unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
7

Mit Revolvern gegen Panzer#

Vor 70 Jahren begann der Warschauer Aufstand, die größte bewaffnete Erhebung innerhalb des von Nazi-Deutschland besetzten Gebiets. Die Bilanz: Massenexekution, Deportation und Bombenhagel.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 2./3. August 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Andreas Pittler


Denkmal in Warschau erinnert an die Kämpfer des Aufstands
Ein Denkmal in Warschau erinnert an die Kämpfer des Aufstands.
© Wikimedia Commons

Mit dem Überfall auf Polen datiert die Historie den Beginn des Zweiten Weltkriegs, denn anders als im Falle Österreichs und der Tschechoslowakei entschlossen sich die Westmächte im September 1939, nicht länger vor Hitlers Verbrechen die Augen zu verschließen. Allerdings konnten England und Frankreich Polen keine wirkliche Unterstützung bieten, und so geriet das Land nach nur wenigen Tagen vollkommen unter das Nazi-Joch.

Unmittelbar danach bekamen die Polen die NS-Rassenpolitik zu spüren. Die wirtschaftliche Ausbeutung des gesamten Gebiets und die Unterdrückung sämtlicher nichtdeutscher Bevölkerungsteile war das erklärte Ziel der Nazis. Die polnischen Eliten, die jüdische Minderheit und politische Aktivisten wurden schärfster Verfolgung ausgesetzt. Es kam zu Massenerschießungen, Massenverhaftungen und anderen Formen der Repres-sion, die mit Fortdauer des Krieges ein immer größeres Ausmaß annahmen - so wurden rund eine Million Polen als Zwangsarbeiter nach Deutschland verbracht.

Früher Widerstand#

Gegen diesen Terror organisierte sich von Anfang an Widerstand, doch waren dessen Möglichkeiten lange limitiert. Erst mit der Wende von Stalingrad im Februar 1943 und den Plänen der Westmächte, in Frankreich eine zweite Front zu eröffnen, wuchsen auch in Polen die Hoffnungen auf eine erfolgreiche Bekämpfung der Nazis. Naheliegender Weise entschloss sich die polnische "Heimatarmee", die sich als bewaffnetes Organ der Exilregierung in London verstand, den Aufstand direkt im Herzen des Landes, in Warschau zu beginnen.

Personell war die Heimatarmee (AK) mit rund 45.000 Kämpfern in und um Warschau gut ausgestattet. Auch die Kämpfer der kommunistischen Volksarmee (AL) schlossen sich dem Aufstand an. Es fehlte allerdings an Waffen, Ausrüstung und Munition. Die Ressourcen, so errechneten die Kommandeure der Erhebung, würden nur für wenige Tage offensives Gefecht und vielleicht weitere zwei Wochen defensiver Operationen reichen. Allerdings hoffte man, so lange durchhalten zu können, bis die versprochene Hilfe der Westmächte eintreffen würde. Tatsächlich zeigen westliche Quellen, dass die Engländer und Amerikaner den Polen Luftunterstützung und die Absetzung exil-polnischer Fallschirmjäger versprochen hatten.

Das Scheitern des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 gab den Ausschlag, den Aufstand schnellstmöglich zu beginnen. Als am 31. Juli 1944 die Nachricht eintraf, dass sowjetische Stoßtruppen die Weichsel erreicht hatten, gab der Kommandant der Heimatarmee, Tadeusz Bor-Komorowski, für den folgenden Tag das Signal zum Losschlagen. Später schilderte er den Beginn der Kämpfe wie folgt: "Punkt fünf Uhr Nachmittags blitzten, als sie aufgerissen wurden, Tausende von Fenstern. Von allen Seiten ging ein Kugelhagel auf die vorübergehenden Deutschen nieder, zerfetzte ihre marschierenden Kolonnen und prallte gegen die von ihnen besetzten Gebäude. Die Zivilisten verschwanden im Nu von den Straßen, während die sich zum Angriff sammelnden Männer aus den Häusern strömten. Binnen fünfzehn Minuten war die ganze Stadt mit ihrer Million Einwohner zum Kampfplatz geworden. Jeder Verkehr hörte auf. Der große Knotenpunkt Warschau unmittelbar hinter der deutschen Front mit seinen aus Nord, Süd, Ost und West zusammenlaufenden Straßen bestand nicht mehr. Der Kampf um die Stadt war entbrannt."

