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Ordnung im Wiener Häusermeer#

Zur Geschichte der Hausnummerierung Nachforschungen#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 7. September 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Anton Tantner


Hausnummern gibt es hierzulande seit anno 1770. Sie halfen auch, die Untertanen zu kontrollieren.#

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Sah der entlaufene Schoßhund etwa so aus? In der Bognergasse 222 vermisste man 1771 einen Ausreißer. Bilder (Ausschnitte, farbl. bearbeitet): Gemälde v. H. Memling, ca. 1485; Plan: J. A. Nagel, 1770-73.
Fotos: © Anton Tantner, Repro: Moritz Ziegler

Am 2. Februar 1771 erschien im "Wienerischen Diarium" folgendes Inserat: "Mittwochs den 30. Jänner ist in der Bognergasse ein ganz weißes Bologneserhündl ein Mändl, welches blaue Augen hat, jedoch eines lichter blau als das andere, und eine kleine Gosche mit einer schwarzen Nasen, 7 Pfund wägend", entlaufen. "Derjenige so es gefunden oder anzeigen kann, hat sich in der Bognergasse Nro 222. im zweyten Stock anzumelden, man versichert einen guten Recompens."

Derlei Suchanzeigen für verlustig gegangene Hunde finden sich in den Zeitungen des 18. Jahrhunderts immer wieder, das Besondere an dieser ist, dass eine neue Adressierungstechnik verwendet wird, mit deren Einführung die staatlichen Behörden erst kurz zuvor in Wien begonnen hatten: Die Hausnummerierung.

Bognergasse Nro. 222 bezeichnet demnach das Haus, in dem der weiße Bologneser wieder abgegeben werden konnte - sofern er denn gefunden wurde. Und tatsächlich, wer den von Josef Anton Nagel damals verfertigten Stadtplan von Wien konsultiert (gemeinsam mit der Vogelschauansicht von Joseph Daniel von Huber der erste Plan Wiens, auf dem die Hausnummern eingezeichnet sind), wird dort, in der Bognergasse, dieses Haus finden können.

Die bis dahin in Wien übliche Methode, ein Haus zu identifizieren, nämlich mittels eines durch ein Hausschild symbolisierten Hausnamens, war an ihre Grenzen gestoßen, gab es doch viele Häuser in der Stadt und ihren Vorstädten, die denselben Namen trugen: So hatten zum Beispiel zwei Häuser den Namen "zum goldenen ABC": Eines stand in der Innenstadt in der Rauhensteingasse, ein anderes in Altlerchenfeld an der Hauptstraße. Das war aber noch richtiggehend harmlos im Vergleich zu den 80 Schildern, die alle einen Adler zeigten.

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Hohe Nummern stifteten Verwirrung - aus der Wiener Nr. 1343 wurde später Ballgasse 8.
Repro: © Moritz Ziegler

Mittel zur Rekrutierung#

Es war also kein Wunder, dass die Nummerierung der Häuser als präzisere Form der Adressierung betrachtet wurde und mit dem zunehmenden Wachstum der Städte im Europa des 18. Jahrhunderts mehr und mehr Verbreitung fand. Die Motivation dafür war weniger das Bemühen, Orientierung suchenden Einwohnerinnen und Einwohnern oder Reisenden Hilfe zu leisten, sondern war vielmehr militärischer, fiskalischer oder polizeilicher Natur: Nummerierte Häuser sollten den Zugriff auf die in ihnen lebenden Menschen und deren Reichtümer erleichtern, hatten der effizienteren Steuereintreibung, Militäreinquartierung oder Rekrutierung zu dienen.

Konskription der Seelen#

Letzteres gilt insbesondere für die Habsburgermonarchie, in deren böhmischen und österreichischen Ländern (mit Ausnahme Tirols und Vorderösterreichs) 1770 ein neues Rekrutierungssystem eingeführt wurde, zu dessen Vorbereitung eine Volkszählung - die so genannte "Seelenkonskription" - und eben die Hausnummerierung eingeleitet wurden. Monate-, manchmal sogar jahrelang zogen damals aus Zivilbeamten und Militärs zusammengesetzte Kommissionen durch die Länder der Monarchie, verzeichneten mittels vorgedruckter Formulare detailliert die christlichen Männer und summarisch auch die weiblichen "Seelen". Für die Juden und Jüdinnen verwendete man eigene Formulare.

