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Vom Blitzsieg zur Katastrophe#

Am 22. Juni 1941 eröffnete Hitler unter dem Codenamen "Unternehmen Barbarossa" den Krieg gegen die Sowjetunion - und es begann ein grauenhafter Vernichtungsfeldzug.#


Von der Wiener Zeitung (Sa/So, 18./19. Juni 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Rolf Steininger


Krieg im Sinne der Wehrmacht
Am Anfang lief der Krieg noch im Sinne der Wehrmacht: „Sehr oft ist die Bevölkerung nicht im Geringsten feindlich eingestellt“, schrieb die NS-Presse zu diesem Bild vom Juni 1941.
Foto: © Deutsches Bundesarchiv/Wikipedia

Am Nachmittag des 22. Juni 1941, einem Sonntag, spielte Rapid Wien im Berliner Olympiastadion vor 100.000 Zuschauern gegen Schalke 04 um die Deutsche Fußballmeisterschaft. Schalke wurde nach 0:3 Rückstand am Ende mit 4:3 besiegt, und Rapid Wien wurde - Kuriosum der Geschichte - Deutscher Fußballmeister. Wenige Stunden zuvor, um 3:15 Uhr, hatten Truppen der Deutschen Wehrmacht ohne Kriegserklärung die Grenze zur Sowjetunion überschritten. Beteiligt waren rund drei Millionen Soldaten - 75 Prozent des Heeres - mit 600.000 Fahrzeugen, 625.000 Pferden, 3600 Panzern und 7.000 Geschützen; die Luftwaffe konnte 2749 Maschinen einsetzen.

Sechs Monate zuvor, am 18. Dezember 1940, hatte Hitler die entsprechende "Weisung Nr. 21" unterzeichnet: "Fall Barbarossa". (Von Hitler so nach dem Staufer-Kaiser Friedrich I. genannt; zuvor hatte das Unternehmen "Fritz" geheißen; "Barbarossa" klang dramatischer, bedeutender.) In dieser Weisung hatte es u. a. geheißen: "Die deutsche Wehrmacht muss darauf vorbereitet sein, Sowjetrussland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen." Durch weites Vortreiben von Panzerkeilen solle die Masse der Roten Armee vernichtet, der Abzug kampffähiger Teile "in die Weite des russischen Raumes verhindert" und die Linie Wolga-Archangelsk erreicht werden. Die Vorbereitungen sollten am 15. Mai 1941 abgeschlossen sein.

Zweifrontenkrieg#

Nur wenige Militärs hatten - vergebens - vor einem Zweifrontenkrieg gewarnt; mehrheitlich war die Weisung begrüßt worden. Generaloberst Franz Halder, der Chef des Generalstabes des Heeres, glaubte ebenso wie Hitler, dass der Feldzug in acht bis zehn Wochen beendet sein werde. Man war derart siegesgewiss, dass lediglich für ein Fünftel der Truppen Winterbekleidung angefordert wurde. "Der in überraschend kurzer Zeit errungene Sieg im Westen", so schrieb später der berühmte Panzerführer Guderian, der im Blitzkrieg gegen Frankreich gekämpft hatte, "hatte die Geister unserer obersten Führung so benebelt, dass sie das Wort unmöglich’ aus ihrem Sprachschatz gestrichen hatten."

War der Angriff ein Überfall oder ein Präventivschlag? Die NS-Propaganda begründete das Unternehmen "Barbarossa" damit, dass Hitler Stalin lediglich zuvorgekommen sei, Stalin seinerseits Angriffsabsichten gehabt habe. So mancher Zeitgenosse vertritt bis heute diese "Präventivkriegsthese"; tatsächlich verschleiert sie aber nur den wahren Tatbestand: Sofern Argumente zählen, ist diese Behauptung erfolgreich zurückgewiesen worden. Die Angst vor einem unmittelbar bevorstehenden sowjetischen Angriff ist für die deutsche Entscheidung zum Krieg nicht ursächlich gewesen, Bedrohungsvorstellungen haben absolut keine Rolle gespielt. Es bleibt dabei:

Der 22. Juni 1941 steht für den klassischen Fall eines Angriffskrieges, durchgeführt von der Wehrmacht des Deutschen Reiches auf Befehl ihres Oberbefehlshabers Adolf Hitler.

Am Anfang sah noch alles nach Blitzkrieg und Blitzsieg aus. Die deutschen Heeresgruppen Nord, Mitte und Süd drangen weit nach Osten vor und vernichteten in großen Kesselschlachten zahlreiche sowjetische Armeen. Die Russen waren mangelhaft ausgerüstet, unerfahren im Kampf und von Stalin auf diesen Krieg nicht vorbereitet worden. Die Zahl der Gefangenen betrug Mitte Juli schon zweieinhalb Millionen.

