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Russlands unerfüllter Traum#

Die türkischen Meerengen waren es, nicht Serbien, warum das Zarenreich 1914 bewusst einen großen Krieg in Kauf nahm, betont der US-Historiker Sean McMeekin in einem neuen Buch.#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 16. September 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Karl Leban


In den Ersten Weltkrieg zog Russland nur, um den 'kranken Mann am Bosporus' zu beerben
In den Ersten Weltkrieg zog Russland nur, um den "kranken Mann am Bosporus" zu beerben.
© corbis

Schon unter Katharina der Großen hatte das Zarenreich begehrliche Blicke auf die türkischen Meerengen geworfen. Später umso mehr. Da war es ein zentrales Ziel Russlands, die Kontrolle über den Bosporus und die Dardanellen in die Hand zu bekommen, um für die eigene Handels- und Kriegsmarine eine uneingeschränkte Passage vom Schwarzen Meer zum Mittelmeer zu haben. 1914 waren die strategisch wichtigen Meerengen dann der eigentliche Grund, und nicht das Schutzmandat für Serbien, warum sich Russland auf einen großen Krieg einließ. Mit diesem Fazit überrascht der US-Historiker Sean McMeekin in seinem Buch "The Russian Origins of the First World War", das nun in deutscher Übersetzung vorliegt.

In seiner Publikation behandelt McMeekin von der Forschung bisher kaum beachtete Aspekte zur Rolle Russlands bei der Entfesselung des Ersten Weltkrieges. Wobei er sich auf erstmals ausgewertetes Archivmaterial stützt. Seine Erkenntnisse lässt er in den hochbrisanten Satz münden: "Der Krieg von 1914 ist viel eher als Russlands Krieg denn als Deutschlands Krieg zu betrachten." Berlin habe demnach kein Interesse an einem großen Waffengang gehabt, Russland hingegen schon.

Komplexe Motive#

McMeekin betont, dass Russland in einem großen Krieg die Chance sah, neben der Donaumonarchie vor allem das akut kränkelnde Osmanische Reich, den historischen Erzfeind, gemeinsam mit seinen Verbündeten Frankreich und England zu zerschlagen und territorial zu beerben. "Für Russland ging es im Krieg von 1914 letztendlich immer um die Türkei." Und da primär um Konstantinopel und die Meerengen.

Zum einen waren die Meerengen für Russland wegen der angestrebten Hegemonie auf dem Balkan und für ein weiteres Vordringen in Kleinasien von großer geostrategischer Bedeutung. Zum anderen waren sie aber auch in ökonomischer Hinsicht sehr wichtig. Zumal Russland über keinen eigenen ganzjährig eisfreien Zugang zu den Weltmärkten verfügte und damals immerhin die Hälfte seiner Exporte über die Meerengen nach "draußen" gelangte. Als diese während des türkisch-italienischen Krieges 1911/12 für 18 Monate gesperrt wurden, war das ein schwerer wirtschaftlicher Schlag für das Zarenreich.

Besonders drängend schien die Frage der Meerengen im Frühjahr 1914. Als Gründe nennt McMeekin u.a. die maritime Aufrüstung der Türkei nach dem verlorenen Ersten Balkankrieg 1912/13 und die Liman-von-Sanders-Affäre (die Hohe Pforte hatte zum Missfallen Russlands einem deutschen Offizier das Oberkommando über die Bosporus-Truppen übertragen). In einem Memorandum an den Zaren machte sich Russlands Regierung für ein aktives Vorgehen stark. Darin sei erstmals die Idee ins Spiel gebracht worden, wegen der Meerengen einen großen Krieg zu provozieren, so McMeekin. Nicht zuletzt deshalb legt sein Buch nahe, dass für Russland mit dem Attentat von Sarajewo der richtige Zeitpunkt gekommen war, die nachfolgende Juli-Krise durch geschicktes Taktieren zu einem solchen Krieg eskalieren zu lassen.

Brandaktuell#

McMeekin beleuchtet auch Russlands Kriegsjahre. Im Besonderen analysiert er dabei den 1915 katastrophal fehlgeschlagenen Gallipoli-Feldzug der Entente zur Eroberung der Meerengen sowie die Verhandlungen von 1916 über eine spätere Aufteilung des osmanischen Staatsgebiets, in denen sich das Zarenreich durch territoriale Zugeständnisse an Großbritannien und Frankreich die Meerengen zumindest auf dem Papier sicherte. Am Ende blieb der Traum von den Meerengen freilich unerfüllt, denn Russland stieg nach der Oktoberrevolution von 1917 aus dem Krieg aus.

McMeekins Buch ist einer der spannendsten Beiträge im Jubiläumsgedenkjahr zum Ersten Weltkrieg und eine gute Ergänzung zu seinem ebenfalls heuer erschienenen Werk "Juli 1914". Viele Details illustrieren, welchem Grundmuster Russland in seinem jahrhundertelangen Streben nach territorialer Erweiterung folgte. Damit ist das Buch auch brandaktuell, weil eine Brücke zur jetzigen Ukraine-Krise geschlagen wird.

Information#

Russlands Weg in den Krieg. Der Erste Weltkrieg - Ursprung der Jahrhundertkatastrophe. Sean McMeekin. Übersetzt von Franz Leipold. Europa Verlag Berlin, 448 Seiten, 30,90 Euro

Wiener Zeitung, Dienstag, 16. September 2014