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Warum leistet sich die moderne Gesellschaft Historiker? (Essay)#

Ernst Bruckmüller

Eine provokante, aber durchaus nahe liegende Frage: Warum brauchen moderne Gesellschaften wissenschaftlich ausgebildete Damen und Herren, die meist in etwas muffigen Archiven oder (etwas helleren) Bibliotheken sitzen, in Computer oder Lesegeräte starren oder verzweifelt mit einer unlesbaren Schrift aus dem 17. Jahrhundert kämpfen? Und warum werden die meisten von ihnen als Archiv-, Museums- oder Universitätsbedienstete von öffentlichen Körperschaften, von Stadtgemeinden, (Bundes-)Ländern oder dem Bund ernährt? (Wir sprechen hier nicht von den als Journalisten oder freiberufliche Schriftsteller Tätigen, die sich ja sozusagen als „marktfähig“ erwiesen haben.)

Die erste Antwort lautet: Eine moderne, arbeitsteilige, staatlich verfasste Gesellschaft braucht Spezialisten für die Aufbewahrung und Aufbereitung dessen, was von vielen Generationen her der jeweiligen Gegenwart als Grundlage für das „kollektive“, „kulturelle“ Gedächtnis (so die beiden Begriffe von Maurice Halbwachs und Jan Assmann) hinterlassen wurde.

Die „Speicher des Gedächtnisses“ sind die systematisch gesammelten Bestände der großen Bibliotheken und Museen. In den Archiven hingegen wird das aufbewahrt, was von der Tätigkeit von Kirchen und Klöstern, Grundherrschaften, Adelsfamilien, Ämtern und Behörden aller Art und aller Ebenen, Unternehmungen etc. an Schriftgut übriggeblieben ist. Das ist zuweilen recht zufällig, denn immer schon hat man angesichts der Menge von anfallendem Papier großzügig „skartiert“, also ganze Bestände aussortiert und vernichtet.

Zur Ordnung und Aufbereitung dieser bibliothekarischen, archivalischen und musealen Bestände bedarf es historisch geschulter Fachleute, die von den Materialien und Schriften sowie deren Archivierung und Musealisierung etwas verstehen.

Die zweite Antwort ist mit der Antwort auf die Frage nach der immer neu zu schreibenden Geschichte (siehe S. 137) eng verknüpft: Jede Gesellschaft „leistet sich“ eine Historikerzunft, weil sie sich von ihr die jeweils auf dem neuesten Stand der Forschung stehende „eigene“ Geschichte erwartet – also die jeweilige „gültige“ Nationalgeschichte. Und darüber hinaus erfordert das explodierende historische Interesse eben eine rasche Ausweitung eines neuen Personals, das diesen Interessen forschend und schreibend dienen kann. Nicht wenige Mitglieder der Historikerzunft verstehen sich aber auch als Mitglieder jenes kritischen intellektuellen Potentials, das moderne Gesellschaften ebenso auszeichnet wie fortschreitende Arbeitsteilung und immer neue Legitimationsanforderungen.

Freilich – für die Kritik zahlen die jeweils Regierenden nicht so rasend gerne. Und die Einbeziehung der Historiker in jene Gruppe von Intellektuellen, die die Fragen der Zeit auch in den Tageszeitungen erörtern, ist zwar in England, Frankreich, Italien und Deutschland ziemlich üblich, in Österreich aber noch entwicklungsfähig. Wir brauchen mehr Historiker, die allgemein verständlich in den Tageszeitungen über die spannenden Themen der Zeit aus der Sicht der Historie schreiben können! Die wird man sich immer gerne leisten.


Dieser Essay stammt mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus dem Buch:

© 2007 by Styria Verlag in der, Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien
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