Halder notierte am 3. Juli in sein Tagebuch: "Es ist also wohl nicht zuviel gesagt, wenn ich behaupte, dass der Feldzug gegen Russland innerhalb 14 Tagen gewonnen wurde." Er hatte sich gründlich getäuscht. Am 11. August, nach 51 Tagen Blitzkrieg, war er nicht mehr so siegessicher: "In der gesamten Lage hebt sich immer deutlicher ab, dass der Koloss Russland . . . von uns unterschätzt worden ist." Man war von 200 Divisionen ausgegangen, nun zählte man 360, und man hatte die Leistungsfähigkeit der Rotarmisten unterschätzt; die sowjetischen Soldaten leisteten teilweise erbitterten Widerstand.

Das hatte auch damit zu tun, dass das, was in diesen Monaten im Osten anlief und Anfang Dezember im russischen Winter stecken blieb, kein "normaler" Krieg wie etwa jener gegen Frankreich war, sondern zum ungeheuerlichsten Eroberungs-, Versklavungs- und Vernichtungskrieg der Neuzeit wurde. Nirgends wurde die Verflechtung von Ideologie und Kriegsführung so deutlich wie in diesem Krieg. Die Ideologie hieß: Ostexpansion, Eroberung, Beherrschung und Ausbeutung des europäischen Teiles der Sowjetunion für die deutschen "Herrenmenschen", Ausrottung des Bolschewismus, Vernichtung des Judentums.

Vernichtung als Ziel#

Von Anfang an war Hitler entschlossen, die Wehrmacht zum Instrument dieses rasse-ideologischen Vernichtungskrieges zu machen und damit die Grenzen zwischen militärischer und politisch-ideologischer Kriegführung aufzuheben. Bereits am 30. März 1941 hatte er in einer geheimen Ansprache in der Reichskanzlei die über 200 Befehlshaber, Kommandeure und Stabschefs der für das Unternehmen "Barbarossa" vorgesehenen Verbände auf seine Absichten vorbereitet. Es gehe, so Hitler, um den "Kampf zweier Weltanschauungen gegeneinander", die Wehrmacht müsse vom "Standpunkt des soldatischen Kameradentums abrücken, der Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad. Es handelt sich um einen Vernichtungskrieg."

Dabei ging es auch und vor allem um die Vernichtung der Juden. Juden und Bolschewismus wurden bei Hitler zum "jüdischen Bolschewismus", der ausgerottet werden musste. Es ging dabei nicht nur um die Aktion der Einsatzgruppen und die Morde in den dann errichteten Konzentrationslagern, sondern auch um die Zusammenarbeit von Heer und SS bei der Vernichtung der Juden.

Nicht nur Hitler und die SS konstruierten einen Zusammenhang zwischen dem "jüdischen Bolschewismus" und der Partisanenbewegung, auch Truppenführer sahen in den Juden besondere Anhänger des feindlichen Herrschaftssystems und handelten danach. Dafür gibt es zahlreiche Beweise.

Anfang Oktober 1941 machte der Oberbefehlshaber der 6. Armee, von Reichenau, seine Haltung deutlich. In einem Befehl an die Soldaten hieß es: "Der Soldat ist im Ostraum nicht nur ein Kämpfer nach den Regeln der Kriegskunst, sondern auch ein Träger einer unerbittlichen völkischen Idee und Rächer für alle Bestialitäten, die deutschem und artverwandtem Volkstum zugeführt wurden. Deshalb muss der Soldat für die Notwendigkeit der harten, aber gerechten Sühne am jüdischen Untermenschentum volles Verständnis haben . . .

Fern von allen politischen Erwägungen hat der Soldat zweierlei zu erfüllen:

1. die völlige Vernichtung der bolschewistischen Irrlehre, des Sowjetstaates und seiner Wehrmacht;

2. die erbarmungslose Ausrottung artfremder Heimtücke und Grausamkeit und damit die Sicherung des Lebens der deutschen Wehrmacht in Russland. Nur so werden wir unserer geschichtlichen Aufgabe gerecht, das deutsche Volk von der asiatisch-jüdischen Gefahr ein für allemal zu befreien."