Die Hausnummern wurden dabei ortschaftsweise vergeben, das heißt alle Häuser eines Dorfes oder einer Stadt wurden von 1 an durchnummeriert, wodurch in manchen Städten auch recht hohe, vierstellige Hausnummern vorkamen: Die höchste Hausnummer Wiens war zum Beispiel eine Zeit lang ein - heute noch existierendes - Haus in der Ballgasse mit der Nummer 1343.

Hier, in der Haupt- und Residenzstadt der Monarchie, begann die "Seelenkonskription" und Hausnummerierung im Oktober 1770. Die damit beauftragten Kommissare brauchten bis in den April des Folgejahres, um ihre Arbeit abzuschließen. Die Nummer 1 wurde auf die Hofburg gemalt. Hausnummernschilder kamen damals noch nicht zum Einsatz, und man verwendete nicht wie sonst in der Monarchie üblich schwarze, sondern rote Farbe.

Das System der ortschaftsweisen Durchnummerierung - auch die Vorstädte wurden jeweils extra durchnummeriert - hatte allerdings einen entscheidenden Nachteil: Es war nur ungenügend darauf vorbereitet, Veränderungen miteinzubeziehen. Neubauten, Häuserzusammenlegungen und -abrisse brachten die durchgehende Zahlenreihe in Unordnung, weswegen in Wien 1795 und 1821 Umnummerierungen vorgenommen werden mussten, in manchen Vorstädten sogar noch häufiger, bis zu fünfmal - ein bekanntes Problem für Heimatforscherinnen und Heimatforscher, die für ihre Suche nach bestimmten Häusern umständliche Konkordanztabellen zu Rate ziehen müssen.

Alte Zeichen am Haus
Alte Zeichen am Haus Steindlg. 4
Foto: © Anton Tantner

Vorbild Philadelphia#

Es erstaunt daher nicht, dass immer wieder Verbesserungsvorschläge für die Nummerierung ventiliert wurden, wobei das 1790 erstmals in Philadelphia (damals die größte Stadt der USA) durch den US Marshal Clement Biddle im Rahmen einer Volkszählung eingeführte System der wechselseitigen Hausnummerierung als besonders vorbildhaft galt: Die Häuser waren straßenweise nummeriert, mit den geraden und ungeraden Nummern auf jeweils gegenüberliegenden Straßenseiten; 1805 wurde dieses System in Paris angewandt, doch es sollte noch lange dauern, bis es nach Wien kam: Des Öfteren wurde hier im Laufe des 19. Jahrhunderts die Unübersichtlichkeit des "Häusermeers" beklagt, wurde die wechselseitige Nummerierung als vorbildhaft angepriesen, so zum Beispiel am 21. August 1847 in der Theaterzeitung.

Doch erst mit der Eingemeindung der Vorstädte ab 1850 sowie dem Abbruch der Stadtmauern ab 1858 war die Stadtregierung bereit, auf die Klagen einzugehen.

Farbsystem für Schilder#

Die neue Lösung wurde 1862/63 unter Mitwirkung des Schilderfabrikanten Michael Winkler verwirklicht. Gleichzeitig mit den Hausnummern, die nunmehr im Gegensatz zu den alten "Konskriptionsnummern" als "Orientierungsnummern" bezeichnet wurden, kamen Straßentafeln an die Häuserwände. Sie waren weiß lackiert, die Buchstaben auf den Plätzen in roter, sonst in schwarzer Farbe aufgetragen. Die Farbe des Randes sollte je nach Bezirk unterschiedlich sein, im ersten Bezirk zum Beispiel rot, im zweiten violett, im dritten grün. Dieses System, jedem Bezirk eine eigene Farbe zuzuordnen, musste aufgegeben werden, nachdem 1890-1892 die Vororte eingemeindet worden waren. 19 voneinander leicht unterscheidbare Farben schienen doch nicht möglich, und daher wurden die Tafeln der Bezirke 10 bis 19 nur rot umrandet.

Bis 1923 waren diese Straßentafeln in Verwendung und wurden dann von den heute üblichen rechteckigen Schildern mit weißer Schrift auf blauem Hintergrund abgelöst. Die Hausnummernschilder erneuerte man erst ab dem Jahr 1958.

Dr. Anton Tantner ist Privatdozent für Neuere Geschichte an der Universität Wien. Mehr zum Thema auf seiner Website hausnummern.tantner.net

Wiener Zeitung, Freitag, 7. September 2012