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Bischof Reinhold Stecher gedenkt der "Kristallnacht" #

Mahnmal von Dvora Barzilai enthüllt#

Esther Fritsch und Dvora Berzilai

Esther Fritsch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Tirol mit der Künstlerin Dvora Berzilai vor dem Mahnmal auf dem Klinikgelände

Bei dem feierlichen Gedenkakt anlässlich der Pogromnacht vor 70 Jahren an der theologischen Fakultät in Innsbruck erinnerte Bürgermeisterin Zach daran, dass Innsbruck einer der blutigsten Schauplätze dieser sogenannten Kristallnacht war. Für Landeshauptmann Platter ist sehr wichtig, das geschehene Unrecht nicht zu vergessen, denn die Erinnerung verringert die Gefahr der Wiederholung. Präsidentin Esther Fritsch ging auf Kultur der Erinnerung ein, die ein fundamentaler Bestandteil des Judentums vom Auszug aus Ägypten bis zum heutigen Tage ist.

Im Vorfeld dieser Veranstaltung wurde im Gedenken an die vertriebenen und ermordeten Professoren, ÄrtzInnen und StudentInnen der medizinischen Fakultät Innsbruck ein eindrucksvolles Mahnmal von der Künstlerin Dvora Barzilai gestaltet, das die fünf Bücher Moses symbolisiert, enthüllt. Stellvertreter-Rektor Manfred Dierich, wies auf die Tradition des akademischen Antisemitismus hin. Universitätsvorsitzende Gabriele Fischer bezog sich auf die nur lückenhafte Aufklärung der Geschehnisse zwischen 1938 –1945 und stellte fest, dass die „Kälteversuche“ mit Patienten bis heute nicht bearbeitet wurden. Ari Rath, ehemaliger Chefredakteur der Jerusalem Post, forderte die katholische Kirche auf, sich entschiedener und klarer von antisemitischen Tendenzen zu distanzieren. Nachstehend bringen wir Auszüge der Rede von Bischof Reinhold Stecher, wo er dies auch sehr eindrucksvoll tut.

"Es ist nicht leicht, als Zeitzeuge für diese dunkle Stunde des Landes eine Festansprache zu halten. Diese Nacht bietet eine Serenade des Grauens, ein Festival der Beschämung. Und vieles geht mir in diesem Augenblick durch den Sinn. Ich will versuchen, in die Skala der Gefühle ein wenig Ordnung zu bringen...

Das erste und unmittelbare Gefühl war das Entsetzen. Ich kann mich noch erinnern, wie meine Mutter fassungslos zu mir gesagt hat: „Heute Nacht haben sie den lieben 80-jährigen Herrn Diamant ein paar Häuser weiter, an der Ecke Adamgasse-Salurnerstraße, über die Stiege hinunter geschlagen, dass die Blutspuren an den Wänden waren... Und der Herr Graubart ist tot...“ Wir waren doch immer bei Graubart zum Schuhe-Einkaufen. Und immer war der Herr Graubart im Geschäft, ein freundlicher Herr, den meine Mutter gekannt hat, für mich der Inbegriff des seriösen Kaufmanns. Meine Mutter hat auch Angestellte von ihm gekannt, die immer betont haben, dass der Chef so korrekt und sozial sei. Und nun ist er tot. Einfach umgebracht. Nicht von irgendeinem Mob aus kriminellen Kreisen. Nein, Akademiker waren dabei, Hochschüler aus radikalen Organisationen. Und da waren bei den Horrorgerüchten dann die Namen meiner ehemaligen jüdischen Mitschüler (sie waren alle rechtzeitig außer Landes gegangen), aber die Elterngeneration war vielfach noch da. Die Namen Bauer, Berger, Schauer?, Grünhut, Pasch... Und die Kurzmanns mit dem kleinen Geschäft in der Altstadt. Ihr Sohn ist der einzige, der von meinen Mitschülern noch lebt – in England. Er hat mir erzählt, wie er seine Eltern beschworen hat, doch auch mit ihm ins Ausland zu gehen. Sie wollten nicht. Der Vater hat gesagt, er sei doch Weltkriegsteilnehmer, mit Auszeichnungen, da könne doch nichts passieren. Sie sind geblieben und endeten in den Gaskammern
Und das Zweite, das heraufsteigt, ist der Zorn. Ich habe meine Mutter noch nie so zornig gesehen.

