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Tassilo - Denkmal eines Verlierers #

Das Stift Mattsee hat seinem Gründer Tassilo ein Denkmal gesetzt. Die Erinnerung an sein tragisches Schicksal soll den Menschen und der Kirche ein Fingerzeig sein – die Art und Weise wie er sein Schicksal bewältigt hat, ist bis zum heutigen Tag vorbildlich.#


Mit freundlicher Genehmigung aus DIE FURCHE (Donnerstag, 22. Juli 2010)

Von

Stefan Müller


Tassilo
Foto: Christian Maislinger

Mächtig blitzt es in der Sonne. Fast vier Meter hoch und eine Tonne schwer, aber doch irgendwie leicht, fast filigran.

Wer in Mattsee Mattsee, Stift , jenem 20 Kilometer von Salzburg entfernten Ort am gleichnamigen See, von der Bäckerei Richtung Stiftskirche geht, kommt am Denkmal Tassilos vorbei. Seit Ende Juni ist der ehemalige Bayernherzog am renovierten Stiftsplatz verewigt. Nach langem Hin und Her ist es 1250 Jahre nach der Stiftsgründung gelungen, das 110.000 Euro teure Bronze-Denkmal zu verwirklichen.

Tassilo III., Herzog von Bayern, hat im 8. Jahrhundert 18 Klöster gegründet, als erstes Mattsee 760 nach Christus. Er dehnte sein Reich nach Osten aus, christianisierte die Heiden. Am Höhepunkt seiner Macht herrschte er über ein Gebiet, zu dem das heutige Oberösterreich, Salzburg, Nord- und Südtirol, Kärnten und die Steiermark gehörten. Er heiratete ins italienische Königshaus ein, der Papst taufte seinen Sohn. Unter seiner Ägide wurde der mächtige Salzburger Dom geweiht, ein Symbol von Stärke.

Aber nicht deshalb ist man in Mattsee so stolz auf ihn und bemüht sich um die Seligsprechung in Rom. Vielmehr ist es die Art und Weise, wie er sein Schicksal bewältigt hat.Denn Tassilo war ein Verlierer.

Der Verrat wurde ihm angedichtet#

Seine Geburt 741 wäre heute ein Fall für die Klatschspalten. Ein handfester Skandal. Tassilos Vater Odilo, ein Alemanne, war von den fränkischen Karolingern, die formal die Oberhoheit über Bayern hatten, als Herzog eingesetzt worden. Weil sich das Volk gegen den „unechten“ Bayern wehrte, suchte Odilo zeitweilig Schutz am Hof des Frankenkönigs Karl Matell – wo er dessen Tochter Hiltrud schwängerte. Kurz vor der Geburt eilte diese heimlich zu ihm nach Bayern – um einen dort tauglichen Herrscher – Tassilo III. – zu bekommen.

Die Spannungen zwischen Franken und Bayern wurden dadurch noch verschärft. Schließlich sollte Tassilo seinem eigenen Cousin – Frankenkönig Karl dem Großen – zum Opfer fallen. Der dehnte sein Reich nach Osten aus und erledigte einen Widersacher nach dem anderen. Nachdem Tassilo den Rückhalt seines Landadels und der Fürsprecher in Rom verloren hatte, nahm Karl seine Familie gefangen und zwang ihn zur Unterwerfung.

In einem Prozess 788 wurden ihm Pflichtversäumnisse und Bündnis mit dem Feind vorgeworfen. „Der Verrat wurde ihm angedichtet“, sagt der Mediävist Herwig Wolfram. „Es war ein Rechtsbruch Karls des Großen, eine brutale Machtdemonstration.“

Die verhängte Todesstrafe wurde „gnädig“ in Klostertod umgewandelt: für Tassilo, seine Frau und alle vier Kinder. Damit war das bayerische Herrschaftsgeschlecht der Agilolfinger ausradiert. Um 800 dürfte Tassilo gestorben sein, an einem 11. Dezember.

Der Legende nach soll er sich vor seinem Tod, geschoren und geblendet, im Kloster Lorsch noch mit Karl dem Großen versöhnt haben.

Das Denkmal von Lotte Ranft zeigt Tassilo als schlichte Person mit verschränkten Händen, vertikal auf einer Zeitscheibe sitzend, auf der Stationen aus seinem Leben dargestellt sind.

Von der Macht zur Ohnmacht#

„Er hat uns in der Bewältigung seines Schicksals immer noch etwas zu sagen. Man kann einem Menschen die Würde nicht nehmen, selbst nach dem Sturz in die Ohnmacht“, so Stiftspropst Vinzenz Baldemair.

Von der Macht zur Ohnmacht, vom Herrscher zum frommen Mönch: Diese Umkehr der Werte kennt das Christentum sehr gut. Die Kraft wird in Schwachheit vollendet, denn wenn ich schwach bin, bin ich stark – heißt es im zweiten Korintherbrief.

Auch die Kirche selbst, betont Baldemair, könne noch einiges an Stil und Prunk ablegen: „Ihre Kraft muss im Inneren liegen. Nicht im Besitzen und Beherrschen, sondern im Dienen und Eintreten für die Menschenrechte.“

Auch dafür könnte Tassilos Botschaft herhalten.

DIE FURCHE vom 22. Juli 2010