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Sehnsucht nach der heilen Welt#

Die Familie Trapp wurde durch das Musical "Sound of Music" und den gleichnamigen Film zum Mythos. Vor 25 Jahren starb Maria Augusta, die Seele der Familie.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 23. März 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Gerhard Stadler


'Trapp Family Singers on Tour'
Foto-Montage "Trapp Family Singers on Tour", 1945, Maria Augusta von Trapp ist die zweite von rechts.
Foto: © Salzburg Museum

"Edelweiss" ist, vielleicht mit dem Summen des Refrains "bless my homeland forever", oft die Antwort, fragt man Amerikaner oder Kanadier nach Österreichs Hymne. "Edelweiss" ist ein Ohrwurm-Lied aus "Sound of Music", einem der weltweit meistgespielten Musicals. Noch heute steht dessen Filmversion um Weihnachten im Programm wichtiger US-Fernsehkanäle, mit Julie Andrews und Christopher Plummer in den Hauptrollen (der heute 82-Jährige ist einer der Oscar-Preisträger 2012).

Mit allein in den USA verkauften 20 Millionen Videos und DVDs ist der Film einer der erfolgreichsten aller Zeiten, das Österreich-Bild vieler Durchschnittsnordamerikaner bis jetzt prägend. In Japan entstand 2000 nach dem Musical eine 40-teilige Fernsehserie, die auch in anderen Staaten lief. Das Musical wird weiter weltweit aufgeführt: 2012 u.a. in Japan, den Arabischen Emiraten, Rumänien, Frankreich und Venezuela. In Österreich fand es erst 1993, im Wiener Schauspielhaus, eine Bühne und 2004 in der Wiener Volksoper. Heuer spielt man es in Salzburg im Landestheater und im Marionettentheater.

Inhalt von Musical und Film ist das Leben einer beispiellosen Familie im Salzburg der Zwischenkriegszeit, Höhepunkt das den Verlust der Heimat beklagende Lied "Edelweiss", gesungen bei einem Auftritt der Familie als Chor in der Salzburger Felsenreitschule.

Magie der Schauplätze#

Seinen Refrain singt das Publikum mit - bis auf die Nazi-Bonzen in der ersten Reihe: Es ist Sommer 1938. Ende ist die Flucht der Familie, mit Rucksäcken über grüne Höhen wandernd, singend. Kulissen sind die Stadt Salzburg und die Seen und Berge des Landes, die Familie wohnt in einem feudalen Schloss, das Leopoldskron sehr ähnlich sieht.

Bis heute soll nur die Hälfte der Touristen aus Übersee wegen Mozart nach Salzburg kommen, die andere Hälfte, um die Trapp-Family-"Locations" zu sehen. 2000 wies eine Studie die enorme Wertschöpfung für Salzburgs Fremdenverkehr nach. Der Rückgang der Besucher aus Nordamerika ist mehr als wettgemacht von Indern und Japanern, die ihrerseits, durch Fernsehaufführungen mit dem Trapp-Mythos infiziert, in Salzburg Spuren suchen.

Dass die täglich angebotenen Sound-of-Music-Busrundfahrten etwas abseits der realen Lebensplätze der Trapps fahren, stört wenig, erkennen doch die Teilnehmer verzückt die Filmschauplätze: die Barockkirche von Mondsee als Ort der (Film-)hochzeit statt der glanzlosen Kirche im Benediktinerinnenstift Nonnberg, Schloss Leopoldskron anstelle der hinter einer Mauer verborgenen Villa Trapp in einer Seitengasse in Salzburg-Aigen. Dazu gibt es Trapp-Family-Dinners und -Shows. Wer es authentisch haben will, kann seit 2008 in der wirklichen Villa Trapp ein Zimmer buchen.

Es wird ein Österreich-Bild reproduziert, das dem Rahmen von "Sound of Music" sehr nahe kommt: ein kleiner, beschaulicher Teil der Welt, wo man musiziert, eine Kinderschar zum rechten Weg erzieht und wenig Sorgen kennt. Eine jungfräuliche Novizin erringt das Herz eines blaublütigen Hagestolzes, dabei eine berechnende Dame von Welt ausstechend. Dies alles in einer schönen Stadt inmitten idyllischer Landschaft. Der Einmarsch Hitlers und seine Machtergreifung bringen zwar Spannung, aber die Nazis können ausgetrickst werden, und jenseits der Grenze kann ein neues Leben beginnen. Heil, schön, rührselig - kitschig ?

