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Visionär und Gestalter#

Der altösterreichische Schriftsteller und Feuilletonist Theodor Herzl hat den modernen politischen Zionismus begründet. Am 2. Mai jährt sich sein Geburtstag zum 150. Mal.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 30. April 2010) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Gerhard Strejcek


Theodor Herzl
Theodor Herzl im Jahr 1896.
© Wiener Zeitung / Foto: Monographie "Theodor Herzl. 1860–1904" von Julius H. Schoeps, Melzer Verlag 2004

Theodor Herzl, geboren am 2. Mai 1860 im ungarischen Pest als Sohn von Jacob (Kaufmann und Bankier) und Jeanette (geborene Diamant), übersiedelte nach der Matura nach Wien, um Jus zu studieren. Das Studium fesselte ihn allerdings nicht, die anschließende Rechtspraxis (1884/85) absolvierte er mit geringem Engagement.

Die Jugendbiographie von Leon Kellner, "Herzls Lehrjahre", erschienen 1920, zeigt den Rechtspraktikanten mit einem typischen, dem Kaiser nachempfundenen k.u.k. Backenbart, wie ihn laut Joseph Roth alle Beamten bis hin zum Postadjunkten und Eisenbahner trugen. 1895 kam Herzl um die österreichische Staatsangehörigkeit ein, was mit dem Abschluss des Gerichtsjahrs zu tun gehabt haben dürfte.

Herzls Frau Julie, deren Name französisch ausgesprochen wurde, stammte aus der Industriellenfamilie Naschauer, galt als unnahbar, verschwenderisch und wurde von der Wiener Gesellschaft, etwa von der ebenfalls nicht gerade einfachen Olga Schnitzler, abgelehnt. Schlimmer wog allerdings die Ablehnung durch die Schwiegermutter, welche Herzl oft in die Bredouille und in eine Verteidigungsposition brachte. Auch als die Ehe schon am Scheitern war, zog er es vor, auf Distanz zu gehen, und wollte sich nicht scheiden lassen. Auffällig ist, dass in Herzls Dramen die Ehe-Problematik eine große Rolle spielt.

Assimilierte Familie#

Noch auffälliger ist das tragische Schicksal all seiner (drei) Kinder und seines Enkelsohnes – ein Schicksal, das ähnlich schwer zu ertragen war wie jenes seines nahezu gleich alten Kollegen Arthur Schnitzler, den er schätzte und dessen Werk er im Feuilletonteil der „Neuen Freien Presse“ förderte. Dennoch heißt es, dass Herzl zu einer tiefen, engen Freundschaft nicht fähig gewesen sei. Schnitzler, der Herzl um ein Vierteljahrhundert überlebt hat, notierte in seinen Tagebüchern jedenfalls häufig Gespräche über Theodor und dessen Kinder, traf sowohl den Herzl-Biographen Kellner als auch Herzls Schwägerin noch lange nach Theodors Tod.

Die assimilierte Familie Herzl pflegte, anders als die eher bürgerlichen Schnitzlers, einen aristokratischen Stil, der Herzl auch in seinen Visionen für einen Judenstaat vorschwebte. Adel hatte für ihn etwas Beeindruckendes und Edles trotz der Verfallserscheinungen des Fin de siècle. Die Vorstellung von einer Republik, in der auch sozialistisches Gedankengut und Soldatinnen Platz finden sollten, war ihm unangenehm. Das gilt auch für die jüdische Orthodoxie, denn mangels elterlicher Förderung war er eher areligiös aufgewachsen. Als junger Mann stand er den Deutschnationalen nahe und trat der akademischen Burschenschaft „Albia“ bei. Doch der aufkeimende Antisemitismus, ein „Arierparagraph“ für akademische Verbindungen und Herzls mutiges Auftreten gegen diese Entwicklung entfremdeten ihn von seiner ersten politischen Heimat. Die „Albia“ entließ ihn, um die Modalitäten entspann sich ein heftiger Schriftwechsel.

