unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Lang geübte Nachbarschaft#

Zwischen Europa und Ägypten bestanden immer intensive wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen, die auch in gemeinsamen Großprojekten zum Ausdruck kamen. Ein kulturhistorischer Streifzug.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 24. Februar 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Robert Schediwy


Sphinx und die Pyramiden
Die Sphinx und die Pyramiden, 1839 gezeichnet von dem Briten David Roberts.
© M. Heyde/Wikipedia

Wer hat wo erstmalig den Umfang der Erdkugel berechnet? Diese geniale wissenschaftliche Leistung fand in Ägypten statt. Es war der alexandrinische Gelehrte Eratosthenes, der vermutlich von 276 bis 194 vor Chr. lebte - und seine Berechnung fußte auf der unterschiedlichen Länge der Mittagsschatten in Syene, einer Stadt im südlichen Ägypten, und in Alexandria. Eratosthenes war der Vorsteher der berühmten, von Ptolemäus I. 288 vor Christus gegründeten Bibliothek von Alexandria. Dort wirkten die größten Wissenschafter ihrer Zeit: Euklid, der Vater der Geometrie; Archimedes, der große Mathematiker, und andere.

Zugegeben: Es waren dies alles griechische Gelehrte und die ptolemäische Dynastie die Schöpfung eines griechischen Generals von Alexander dem Großen. Aber Ägypten wurde von den Ptolemäern nicht einfach unterjocht. Es kam vielmehr zu einer Verschmelzung der Kulturen, wobei speziell die altägyptische Religion und die Architektur ihre Jahrtausende währenden Traditionen bis weit in die römische Zeit zu wahren wussten.

Auch die ägyptischen Kulturtechniken bewahrten ihre Geltung. Dass es Publius Petronius, dem tüchtigen Präfekten des Kaisers Augustus, gelang, die Provinz Ägypten zur Kornkammer des Reiches zu machen, beruhte vor allem darauf, dass er die existierenden, aber verschlammten Bewässerungskanäle durch Soldaten säubern ließ.

Ein Besuch mit Folgen#

Angesichts der heute gegebenen unklaren politischen Lage im Land am Nil ist es vielleicht sinnvoll, sich der besonderen geopolitischen Rolle Ägyptens zu vergewissern: Als dominierende Hochkultur am Südrand des Mittelmeers war es gegenüber Europa wirtschaftlich und kulturell ebenso Geber wie Nehmer. Und das wird vermutlich auch so bleiben.

Ob die Bibliothek von Alexan-dria in der Spätantike Opfer fanatischer Christen wurde, ob sie das Edikt von Kaiser Theodosius aus dem Jahr 391, alle heidnischen Tempel zu zerstören, nicht überlebte, oder ob ihre letzten Reste erst unter der Herrschaft der Araber im 7. Jahrhundert beseitigt wurden, ist umstritten. Tatsache ist, dass die kulturellen, ökonomischen und politischen Beziehungen zwischen Ägypten und Europa durch die Herrschaftsansprüche der abrahamitischen Religionen Christentum und Islam über Jahrhunderte minimiert wurden.

Durch die europäische Aufklärung (und nicht zuletzt das Freimaurertum) kam aber Alt-Ägypten gegen Ende des 18. Jahrhunderts kulturell in Mode - man denke nur an Sarastros Anrufung von Isis und Osiris in Mozarts "Zauberflöte".

Napoleons Ägyptenfeldzug (1798 bis 1801) blieb zwar letztlich militärisch erfolglos, förderte aber die modische Ägyptomanie und bildete den Auftakt für ein Näherrücken Ägyptens und Europas. Begleitet von zahlreichen Gelehrten, Ingenieuren und Künstlern, zollte der korsische Eroberer den machtvollen Bauten der ägyptischen Antike seinen Respekt.

1798 wurde in Kairo das "Institut d’Égypte" gegründet, eine wissenschaftliche Einrichtung zur Erforschung Ägyptens. Die Ergebnisse der Expedition wurden in der mehrbändigen Text- und Bildsammlung "Description de lÉgypte" dokumentiert, die den Grundstein für die spätere Ägyptologie legte.

Allein die Größe der ägyptischen Pyramiden und anderer Monumentalbauten war es schon, die das "aufgeklärte" und "fortschrittliche" Europa beeindruckte. Paradoxerweise sollten es ähnlich monumentale Projekte sein, die im 19. und 20. Jahrhundert das Schicksal Ägyptens eng mit jenem Europas verknüpften.

