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Schiffe nach Palästina#

Die Historikerin Gabriele Anderl berichtet über Berthold Storfer, der unter Eichmanns Aufsicht die jüdische Auswanderung organisierte, aber selbst 1943 in Auschwitz ermordet wurde.#


Von der Wiener Zeitung (2. November 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Kerstin Kellermann


Gabriele Anderl
Die Emigrations-Expertin Gabriele Anderl.
© Bernhard Kummer

Wie ist es dazu gekommen, dass der jüdische Geschäftsmann Berthold Storfer mit Adolf Eichmann in der "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" zusammenarbeitete?

Gabriele Anderl: Storfer hatte als Finanzexperte und Geschäftsmann schon 1938 verschiedenen NS-Stellen in Wien angeboten, die jüdische Auswanderung zu organisieren. Im August 1938 gründete Adolf Eichmann die "Zentralstelle für jüdische Auswanderung". Storfer agierte nicht selbstständig, sondern unter der Aufsicht Eichmanns. Eichmann war die maßgebliche Instanz in Sachen Vertreibung. Eine wichtige Methode, um seine Ziele umzusetzen, war die Instrumentalisierung der gesamten jüdischen Gemeindeleitung und der jüdischen Funktionäre, was immer bedeutet hat, dass diese die organisatorische Arbeit gemacht haben.

Die Funktionäre der Kultusgemeinde und der jüdischen Organisationen sahen keine Handlungsalternative. Die jüdische Bevölkerung war entrechtet, ihrer materiellen Lebensgrundlage beraubt und innerhalb der Gesamtbevölkerung völlig isoliert, sie hatte keinerlei Schutz und Hilfe zu erwarten, und insofern war das wahrscheinlich wirklich die einzige Option und die Funktionäre haben möglichst alles getan, um möglichst viele Leute herauszubringen. Es gab natürlich massiven Druck: Es funktionierte so, dass Eichmann der Gemeindeleitung regelmäßig gesagt hat, in einem gewissen Zeitraum muss eine bestimmte Anzahl von Menschen ausgewandert sein. Insofern verschleiern Kollaborationsvorwürfe die Machtverhältnisse. Doron Rabinovici hat die Zwangslage der jüdischen Führung in seinem Buch "Instanzen der Ohnmacht" präzise analysiert.


Aber Storfer konnte damals noch nicht wissen, dass es zum industriell betriebenen Massenmord kommen wird.

Nach dem "Anschluss" Österreichs wurde schnell klar, dass es den Nazis um die systematische Vertreibung der jüdischen Bevölkerung ging, kombiniert mit der materiellen Beraubung. Es gab viele jüdische und nichtjüdische Gruppierungen und Einzelpersonen, die Konzepte für die kollektive jüdische Auswanderung entwarfen - auf nichtjüdischer Seite vor allem aufgrund von Antisemitismus und aus Geschäftsinteresse. Z.B. tat sich der Wiener Trabrennverein hervor - der war damals eindeutig antisemitisch eingestellt. Ob bei Storfer selbst der Rettungsgedanke im Vordergrund stand oder ob er vor allem etwas von seinem Einfluss oder Vermögen retten wollte, wissen wir nicht. Ich habe in den Quellen keine Hinweise gefunden, die das wirklich klar machen würden.


Wie haben Sie denn alle diese Einzelheiten über Storfers Schiffe herausgekriegt?

Die Beschäftigung mit Storfer resultiert aus meiner langen Beschäftigung mit dem Thema "Flucht aus Österreich" während des Nationalsozialismus. Auf vier Donaudampfern und drei Hochseeschiffen organisierte Berthold Storfer 1939 und 1940 den größten illegalen Transport nach Palästina während der NS-Zeit. Zur Organisation dieses Transportes gibt es einen Aktenbestand, der sich aber in den "Central Archives for the History of the Jewish People" in Jerusalem befindet. Storfers Aktentasche voll mit Dokumenten wurde erst vor etwas mehr als zehn Jahren von der Historikerin Evelyn Adunka in einem Wiener Depot der Kultusgemeinde entdeckt. Storfer verfasste regelmäßig Mitteilungen für die Leitung der Kultusgemeinde und für Eichmann und die Zentralstelle für jüdische Auswanderung, die über jeden seiner Schritte genau informiert sein wollten.

