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Reise in die Tiefen von Steyr#

Terror, Hunger - und arbeiten bis zum Tod: Der "Stollen der Erinnerung" in Steyr zeigt die bisher weitgehend unbeachtete Geschichte von NS-Zwangsarbeit und KZ in der Stadt.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Sa./So., 7./8. Dezember 2013)

Von

Christa Hager


Eingang zum Luftschutzstollen
Eingang zum Luftschutzstollen - © J. Kerviel

Mitten im Zentrum, im Stadtteil Wehrgraben, mussten in den 1940er Jahre Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge einen Luftschutzstollen ausheben.

Manche mögen an das Christkind denken, an alte Traktoren, kleine Autos und schwere Fahrräder oder an das Hochwasser, wenn von Steyr die Rede ist. Dabei bedeutete Steyr für viele Menschen aus aller Welt - nicht nur wegen der Waffen, die dort produziert wurden -, vor allem Leid, Hunger, Kälte und Tod.

Rund 10.000 Menschen aus ganz Europa mussten in den 1940er Jahren in Steyr unter schlimmsten Bedingungen arbeiten. Zu Beginn waren es Zwangsarbeiter vor allem aus Polen, Italien, Griechenland, Russland, Tschechien, Frankreich, Spanien. Viele waren Kriegsgefangene, viele wurden unter Vorspiegelung falscher Tatsachen angeworben. Der Franzose Joseph Pastre zum Beispiel kam als junger Bauernsohn nach Steyr, wo für ihn die Hölle begann, wie er erzählte. Er war einer von 600.000 französischen Jugendlichen, die von der Vichy-Regierung zum "Pflichtarbeitsdienst" ins Deutsche Reich geschickt wurden. Ab 1941 wurden auch KZ-Häftlinge aus Mauthausen zum Arbeiten nach Steyr gebracht. Viele Tage und Nächte lang quoll Rauch aus dem Schornstein des Krematoriums und überzog die Stadt mit dem Geruch von verbranntem Fleisch.

Orte des Verbrechens#

KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter zählten für die Stadtbewohner zum Kriegsalltag. Zum einen waren sie in den vielen verschiedenen Lagern untergebracht, die auf die ganze Stadt verteilt waren, zum anderen sah man sie tagtäglich auf dem Weg zu ihren Arbeitsstätten: in die Fabriken oder zum städtischen Straßenbau, zu Aufräumarbeiten nach Bombenangriffen oder zum Bau von Luftschutzbunkern.

Die Steyrerin Frieda Meindl erzähle 2011 über den Bau eines solchen Stollens: "Wie die KZler riesengroße Steine am Rücken geschleppt haben und die Wärter hinter ihnen nach, ich kann mich noch gut erinnern. Und die sind natürlich zusammengebrochen, dann haben sie auf die mit dem Gewehrkolben eingeschlagen. Und von da an haben wir das Küchenfenster nur mehr verhängt, weil wir haben das nicht mehr anschauen können, das war so schrecklich."

Doch die Existenz der KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter wurde nach dem Krieg verdrängt und vergessen. Höchstens ein "Gemurmel des Bedauerns" war zu hören, kritisiert der in Steyr geborene Schriftsteller Erich Hackl. Das Mauthausen Komitee Steyr setzt mit dem "Stollen der Erinnerung" nun einen Schlussstrich unter das Vergessen. Den Luftschutzstollen unter dem barocken Schloss Lamberg, wo die Ausstellung untergebracht ist, hat das Komitee nicht ohne Grund als Ort für die Schau ausgesucht: zum einen, weil er von KZ-Häftlingen erbaut wurde, zum anderen wegen seiner Lage im Stadtzentrum, gleich beim Zusammenfluss von Enns und Steyr: Ein Blick genügt um zu sehen, dass das Verbrechen vor den Augen der Bevölkerung geschah.

