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„Vorwärts!“ ist die Parole #

Beim Endkampf der Völkerschlacht 1813 riefen Soldaten Gebhard Leberecht von Blücher „Marschall Vorwärts“ zu. Später wurde „Vorwärts“ das Leitwort der anbrechenden Moderne.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 24. April 2014).

Von

Wolfgang Häusler


J. L. E. Meissonier zeigt in „Campagne de France“ (1864) Napoleon beim Winterfeldzug 1814.
J. L. E. Meissonier zeigt in „Campagne de France“ (1864) Napoleon beim Winterfeldzug 1814.
Foto: Wikimedia
Die Posen der Anführer „Marschall Vorwärts“ (1863) heißt Emil Hüntens Bild von Blücher.
Die Posen der Anführer „Marschall Vorwärts“ (1863) heißt Emil Hüntens Bild von Blücher.
Foto: Wikimedia

Zur Zeit der Pariser Julirevolution 1830 schrieb das verwilderte Genie Christian Dietrich Grabbe an „der letzten Scene“ seines Dramas „Napoleon oder die hundert Tage“. Sie schließt mit dem apokryphen Kommando Blüchers bei Waterloo „Vorwärts, Preußen!“ Man darf dem Dichter von „Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung“ Hinterhältigkeit zutrauen.

Gebhard Leberecht von Blücher (1742– 1819), die preußisch-deutsche Leitfigur des Endkampfes gegen Napoleon, war kein Preuße: Der Sohn eines hessischen Rittmeisters und einer Mutter aus mecklenburgischem Adel (von Zülow) kam in Rostock zur Welt. Mit seinen Brüdern kämpfte der Kavallerist im Siebenjährigen Krieg zunächst auf schwedischer Seite, trat 1760 in preußische Dienste, zeigte sich beim Einsatz im geteilten Polen 1773 unbotmäßig und wurde von Friedrich II. kassiert: „Der Rittmeister von Blücher kann sich zum Teufel scheren.“

Die komplexe Struktur der preußischen Reform und ihrer politischen und militärischen Protagonisten in der Zeit der Befreiungskriege wird an ihrer Herkunft deutlich: Arndt von der damals schwedischen Insel Rügen, Staatskanzler Hardenberg und Scharnhorst aus dem Hannoverschen, Reichsfreiherr vom Stein aus Nassau; Blüchers Stabschef Gneisenau stammte immerhin aus dem Städtchen Schilda(u) bei Torgau, der Heimat der Schildbürger.

Der Sturz Napoleons #

Nicht preußische, sondern russische Soldaten, unter dem Kommando Deutsch sprechender Offiziere, riefen im Endkampf der Völkerschlacht (19. Oktober 1813) bei der Erstürmung des Leipziger Gerbertors dem alten Haudegen „Marschall Vorwärts“ zu; vielleicht in Umformung des Dawai. Die Parole lag in der Luft, so Ludwig Uhland: „Auf, gewalt’ges Österreich! Vorwärts! tu’s den andern gleich! Vorwärts!“ Selbst der Napoleon eng verbundene Goethe stimmte ein („Des Epimenides Erwachen“): „Alle Gewebe der Tyranneien / Haut entzwei und reißt euch los! / Hinauf, vorwärts, hinan! / Und das Werk, es werde getan.“ Arndt dichtete („Vorwärts und rückwärts“): „Vorwärts! Vorwärts! rief der Blücher“ – der Rhein sollte „nicht Teutschlands Grenze, sondern Teutschlands Strom sein“. Dieser stimmgewaltige Herold der Befreiungskriege verdichtete die Angriffstimmung 1840, „als Thiers die Welschen aufgewühlt hatte“: „Zum Rhein! Übern Rhein! All-Deutschland in Frankreich hinein!“