Ich fand neben zahlreichen anderen Dokumenten noch einen Strafprozess gegen Storfers Schwager Josef Goldner, der wie die ganze Familie für Storfer arbeitete - schon vorher in seinem Bankhaus. Goldner ging wegen der Organisation der Transporte nach Rumänien, kehrte dann aber ins Deutsche Reich zurück, was seltsam ist, denn Juden, die das Reichsgebiet verlassen hatten, durften normalerweise nicht wieder einreisen. Storfers Schwager kehrte also in das nationalsozialistische Österreich zurück, mit dem Projekt, in die USA auszuwandern. Doch dann wurde er von der Zollfahndungsstelle in Wien verhaftet. Es stellte sich heraus, dass er die Grenze mit einem Koffer voller Bargeld überschritten hatte. Er wurde 1941 wegen Devisenvergehens und Nichtanmeldung jüdischen Vermögens verurteilt. Im Rahmen des Prozesses wird Goldners Arbeit für Storfers "Ausschuss für jüdische Überseetransporte" aufgerollt und deutlich, inwieweit Storfers Verwandte an den Transporten mitgewirkt haben.


Der Druck, unter dem Storfer stand, kommt in Ihrem Buch sehr gut heraus.

Die zionistischen Organisationen, die selbst Flüchtlingstransporte organisierten, empfanden Storfer, der Jude, aber kein Zionist war, als massiven, arroganten Konkurrenten. Einzelne haben später ihre Memoiren geschrieben, was Storfer nicht tun konnte, weil er in Auschwitz erschossen wurde. Die anderen stehen heute als Helden da, während er als Kollaborateur und Verräter gebrandmarkt wurde. Es gab diese Feindseligkeit gegenüber einem Konkurrenten in Bezug auf die wenigen in Frage kommenden Schiffe. Storfer wurde ihnen vor die Nase gesetzt, um sie zu kontrollieren - und mit einem entsetzlichen Hass sind sie auf ihn losgegangen. Sie versuchten auch, seine organisatorischen Bemühungen zu hintertreiben, indem sie Geldüberweisungen blockierten, was für die Menschen katastrophale Folgen hatte. Storfer war extrem gekränkt, er sprach von "zündelnden Handlungen" seiner zionistischen Gegner. Deren Vorwurf, dass er sich mit den Transporten bereichert habe, entbehrt, soweit aus den Akten ersichtlich ist, jeder Grundlage. Storfer hatte ein Büro in der Rotenturmstraße. Es gibt Berichte über das, was sich dort abgespielt hat: Dass es gewaltsam von verzweifelten Menschen gestürmt wurde, weil es um das nackte Überleben ging, dass Storfer selbst nie erreichbar war, weil er so beschäftigt war. Aber er wies seine Verwandten und andere Mitarbeiter an, trotz allem eine gewisse Ordnung beizubehalten.


Storfer musste Geld für den Transport auftreiben.

Die Kosten der Reise sind explodiert. Im Juni 1940 begann der Krieg im Mittelmeer, die Fahrten auf den ausgedienten, überfüllten Dampfern wurden noch gefährlicher. Schiffseigentümer, Kapitäne und Mannschaft wussten, dass die Beschlagnahme der Schiffe drohte, dass alle eingesperrt werden können, weil sie in illegale Unternehmungen involviert sind. Viele nutzten die Lage dazu, den fünf- bis zehnfachen Lohn zu verlangen. Die "Donaudampfschifffahrtsgesellschaft" nutzte völlig skrupellos die Situation aus, das ist gut dokumentiert durch viele anklagende Briefe. Storfer beklagte sich ständig, sowohl bei der jüdischen Gemeinde als auch bei der Zentralstelle - vor allem über diese Eigenmächtigkeiten der DDSG. Seine Briefe sind schon sehr spitz, aber dezent und gewählt formuliert - stilistisch finde ich Storfer souverän.


Aber die Warterei hatte auch die Konsequenz, dass Leute wieder zurück ins KZ mussten!