Der Stollen #

Beginnend mit der Wirtschaftskrise und der sozialen Not der 1930er Jahre zeigt die Ausstellung von Anfang an, wie eng die Stadt mit der Kriegswirtschaft verknüpft war. Während des Nationalsozialismus sollten die Steyr- Werke zu einem wichtigen Rüstungskonzern ausgebaut werden. Anfang Juli 1938 ging die Steyr-Daimler-Puch AG in den Besitz der Hermann Göring Reichswerke über, die Produktion umfasste vor allem Wälzlager, Waffen und LKW, etwa das Spezialfahrzeug "Raupenschlepper Ost", wie ein in Steyr entwickeltes Kettenfahrzeug hieß. Das Spezialfahrzeug galt als das Prestigeprojekt des Unternehmens, Entwicklung und Produktion wurden mit allen Mitteln vorangetrieben.

Neben der Expansion sorgten die vielen Männer bei der Wehrmacht und SS, aber auch der gescheiterte Blitzkrieg in Russland Ende 1941 für die stetig steigende Nachfrage an Arbeitskräften. Denn als neue Strategie setzten die Nazis nun auf Luftkrieg gegen die angelsächsischen Mächte: Der Bau von Mittel-und Langstreckenbombern wurde forciert, in Steyr sollten dafür Flugzeugmotoren zusammengebaut und geprüft werden. Zum Vergleich: 1937 waren 7000 Personen im Steyr-Konzern tätig, 1944 an die 50.000 Personen; rund die Hälfte waren Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen aus dem Ausland oder aus dem KZ.

Dass Steyr das erste Rüstungsunternehmen in Österreich war, das auch KZ-Häftlinge einsetzte, ging auf Generaldirektor Georg Meindl zurück. Der Oberösterreicher, der bereits in den 1920er Jahren zum Freundeskreis von Herman Göring zählte, wurde bereits am 15. März 1938 - also noch vor der Übernahme durch die Reichswerke - durch politischen Druck auf den damaligen Mehrheitseigentümer Creditanstalt neuer Generaldirektor der Steyr-Daimler-Puch AG. Meindl arbeitete intensiv mit der SS zusammen, da diese mit den Häftlingen in den Konzentrationslagern über ein großes Arbeitskräftereservoir verfügte.

Im Frühjahr 1941 kamen die ersten Insassen aus dem KZ Mauthausen in die Steyr-Daimler-Puch-Werke nach Steyr. Zu Beginn wurden sie frühmorgens nach Steyr und am Abend wieder zurück nach Mauthausen gebracht. Bis Generalsdirektor Meindl ein eigenes KZ in Steyr anregte, "um den aufwändigen Transport" zu vermeiden wie er in einem Ansuchen vom 5. 1. 1942 an den Höheren SS- und Polizeiführer Ernst Kaltenbrunner schrieb.

KZ Steyr-Münichholz#

In einem 140 Meter langen, mäandernden Tunnel gedenkt man darin auch den vielen Häftlingen und unfreiwilligen Arbeitern in der Stadt während der Nazi-Herrschaft. - Foto: © J. Kerviel
In einem 140 Meter langen, mäandernden Tunnel gedenkt man darin auch den vielen Häftlingen und unfreiwilligen Arbeitern in der Stadt während der Nazi-Herrschaft. - Foto: © J. Kerviel

Am Anfang der Ausstellung steht die politische und soziale Geschichte der Stadt vor 1938. Es waren etwa 300 spanische KZ-Häftlinge aus Mauthausen, die als Erste nach Steyr gebracht wurden, um das Lager zu bauen. Was als Übergangslösung gedacht war, wurde wenig später zum KZ-Münichholz, mit sechs Baracken für die Unterkunft der Häftlinge, und jeweils eine für die SS-Wachen - insgesamt 146 Männer, vor allem aus Rumänien, Kroatien, Ungarn und Steyr - und die Lagerleitung. Später wurde das Lager vergrößert. Zwischen 1000 und 2000 Häftlinge lebten dort, zu Kriegsende stieg die Zahl der Inhaftierten auf mehr als 3000 an.

Die Lebensbedingungen im Nebenlager Münichholz unterschieden sich nicht von anderen KZ. Besonders gefürchtet waren der Küchenchef Alfred Hufnagel, der Häftlinge bis zur Bewusstlosigkeit misshandelte, oder der Lagerkommandant Otto Heeß aus Pforzheim in Deutschland, der Ungehorsam, und sei es nur Verspätung, mit Hinrichtungen bestrafte.

