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Priester, Agenten und Retter von 1900 Juden#

Zwei Priester, ein Passport-Control-Officer und ein Mesner: Was sich im Sommer 1938 in und um die anglikanische Christ Church in Wien abspielte, beschäftigt Historiker bis heute. Einzelne Fragen sind noch unbeantwortet.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 4. August 2011)

Von

Stefan Janits


Flucht. Einziger Ausweg war 1938 die Flucht: Juden ließen sich taufen, um Österreich verlassen zu können, jüdische Kinder kamen teils nach England, Foto: © IMAGNO
Flucht. Einziger Ausweg war 1938 die Flucht: Juden ließen sich taufen, um Österreich verlassen zu können, jüdische Kinder kamen teils nach England
Foto: © IMAGNO

Was in der Wiener anglikanischen Christ Church im Sommer 1938 über die Bühne ging, erinnert mehr an ein Stück Literatur als an Geschichtsschreibung.

Wenige Monate nach dem Anschluss Österreichs an Hitler- Deutschland herrschte in der englischen Kirche im dritten Wiener Gemeindebezirk ein reges Kommen und Gehen. Es waren nicht nur Christen: Von Juni bis August 1938 haben zwei anglikanische Priester rund 1900 Juden getauft, und zwar in der Hoffnung, ihnen damit die Flucht aus Wien zu ermöglichen. Obwohl seit Jahren Historiker über diese Geschehnisse forschen, sind bis heute viele Fragen unbeantwortet. Am 8. August widmete sich nun auch die BBC-Radio- Sendung „Document“ der Wiener Christ Church. Die Sendung konnte eine Woche lang über das Internet angehört werden (www.bbc.co.uk).

Die anglikanische Gemeinde in Wien hat seit ihrer Gründung 1877 den Status einer Botschaftskirche. Als Kaplan des Botschafters hatte der anglikanische Pfarrer Charles Hugh Duffy Grimes Diplomatenstatus. Er kam 1934 mit 60 Jahren nach Wien, um die englischsprachige Gemeinde zu betreuen. Grimes, vom Judentum fasziniert, fand nach kurzer Zeit Kontakt mit Wiener Juden. „Schon vor 1938 gab es immer wieder Juden, die aus Gründen der Assimilierung zum Christentum konvertiert sind. Für viele anglophile Juden übte die Christ Church einen besonderen Reiz aus“, erklärt Christopher Wentworth-Stanley, der sich schon seit Jahren intensiv mit diesem Kapitel der Geschichte auseinandersetzt. Als Grimes sah, mit welcher Brutalität die Wiener Juden bereits kurz nach dem Anschluss verfolgt und schikaniert wurden, war ihm klar, dass er handeln musste.

Unterricht und prompte Taufe#

Bereits am 13. März 1938 taufte er die ersten Juden. Die Anzahl der Taufen stieg von Woche zu Woche. Hatte er am 14. Juni noch acht Juden Katechismusunterricht erteilt und sie anschließend getauft, waren es am 25. Juli 229. Rund 900 Juden wurden zu Mitgliedern der Church of England, ehe Grimes in sein Heimatland zurückkehrte. Wenige Tage darauf kam mit Frederick Collard sein Nachfolger nach Wien. Der damals 69-jährige Priester setzte die Arbeit Grimes fort. So taufte er allein am 13. August 470 Juden, teilweise mussten die Taufen in seiner Wohnung durchgeführt werden, da die Kirche zu Renovierungsarbeiten geschlossen war.

Doch nicht nur die beiden Pfarrer spielen in dieser Rettung verfolgter Juden eine entscheidende Rolle, dies taten auch der Mesner und der Passport-Control-Officer am britischen Konsulat.

Siegfried Richter war 1938 der Mesner der anglikanischen Gemeinde in Wien. Der 1882 in Wien geborene Jude ging als junger Mann nach England, wo er Anglikaner wurde und die britische Staatsbürgerschaft annahm. Da er zu Beginn des Ersten Weltkriegs vom österreichischen Militär eingezogen wurde, hat man ihm infolge die britische Staatsangehörigkeit aberkannt, ehe er sie im März 1938 wieder erhielt. Nach 1918 arbeitete Richter für mehrere britische Organisationen in Wien, ab 1924 war er Mesner. Kurz nach dem Anschluss wurde er zudem Empfangschef des Passport-Control-Officers Thomas Kendrick, der Visa für Großbritannien ausstellte. Eine Aufgabe Richters war es, in der Sakristei der Christ Church Spione für Kendrick anzuwerben, denn dieser spionierte die Deutschen aus. Er war Chef des britischen Geheimdienstes in Kontinentaleuropa. Als Teil eines Gentlemen’s Agreement hatten die Österreicher damit kein Problem. Dies änderte sich freilich, als Österreich Teil Deutschlands wurde. Doch zuerst gelang es der Gestapo nicht, Kendrick zu verhaften. Erst als Richter, der aufgrund von Devisenbesitz und Steuerhinterziehung verhört wurde, zugab, für Kendrick gearbeitet zu haben, wurde dieser festgenommen. Da Kendrick nicht für das Außenamt, sondern für das Kriegsministerium arbeitete, hatte er keinen Diplomatenstatus. Um Kendrick freizubekommen, machten die Engländer Richter zum Sündenbock, der in ihren Augen kein echter Engländer war. Erst Monate später, als dieser bereits vom Volksgerichtshof zu 12 Jahren Gefängnis wegen Beihilfe zur Spionage verurteilt wurde, erkannten die Briten, dass Richter mehr wusste als Kendrick. Der Versuch, mitten im Krieg den ehemaligen Mesner gegen 15 deutsche Spione einzutauschen, schlug fehl. Richter wurde ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert, wo er angeblich an einem Herzversagen starb.

Die Taufe wirkt, so oder so#

Worin genau die Motivation Grimes bestand, so viele Juden zu taufen, ist offen. Bis zu seinem Tod Anfang der 1960er-Jahre in England wollte er sich nicht zu diesen Geschehnissen äußern. „Natürlich ging es ihm darum, den Menschen zu helfen. Aber gleichzeitig war Grimes Theologe und Priester. Er wusste, dass die Taufe objektiv etwas bewirkt und nicht nur ein symbolischer Akt ist“, sagt der anglikanische Pfarrer Patrick Curran, ein Nachfolger Grimes. Ob die Konvertiten von damals zu gläubigen Christen wurden, ist unklar.

DIE FURCHE, 4. August 2011


Hochinteressant....

-- Glaubauf Karl, Dienstag, 23. August 2011, 18:16