Ja, furchtbar! Der Transport verzögerte sich um mehr als ein halbes Jahr.


Was bedeutete eigentlich Illegalität in diesem Zusammenhang?

Die Ausreise aus dem Deutschen Reich war in dieser Phase legal, von den Nazis erzwungen und gewollt. Wenn die Menschen ihre "Steuerunbedenklichkeitserklärung" hatten und ihr Vermögen zurückblieb, sollten sie verschwinden. Die Illegalität bezieht sich auf die Einreise in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina.

Die Briten hatten 1917 in der Balfour-Erklärung versprochen, die Errichtung einer jüdischen Heimstätte zu fördern. Aber sie hatten geopolitische Interessen im Nahen Osten, die Ölfelder, den Suezkanal, und sie wollten, vor allem während des Krieges, keine Probleme mit dem arabischen Widerstand gegen die jüdische Einwanderung. Also wurde mit dem Weißbuch vom Mai 1939 die legale Einreise auf ein Minimum reduziert.


Hatten diese Ereignisse auch damit zu tun, dass sonst niemand jüdische Flüchtlinge aufnahm, oder war die zionistische Bewegung so stark?

Obwohl es in Deutschland und Österreich vor der NS-Zeit viele zionistische Organisationen gab, war die Bereitschaft, tatsächlich nach Palästina auszuwandern, gering. Der Großteil der Zionisten beschränkte sich vor 1938 darauf, das Aufbauwerk in Palästina ideell zu unterstützen, Geld zu spenden und vielleicht etwas Hebräisch zu lernen. Nach dem "Anschluss" sah sich die jüdische Bevölkerung zur Flucht gezwungen, aber die meisten Länder machten ihre Grenzen dicht! Befragungen unter Israelis österreichischer und deutscher Herkunft haben gezeigt, dass sehr viele von ihnen erst durch den Nationalsozialismus zu Zionisten geworden sind.


Aber gibt es da nicht ein Tabu?

Es ist bis heute ein gewisses Tabu, darauf hinzuweisen, dass viel mehr Verfolgte hätten gerettet werden können, wenn sich die potentiellen Zufluchtsländer anders verhalten hätten. Die Zahl der Überlebenden wäre ohne massive illegale Einwanderung auch in die Schweiz, nach Belgien, Frankreich und andere Länder, ohne die Zuhilfenahme von "Schleppern", wesentlich geringer gewesen.


Die Konferenz von Evian stand gewissermaßen am Anfang der modernen Ausländergesetzgebung und dem Prinzip, dass man nur bestimmte Ausländer aufnehmen möchte.

In Evian haben die 32 teilnehmenden Länder unisono bekräftigt, dass sie zwar gerne jüdische Flüchtlinge aufnehmen würden, aber nicht könnten. Aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen oder weil sie, so sagten einige, mit den jüdischen Flüchtlingen nicht den Antisemitismus importieren wollten. Die Konferenz ist einberufen worden, um den Flüchtlingsstrom in geordnete Bahnen zu lenken, aber de facto wiesen die Folgen der Konferenz in die gegenteilige Richtung: Es ist zu immer mehr illegalen Grenzübertritten gekommen. Storfer war auch dort, aber es ist bis heute nicht wirklich klar, welche Rolle er gespielt hat.


Zur Person#

Gabriele Anderl ist freiberufliche Historikerin. Seit 1987 ist sie freie Mitarbeiterin des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes. Für ihre zeithistorischen Forschungen wurde sie 1994 mit dem Käthe Leichter-Preis für Historikerinnen der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung ausgezeichnet.

Heuer erschien im Rotbuch Verlag Berlin ihr neuestes Buch: "9096 Leben. Der unbekannte Judenretter Berthold Storfer". Mit einem Vorwort von Arno Lustiger. (Vgl. dazu auch die Rezension in der Wiener Zeitung vom 23.10.2012.


Kerstin Kellermann lebt als freie Journalistin in Wien. Sie ist ständige Reporterin des "Augustin" und Redakteurin der "Art in migration / SOHO IN OTTAKRING."


Wiener Zeitung, 2. November 2012