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Weltbrand - und keine Feuerwehr#

1914 war kein Betriebsunfall. Der Krieg war gewollt.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 6. September 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Alfred Schiemer


Totengedenken im Feld. 'Patriotisches Bilderbuch' (ca. 1914)., Repro: St. Koch
Totengedenken im Feld. "Patriotisches Bilderbuch" (ca. 1914).
Repro: St. Koch

Brauchen Sie neue Schuhe? Ein Paar oder mehr? Der Preis soll in etwa stimmen? Nun, Schleichwerbung macht der Zeitreisenschreiber keine; er nennt das Geschäft, das ihn Sommer für Sommer mit Fußbekleidung eindeckt, nicht. Den wohlklingenden Namen des Städtchens, das in einer Seitenstraße des Hauptplatzes den Laden beherbergt, verrät er aber: Monfalcone.

Zwischen Triest und Grado gelegen, pflegt der Ort am nördlichsten Adria-Zipfel eigene Lebensart. Angenehm und kaum hektisch.

Diesen Eindruck gewinnen jedenfalls Touristen, die zuweilen auch das Fehlen historischer Bauten in der alten Siedlung wundert.

Einen Besucher - Sie kennen ihn schon, liebe Zeitreisende! - freilich, der mit frisch erworbenem Schuhwerk auf Monfalcones Pflaster spaziert, beschleicht angesichts der relativ jungen Mauern manchmal ein seltsames Gefühl. Es geht dabei um ein Familiengeheimnis.

Vielleicht ist Geheimnis nicht ganz das richtige Wort, vielleicht wäre eher der Begriff eisernes Stillschweigen angebracht.

Wie auch immer - vor bald einem Jahrhundert begruben glühende, berstende Hauswände der Stadt im österreichischen Küstenlandeinen gewissen Franz.

Inferno 1914
Inferno 1914ff. Bild nach: "Weltbrand 1915", gesammelt von R. Fürlinger (Wien ca. 1915)

Der Erzähler dieser Geschichte, der dem nun zu Italien gehörenden Ort regelmäßig seine Visite abstattet, ist mit dem um 1890 geborenen Mann weitschichtig verwandt. Der Berichterstatter weiß von seinem Waldviertler Ahnen nicht viel, nicht einmal den Familiennamen. Doch das Wenige, das vom Schicksal dieses Franz im Ersten Weltkrieg überliefert ist, betrübt tief.

War es 1915? 1917? Mit Sicherheit geschah es im umkämpften Monfalcone.

Irgendwo in der zum Ruinenfeld zerschossenen Stadt riss eine Granate dem k.u.k. Soldaten Franz beide Beine ab, am Oberkörper erlitt er Blessuren. Trotzdem blieb er bei Bewusstsein, rief gellend um Hilfe. Bergungsversuche misslangen im Geschoßhagel, nicht einmal Trinkwasser konnten ihm die Sanitäter bringen. In dieser Situation griff ein Kamerad ein. Unter Lebensgefahr schleifte er das stöhnende Bündel Mensch in den nahen Eingang eines Gebäudes, von dem nicht mehr viel stand. Kaum hatte sich der Helfer entfernt, um Gurte zum Abbinden der Beinstümpfe sowie Wasser zu holen, stürzte die in Brand geschossene Hausruine ein. Der schwer verwundete Franz war zum Tod unter einem Trümmerhaufen verurteilt...

K.u.k. Soldatenschicksale
K.u.k. Soldatenschicksale: Bei Übung (l. ob.); an der Front (r. ob.); verwundet auf Rotkreuz-Karren (Bild unten; nach Zeichnung von Maximilian Liebenwein, 1869– 1926). Bilder aus: "Patriotisches Bilderbuch" (ca. 1914) / "Das Miltärbilderbuch", (ca. 1900) / Archiv.
Repros: St. Koch

Eine einzige Angehörige erfuhr über einen Kriegsheimkehrer von den Schreckensszenen. Und sie entschloss sich zu schweigen.

Bei der 1878 geborenen Frau, die ihrer um den Sohn trauernden Tante neues Leid ersparen wollte, handelte es sich um die Großmutter des Schreibers dieser Zeilen. Als er von der Tragödie hörte, war er ein Kind und seine Oma ca. 80 Jahre alt. Bestimmt hatte sie ihre Worte nur für die Ohren der Mutter des Knirpses. Der in einer Ecke spielende Bub lauschte jedoch mit, als die Großmutter leise sagte: Nie habe sie das jemandem berichtet; sie wolle ihr Herz ausschütten; das Schweigen könne falsch gewesen sein.

Der kleine Zuhörer beichtete später sein Wissen der Mutter, der er hoch und heilig versprach, die Oma nicht zu "Onkel Franz" zu fragen.

Jetzt ein Sprung ins Jahr 1913. Am 10. September meldete die "Wiener Zeitung" den Österreich-Besuch von hohen, z.T. nicht im aktiven Dienst stehenden Militärs aus dem Deutschen Reich - von einem Admiral z.D., einem Generalleutnant z.D., einem Generalmajor, einem Major a. D.

Was führte sie wohl an die Donau? Fakt ist: Nur Tage zuvor hatten beim deutschen Kaisermanöver in Salzbrunn (Schlesien) Vertreter des Dreibunds Berlin-Wien-Rom Einigkeit gemimt, das Militärbündnis propagandistisch gestärkt. Hinter den Kulissen trauten aber Deutschland und Österreich-Ungarn den Italienern nicht; Abgesandte Wilhelms II. mussten bei k.u.k. Stellen also manches sondieren. Damals entschied sich auch langsam das Schicksal des Waldviertlers Franz: Gebietsansprüche Italiens an die Monarchie wurden ignoriert - 1914, bei Weltkriegsbeginn, blieb Rom den Kämpfen fern, 1915 wechselte es das Bündnis. Im Süden gab es eine neue Front.

Hunderttausende starben in zwölf Isonzo-Schlachten, Millionen an allen Fronten des Weltbrands. 2014 wird im Zeichen des Kriegsgedenkens stehen. U.a. soll eine große TV-Dokumentation die Schrecken des Völkermordens vor Augen führen. Das ist richtig. Die Schuldfrage will man jedoch ausblenden. Das ist grundfalsch. Kriege sind Verbrechen, Kriege werden gemacht. Von Tätern. Ohne Existenz auch nur einer winzigen Feuerwehr wurde bis 1914 gezündelt. Vor allem vom Deutschland Wilhelms II. Das muss gesagt werden. Und, selbst wenn es nicht in gewisse Klischees passt: Die Kriegserklärung an Serbien, die die Katastrophe auslöste, unterschrieb Kaiser Franz Joseph.

Wiener Zeitung, Freitag, 6. September 2013


Bei der Kriegsschuldfrage müsste man auch Serbien erwähnen, das lange auf einen Krieg hingearbeitet hat. -- Glaubauf Karl, Dienstag, 17. September 2013, 12:50