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Umtriebig auf der Route Napoléon #

Bedeutende europäische Großereignisse jähren sich heuer zum 200. Mal. Zur Neuordnung des Europas, das nach den Napoleonischen Kriegen an Stabilität verloren hatte, tagte der Wiener Kongress und im März 1815 kehrte Napoleon von Elba nach Frankreich zurück. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 26. Februar 2015)

Von

Wolfgang Häusler


Napoleon Karikatur
Neue Ordnung. Der Vertrag von Fontainebleau im April 1814 regelte die Einzelheiten der Abdankung Napoleons, welcher für den Verzicht auf den Thron, Elba als souveränes Fürstentum erhielt. Ein Jahr später kehrte Napoleon nach Frankreich zurück.
Foto: Wikimedia

„Der Kongreß hat einen fahren lassen“ – so scherzten die Wiener, als sich die Kunde von Napoleons Entweichen von seinem „souveränen Fürstentum“ Elba verbreitete. Gerade 300 Tage (4. Mai 1814 – 26. Februar 1815) hatte der Aufenthalt des Kaisers – der Titel war ihm geblieben – auf der kleinen toskanischen Insel mit ihren 12.000 Einwohnern gedauert. Seine Reise dorthin nach Abdankung und tränenreich inszeniertem Abschied von der Garde in Fontainebleau stand unter keinem guten Stern. Die Begleiter, der österreichische General Koller und der russische General Schuwalow, mussten dem gestürzten Kaiser Uniform und Mantel (erhalten im Heeresgeschichtlichen Museum) leihen, um ihn vor der Volkswut in der royalistisch gesinnten Provence zu schützen. Doch schon auf der Überfahrt auf der britischen Fregatte Undaunted war Napoleon auf seine Herrschaftssymbolik bedacht: Der Schneider fertigte nach seinem Entwurf eine Fahne mit den drei goldenen merowingischen Bienen auf rotem Schrägbalken, die im 200. Gedenkjahr auf der Insel allgegenwärtig ist.

Papa Empereur #

Es galt zu improvisieren: Bürgermeister Traditi empfing Napoleon mit seinem zum Schlüssel der Hauptstadt Portoferraio umfunktionierten großen Kellerschlüssel. Rasch wurde ein Festungsgebäude hoch über der Steilküste zur Residenz Mulini umgebaut und möbliert. Das in einem Waldtal gelegene Landhaus San Martino folgte – der Saal erinnert mit „ägyptischer“ Architektur- und Landschaftsmalerei an den berühmten Feldzug; ein Deckenbild mit zwei Tauben, die ein Liebesband verknüpft, beschwört die Hoffnung auf die Vereinigung mit Marie Louise. Die wurde allerdings von Kaiser Franz zurückgehalten und tröstete sich alsbald mit General Neipperg und dem martialischen Charme seiner Augenklappe. Die Korrespondenz wurde unterbunden, nur zum Jahreswechsel 1814/15 sendete Marie Louise einen förmlichen Gruß. Napoleon blieb nicht allein, englische Reisende versuchten den großen Gegner zu Gesicht zu bekommen. Die schöne Schwester Paolina, für deren Gesellschaftsleben rasch ein Theater eingerichtet wurde, und Mutter Letizia folgten. Anfang September landete eine verschleierte Dame: Maria Walewska.

Der Film mit Greta Garbo und Charles Boyer (1937) romantisierte den Besuch der „kleinen polnischen Patriotin“ bei der hoch gelegenen Eremitage Madonna del Monte, wo Zelte zum Sommeraufenthalt aufgestellt waren. Der mitgebrachte vierjährige Sohn Alexander sah mit seinen blonden Locken dem König von Rom, der am Wiener Hof zum Herzog von Reichstadt zurückgestuft wurde, sehr ähnlich. Der Kleine spielte vergnügt mit „Papa Empereur“, der sich sogar zu einem Krakowiak-Tanz hinreißen ließ. Der biedere Bürgermeister von Marciana verdarb die Idylle – er wollte der vermeintlichen Kaiserin seine Aufwartung machen. So reisten Maria Walewska und der Knabe, der es später zum Außenminister Napoleons III. bringen sollte, nach nur zwei Tagen und trotz stürmischer See von Elba ab.

Napoleon hatte in seinem Miniaturreich die alte Spannkraft wiedergewonnen, ließ Straßen bauen, führte in Portoferraio die Müllabfuhr ein und kümmerte sich um die Landwirtschaft. Er erprobte sich am Ochsenpflug und nahm am Thunfischfang teil. Die vernachlässigten Salinen sowie Eisenerzförderung und -verhüttung wurden reorganisiert. Eine Mineralwasserquelle, die seiner Dysurie abhalf, wird noch gegenwärtig mit den Symbolen Adler und N abgefüllt.