Schwer vorstellbar, dass Herzl diese Ereignisse nicht mitgenommen hätten. Doch einstweilen hatte er andere Sorgen. Er wandte sich von der Juristerei ab und beschloss, als Autor bis ans Burgtheater und als Feuilletonist und Kritiker in die renommiertesten Blätter der k.u.k. Monarchie zu gelangen. Und in der Tat, seine Stücke kamen, mit wechselndem Erfolg, auf Wiener Bühnen, sogar in der Burg, zur Aufführung, und er arbeitete sich zum Feuilletonchef der „Neuen Freien Presse“ empor. Um die Jahrhundertwende war Herzl am Höhepunkt seiner bürgerlichen Karriere angelangt. Das besonders Spannende an seinem Leben liegt aber im letzten Jahrzehnt, als er zu einer weltbekannten politischen Figur wurde.

Was hat Herzl bewogen, vom anerkannten Feuilletonchef zum Wegbereiter einer Idee zu werden, welche vielen seiner jüdischen Zeitgenossen in Wien als absurd erschien? Die Auslöser für Herzls zionistische Anfänge waren eher ungewöhnlich und dürften zum Teil im Ausland zu suchen sein. Denn in Wien gab es damals noch keinen organisierten und aggressiven Antisemitismus (was sich allerdings rasch ändern sollte). Vor allem in seiner Pariser Korrespondentenzeit scheinen Herzl der Dreyfus-Prozess und die rassistisch-antisemitischen Angriffe auf den unschuldigen Hauptmann sowie die Juden überhaupt bewogen haben, dem Gedanken an eine Massentaufe der Juden und deren vollständige Assimilation abzuschwören. Aber auch andere politische Entwicklungen, wie die schrecklichen (wenn auch nicht staatlich veranlassten) Angriffe auf Juden im Zarenreich und der in Wien vor allem durch Bürgermeister Lueger propagierte Salon-Antisemitismus dürften zu Herzls Sinneswandel beigetragen haben.

Zunächst entfaltete sich Herzls Aktivität in der Redaktion der zionistischen "Welt" in der Türkenstraße, unweit von Sigmund Freuds Praxis in der Berggasse. Denn im eigenen Blatt, der liberalen und mitunter auch nationalen "Presse", konnten keine zionistischen Artikel erscheinen.

"Der Judenstaat"#

Herzl hat den Zionismus (den es in moderner Ausprägung schon seit mehr als einem Vierteljahrhundert gab) ja nicht erfunden, doch seine Beiträge zu dieser Idee waren in mehrfacher Hinsicht bahnbrechend. Einerseits gilt das für seine theoretischen Schriften und Dichtungen, allen voran dem "Judenstaat" (1896), der zwar von manchen für utopisch gehalten wird, aber schon die Züge einer Staatsgründung trug und – vor allem – nicht nur als Vision, sondern als erster Schritt zu einem realen Gemeinwesen gedacht war. Binnen kurzem entwickelte sich Herzl zu einem charismatischen Politiker, dem es gemeinsam mit Max Nordau und dem Architekten Oskar Marmorek gelang, eine inhomogene Bewegung zu einen und sodann mit ihr weltweite Aufmerksamkeit zu erregen.

Die Versammlung auf dem Zionistischen Kongress 1897 in Basel, welche perfekt inszeniert war, bewog Herzl zu der euphorischen Feststellung, dass er den jüdischen Staat bereits in Basel gegründet habe, zu dessen Umsetzung es jedoch noch fünf Jahrzehnte benötige. Kein Wunder, dass Herzl heute als eine legendäre und nahezu seherische Gestalt gilt, denn seine Prophezeiung über den Staat Israel traf ja dann ziemlich exakt ein.