Der Suezkanal#

Schon Napoleon hatte die Möglichkeit einer Kanalverbindung erwogen, die einen direkten Seeweg nach Indien eröffnen würde. Aber Ferdinand de Lesseps, der französische Diplomat und Cousin von Eugénie, der Gattin Napoleons III., realisierte schließlich die Vision der Verbindung von Mittelmeer und Rotem Meer. Als Glücksfall erwies sich, dass sein Jugendfreund Muhammad Said 1854 zum ägyptischen Vizekönig ernannt wurde. Schon am 30. 11. 1854 erhielt Lesseps eine erste 99-Jahres-Konzession für den Bau des Suezkanals durch die von ihm zu gründende "Compagnie universelle du canal maritime de Suez". Ihre Bestätigung durch den Sultan in Konstantinopel blieb allerdings zunächst aus - aufgrund diplomatischen Drucks von Seiten Großbritanniens.

Lesseps gründete dennoch 1858 seine Compagnie, eine ägyptische Gesellschaft mit Sitz in Alexandria und einer Hauptverwaltung in Paris. Lesseps wollte auch britische Anleger für sein Kanalprojekt gewinnen, aber das gelang ihm kaum. Letztlich sprang der ägyptische Vizekönig als Investor von 44 Prozent des Gesellschaftskapitals ein.

Beim Suezkanal ging es also keineswegs bloß um ein kolonialistisch "übergestülptes" Projekt, sondern um eine gemeinsame Vision von Ägyptern und Europäern. Es war ein Vorhaben von pharaonischen Ausmaßen. Entsprechend den Vorschlägen des vor Baubeginn verstorbenen österreichischen Ingenieurs Negrelli, sah die Planung vor, den Kanal ohne Schleusen zu bauen und einige natürliche Senken mit Meerwasser zu fluten.

Die zehnjährige Bauzeit des Kanals ist ein Epos der Modernisierung. Statt Lastkamelen kamen zunehmend Feldbahnen zum Einsatz, statt der händischen Aushebung durch bis zu 34.000 Fellachen erweiterten Baggerschiffe die zunächst gegrabene schmale Wasserrinne - und zuletzt setzte man Dynamit zur Sprengung eines Höhenrückens ein. An der festlichen Eröffnung am 17. November 1869 nahm auch Kaiser Franz Joseph teil - sie war aber vor allem ein letzter politisch-wirtschaftlicher Triumph Napoleons III. und seines Zweiten Kaiserreichs vor der katastrophalen Niederlage gegen Preußen.

Durch den neuen Verkehrsweg geriet Ägypten allerdings zu einem Knotenpunkt geostrategischer Interessenkonflikte. 1875 übernahm Großbritannien die Kanalanteile des halb bankrotten Ägypten und erhielt damit entscheidenden Einfluss auf den Kanal. 1882 besetzten die Briten Ägypten und sicherten sich so die Herrschaft über den neuen Seeweg, den sie nicht verhindern hatten können. Im Ersten Weltkrieg versuchten die Mittelmächte 1914-1915 vergeblich, den Kanal zu erobern. Auch in der Zwischenkriegszeit behielten die Briten die Kontrolle - und Angriffe Italiens im September 1940 und des deutschen Afrikacorps ab Februar 1941 wurden zurückgeschlagen. Erst Gamal abd el Nasser nahm der wie ein Staat im Staat agierenden Kanalgesellschaft das Heft aus der Hand und verstaatlichte den Suezkanal. Die Intervention Frankreichs und Englands gegen diese Maßnahme endete im Oktober 1956 mit einem blamablen Rückzug: Die dominierende Weltmacht USA machte klar, dass sie derlei spätkolonialistische Spiele nicht dulden wolle.

Im Gefolge des Krieges von 1967 wurde der still gelegte Kanal dann für etliche Jahre zur Grenze zwischen dem israelisch besetzten Sinai und Ägypten - im Juni 1975 wurde er aber reaktiviert und zählt wieder zu den wichtigsten Wasserstraßen der Welt.

Der große Staudamm#

Dank der Kanaleinnahmen konnte Präsident Nasser in den 1960er Jahren ein weiteres "pharaonisches" Projekt in Angriff nehmen: den Riesendamm oberhalb der Stadt Assuan. Wieder dauerte das Projekt etwa zehn Jahre, vom offiziellen Baubeginn am 9. Jänner 1960 bis zur Eröffnung am 15. Jänner 1971. Wieder spielten europäische Partner eine entscheidende Rolle, diesmal aber die Kontinentalmacht Russland. Zunächst sollte der Damm zwar von den USA und der Weltbank mitfinanziert werden, aber als "Strafe" für die Anerkennung der Volksrepublik China wurden diese Zusagen zurückgezogen.