Schon zu Beginn des Kriegsjahres 1813 wollte Blücher „Alles schelmfranzosenzeug mitsamt dem Bonaparte und all seinem gantzen Anhank vom teutschen Boden weg vertilgen“. Am 26. August 1813 schlug er das Korps Macdonald an der Katzbach. Folgerichtig drängte er die verbündeten Monarchen von Österreich, Russland und Preußen, den Krieg nach Frankreich zu tragen; dieser Entschluss wurde am 1. Dezember in Frankfurt gefasst. Zur Jahreswende überschritten die Alliierten den Rhein, die Österreicher Schwarzenbergs bei Basel, Preußen und Russen unter Blüchers Führung bei Mannheim, Kaub und Koblenz. Schwarzenberg manövrierte bedächtig gegen den Schwiegersohn des Kaisers Franz und konzentrierte seine Kräfte auf dem Plateau von Langres. Blücher maß sich mit Napoleon bei Brienne und La Rothière. Noch einmal zeigte Napoleon sein Genie und blieb in den Schlachten von Montmirail, Château- Thierry, Vauchamps, Montereau in einer Februarwoche siegreich. Der Verlauf dieses Winterfeldzuges vor dem Hintergrund der halbherzigen Friedenskonferenz von Châtillon, in den Tälern der Seine, Marne, Aube und Aisne wurde von den Strategen beider Seiten fortan eifrig studiert. Französische Militärhistoriker bekommen bei der Nennung dieser Schlachtorte glänzende Augen – das Gedächtnis der Verbündeten knüpfte an die Siege von Bar-sur Aube, Laon, Arcissur- Aube an. Napoleons Versuch, hinter den Linien der Invasionsarmeen die Eroberung von Paris zu verhindern, scheiterte.

Bruder Joseph war unfähig, Paris zu behaupten, das am 30. März 1814 fiel. Die Regentschaft Marie Louises wurde zum leeren Schatten, Talleyrand und Fouché zogen die Fäden zur Abdankung des Kaisers, die Marschälle verweigerten weiteren Widerstand – das Verhalten Marmonts, des Herzogs von Ragusa, führte zur Bildung des Zeitwortes raguser für Verrat. Der Kaiser musste sich in die Abdankung fügen und nahm am 20. April tränenreiches Adieu. Der Gestürzte rettete sich vor Attacken der kriegsmüden Bevölkerung im Rhonetal in Uniform und Mantel des österreichischen und russischen Begleitoffiziers; sein Weg führte auf die Insel Elba. Mit dem zurückgekehrten Ludwig XVIII. schlossen die Verbündeten den Pariser Frieden (30. Mai 1814) – ein allgemeiner Kongress zu Wien wurde vereinbart.

„Vorwärts“ als Leitwort der Moderne #

Merkwürdig korrespondiert das militärische Kommando Vorwärts! mit dem Leitmotiv des 19. Jahrhunderts: Fortschritt. Die in Paris 1844/45 von radikalen deutschen Emigranten herausgegebene Zeitschrift „Vorwärts!“ wendete die Parole in der Hoffnung auf nahe Revolution gegen die Reaktion: Heine und Marx arbeiteten mit. Fortschritt war auf der Tagesordnung: Geboren aus Aufklärung und der Ambivalenz Rousseaus sollte Progress das Jahrhundert beherrschen – mit Hegels Fortschreiten des Weltgeistes im Bewusstsein der Freiheit, im Glauben an Vernunft, Wissenschaft, Technik, im Namen von Kultur und Zivilisation, an Höherentwicklung in Natur und Gesellschaft, Darwin und Marx … Grillparzer dagegen überschrieb ein Epigramm aus dem Vormärz mit „Fortschritt“: „Nur weiter geht ihr tolles Treiben, / Von Vorwärts! Vorwärts! erschallt das Land: / Ich möchte, wär’s möglich, stehenbleiben / Wo Schiller und Goethe stand.“ Und Wittgenstein setzte Nestroys Skepsis mit dem Zitat aus der vorrevolutionären Posse „Der Schützling“ (1847) vor seine Philosophischen Untersuchungen: „Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, daß er viel größer ausschaut, als er wirklich ist.“

Vorwärts wurde das Leitwort der anbrechenden Moderne. Zukunftshoffnung klingt aus dem Titel des Parteiorgans der deutschen Sozialdemokratie (1876ff.); nur noch als Baudenkmal steht der Vorwärts- Verlag (1910) mit dem historischen Sitz der Parteizentrale der österreichischen Sozialdemokratie in der Rechten Wienzeile. Noch ein Paradox: Kurze Zeit erwog Metternich für seinen von Leipzig datierenden Fürstentitel die Devise Vorwärts – und Stephenson nannte seine ersten funktionstüchtigen Lokomotiven BLUECHER und WELLINGTON!

„Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“, zitierte Staatsratsvorsitzender Honecker in seiner letzten öffentlichen Rede anlässlich des 40. Jahrestags der Gründung der DDR (7. Oktober 1949/1989) unter „stürmischem Beifall“. Die Geschichte hat diesen unzulänglichen Versuch alsbald bestraft. Auch Napoleon, dessen Vorwärts!- und Mir nach!- Posen in den Gemälden der Brücke von Arcole und vom St. Bernhard gerannen, tat den Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen …

DIE FURCHE, Donnerstag, 24. April 2014