort interniert waren. Sein Hauptauftrag: möglichst viel über Hitlers Kunstsammlung und seine Pläne für das sogenannte Führermuseum herauszufinden. "Ich erlebte den mittlerweile 98-Jährigen hellwach, obwohl seine Familie meinte, er würde sich nicht mehr als eine halbe Stunde konzentrieren können", so Edsel. "Ich habe ein ganzes Leben darauf gewartet, sie kennenzulernen", meinte Lane nach dem Gespräch. Zehn Tage später starb er.

Wie verkraftet man diese Ereignisse? "Die Musik von Keith Jarrett", verrät Edsel, "speziell das legendäre Köln Konzert, hat oft meine aufgewühlte Seele wieder beruhigt." Dass sein Buch, ein veritabler Kunstthriller, nun Stoff für die große Leinwand ist, macht ihn besonders stolz. "Davon habe ich geträumt", sagt er. Derzeit wird "Monuments Men" von und mit Hollywoods Superstar George Clooney in den Filmstudios Babelsberg bei Berlin verfilmt. Mit dabei sind Stars wie Bill Murray, Cate Blanchett und Matt Damon.

Wiener Zeitung, Freitag, 22. März 2013