Ich lese jetzt gerade den Propheten Amos, den ältesten der Propheten. Er ist voller Empörung. Und seine Aufregung gilt nicht so sehr einer mangelnden Frömmigkeit, sein Zorn richtet sich gegen die Auflösung des Rechtsstaats.

Weh denen, die das Recht in bittere Wehmut verwandeln und die Gerechtigkeit zu Boden schlagen. Bei Gericht hassen sie den, der zur Gerechtigkeit mahnt, und wer Wahres redet, den verabscheuen sie. Ihr bringt den Unschuldigen in Not und verweigert dem Armen das Gericht.

In der Kristallnacht hat der nationalsozialistische Staat sozusagen vor der Weltgeschichte feierlich seine Visitenkarte abgegeben, den Ausweis mit der fundamentalen Auflösung des Rechtsstaats. Die sogenannte Volkswut war ja bestens organisiert. Sie spielten perfekt zusammen: Reichsregierung und Parteileitung, alle Dienststellen der SA und der SS, Sicherheitsdienst und Gestapo, Gauleiter und Kreisleiter, Stadtführung und die Schutzpolizei, die auf die verzweifelten Anrufe nicht reagieren durfte, Brandstifter und Mörder – und die verstummte Justiz. Und die Ermordeten und die 5000 zerstörten Synagogen und Geschäfte, und die 30.000 Juden, die im Zusammenhang mit dieser Nacht in die KZs geliefert wurden. Das alles war nun ein Preludium für noch viel Schlimmeres. Aber die Kristallnacht war die feierliche Bankrotterklärung des Rechtsstaates. Der Staat und das organisierte Verbrechen waren identisch.

Ich habe bei Jungbürgerfeiern immer versucht, ein wenig nahe zu bringen, was für ein Wert der Rechtsstaat ist. Ideal kann er nie ganz verwirklicht werden. Aber wer ihn fundamental auflöst, wie das Dritte Reich, der wird als Regierung moralisch illegal und den trifft zurecht der Zorn des Amos, der damals auch ohnmächtig war, aber der durch das Buch der Bücher weitergeht, als Drohung für alle Verächter der Menschenrechte.Nach Entsetzen und Zorn erfordert aber die Erinnerung an die Kristallnacht die Übersiedlung in den Raum des kühleren Bedenkens. Man muss die Hintergründe zu erfassen versuchen, den Wurzelverzweigungen des Hasses nachgraben, den Nährboden für Vorurteile, Sündenbocktendenzen, Horizontverengungen, Rassestolzdummheiten und Aberglauben aufspüren.Und da stoße ich unausweichlich auf den christlichen Antijudaismus. Er ist ein immer wieder auftauchendes Gespenst der abendländischen Geschichte und eine schwere Hypothek meiner Kirche. Es ist in der Kirchengeschichte wie in der Weltgeschichte: Die verfälschenden Übermaler sind immer am Werk. Aber die Wahrheit kann zwar unangenehm und beschämend sein, aber sie macht nüchterner, bescheidener, demütiger, antitriumphalistisch, wachsamer, sensibler für Gefahren. Und daraus sollte eine größere Sensibilität für Fehlentwicklungen der Vergangenheit und lauernde Gefahren der Gegenwart erwachsen, eine Sensibilität, die nicht nur dann reagiert, wenn irgendein Dummkopf in der Straßenbahn „Sieg-Heil“ schreit, sondern auch in den höheren Etagen der Tagespolitik, bei Parteilaufbahnen und parlamentarischen Spielen. Aber wenn ich an die Schrecken der "Kristallnacht" denke, bewegen mich nach Entsetzen, Zorn und kritischer Analyse auch andere Gefühle. Ich fühle das Bedürfnis, mich zu verneigen.

