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"Man wird die Opfer verstehen, nicht die Täter"#

Die Autorin und Journalistin Ulrike Schmitzer berichtet vom Entnazifierungslager Glasenbach, das in ihrem ersten Roman, "Die falsche Witwe", eine wichtige Rolle spielt.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Freitag, 13. Mai 2011)

Von

Christa Salchner


"Wiener Zeitung": Frau Schmitzer, Sie sind in Elsbethen-Glasenbach im Bundesland Salzburg aufgewachsen. Wann haben Sie vom Entnazifizierungslager Glasenbach erfahren?

Ulrike Schmitzer: Ich kann mich erinnern, als Kind von einem Lager gehört zu haben. Ich habe aber eher an ein Konzentrationslager als an ein Entnazifizierungslager gedacht. Der Begriff Lager war nie genau definiert. Erst viel später, während des Studiums, habe ich angefangen zu recherchieren. Ich wollte wissen, was das für ein Lager war, und bin auf einen einzigen Artikel gestoßen. Den habe ich mir aber aufgehoben. Nachgeforscht habe ich erst Jahre später, als ich schon bei Ö1 gearbeitet habe.

Wie viele Entnazifizierungslager hat es in Österreich gegeben?

Eines war in Wolfsberg in Kärnten, eines in Schwaz in Tirol und eines eben in Glasenbach - das war das größte Entnazifizierungslager Österreichs. Der Name des Lagers kommt vermutlich von einer Bahnstation, die sich dort befunden hat und wo die Gefangenen ausgestiegen sind. Das Lager war eigentlich im Süden von Salzburg, auf der anderen Salzach-Seite.

Wer hat das Lager Glasenbach geleitet und wer war dort inhaftiert?

Es ist unter US-Verwaltung gestanden und insgesamt sind 20.000 Nazis durch dieses Lager gegangen. Es befanden sich aber nie mehr als 12.000 gleichzeitig dort. Wer inhaftiert war, weiß man nicht, da es bis heute keine Listen der Insassen gibt. Einige waren Kriegsverbrecher, richtige "Kapazunder". Die Leute, mit denen ich geredet habe, waren vor allem Partei-Funktionäre und SSler. Sie waren damals sehr vom Nationalsozialismus überzeugt, angeklagt wurde keiner.

Was konkret haben die Alliierten unternommen, um die Inhaftierten umzuerziehen?

Abgesehen von einem Film, den sie den Insassen gezeigt haben, nicht viel. Aufgrund der wirtschaftlichen Situation und der Not, die nach dem Krieg geherrscht hat, waren sie mit der Versorgung schon überfordert.

War das der Dokumentarfilm "Die Todesmühlen" über die Konzentrationslager und die Massenmorde, den Sie in Ihrem Roman erwähnen?

Genau. Er sollte die Menschen mit den Verbrechen des Nationalsozialismus konfrontieren. Viele Insassen haben diesen Film als reines Propagandainstrument betrachtet, auch das wird im Roman erzählt. Die historischen Fakten im Roman stimmen.

Abgesehen davon, dass Sie aus Elsbethen-Glasenbach stammen, was war der Auslöser, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen?

Wahrscheinlich, dass ich begonnen habe, meine Familiengeschichte aufzuarbeiten. Ich habe mir gedacht, wenn ich jetzt nicht mit meiner Oma rede, wird es nie passieren.

Ist in Ihrer Familie etwas vorgefallen, das Sie aufarbeiten mussten?

Meine Großeltern haben einer deutschsprachigen Minderheit in Serbien angehört. Sehr viele von ihnen waren Nazis, das waren die sogenannten Volksdeutschen, also Donauschwaben, die von Maria Theresia dort angesiedelt wurden und unter Hitler "heim ins Reich" kehrten. Es hat mich interessiert, wie meine Großeltern zum Nationalsozialismus gestanden sind, doch Gott sei Dank hat es Entwarnung gegeben. Mein Großvater ist vor den Nazis geflüchtet und hat sich in Ungarn versteckt. Mein Großonkel war jedoch bei der SS. Meine Großmutter war sehr katholisch und hatte ein Problem damit, was Hitler mit behinderten Menschen machte. Zumindest darüber gab es schon Gerüchte.

In Ihrem Roman spielen das Verdrängte und das Schweigen eine zentrale Rolle. Warum?

Mir geht es eher um die Erinnerung als um das Schweigen. Mich interessiert, wie Erinnerung funktioniert, was wichtig an einem gelebten Leben erscheint, was man erzählt, was man verschweigt. Das hängt mit meiner persönlichen Geschichte zusammen. Ich kenne die Kultur, aus der meine Familie stammt, nur aus Erzählungen. Im Gegensatz zum Roman ist mir aber viel zu viel erzählt worden. Lange Zeit haben mich diese Geschichten überhaupt nicht interessiert.

In Ihrem Film "Glasenbach" beschäftigen Sie sich mit den Tätern des Nationalsozialismus, in Ihrem Roman "Die falsche Witwe" vor allem mit den Kindern und Enkeln der Täter. Warum?

Mich hat immer gestört, dass so wenig mit den Tätern gesprochen wird. Ich glaube, das wird irgendwann eine historische Lücke sein. Man wird die Opfer verstehen, nicht aber die Täter. In den 1970er Jahren wurden sie als Monster dargestellt. In Wirklichkeit ist es sehr ambivalent: Das sind zum Teil normale Leute, die in den letzten 60 Jahren begonnen haben nachzudenken. Nicht alle, aber manche, sehen die Zeit des Nationalsozialismus jetzt mit Distanz. Die individuelle Schuld wurde nie geklärt und das belastet auch die nachfolgenden Generationen. Deshalb gibt es die Tendenz, dem kleinsten Hinweis, bei dem die Eltern oder Großeltern als Opfer dargestellt werden, große Bedeutung beizumessen. Alles, was irgendwie mit Tätern in Zusammenhang gebracht wird, wird überhört. In der eigenen Familie hat es nie einen Nazi gegeben.

