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Wie können wir mit dem Thema „Nationalsozialismus“ heute umgehen? (Essay)#

Ernst Bruckmüller

Die Frage hat mehrere Dimensionen. Beginnen wir mit der – relativ – leichtesten. Trotz einer sehr aktiven Szene, die politisch am rechten Rand anzusiedeln ist, wird wohl kaum jemand ernsthaft eine Wiederbelebung des Nationalsozialismus wünschen, obwohl gewisse Bestandteile nationalsozialistischer Weltanschauung, wie Ablehnung, ja gewaltsame Ausgrenzung von Mitmenschen wegen ihrer „rassischen“ Andersartigkeit, nicht selten wahrgenommen werden können.

Dennoch, die ungeheuren Dimensionen, auch die ungeheure Anmaßung des Nationalsozialismus, setzen wohl einer echten „Wiedergeburt“ enge Grenzen. Ungeheure Dimensionen: man denkt da sofort an die Verfolgung und Tötung von Millionen Menschen wegen ihrer jüdischen Herkunft. Aber auch Roma, Russen, Polen und Serben erlitten ausschließlich wegen ihrer ethnischen oder „rassischen“ Zugehörigkeit schlimme Verfolgungen. Der Aberwitz eines Vorhabens, das Millionen Menschen einfach ausmerzen, weitere Millionen auf die Stufe von Sklavenarbeitern herabwürdigen wollte, ist auffällig. Dabei ist es niemals gelungen, diese unterstellten Unterscheidungen der verschiedenen menschlichen „Rassen“ in der Tat „wissenschaftlich“ nachzuweisen.

Nun haben auch Dschingis Khan, Tamerlan, Stalin und die Roten Khmer Menschen massenhaft getötet. Doch warum das programmatische Sammelsurium aus Vorurteilen und Gewaltbereitschaft in einem der am höchsten industrialisierten Staaten Europas politisch erfolgreichwerden konnte, wird immer etwas rätselhaft bleiben. Das schwer erklärliche Phänomen, dass eine hoch gebildete und differenzierte Gesellschaft wie die deutsche der 1930er Jahre einem halbgebildeten Scharlatan wie Adolf Hitler auf den Leim gehen konnte, wird die Forschung immer wieder beschäftigen. Hingegen war der Nationalsozialismus an der Macht nicht nur ein Terrorregime auf der Basis einer absurden Weltanschauung, sondern bot seinen Anhängern, aber auch großen Teilen der Bevölkerung, einen bescheidenen Wohlstand und – vor allem – das nationale Hochgefühl, nach der Demütigung von 1918/19 sei Deutschland wieder mächtig und gefürchtet. Auf eine Sicherung der materiellen Basis achtete das Regime bis tief in den Krieg hinein. Die Versorgung der „arischen“ Deutschen fast bis 1945 erfolgte durch die Ausplünderung der besetzten Gebiete und durch die Aneignung von (nicht nur, aber besonders, jüdischen) Vermögenswerten aus fast ganz Europa.

Wie also umgehen mit diesem denn doch einzigartigen Phänomen? Für Menschen aus dem ehemaligen Zentrum nationalsozialistischer Herrschaft und den Gebieten größter Zustimmung zu ihr, insbesondere also aus Deutschland (und Österreich), geziemt sich, neben den vielen Weisen der Erinnerung, des Gedenkens und des forschenden Zugriffs, eine gewisse fragende Demut. Denn wie konnte dies Unerhörte geschehen, hier in der Mitte Europas, in der Generation unserer Eltern und Großeltern? Und – wie hätten wir uns verhalten?


Dieser Essay stammt mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus dem Buch:

© 2007 by Styria Verlag in der, Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien
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