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Wie Lady M. anno 1716 Wien erlebte#

293 und 100 Jahre zurückgeblättert#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung vom Freitag, 31. Juli 2009

Von

Von Alfred Schiemer


Den Abriss der Stadtmauer wollte eine Britin lange vor Franz Josephs Ära.#

Sie kam, sah und siebte – mit ihrem Scharfblick erkannte sie sofort die guten wie die schlechten Seiten Alt-Wiens. Und zum Glück hielt sie ihre Eindrücke in Briefen fest, die erhalten geblieben sind. Dass sie strenge Maßstäbe anlegte, verwundert die Nachwelt nicht: Die mit dem Pulsschlag einer Weltstadt Vertraute sah sich plötzlich in eine Art Festung unweit der türkischen Grenze versetzt.

Wien-1716
Lady Montagu(l.) und Alt-Wien: Hofburg (Mitte oben: Plan-Teil mit Bau links)am Rande der Stadt, vor der das Glacis lag (Skizze darunter aus 1719); Palais Liechtenstein (unten, 2.Bild v.l.); J. A. Stranitzky (unten, 3. Bild v. l.); sein Theater (unten, 4. Bild v.l.:Haus nach Wiederaufbau 1763); Bürgerwehrmann in Justierung der Frühneuzeit (rechts).

Dazu zwei Erläuterungen:

  • Sie: Das war Lady Mary Wortley Montagu (geborene Pierrepont, 1689–1762). In Literatur, Geschichte, Kunst und diversen Sprachen bewandert, hatte sie 1712 ihren Verlobten Edward Wortley Montagu (1678–1761) heimlich geheiratet; ihr Vater war von Zweifeln an der Finanzkraft des Schwiegersohns in spe geplagt worden. Später sorgte die Lady mit Geschick am Londoner Hof Georgs I. dafür, dass ihr Gatte den lukrativen Posten eines Sonderbotschafters im Osmanenreich erhielt.
  • Alt-Wien, eine Art Festung: Das war die kaiserliche Residenzstadt 1716; zwischen Mauern und Basteien zusammengedrängt, verwinkelt, unsauber.

Das Weitere ist leicht erklärt: Edward Wortley (Wortlay) Montagu fuhr als Chef der britischen Sondermission quer durch den Kontinent zum Sultan und machte in der erst werdenden Metropole der Habsburgermonarchie zu Sondierungen am Hof Station. Seine Gemahlin begleitete ihn.

Lady Montagu kam im September 1716 gut gelaunt in Wien an. Der letzte Teil des Weges dorthin ließ sie jauchzen: „Wir reisten von Regensburg zu Wasser in angenehmer Fahrt die Donau abwärts, in einem dieser kleinen Schiffe, die man bezeichnenderweise hölzerne Häuser nennt; sie bieten alle Bequemlichkeiten (...), Öfen (...), Küchen etc.“ Und: „Sie werden (...) von zwölf Männern gerudert und bewegen sich mit so unglaublicher Geschwindigkeit, dass man an einem Tag das Vergnügen einer ungeheuren Vielfalt von Landschaftsbildern hat (...)“

Umso ärger fiel die Enttäuschung aus, die ihr der Anblick der Kaiserstadt bot.

Ohne Umschweife heißt es in einem Schreiben nach England: „(...) entsprach gar nicht meinen Vorstellungen; (...) ist viel kleiner, als ich es erwartet habe.“ Nachsatz: „Die Straßen sind sehr schmal und sind so eng, dass man die schönen Fassaden der Paläste nicht sehen kann (...)“

Dabei müsste man nicht derart zusammengepfercht leben: „(...) fände es der Kaiser richtig, die Stadttore zu schleifen und die Vorstädte mit der Stadt zu vereinigen, so hätte er eine der größten und schönst gebauten Städte Europas.“ Wohlgemerkt: Diese Zeilen stammen aus 1716! Erst 1857 ordnete Franz Joseph die Demolierung des Mauerrings an. Einmal amüsierte sich die Britin, die die deutsche Sprache recht gut beherrschte, köstlich – bei einer Komödie im 1709 erbauten, von Josef Anton Stranitzky (1676–1726) geleiteten Kärntnertortheater: „Ich habe niemals in meinem Leben so viel gelacht.“

Schiffe vor Wien 1716
Schiffe vor Wien (im Hintergrund Klosterneuburg, links Kahlenbergerdorf): So reiste die Lady. Repros: Ph. Aufner

Trotzdem bekrittelte die Besucherin (Logen-Preis: 1 Golddukaten) einiges: Hierzulande seien die Lustspiele „lächerlich“, das die Bühne beherbergende Haus sei „sehr niedrig und dunkel“.

Doch die Schauspieler gewannen ihr Herz. Die Handlung: „Es begann damit, dass sich Jupiter aus einem Guckloch in den Wolken verliebte und endete mit der Geburt des Herkules (...)“

Hellauf begeisterte die Engländerin eine Oper „im Garten der Favorita“ (nun Theresianum): Nichts „war jemals prächtiger“. Auf einem eigenen Kanal seien „Flotten mit goldenen Schiffen (...) erschienen, die eine Seeschlacht aufführten“. Die Wienerinnen versetzten sie in Erstaunen: So sei es sogar Witwen erlaubt, Kleider in Farben (außer grün und rosa) zu tragen. Lobend erwähnte sie „schöne Sommerpaläste“, z.B. den des Fürsten Liechtenstein; die „unermessliche Menge von Gemälden“ der kaiserlichen Sammlung beeindruckte sie.

Man spürt: Wien stand wenige Jahrzehnte nach der Türkenbelagerung erst am Beginn seines Aufschwungs, Umrisse der Kulturmetropole zeichneten sich aber ab.

Lady Montagu, die am 17. Jänner 1717 abgereist ist, fand in der „Wiener Zeitung“ u.a. am 31. Juli 1909 im Feuilleton Interessante Besucher Wiens Würdigung; Autor Markus Landau erwähnte ein neues Werk, das den Briefen galt. Im „Wienerischen Diarium“ vor 293 Jahren hingegen dürften die Montagus infolge Geheimniskrämerei des Hofes unerwähnt geblieben sein (Karl VI. übte harte Zensur bei Inlandsberichten). Quasi inkognito scheint allerdings zumindest Herr Montagu in einer „Diarium“-Notiz zu einem Fest-Essen des Kaisers am 1. Oktober 1716 vertreten zu sein – ist doch darin von den Herren Botschaftern in Wien als Geladenen die Rede.

Wiener Zeitung vom Freitag, 31. Juli 2009