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Warum entstehen Revolutionen? (Essay)#

Ernst Bruckmüller

Nach einer weit verbreiteten Meinung entstehen Revolutionen durch Überdruck: Die Lage der „Unteren“ wird immer schlechter, sie geraten immer mehr unter Druck, so dass sie schließlich in einer gewaltsamen Aktion eine Änderung der Verhältnisse anstreben.

Tatsächlich verhält es sich aber anders: Völlig verelendete und verarmte Gesellschaften sind selten zu Revolutionen fähig. – Wie war es denn im klassischen Fall, der Französischen Revolution?

Erstens hatte der Staat ein enormes Finanzproblem. Seit Jahrzehnten waren für die endlosenKriege (meist gegen England) ungeheure Schulden aufgehäuft worden. Zweitens: Die gebildeten Franzosen waren durchwegs Anhänger der Aufklärung und oft schon Anhänger des Gedankens der Volkssouveränität. Die traditionelle Legitimation des absolut regierenden Königs und der Herrschaft von Adel und Geistlichkeit wurde von ihnen nicht mehr anerkannt. Diese prinzipielle Schwächung der Glaubwürdigkeit der Monarchie wurde – drittens – durch König Ludwig XVI. (1754–1793) beschleunigt, der selbst ein aufgeklärter Herrscher war und vor dem Einsatz von Gewalt zurückschreckte. Die Front der Gebildeten hätte aber nie den revolutionären Druck erzeugt. Dazu bedurfte es – viertens – mobiler, gewaltbereiter Massen, und das waren die Sansculotten, der „Pöbel“ von Paris, der seinerseits durch das Ansteigen der Lebensmittelpreise schon 1788 in Unruhe versetzt wurde. Als letzten Ausweg aus der Staatskrise berief Ludwig XVI. die seit 1614 nicht mehr zusammengetretenen Generalstände ein. Für den Dritten Stand, die Vertreter der königlichen Städte und Gemeinden, wurden Abgeordnete gewählt: Eine fünfte Voraussetzung für die Revolution, denn so erfolgte eine landesweite Mobilisierung. Als die Stände im Mai 1789 zusammentraten, erklärten sich die Abgeordneten des Dritten Standes am 7. Juni zur Vertretung der Gesamtnation, zur „Nationalversammlung“.

Mit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, die die Nationalversammlung nach dem Muster der analogen Erklärung der Amerikaner 1776 vollzog (26.Oktober 1789), wurde die Revolution zum großen Symbol für eine neue Stufe der Menschlichkeit. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die hehren Ideale der Revolution, wurden jedoch von Anfang an begleitet von Orgien der Gewalt der Pariser Revolution (14. Juli 1789 Sturm auf die Bastille), die im terreur, der Schreckensherrschaft, 1794 schließlich solche Ausmaße annahm, dass deren Vertreter von den Republikanern selbst gestürzt wurden, die ihrerseits Angst vor der Guillotine hatten. Der König hatte seine Herrschaft schon 1792, seinen Kopf am 21. Jänner 1793 eingebüßt.

Einige Elemente der Französischen Revolution begegnen immer wieder: ein grundlegendes Problem der Herrschaftsträger (Finanzprobleme, verlorene Kriege), Eliten, die nicht mehr an das alte Regime glauben, aufsteigende soziale Schichten, die an die Macht drängen, das Versagen des Gewaltapparates, mobilisierbare Massen. Der Zwiespalt zwischen hohen Idealen und Gewalt kennzeichnet z. B. auch die Russische Revolution von 1917. Aber: Jede Revolution wird erst durch eine genaue Analyse ihrer Abläufe verständlich.


Dieser Essay stammt mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus dem Buch:

© 2007 by Styria Verlag in der, Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien
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