Die Deutschen waren von der Wucht des Widerstandes überrascht, dennoch gelang es ihnen, strategisch wichtige Punkte wie Flughäfen, Brücken und Ausfallsstraßen zu halten. Die Aufständischen hatten ihr Ziel, Warschau im Handstreich zu befreien, verfehlt. Es folgte ein erbitterter Straßenkampf um jedes einzelne Haus. Allein am ersten Tag fielen 2500 polnische und 500 deutsche Kämpfer.

Blutbad an Zivilisten#

Als zwei weitere Versuche der Deutschen, den Widerstand zu brechen, am polnischen Sperrfeuer scheiterten, gaben Hitler und Himmler Order, sämtliche nichtdeutschen Einwohner Warschaus ohne Ansehen von Alter, Geschlecht oder Beteiligung am Aufstand zu töten und die Stadt dem Erdboden gleichzumachen. Unter Umgehung der Stellungen der Heimatarmee fielen die Deutschen daraufhin in den Stadtteil Wola ein, wo sie - je nach Schätzung - zwischen 20.000 und 50.000 Zivilisten töteten. Hierauf versuchte die Zivilbevölkerung, in die von der Heimatarmee kontrollierten Bereiche zu gelangen, was deren ohnehin spärliche Nahrungsmittelreserven weiter verknappte. Die Massenexekutionen durch die Deutschen gingen freilich unvermindert weiter. Bis zu einer Viertelmillion Warschauer wurden Opfer der unter dem Kommando von SS-Obergruppenführer Erich Zelewski stehenden Soldateska.

Nach zwei Wochen war der Widerstand immer noch nicht gebrochen. Hierauf ließ Zelewski die Warschauer Altstadt - ohne Rücksicht auf deren rund 100.000 Einwohner - durch Artillerie und Luftwaffe einäschern. Die Heimatarmee flüchtete durch das Kanalnetz in andere Stadtteile. Zwar gelangen den Aufständischen auch nach der Evakuierung der Altstadt Ende August kleinere Erfolge, aber ob des Ausbleibens jeglicher Unterstützung von außen wurde ihre Lage mehr und mehr hoffnungslos.

SS-Obergruppenführer Erich von dem Bach-Zelewski (li.) und Tadeuz Bor-Komorowski, Befehlshaber der polnischen 'Heimatarmee'
Kontrahenten: SS-Obergruppenführer Erich von dem Bach-Zelewski (li.) und Tadeuz Bor-Komorowski, Befehlshaber der polnischen "Heimatarmee".
© Wikimedia public domain/Deutsches Bundesarchiv

Am 2. September ließ Zelewski seine Truppen zum Sturmangriff auf die verbliebenen Posten der Antifaschisten antreten, und Bor-Komorowski erwog ernsthaft die Kapitulation, als es den Sowjets erstmals gelang, durch gezielte Bombenangriffe auf die deutschen Stellungen die Aufständischen zu entlasten. Wenig später kamen auch erste amerikanische Flugzeuge durch, die Versorgungsgüter über der Stadt abwarfen, aber nur rund 20 Prozent davon landeten in den Reihen der Aufständischen; der überwiegende Teil kam den Deutschen zugute. Nachdem am 23. September auch noch ein Entlastungsangriff von der Weichsel her gescheitert war, gab Bor-Komorowski die Sache endgültig verloren.