Die Wahrheit war etwas anders und die Familiengeschichte länger: Der "Mythos Trapp" begann 1915, als Georg von Trapp als Kapitän eines k.u.k. U-Bootes in der Adria zwei feindliche Kriegsschiffe versenkte, damit ein berühmter Seeheld und Maria-Theresien-Ritter wurde. Seine Heimat war Dalmatien, das Grab seiner Eltern finden wir noch im Marinefriedhof in Pola. Trapp heiratet 1911 Agathe Whitehead: ihre Mutter aus dem Wiener Hochadel, der Vater Engländer und Seewaffenproduzent mit Fabriken auch in der Monarchie.

1918 ändert sich der Rahmen: Die Trapps verlassen ihre Seevilla in Pola und leben nun mit den sieben Kindern in Klosterneuburg, durchaus standesgemäß im Martinschlössl. Es ist, wie der Erlhof in Zell am See (heute Eigentum der Familie Porsche), im Besitz ihrer mit den Hoyos’, Herber-steins und Esterhazys verwandten Familie. Agathe von Trapp stirbt 1922 an Scharlach, ihr Grab ist im Martinsfriedhof in Klosterneuburg. Trapp, der noch als Gründer von Firmen in der Handelsschifffahrt aktiv ist, erwirbt eine Villa in Aigen bei Salzburg, wohin er 1925 mit seinen Kindern übersiedelt. Der Reichtum wird erst 1935 verloren, als die Hausbank, auch sie in der Familie, nach Spekulationsgeschäften in Konkurs geht. Fatalerweise hatte Trapp auf diese Bank Lammer in Salzburg auch sein Londoner Vermögen transferiert.

Damals ist Trapp schon mit der um fünfundzwanzig Jahre jüngeren Maria Augusta verheiratet, die 1905 als M.A. Kutschera in Wien geboren wurde, und vor 25 Jahren, am 28. 3. 1987 gestorben ist. Erst Volksschullehrerin im Stift Nonnberg, übernimmt sie die Führung der Familie, erzieht mit Gottvertrauen die sieben Stiefkinder, zu denen sie drei eigene gebiert, und findet Wege aus der Geldnot: mit dem Vermieten von Zimmern der Villa an Theologiestudenten, Handarbeiten der Kinder, und mit deren Formieren zu einem Chor, der bald vor Bundeskanzler Schuschnigg und dem Diplomatischen Corps singt. Im gleichaltrigen, musikalisch gebildeten Priester Franz Wasner findet sie die kongeniale Ergänzung: Er arrangiert die Musik, dirigiert den Chor und reist fortan mit.

Exil aus Überzeugung#

Im Sommer 1938 verlässt man Österreich, da der Baron ein Anbot der deutschen Kriegsmarine, als Berater tätig zu werden, ebenso ablehnt wie einen Auftritt seiner Familie vor Hitler an dessen Geburtstag, und der Chor nicht von Chorälen zu völkischen Liedern wechseln soll. Dank der Vermittlung eines Agenten ist man schon im September 1938 in den USA. Dort tingelt die Familie per Bus oder Zug durch den Kontinent, zunächst mit bescheidenem Erfolg. Der große Durchbruch gelingt, als man zu volkstümlichen Liedern in Deutsch und Englisch wechselt, einen "Sponsor" für Werbung findet und Show-Elemente einbaut. Dirndl und Lederhose bleiben die Bühnenkleidung.

Nun reist die Familie von Erfolg zu Erfolg, bis nach Neuseeland, Hawaii und Buenos Aires, neun Monate im Jahr; drei Monate werden in Stowe nördlich von New York verbracht. Dort, in der dem Salzkammergut ähnlichen Landschaft von Vermont, wird ein 300 Hektar großer Grund gekauft und mit einem Anwesen im Alpenstil bebaut. Nach der Familiendevise des Zusammenhaltens erhält es den Namen "Cor Unum". Die Baronin gründet auch eine Musikschule und organisiert nach Kriegsende 15 Tonnen Hilfsgüter für Salzburg. 1947 stirbt Baron Trapp an Lungenkrebs. Begraben wird er mit seinem Maria-Theresien-Orden vor Cor Unum.