Was haben Sie diesbezüglich über die Glasenbacher und ihre Kinder herausgefunden?

Ich habe mit der Tochter eines Glasenbachers gesprochen. Sie hat sich lange Zeit gedacht, dass es sich bei Glasenbach um eine Art Volkshochschule oder Fortbildungsanstalt gehandelt hätte. Ihre Eltern haben ihr immer erzählt, wie interessant es dort war, dass so interessante Leute dort waren, dass so interessante Vorträge dort stattfanden. Kein Wunder, war doch die NS-Prominenz aus Medien, Sport und Kunst inhaftiert.

Was passierte mit den Insassen, als das Lager Glasenbach geschlossen wurde?

Geschadet hat es jedenfalls niemandem. Sie sind entlassen worden und haben als Turnlehrer, Direktor vom Haus der Natur oder als Bundesparteiobmann der FPÖ gearbeitet.

Gibt es das Entnazifizierungslager Glasenbach als Gebäude noch?

Ja, zum Teil, die Gebäude werden als Lagerhallen genutzt.

Wann entstand das erste Mal die Idee, einen Roman über dieses Thema zu schreiben?

Ungefähr vor drei Jahren. Im Journalismus muss ja immer alles schnell gehen. Man muss sich schnell einlesen, schnell arbeiten und schon kommt die nächste Geschichte. Irgendwann habe ich die Sehnsucht verspürt, mich intensiver und länger mit einem Thema zu befassen. Und beim Schreiben kann ich in verschiedene Personen schlüpfen: Einmal bist du ein alter Mann, dann wieder ein kleines Kind. Ich genieße es auch, eine Haltung einzunehmen - das ist ja im öffentlich-rechtlichen Journalismus ebenfalls anders.

Sie haben den einjährigen Lehrgang an der Leondinger Akademie für Literatur absolviert. Ist "Die falsche Witwe" ein Produkt dieses Lehrgangs?

Zum Teil. Gustav Ernst, der Leiter der Akademie, hat mein Manuskript gelesen und mir viele wertvolle Tipps gegeben, unter anderem: streichen, streichen, streichen! Am Anfang war das Manuskript doppelt so dick. Wir haben aber auch viele andere Texte geschrieben. Das Schöne war, dass man mit verschiedenen Schriftstellern und Schriftstellerinnen zusammenarbeitet und neue Zugänge zur Literatur kennen lernt. Ich lese Literatur jetzt ganz anders. Natürlich habe ich auch eine Menge über das Handwerk gelernt. Und ich bin darin bestärkt worden, meine eigene Stimme zu finden und niemanden nachzuahmen.

Arbeiten Sie an einem neuen Roman?

Eigentlich arbeite ich an zwei Romanprojekten. Zum einen versuche ich, meine Familiengeschichte aufzuschreiben. Die andere Geschichte handelt von einer Katastrophe. Ich habe eine Flut erfunden, eine rote Flut. Ziemlich absurd. Drei Monate später ereignete sich in Ungarn die rote Flut, das war im letzten Jahr. Seitdem liegt dieses Projekt auf Halde. Es sieht so aus, als hätte ich abgeschrieben, und darum ist mir die Freude daran vergangen. Man kann eine Geschichte gar nicht so zuspitzen, dass sie nicht eines Tages tatsächlich passiert.

Zur Person#

Ulrike Schmitzer wurde 1967 in Salzburg geboren, lebt in Wien und arbeitet als Wissenschaftsredakteurin für den Radiosender Ö1, als freie Filmemacherin und Autorin. Für ihre journalistischen Arbeiten wurde sie mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, unter anderem 2005 und 2006 mit dem Radiopreis der Erwachsenenbildung. Am 8. Mai war auf 3sat ihre bisher neueste Dokumentation "Die Causa Löhner - der verzweifelte Kampf einer Frau" zu sehen, die sie gemeinsam mit Matthias Widter gedreht hat. Vor kurzem erschien auch Ulrike Schmitzers erster Roman, "Die falsche Witwe".

Der Roman#

"Die falsche Witwe" beginnt mit einem Todesfall: Die Hinterbliebenen erfahren, dass es sich beim Verstorbenen nicht um den Onkel, wie alle meinten, sondern um Vater und Großvater handelt. Nun beginnt eine zermürbende Suche nach den eigenen Wurzeln. War dieser Mann ein Kriegsverbrecher? Musste er deshalb aus dem Entnazifizierungslager Glasenbach fliehen und eine neue Identität erfinden?

Für klärende Gespräche ist es zu spät, also werden die Erinnerungen befragt. Manchmal lässt Ulrike Schmitzer die Witwe erzählen, manchmal ihre Tochter, manchmal die Enkeltochter, und so entsteht ein Porträt einer Familie, wie es sie in Österreich wohl öfters geben dürfte. Ch. S.

Ulrike Schmitzer: Die falsche Witwe. Edition Atelier, Wien 2011, 106 Seiten, 14,90 Euro.

Christa Salchner, geboren 1972, lebt als freie Texterin, Journalistin und Deutsch-Trainerin in Wien.

Wiener Zeitung, Freitag, 13. Mai 2011