Am 1. Oktober, zwei Monate nach Beginn des Aufstandes, kapitulierten die Reste der Aufstandsarmee. In einem ihrer letzten Funksprüche an die westlichen Alliierten machten sie ihrer Enttäuschung über das Verhalten der Anti-Hitler-Koalition Luft: "Das ist die heilige Wahrheit. Wir sind schlimmer behandelt worden als Hitlers Satelliten, schlimmer als Italien, Rumänien, Finnland. Mag Gott der Gerechte sein Urteil über die furchtbare Ungerechtigkeit fällen, die dem polnischen Volk widerfahren ist, und möge Er alle Schuldigen strafen. Unsere Helden sind die Soldaten, deren einzige Waffe gegen Panzer, Flugzeuge und Geschütze ihre Revolver und Petroleumflaschen waren. Unsere Helden sind die Frauen, die die Verwundeten pflegten und unter Kugeln Meldedienste leisteten. (. . .) Unsere Helden sind die Kinder, die in den rauchenden Ruinen unschuldsvoll spielten. (. . .) Ein Volk, in dem solche Tapferkeit lebt, ist unsterblich. Denn jene, die starben, haben gesiegt, und jene, die leben, werden weiterkämpfen, werden siegen und wiederum Zeugnis dafür ablegen, dass Polen lebt, solange Polen leben."

Winston Churchill zufolge kostete der Aufstand 15.000 Widerstandskämpfern und 200.000 Zivilisten das Leben. Zelewski bezifferte in einem Bericht an Berlin die deutschen Verluste auf 10.000 Mann, zusammen mit 9000 Verwundeten und 7000 Vermissten. Dementsprechend brutal war die Rache der Deutschen. 60.000 Überlebende wurden in die KZ Auschwitz und Mauthausen verbracht, weitere 100.000 zur Zwangsarbeit verpflichtet.

Schuld ohne Sühne#

Das schwer in Mitleidenschaft gezogene Warschau wurde unmittelbar nach dem Ende der Kämpfe vollständig dem Erdboden gleichgemacht, wobei es die Nazis auf kulturell wertvolle Gebäude besonders abgesehen hatten. Die Sowjettruppen, die im Jänner 1945 Warschau einnahmen, zogen in einen einzigen Trümmerhaufen ein.

Nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes beorderte Hitler Zelewski sofort nach Budapest, wo er die Liquidierung der ungarischen Juden voranzutreiben hatte. Nach Kriegsende flüchtete er sich in die Arme der West-Alliierten, denen er anbot, unter der Garantie persönlicher Immunität gegen die Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg auszusagen. Die nahmen das Angebot an, und Zelewski blieb vorerst unbehelligt, auch eine Auslieferung an Polen lehnten die Amerikaner ab.

1951 musste sich Zelewski vor einem bundesdeutschen Gericht verantworten, das ihn zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilte. Das Urteil blieb folgenlos: Zelewski wurde einfach unter Hausarrest gestellt und konnte seiner neuen Beschäftigung als Nachtwächter in Nürnberg ungehindert nachgehen. 1958 wurde er neuerlich verhaftet - nicht wegen seiner Kriegsverbrechen in Polen und Ungarn, sondern wegen der Ermordung eines Nazi-Funktionärs im Zuge des sogenannten Röhm-Putsches 1934. Diesmal wurde Zelewski zu lebenslanger Haft verurteilt, weil er die Tat nicht leugnete und sich auch nicht auf Befehlsnotstand oder andere mildernde Umstände berief.

14 Jahre später wurde er aus der Haft entlassen, starb aber wenig später. Für die unzähligen von ihm ermordeten Polen, Russen und Juden wurde er nie zur Verantwortung gezogen.

Andreas Pittler, geb. 1964, studierte Geschichte und Germanistik und lebt als Publizist in Wien. 2014 erschien im Echomedia Verlag sein Kriminalroman "Charascho".

Wiener Zeitung, Sa./So., 2./3. August 2014