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Von Opfern und Opfern#

Neben Juden und Roma brachte das NS-Regime Leid über viele andere. Gewalt gegen Christen damals wie heute darf dennoch nicht in den Kontext der Schoa gestellt werden. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 31. Oktober 2013)

Von

Markus Himmelbauer

„So neblig wie der Begriff der Kriegsopfer
bleibt auch die Rede von den NS-Opfern.
Man setzt mehr auf Entrüstung als auf Konkretisierung.“

Ghetto, Warschau. Foto aus dem Bericht an den Reichsführer SS Heinrich Himmler über die Deportation in die Vernichtungslagher (Mai 1943), Originaltext im Bericht dazu: 'Mit Gewalt aus Bunkern hervorgeholt', Foto: Wikipedia
Ghetto, Warschau. Foto aus dem Bericht an den Reichsführer SS Heinrich Himmler über die Deportation in die Vernichtungslagher (Mai 1943), Originaltext im Bericht dazu: "Mit Gewalt aus Bunkern hervorgeholt"
Foto: Wikipedia

Kriegerdenkmäler lösen heute Unbehagen und Hilflosigkeit aus. So gelten die gefallenen Soldaten nicht mehr als Helden, sondern als Opfer eines unseligen Krieges. Die Monumente werden als Mahnmal für den Frieden umgedeutet, Gedenkstunden den Opfern aller Kriege gewidmet: getöteten Zivilisten, Frauen und Kindern in einem Atemzug mit Soldaten der k.u.k-Armee und der Deutschen Wehrmacht.

Erinnerung an Familienangehörige ist ein Akt, den die menschliche Würde gebietet, auch ihnen symbolisch eine Grabstätte zu setzen. Bei all ihrem persönlichen Unglück: Im Angriffskrieg der Wehrmacht waren sie Werkzeug der Täter. Als diese Heldendenkmäler errichtet wurden, galten als Kriegsopfer jene, die den Krieg verwundet oder mit bleibender Behinderung überlebt hatten.

So neblig wie der Begriff der Kriegsopfer bleibt oft auch die Rede von den Opfern der NS-Diktatur. In der allgemeinen Ablehnung dieser Schreckenszeit setzt man mehr auf Entrüstung als auf Konkretisierung: In den Gedenkreden kommen bestimmte Gruppen nicht vor. Für Zeugen Jehovas – damals „Bibelforscher“ genannt – und Euthanasieopfer empfindet man noch ein gewisses Mitgefühl. Wer Kommunisten nennt, müsste jedoch deren unzweideutigen Einsatz für die Überwindung der NS-Herrschaft in Österreich anerkennen. Wer Sinti und Roma oder Homo sexuelle erwähnt, müsste einer Gruppe ehrend gedenken, die bis heute Ziel von Diskriminierungen und Projektionsfläche negativer Stereotype ist. Jüdinnen und Juden schaffen es vielleicht noch, „jüdische Mitbürger“ genannt zu werden, fast schon ein Ehrentitel, der anderen verwehrt bleibt: „Unsere homosexuellen Mitbürger“ – schon gehört? Auch nicht die Opfer der NS-Justiz: Kriegsdienstverweigerer, die in Österreich erst 2009 rehabilitiert wurden. Bei den Gedenkfeiern müssten auch sie gewürdigt werden.

Foto aus dem Bericht an den Reichsführer SS Heinrich Himmler
Foto: © EPA

Mehrere Dimensionen des Opferbegriffs #

Hilfreich kann eine Klärung der Dimensionen des Opferbegriffs mit Bezug auf zwei englische Wörter, victim und sacrifice, sein: Victim ist ein Lebewesen, das mit oder ohne Absicht anderer oder durch eine Naturkatastrophe getötet oder verletzt wird. Das Opfer selbst kommt nur als passives Objekt in den Blick – etwa Gewaltopfer. Mit sacrifice ist ursprünglich ein religiöses Opfer gemeint, das der Gottheit dargebracht wird. Das Opfer hat einen höheren Sinn. Sacrifice ist ein Opfer für etwas: Dank, Lob, die Bitte um Vergebung, Gnade oder Nähe der Gottheit.

Daneben kennen wir das Opfer als Hingabe, eine freiwillige Gabe, die eine Person für etwas ihr Wichtiges gibt. Im Extremfall gibt sie ihr Leben hin, um der Wahrheit treu zu bleiben, für die sie einsteht, oder um eine andere Person vor Leiden zu bewahren und dies an ihrer Stelle auf sich zu nehmen.

Aus heutiger Sicht werden die Soldaten der Wehrmacht zum victim erklärt. Die meisten von ihnen selbst sahen damals jedoch wohl einen Sinn in ihrem Kriegsdienst. Für sie wurden Heldendenkmäler errichtet. „Kriegsopfer“ waren jene, die verwundet oder mit bleibender Behinderung überlebt hatten.