1950 gibt es Auftritte bei den Salzburger Festspielen, 1956 wird der Trapp Family Choir aufgelöst. Die ältesten Kinder sind inzwischen über vierzig; einige gehen in die Mission auf pazifische Inseln, andere heiraten. Vier von ihnen sollen noch leben. Einige der Enkel führen die Trapp Family Lodge in Stowe heute als Hotel.

Der Nachruhm begann mit Schallplatten und zwei Büchern der Baronin über den Weg der Familie (1949/1959), die bald ins Deutsche übersetzt werden. Darin wird einiges ausgelassen, vieles idealisiert, die Schwierigkeiten mit den Unterschieden zwischen dem europäischen und dem "American way of life" aber eingehend beschrieben. 1956/1958 folgen Filme in Deutschland, mit Ruth Leuwerik in der Hauptrolle und den Österreichern Hans Holt, Josef Meinrad und Adrienne Gessner.

Davor hatte die Baronin den vielleicht einzigen Fehler ihres Lebens gemacht: den Verkauf aller Rechte an ihrem ersten Buch um nur 9000 Dollar an Wolfgang Reinhardt, Sohn von Max Reinhardt. Der Erfolg des ersten Films erreichte die USA, wo das Erfolgsduo Rodgers & Hammerstein II darauf das Musical "Sound of Music" (1959) verfasste. Auf den Kauf der Rechte um 1,5 Millionen Dollar folgte 1965 der gleichnamige Film. Er erhielt fünf Oscars und wurde ein Welterfolg. In den Filmen passte einfach alles: die Hauptdarstellerinnen als brave Backfische (deswegen zog Hollywood Julie Andrews der Monroe vor), die sich dann in der Ehe nur ihren Kindern widmen und diese in Glauben, Sitte und Volksmusik erziehen. In Deutschland konnten sich damit die Familien des Wirtschaftswunders identifizieren, in den USA darüber der Vietnam-Krieg und der Tod J.F. Kennedys vergessen werden. Vom Leben der Trapps hatten sich die Regisseure noch weiter entfernt als es in den Büchern beschrieben war - aber der Erfolg gab ihnen Recht, bis heute.

Reale Disharmonie#

Vielleicht war das reale Familienleben der Trapps gar nicht so harmonisch: Die matriarchalische Baronin habe mit eiserner Hand die Disziplin aufrecht erhalten - darüber gibt es Vermutungen und eine Arbeit von Renate Langer, die 2001 nur in einem Jahrbuch für Kinderpsychoanalyse veröffentlicht werden konnte. Die Familienmitglieder haben geschwiegen.

Warum ist die Trapp-Familie weltberühmt, außer in Österreich? Vielleicht, weil sie nicht Österreicher waren? Georg von Trapp war im 1920 italienisch gewordenen Zara (heute Zadar, Kroatien) geboren, 1918 in Pola wohnhaft und heimatberechtigt. Damit wurde er nach dem Staatsvertrag von St. Germain 1920 italienischer Staatsbürger, ebenso seine Kinder. Und nach unserem 1927 geltenden Gesetz über Landes- und Bundesbürgerschaft verlor Maria Kutschera durch ihre Heirat mit dem "Italiener" Trapp ihre österreichische Staatsbürgerschaft und wurde formell Italienerin; den Eltern folgten die weiteren Kinder.

Daher musste im August 1938 auch nicht über die Berge geflohen werden, wie uns Filme und Musical glauben machen wollen. Die Ausreise erfolgte ordnungsgemäß, bequem mit der Bahn, ab Salzburg-Aigen nach Südtirol. Auch die Weiterreise nach den USA war einfacher - Maria von Trapp übergeht in ihrem Buch diskret diese wichtigen Tage. In Stowe erhielten alle die US-Staatsbürgerschaft.


Gerhard Stadler, geb. 1947, Dr. jur., ist als Reiseschriftsteller und "rotweißroter Spurensucher" tätig.

Wiener Zeitung, 23. März 2012


Sehr gelungen die gegenüberstellung von mythos und realität, die sache mit dem gleichaltrigen priester lässt tief blicken..

-- Glaubauf Karl, Mittwoch, 25. April 2012, 14:06