Ich möchte mich verneigen vor den vielen unschuldigen Opfern. Sie sind im Frieden, weil Gott auf der Seite der Bedrängten und Verfolgten ist. Aber ich habe ein besonderes Bedürfnis, mich tief zu verneigen vor jenen großen Persönlichkeiten, die so Schreckliches erlebt, aber dann als Überlebende sich nicht nur tiefe Menschlichkeit bewahrt haben, sondern sich positiv für die Schaffung eines humanen Klimas und für Versöhnung eingesetzt haben. Ich darf hier zwei Beispiele erwähnen. Das eine ist unser verehrter, nunmehr heimgegangener Prof. Jakob Allerhand, Universitätsprofessor für Judaistik in Wien. Ich war mit Jascha befreundet. Er hat mir seine Kindheit und Jugend erzählt. Als 12-jähriger dem Todeslager entflohen, wurde das Waisenkind nach Sibirien verfrachtet, kam nach Kasachstan und dann auf abenteuerliche Weise in den Westen. Dieser Mann, mit dieser erschütternden Biographie, hat sich in Österreich immer für die Versöhnung von Kirche und Judentum eingesetzt. Und das ist bewundernswert. Es wäre ihm nicht übelzunehmen, wenn er Verbitterung in sein Wesen aufgenommen hätte. Ein zweiter Großer dieser Art, mit dem ich noch korrespondieren durfte, war Viktor Frankl, der Tiefenpsychologe und Schöpfer der Logotherapie. Ich schenke ihnen allen im Gedenken an das, was sie erleben mussten, eine tiefe Verneigung.Und schließlich ertönt aus diesem Gedenken gebieterisch ein Befehl, ein Appell, ein Impuls: Verändern! An sich leben wir ja in einer Epoche, in der sich die Innovationen und Veränderungen in allen Bereichen der Menschheit überschlagen. Aber wenn es um Veränderungen in tiefsitzenden Grundhaltungen geht, in Jahrhunderte lang eingefressenen und eingerosteten Vorurteilen und irrationalen Abwehrhaltungen, dann ist Veränderung gar nicht so einfach. Überkonservativ eingestellte Kreise stemmen sich in Teilen der Gesellschaft gegen derartige Veränderungen. Manchmal klammert man sich sogar an pseudoreligiöse Begründungen. Das haben wir in der Kirche in den mutigen Vorstößen Johannes des XXIII. und des Konzils zu spüren bekommen, als die Neugestaltung der Beziehungen zum Judentum auf dem Programm stand. Wer Mentalitäten verändern will, braucht eine tiefe Überzeugung und einen langen Atem der Geduld. Es ist bekanntlich auch mühsam und langwierig, kontaminierte Böden zu sanieren. Bei den Veränderungen gegen Antijudaismus und Antisemitismus geht es auch um giftige Altlasten am Grunde der Seelen.

Aber, meine verehrten Freunde, ein bisschen hat sich verändert. Ich war Jahrzehnte lang in Jugendarbeit und Schule. In weiß, dass der überwältigende Teil der jüngeren Generation mit diesen Vorstellungen von Gestern und Vorgestern nichts mehr am Hut hatte. Und ich freue mich über das herzliche Verhältnis zur Israelitischen Kultusgemeinde in Innsbruck und ihre Integration in der Öffentlichkeit. Sie ist nicht mehr eine isolierte Gruppe am Rande der Gesellschaft. Sie gehört zur Stadt und zum Land. Ich freue mich, dass unser Kristallnachtdenkmal zwar nicht imposant ist, aber dass es im Wettbewerb von jungen Menschen in den Höheren Schulen gestaltet wurde. Ich freue mich über diese Veränderung, zu der das Ansehen und die geistige Offenheit einer Persönlichkeit wie Frau Prof. Dr. Esther Fritsch, aber auch der Stadtgemeinde und des Landes wesentlich beigetragen haben. Es hat sich dort auch ein wenig verändert. Und so zeigt auch die dunkelste Nacht unserer lieben Stadt einen hellen Streif am Morgenhimmel."

Quelle#

Illustrierte Neue Welt Dezember 2008/Jänner 2009