Beim Nationalfonds der Republik Österreich für die Opfer des Nationalsozialismus haben Anspruch auf eine Entschädigungszahlung „Personen, die vom nationalsozialistischen Regime aus politischen Gründen, aus Gründen der Abstammung, Religion, Nationalität, sexuellen Orientierung, aufgrund einer geistigen oder körperlichen Behinderung, aufgrund des Vorwurfes der so genannten Asozialität verfolgt wurden oder auf andere Weise Opfer typisch nationalsozialistischen Unrechts geworden sind oder das Land verlassen haben, um einer solchen Verfolgung zu entgehen.“

Wien, Heldenplatz Antikirchliche NS-Kundgebung am 13. Oktober 1938 im Gefolge des Sturms aufs Erzbischöfliche Palais durch die Hitlerjugend (8. Oktober 1938)., Foto: © IMAGNO
Wien, Heldenplatz Antikirchliche NS-Kundgebung am 13. Oktober 1938 im Gefolge des Sturms aufs Erzbischöfliche Palais durch die Hitlerjugend (8. Oktober 1938).
Foto: © IMAGNO

Manche waren von vornherein Verfolgte des Nazi-Regimes: Jeder Jude, jede Jüdin, jeder Mann und jede Frau aus dem Volk der Sinti und Roma war victim. Jede Familie kann von Erniedrigung, Vertreibung und Ermordung von Angehörigen erzählen und gedenkt ihrer Verstorbenen. Doch möchten jüdische Gemeinden nicht (mehr) auf die Opferrolle festgelegt werden, in die sie bisweilen auch durch wohlmeinende Gedenkinitiativen gedrängt werden.

Manche stellten sich politisch gegen die NS-Herrschaft, sie wussten, worauf sie sich einließen. Warum man politisch verfolgt war, lässt der Nationalfonds offen. Das muss nicht im Sinne heutigen demokratischen Selbstverständnisses gewesen sein. In totalitären Staaten finden die Herrschenden viele Gründe, sich angegriffen und bedroht zu fühlen.

Im Juli hat der Entschädigungsfonds der Studentenverbindung Carolina in Graz den Status eines NS-Opfers zuerkannt: Die katholische Verbindung wurde mit dem Einmarsch der Nationalsozialisten verboten. Zwei Carolinen wurden im KZ ermordet, 38 Mitglieder wurden inhaftiert, 42 mussten Zwangsversetzungen, Degradierungen und Entlassungen über sich ergehen lassen.

Warum nicht an Zivilcourage erinnert? #

Mittlerweile ist mehr als die Hälfte der betroffenen Verbindungen durch die Republik Österreich als NS-Opfer anerkannt. Das Finanzielle steht dabei nicht im Mittelpunkt: „Viel schlimmer als der materielle Schaden ist jedoch das menschliche Leid, das viele ÖCVer im Widerstand ertragen mussten“, schreibt der Cartellverband.

Im Oktober lud die „Arbeitsgemeinschaft Katholischer Verbände“ in den Wiener Stephansdom ein: Kardinal Innitzers Aufruf „Euer Führer ist Christus“ am Rosenkranzfest 1938 vor tausenden Jugendlichen nahmen die Nationalsozialisten zum Anlass, das Erzbischöfliche Palais zu erstürmen. 75 Jahre danach gedachte man am 7. Oktober dieses Ereignisses unter dem Motto „Christenverfolgung – gestern und heute“. Die Einladung spricht von der „Relevanz der damaligen Verfolgungssituation, in der sich Christen und zahllose andere befanden, für die aktuelle Verfolgungssituation für viele Christen“. Eine Linie von der NS-Herrschaft wird gezogen zu einer „‚Christianophobie‘, die sich in Österreich und Europa immer stärker bemerkbar macht“. Warum stellt man sich als Opfer dar und thematisiert nicht selbstbewusst Zivilcourage und Widerstand?

Am zweiten und dritten Sonntag im November propagiert die Evangelische Allianz den "Sonntag der verfolgten Kirche". Am diesjährigen 9. November findet an der Universität Wien ein u. a. von der Katholischen -Theologischen Fakultät sowie dem Internationalen Theologischen Institut in Trumau veranstaltetes internationales Symposium zum "Märtyrertum der Ostkirchen" statt.

Auch selbstkritische Erinnerung notwendig#

Die Erinnerung an Gewalt gegen Christinnen und Christen ist kein Freibrief, die Kirche als Ganze zur Märtyrerin im NS-Staat zu machen und die Verfolgung von Christinnen und Christen in die Nähe der Schoa zu rücken. Denn es war gerade die Institutoin Kirche, die Jahrhunderte lang für Gewalt gegen Andersdenkende verantwortlich zeichnete. Jedes Gedenken im kirchlichen Bereich muss die "Lehre der Verachtung des Judentums" und deren Anteil auf dem Weg zur Schoa selbstkritisch bekennen. Christliche Bekennerinnen und Bekenner dürfen nicht über die judenfeindliche Schuldgeschichte der Kirche hinwegtäuschen. Nur im Bewusstsein dieser kann im Blick auf die Schoa das rechte Maß bewahrt werden.

Der Autor ist Geschäftsführer des österreichischen Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

DIE FURCHE, Donnerstag, 31. Oktober 2013