In den sieben Lebensjahren, die Herzl nach dem politischen Durchbruch noch blieben, erlebte er unglaubliche Höhen und Tiefen, begegnete den mächtigsten und einflussreichsten Politikern, Bankiers und Würdenträgern. Selbst den Vatikan ersuchte er um Unterstützung, welche ihm zunächst eher kühl verweigert wurde, obwohl Herzl den internationalen Status der heiligen Stätten der Christen garantieren wollte. Mehr Hoffnung machte ihm der Herrscher jenes Staates, der drei Jahrzehnte später von der nationalsozialistischen Katastrophe heimgesucht werden sollte: denn im Deutschen Reich schienen Herzls Vorstellungen durchaus Anklang und Unterstützung zu finden. So konnte Herzl dem ihm durchaus geneigten deutschen Kaiser gegenüber formulieren, was sein eigentliches Anliegen war: eine "chartered company" unter deutschem Schutz, also eine Gesellschaft, die sich auf eine Satzung gründen konnte, wie es ja auch die kolonialistischen Handelskompanien gewesen waren. Der Staat sollte demnach erst der zweite Schritt sein.

In diesem Stufenplan zeigte sich Herzls enormes politisches Geschick. Seine Vorstellungen gründeten sich eben nicht auf eine „Infiltration“ oder unkontrollierte Zuwanderung, sondern auf ein juristisch fundiertes Modell, das ein Wechselspiel aus privatrechtlich organisierter Finanzierung und einem öffentlich-rechtlichen Status des jüdischen Staatswesens vorsah. Dabei war er eher bereit, hinsichtlich des Auswanderungs- und Niederlassungs-Gebietes Konzessionen zu machen (bekanntlich gab es nach einem gescheiterten argentinischen Modell auch einen ostafrikanischen und einen Uganda-Plan), als in Bezug auf seine Idee einer staatsähnlichen Gründung. (Viel spricht dafür, dass dieses Konzept auch mit Herzls Vorbildung an der Wiener Universität zu tun hat, wiewohl es von anderen Juristen und Staatsexperten mitgestaltet wurde.) Zu Herzls Lebzeiten erschien aber die Umsetzung noch nahezu unmöglich, nicht zuletzt wegen des Widerstands im Osmanischen Reich.

Siedler in Sultans Gunst#

Als Herzl nach erfolgreichen, aber zermürbenden Verhandlungen mit dem deutschen Kaiser Wilhelm II. und einer eher entmutigenden Begegnung mit türkischen Behörden das Gelobte Land von Jaffa kommend betrat, wurde ihm die Ambivalenz der Entwicklung schmerzhaft bewusst. Zwar empfing man ihn in den jüdischen Siedlungen (damals bestanden nicht mehr als ein Dutzend mit rund 2000 Menschen, unter türkischer Hegemonie) durchaus begeistert, wenn auch mit Zurückhaltung, weil der Hauptfinancier, der französische Baron Rothschild, gegenüber Herzl ablehnend auftrat. Doch wurde dem analytisch denkenden Autor und Politiker rasch bewusst, dass hier etwas anderes stattfand, als er es vorgesehen hatte. Denn die Siedler ermangelten einer gesicherten rechtlichen Basis, waren letztlich vom Wohlwollen und der Duldung des Sultans abhängig.

Übrigens vermied Herzl nicht nur allzu weit gehende politische Aussagen vor Ort, sondern ging auch jedem weißen Pferd oder Esel aus dem Weg, um nur ja nicht einer messianische Darstellung Vorschub zu leisten.

Als Herzl unter dramatischen Umständen (nach einem finalen Streit mit seiner Gattin Julie) mit nur 44 Jahren am 3. Juli 1904 in Edlach an der Rax an Herzinsuffizienz starb, war er eine weltbekannte Persönlichkeit. Sein Begräbnis am Döblinger Friedhof gestaltete sich zu einem Ereignis von gewaltigen Dimensionen, das Stefan Zweig in der „Welt von gestern“ beschrieben hat. Tausende Gäste folgten dem Sarg vom Trauerhaus in der Währinger Haizingergasse durch die Cottage zur Hartäcker Straße. Das dort befindliche Grab ist heute nur mehr ein Kenotaph, denn 1949 wurden Herzls Gebeine (wie jene seiner Eltern) auf seine letztwillige Verfügung hin nach Israel überführt und auf dem nach ihm benannten Herzlberg beigesetzt.

Gerhard Strejcek

Gerhard Strejcek, geboren 1963 in Wien, ist Außerordentlicher Universitätsprofessor am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

Wiener Zeitung, Freitag, 30. April 2010