Für den spanischen Häftling José Borras zählte Steyr unter den Nebenlagern von Mauthausen zu den mörderischsten. "Es gab Geister im Lager, Schatten, die am Ende ihrer physischen und psychischen Not, die Augen auf den Boden geheftet, um die Küche herumschlichen, auf der Suche nach etwas Essbarem. Sie stießen dabei auf Erdäpfelschalen und aßen sie, ohne sie zu waschen, was oft Ruhr und den Tod herbeiführte. Viele Spanier, die im Jänner 1942 nach Steyr geschickt worden waren, bekamen Ödeme. Bei beißender Kälte arbeiteten sie ohne Handschuhe und nahmen die runden Eisen mit bloßen Händen. Dadurch entzündeten sich viele Wunden, aber sie mussten bei minus zehn Grad weiterarbeiten."

Ein eigenes Krematorium#

Wie viele Häftlinge im KZ-Münichholz insgesamt starben und ermordet wurden, darüber gibt es keine genauen Zahlen. Im Veraschungsbuch der Städtischen Bestattung sind 226 Namen zu finden, der Historiker Bertrand Perz geht von mindestens 295 Todesopfern aus. All diejenigen, die wegen Krankheit oder Arbeitsunfähigkeit zurück nach Mauthausen in den sicheren Tod geschickt wurden, bleiben in den Zählungen allerdings unberücksichtigt. Viele Tote wurden außerdem wieder zurück nach Steyr gebracht und bis zum Bau eines eigenen Krematoriums in der Feuerhalle am Tabor verbrannt. Erst vor zwei Jahren wurden am Steyrer Friedhof die Urnen mit der Asche von 1000 ehemaligen KZ-Insassen gefunden. Bis Mai 1945 wurden dort insgesamt 4585 Leichname im Auftrag der SS verbrannt.

Das Leben der KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter in Steyr wird in der Ausstellung mittels Fotos, Dokumenten, Zeichnungen, Originalgegenständen, vor allem aber anhand von Zitaten der Zeitzeugen und Zeitzeuginnen vermittelt. Diese Berichte heben ihre Perspektiven hervor, die ehemaligen Häftlinge bekommen auf diese Weise posthum ihre Namen zurück. Sachinformationen sind auf das Nötigste reduziert: Sie zeigen trotz der Kürze eindringlich, dass nicht Schicksal, sondern politische und gesellschaftliche Faktoren die Umstände bestimmen, in denen Menschen leben.

Bis auf wenige Ausnahmen sind die ausgestellten Exponate als Abbilder zu sehen, denn die Ausstellung der Originalobjekte ist wegen der hohen Luftfeuchtigkeit problematisch. Das bedeutendste Exponat der Ausstellung ist aber ohnehin der Stollen. Mit seinem feucht-kalten Klima, der konstanten Temperatur von acht Grad Celsius, mit seinem Wasser, das ständig von der Decke tropft, zeigt er wohl am eindringlichsten, unter welchen Umständen die Menschen damals ihre Hacken in das Konglomeratgestein des Felsens schlagen mussten.

Beklemmende Schau#

Die fünf Themenbereiche Zwangsarbeiter, KZ-Münichholz, Widerstand, Befreiung und Täter sowie Gedenkkultur sind chronologisch angeordnet, eine Gliederung, die sich auch in der räumlichen Unterteilung des Stollens widerspiegelt. Die Ausstellung verläuft als 140 Meter langer Rundweg, Glasvitrinen und Schautafeln säumen die oft niedrigen und engen Gänge. Licht wird sehr überlegt eingesetzt. Das Eingangstor zum "Stollen der Erinnerung" wurde aus gelochtem Stahlblech neu angefertigt und ist nach außen gestülpt, es gibt keinen Türgriff, auch das Schloss ist auffällig unauffällig: "Man muss reingehen wollen", so Architekt Bernhard Denkinger, der die Ausstellung gestaltet hat. Mehr als zehn Jahre hat das Mauthausen Komitee Steyr an der Umsetzung des "Stollen der Erinnerung" gearbeitet. Eine große Lücke in der Stadtgeschichte wurde nun geschlossen.

Wiener Zeitung, Sa./So., 7./8. Dezember 2013