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"Niemand hat Dollfuß gezwungen"#

Der Politologe und Historiker Emmerich Tálos über den 4. März 1933 und die Fehler der Sozialdemokratie#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 14. Mai 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Walter Hämmerle


Emmerich Tálos
Emmerich Tálos: Der Abschied von bestimmten Begriffen löst keine inhaltlichen Differenzen. Foto: © Wiener Zeitung/Urban

Namensstreit: Tálos plädiert für Austrofaschismus statt Ständestaat. Nach 1945 pflegten ÖVP und SPÖ eigene Mythen.#

"Wiener Zeitung": Sie arbeiten an einer neuen Gesamtdarstellung der Zeit von der Ausschaltung des Parlaments 1933 bis zum Einmarsch deutscher Truppen 1938, jener Epoche also, die als Ständestaat beziehungsweise Austrofaschismus bezeichnet wird. Gibt es denn hier noch offene Fragen?

Emmerich Tálos: Mein Ziel ist es, die Ergebnisse der vorhandenen Arbeiten zu einzelnen Themen mit meinem Studium des Aktenbestandes der Vaterländischen Front, der seit letztem Jahr zugänglich ist, zu verbinden und so zu einer gesamthaften Analyse dieses Herrschaftssystems zu gelangen. Es geht um das ideologische Verständnis, um die Methode der Herrschaft, aber auch um die Frage, zu welchem Zweck diese Macht ausgeübt wurde. Ziel des Regimes war es ja, Politik und Gesellschaft in eine bestimmte Richtung zu formen. Die Herrschaftsmethode kann sicher als autoritär bezeichnet werden; werden alle Ebenen berücksichtigt, so stellt das System eine Facette faschistischer Herrschaft dar.

Der Wiener Historiker Kurt Bauer plädiert, sich vom Begriff Austrofaschismus – aus seiner Sicht ein ideologischer Kampfbegriff – zu verabschieden und stattdessen vom Ständestaat zu sprechen, um Konsens in dieser Debatte zu ermöglichen.

Ich halte es für einen Fehlweg zu glauben, wenn wir uns von bestimmten Begriffen verabschieden, damit auch schon die inhaltlichen Differenzen aus der Welt zu schaffen. Es gibt unterschiedliche Einschätzungen und jeder Teilnehmer an der Debatte muss belegen, wie er zu seiner Beurteilung kommt.

Ständestaat, Austro- bzw. Klerikalfaschismus, autoritärer Korporatismus: Welche Bezeichnung geben Sie dem von Engelbert Dollfuß 1933 mit der Ausschaltung des Parlaments etablierten Herrschaftssystem?

Ich halte nach wie vor den Begriff Austrofaschismus für adäquat. Das "Austro" signalisiert, dass es zwar deutliche Unterschiede zu anderen faschistischen Regimen – vor allem im Hinblick auf den Nationalsozialismus –, aber eben auch Gemeinsamkeiten gibt. Als "Ständestaat" bezeichnete sich das Regime selbst, daher ist es für mich kein wissenschaftlicher, sondern ein politischer Begriff. Die meisten derjenigen, die die Bezeichnung Austrofaschismus ablehnen, beziehen sich auf Autoren aus den 60er und 70er Jahren, die noch nicht den heutigen Quellenzugang gehabt haben.

Faschismus, egal ob in Deutschland oder Italien, wies eine unglaubliche Dynamik und Stärke auf; die Außenpolitik war aggressiv. Dies fehlt in Österreich, wo das Regime vor allem durch seine innere wie äußere Schwäche geprägt war.

Es gab auch schwächere Faschismen. Es stimmt, dass sich der Austrofaschismus außenpolitisch völlig abhängig machte, bis 1936 von Italien, dann von Deutschland. Aber allein aus seiner Schwäche lässt sich nicht ableiten, dass es sich nicht um Faschismus gehandelt hat. Etwa bei den Herrschaftsmethoden mit Führerprinzip, das Monopol der Vaterländischen Front, Einsatz massiver Repression. Die innere Schwäche resultierte vor allem daraus, dass eine Politik der extremen sozialen Schieflage betrieben wurde und damit Integrationsversuche, insbesondere betreffend der Arbeiterschaft, scheiterten.

Hatte das Regime angesichts der inneren Schwäche je die Unterstützung der Massen?

Es gab keine faschistische Massenbewegung wie in Deutschland oder Italien. So gesehen unterscheiden sich die Entstehungsbedingungen durchaus. Die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen waren jedoch weitgehend ident. Der Austrofaschismus hat Partikularinteressen von Banken, Industrie und Bauern berücksichtigt. Dass die Regierung den illegalen Nationalsozialisten entgegengekommen ist, vertiefte seine Schwäche noch weiter. Dollfuß hat ebenso wie Schuschnigg nicht nur die Nationalsozialisten bekämpft, sie haben auch mit ihnen verhandelt, obwohl diese zu Terroranschlägen griffen. Verglichen damit waren die Versuche, die Arbeiterschaft zu integrieren, kläglich.