Selbst Hitler fand diesen Befehl "ausgezeichnet". Er wurde denn auch vom Oberkommando des Heeres an alle Heeresgruppen mit der Bitte verteilt, gleiche Anordnungen zu erlassen. Dieser Anordnung folgte General von Manstein, Oberbefehlshaber der 11. Armee, in dessen Bereich sich starke Partisanenverbände befanden und die Einsatzgruppe D eingesetzt war, am 20. November 1941 mit folgenden Worten:

"Dieser Kampf wird nicht in hergebrachter Form gegen die sowjetische Wehrmacht allein nach europäischen Kriegsregeln gekämpft. Auch hinter der Front wird weitergekämpft. . . . Das Judentum bildet den Mittelsmann zwischen dem Feind im Rücken und den noch kämpfenden Resten der Roten Armee und der Roten Führung. Es hält stärker als in Europa alle Schlüsselpunkte der politischen Führung und Verwaltung, das Handels und Handwerks besetzt und bildet weiter die Zelle für alle Unruhen und Erhebungen. Das jüdisch-bolschewistische System muss ein für allemal ausgerottet werden. "

Wie Reichenau forderte auch Manstein die ihm unterstellten Soldaten auf, Verständnis "für die Notwendigkeit der harten Sühne am Judentum, dem geistigen Träger des bolschewistischen Terrors", aufzubringen.

Es gab Opposition gegen entsprechende Befehle (etwa beim berüchtigten "Kommissarbefehl", wonach Truppenkommissare sofort getötet werden sollten), aber insgesamt ließ sich die Wehrmacht für eine verbrecherische Kriegführung in die Pflicht nehmen - das ist noch heute für manchen ehemaligen Soldaten eine bittere, aber nicht zu bestreitende Tatsache.

Bilanz des Verbrechens#

Es war nur logisch, dass auch gegenüber den sowjetischen Kriegsgefangenen ein Vernichtungskrieg geführt wurde: Von den insgesamt 5,7 Millionen starben 3,3 Millionen in deutscher Gefangenschaft; die meisten hatte man einfach verhungern lassen.

Der Kampf dauerte bis zum 8. Mai 1945. Die Bilanz ist bekannt: die weitgehende Vernichtung des europäischen Judentums, die fast vollständige Vernichtung der polnischen und sowjetischen Juden, unendliches Leid der Zivilbevölkerung, mehr als 27 Millionen tote Sowjetbürger.

In deutschem Namen waren ungeheure Verbrechen begangen worden. Zivile und militärische Dienststellen besaßen nicht nur Kenntnis von diesen Verbrechen, sie waren zum größten Teil auch aktiv beteiligt. In Polen hatten die Verbrechen begonnen; man wusste nicht nur im kleinen Kreis von diesen Dingen. Preußisch-deutsche Tugenden waren in ihr Gegenteil verkehrt worden; die Energie zum Widerstand fehlte.

Es existierte lediglich die individuelle Scham, die der Chef der Gruppe 3 der Operationsabteilung im Generalstab, Stieff, am 21. November 1939 beispielhaft folgendermaßen formulierte: "Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein! Die Minderheit, die durch Morden, Plündern und Sengen den deutschen Namen besudelt, wird das Unglück des ganzen deutschen Volkes werden, wenn wir ihr nicht bald das Handwerk legen. "


Rolf Steininger

Rolf Steininger, geboren 1942 in Plettenberg/Westfalen, ist Em. o. Univ.-Prof. und war von 1984 bis 2010 Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck.

Wiener Zeitung, Sa/So, 18./19. Juni 2011


Leserbrief zu WZ vom 18.19. Juni 11: “Vom Blitzsieg zur Katastrophe“
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von Nic. Freytag Loringhoven

Der Artikel von Rolf Steininger ist nicht nur brillant geschrieben, sondern ebenso in allen Bereichen fundiertest belegt. Das Unternehmen Barbarossa mit seinen Leichenbergen und entsetzlichen Details wird von Steininger eindrücklich, konzentriert und präzis beschrieben. Wenn man davon ausgeht, dass “ 99% Hitler hinterhergelaufen sind“ wie es Ralph Giordano einmal ausdrückte, so ist Steiningers Satz „die Energie zum Widerstand fehlte“ nicht unzutreffend.

Nachdem er jedoch den Namen eines Widerstands-Militärs - „Stieff“ - nennt, hätten es die Offiziere der Heersgruppe Mitte zumindest auch verdient, erwähnt zu werden – mit Treskow, Gersdorff, Schlabrendorff u.a. war hier eine Zentrale des Widerstands entstanden. Die meisten bezahlten es mit ihrem Leben und brachten Mut und Energie für mehrere Versuche auf, den Morddiktator zu beseitigen – man denke an den wegen zu niedriger Temperaturen nicht auslösenden Zünder bei Hitlers Flug von Smolensk nach Ostpreußen, Oder den zu frühen Abmarsch des „Führers“ aus dem Zeughaus Berlin mit der bereits aktivierten Bombe am Körper von Gersdorff. Ein zu früher Abmarsch im Münchner Bürgerbräu hatte übrigens auch seinerzeit Hitler vor dem Sprengstoff des mutigen Georg Elser bewahrt. Leider – denn so konnte A.H. noch im April 1945 zur Verlängerung seines jämmerlichen Lebens Kinder vor die russischen Panzer schicken.

-- Maurer Hermann, Mittwoch, 13. Juli 2011, 18:52