Historische Nachstellungen seiner Ankunft und Abfahrt dominieren 2014/15 die Tourismuswerbung für Elba, von dessen Höhen man zur italienischen Küste ebenso wie nach Korsika und Montecristo blickt. Eine Ausstellung der expressiven Gemälde von Italo Botalo „Napoleone formale e informale“ setzte 2014 einen bemerkenswerten Akzent.

Europäisches Gleichgewicht #

Zivil- und Militärverwaltung bildeten eine Einheit. General Bertrand, der Napoleon dann nach St. Helena folgen sollte, spielte Hofmarschall, der zuverlässige Artilleriegeneral Drouot war Gouverneur der Insel. Die aus der Zeit der Medici stammenden Festungsanlagen wurden instandgesetzt, die kleine Truppe, 600 Mann der Alten Garde, exerzierte eifrig. Ihr Kommandant Cambronne diente seit 1792 und führte seit 1800 in der Kompanie des berühmten Patrioten Latour d‘Auvergne dessen Titel „erster Grenadier Frankreichs“. Seine Berühmtheit verdankt Cambronne dem „Wort von Waterloo“: Von den siegreichen Briten aufgefordert, sich mit dem letzten Karrée der Garde zu ergeben, soll er geantwortet haben „La Garde meurt mais ne se rend pas.“ Er hat niemals die Frage geklärt, ob diese Todesverachtung nicht eine nachträgliche Stilisierung des Kraftworts „Merde“ war.

Napoleons Nachrichtendienst funktionierte gut. Er wusste um die Misshelligkeiten, die sich zwischen den Kongressmächten in Wien zuspitzten. Es ging vorrangig um das Streben Russlands und Preußens, sich als Siegespreis ganz Polen bzw. Sachsen einzuverleiben. Im Namen des europäischen Gleichgewichts hielt der französische Gesandte Talleyrand dagegen und verband Frankreichs Interessen mit denen Österreichs und Großbritanniens. So konnte die sächsisch-polnische Frage, die um die Jahreswende 1814/15 zu eskalieren drohte, durch einen Kompromiss entschärft werden, sodass Napoleons Coup seine Gegner schon geeint fand. Bei seinen Planungen wusste Napoleon von den Überlegungen Talleyrands, der in Partnerschaft mit Metternich zum maßgebenden Kongressdiplomaten wurde, einen sichereren Aufenthaltsort für den umtriebigen Empereur zu suchen. Umso erstaunlicher erscheint das Totalversagen des britischen Begleit- und Überwachungsoffiziers Sir Neill Campbell, der lieber auf dem Festland als auf der Insel weilte und Napoleons Vorbereitungen nicht wahrnahm. So gelang es, unbemerkt die Brigg L’Inconstant zu armieren und auf einer Flottille von sieben Schiffen 1150 Mann einzuschiffen, und erst vor der französischen Küste die Trikolore zu hissen.

Im „Flug des Adlers“ #

Nach der Landung bei Cannes am 1. März 1815 vermied Napoleon das Rhonetal und zog in Eilmärschen über noch spätwinterliche Gebirgsstraßen und Saumwege über Grasse, Digne, Sisteron, auf der Route Napoléon im „Flug des Adlers“ Richtung Paris. Ludwig XVIII. hatte gemeint, den „Abenteurer“ mit ein paar Landgendarmen einfangen zu können. Die Napoleon entgegengesandten Truppen liefen jedoch über, zuerst am 6. März im legendären Rencontre im einsamen Hochtal von Laffrey. Napoleon saß ab, trat einem Bataillon des 5. Infanterieregiments, das Feuerbefehl hatte, unbewaffnet, den grauen Mantel geöffnet, entgegen, mit der Frage, ob sie auf ihren Kaiser schießen wollten. „Vive l’Empereur!“ war die Antwort; zu sehr hatte das Regime der Bourbonen die Armee an Sold und Ehre verletzt. Bei Vizille führte ihm General La Bédoyère sein Regiment aus Grenoble zu, ebenso wendete sich Marschall Ney, von Napoleon 1812 als Fürst von der Moskwa und „Tapferster der Tapferen“ geehrt, wieder seinem alten Kriegsherrn zu. Beide kämpften bei Waterloo und büßten mit ihrer Hinrichtung.

Am 20. März 1815, dem Geburtstag des Königs von Rom, hielt Napoleon, den seine Anhänger Père Violette nach den Veilchen des Frühlings nannten, seinen triumphalen Einzug in die Tuilerien. Die Hundert Tage nahmen ihren Lauf – jedoch nicht in „Frieden und Freiheit“, wie der neue alte Herrscher gegenüber Frankreich und Europa proklamierte. Der Weg führte nach Waterloo...

DIE FURCHE, Donnerstag, 26. Februar 2015