Das Dollfuß-Bild mäandert noch heute zwischen "Arbeitermörder" und "erstes Nazi-Opfer". Wie glaubwürdig ist aus Ihrer Sicht das Selbstbild des Regimes als Kämpfer gegen die Nazis?

Die Regierung hatte sicher kein Interesse, zu einem Teil Nazi-Deutschlands zu werden. Von daher zielte die Strategie darauf ab, Österreichs Unabhängigkeit zu erhalten. Eine andere Frage ist, ob die Mittel taugten. Das Regime schwächte sich etwa selbst, wenn ständig vom deutschen Charakter Österreichs gesprochen wird, weil die Abgrenzung zu Deutschland fehlt. Und niemand hat Dollfuß gezwungen, ein Regime nach Vorbild des italienischen Faschismus einzuführen. Genauso hätte er sich an damaligen Demokratien wie Frankreich, Großbritannien oder Tschechoslowakei anlehnen können. Österreichs Weg in den Faschismus war von der Regierung selbstgewählt. Der 4. März 1933, der Tag, an dem das Parlament ausgeschaltet wurde, ist nicht vom Himmel gefallen, es gab Voraussetzungen dafür in mehrfacher Hinsicht. In Deutschland kam der Faschismus über das Wahlsystem an die Macht, in Österreich war die bestehende Regierung der treibende Motor.

Wie beurteilen Sie die Rolle der ab 1934 verbotenen Sozialdemokratie – etwa im Hinblick auf den Austrofaschismus und die Frage eines unabhängigen Österreichs?

Was die Unabhängigkeit angeht, so hat sich die Sozialdemokratie mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland von der Forderung nach einem Anschluss verabschiedet. Der Vorwurf, der der Sozialdemokratie zu machen ist, ist die Diskrepanz zwischen verbalen Drohgebärden und realpolitischer Defensive seit 1927. Sie hat damit schlicht die Offensive zur Verteidigung der Demokratie verpasst. Als diese dann im Februar 1934 kam, war es eindeutig zu spät.

Und die revolutionären Ziele des Austromarxismus?

Die Sozialdemokratie war immer nur in ihren Programmen radikal, nie in ihren Taten. Das gilt auch für das Parteiprogramm von 1926, in dem ausdrücklich steht, dass sie die Staatsmacht ausschließlich über die Wahlurne und mit keiner anderen Methode anstrebe; nur, wenn die damit einhergehende gesellschaftliche Umwälzung von den bürgerlichen Kräften mit gewalttätigen Mitteln verhindert werden sollte, werde die Sozialdemokratie diesen Widerstand mit den Mitteln der Diktatur brechen. Das hat zu enormen Diskussionen und Missverständnissen geführt. Von ihren Gegnern wurde die Sozialdemokratie allerdings in ihrer Passivität 1933/34 völlig richtig eingeschätzt. Im Gegensatz zu den Nationalsozialisten war die Sozialdemokratie verhandlungsbereit, nur hat Dollfuß nie ernsthafte Verhandlungen mit ihr angestrebt.

Hatte die Demokratie in der Ersten Republik überhaupt eine Chance – Anschlusssehnsüchte, faschistische Nachbarn, innenpolitische Polarisierung, wirtschaftliche Misere?

Warum nicht, die Tschechoslowakei war auch eine Demokratie. Die Erste Republik hätte durchaus Überlebenschancen gehabt, es gab ja nicht nur Konfrontation, sondern auch – sogar noch 1931 – Kooperation und Kompromisse zwischen Sozialdemokratie und bürgerlicher Regierung. Es gibt keinen Automatismus in Richtung Diktatur.

Welche Brüche und welche Kontinuitäten des Austrofaschismus haben sich in der Zweiten Republik fortgesetzt?

Die Zusammenarbeit der beiden Parteien nach 1945 wurde durch das gemeinsam erlittene Leid unter den Nazis möglich, obwohl maßgebliche Proponenten der ÖVP tragende Rollen im Austrofaschismus innehatten. Gleichzeitig prägte diese Zusammenarbeit, dass die Zeit zwischen 1933 und 1938 nicht aufgearbeitet wurde. Stattdessen haben beide Seiten ihre Erinnerungskulturen gepflegt – die SPÖ ihre Opferrolle im Bürgerkrieg 1934, die ÖVP die Märtyrerrolle Dollfuß’ als Nazi-Opfer. Die Frage, wie es überhaupt so weit kommen konnte, dass die Demokratie abgeschafft wurde, ist nicht näher gestellt worden.

Zur Person#

Emmerich Tálos, geboren 1944, studierte Theologie und Geschichte in Wien und Tübingen sowie Politikwissenschaft am Institut für Höhere Studien. Von 1983 bis 2009 Professor für Politikwissenschaft an der Universität Wien. Er arbeitet an einer neuen Gesamtdarstellung des Austrofaschismus, die zu Jahresende als Buch vorliegen soll.

Wiener Zeitung, Samstag, 14. Mai 2011