Die Sowjetunion sprang ein und schickte 2000 Ingenieure. Unter ihrer Leitung errichteten 30.000 Arbeiter einen gewaltigen Schotterdamm mit Lehmdichtungskern und Betonmantel. Der Staudamm ist mehr als 3800 Meter lang und 111 Meter hoch, an der Sohle 980 Meter und an der Krone etwa 40 Meter breit. Etwa 100.000 Menschen, hauptsächlich Nubier, mussten für das Projekt umgesiedelt werden, etwa 450 Menschen verloren durch den Dammbau ihr Leben. Es entstand das "Nubische Meer", eine Süßwasserfläche, achtmal so groß wie der Bodensee. Die ökologischen Auswirkungen sind zum Teil bedenklich (Verlust des fruchtbaren Nilschlammes als Düngemittel, Abtragung des Nildeltas), aber die Ägypter sind stolz auf ihren Nasser-See, wie er offiziell heißt. Die russischen "Freunde", die sich ein wenig zu anmaßend geriert hatten, wurden von Ägyptens Präsident Sadat 1972 unmissverständlich hinauskomplimentiert.

Die Rolle Westeuropas bei diesem Bauvorhaben war eine vorrangig touristisch-kulturellle. Koordiniert durch die Unesco, gelang es, die wichtigsten nubischen Tempel, allen voran jene von Abu Simbel, durch europäisches Knowhow vor dem Versinken im Stausee zu retten.

Sensibler Tourismus#

Zwei der profiliertesten Traditionshotels von Assuan sind das von der Sofitel-Gruppe jüngst aufwändig renovierte "Old Cataract Hotel", in dem unter anderen Agatha Christie und François Mitterrand abstiegen, und das Mövenpick Hotel auf der Insel Elephantine. Dass dieses mit seinem imposanten Turmrestaurant ein architektonisches Produkt der sowjetisch geprägten 1960er Jahre ist, wird nicht sehr gerne erwähnt, gehört aber zu unserem Thema. Beide Häuser illustrieren einen weiteren wichtigen Aspekt der ägyptisch-europäischen Beziehungen: den Tourismus. Auch das "Mena House Hotel" in Gizeh am Rande Kairos, das "Winter Palace" in Luxor und noch einige andere Hotels sind steinerne Zeugen der frühen und nachhaltigen touristischen Erschließung des Landes.

Thomas Cook erfand hier 1869 die Pauschalreise. Die Zentren des Massentourismus sind heute die Badeorte Hurgada und Sharm El Sheikh, während der Kulturtourismus sich auf die Nilkreuzfahrten konzentriert. Einige Millionen Menschen, darunter übereifrige Bakschischjäger, aber auch viele der gebildetsten und sympathischesten Ägypter, sind in dieser devisenträchtigen Branche tätig, die freilich durch politische Unsicherheit extrem gefährdet ist.

Die Attentate von Luxor 1997, Sinai 2004 und 2005 sowie 2006 in Dahab, aber auch die aktuellen politischen Spannungen haben hier immer wieder starke Einbrüche bewirkt. Ein Besuch in unsicherer Zeit vermittelt allerdings Unerschrockenen den Vorteil, die vieltausendjährigen Monumente in majestätischer Einsamkeit zu erleben.

Robert Schediwy, geboren 1947, lebt als Sozialwissenschafter und Kulturpublizist in Wien.

Wiener Zeitung, Freitag, 24. Februar 2012


Die Pläne für den Suezkanal stammen eher von dem Österreicher Negrelli....

-- Glaubauf Karl, Mittwoch, 14. März 2012, 10:18


... hat eigentlich schon seine Richtigkeit...


--> siehe dazu Negrelli, Alois von Moldelbe


...Negrelli war führend an der Entwicklung des Eisenbahnbaus der österreichisch-ungarischen Monarchie, der Schweiz, Württembergs und Sachsens beteiligt und entwarf von 1846 bis 1856 die Pläne für den Suezkanal.
Der Kanal durch die Meerenge zwischen Mittelmeer und Roten Meer war keine Idee des 19. Jahrhunderts, schon die alten Ägypter dachten an eine solche Verbindung.
1857 präsentierte Alois Negrelli 1857 dem ägyptischen Vizekönig Said detaillierte Pläne für den Bau des Kanals und er wurde zum Generalinspekteur aller ägyptischen Kanalbauten ernannt.


Doch Negrelli vestarb nur ein Jahr später, am 1. Oktober 1858. Der Franzose Ferdinand de Lesseps, bis dahin ausschließlich für die politische Durchsetzung und die Finanzierung zuständig, übernahm das ganze Projekt. Er war im Besitz von Negrellis Originalplänen, die er angeblich mitentwickelt hatte - 1869 wurde der Suezkanal eröffnet.

-- Schinnerl Ingeborg, Dienstag, 20. März 2012, 12:01