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Die verborgene Stadt#

Wien zeigt sich den Blicken einer Fremden anders als den Einheimischen – drei Momentaufnahmen aus der Perspektive einer Türkin.#


Von der Zeitschrift Wiener Zeitung, freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

von

Oksan Svastics


Bild 'Wien-verborgene_Stadt1'

Ist es möglich, dass eine Stadt ihren Reichtum und all ihre Unterschiede zu anderen Städten so verbergen kann? In Ordnung! Ein Geschäft mit Glaswaren, das wie ein Juwelier aussieht, hat seinen Platz in der bekanntesten Straße der Stadt. Es ist elegant und geschmackvoll, aber es hat eine Auslage, die nur von scharfäugigen Passanten wahrgenommen wird. In Ordnung! Das Gourmet-Restaurant mit traditioneller österreichischer Küche präsentiert sich schon am Flughafen mit seiner Werbetafel – aber nicht unbedingt für die Touristen. Sein Slogan lautet: „Willkommen zuhause!“. Um spezielle Antiquariate zu finden, solche etwa, die wertvolle Bücher haben, muss man alle Ecken und Winkel Wiens kennen. Eine Straße, die ausschließlich den Kunstgalerien gewidmet wäre, hat diese Stadt nicht. Besondere Werke der berühmtesten österreichischen Maler befinden sich in den Schubladen jener Galerien, die in der ersten Etage von Jugendstilhäusern oder in der Nachbarschaft griechischer Lokale zu finden sind. Jene Konditorei, von der die Großmütter den Enkelkindern erzählen, dass es hier die besten Torten zu essen gibt, findet sich im Zentrum, aber weit ab von anderen Konditoreien, an einer einsamen Stelle. Sogar die Spinner Wiens, diese etwas Verrückten, harmlosen Spaßvögel, die einen auf der Straße mit „Buh!“ erschrecken oder diese sonderbaren Künstler, die den Leuten handgeschriebene Gedichte verteilen, sind versteckt. Auch verrückt gekleidete, bunte Gestalten sieht man nicht so oft in den Straßen dieser Stadt. Zum Glück gibt es einen ganz und gar weißen Mann – man weiß nicht, ob verrückt oder weise – mit einem rosaroten Tupfen. Seine weißen Haare sind zu einem Pferdeschwanz gebunden, er ist im Sommer und Winter mit weißen Hemden, Hosen und Schuhen bekleidet und an seiner Brust trägt er eine künstliche rosarote Rose: der einzig herausstechend bunte Typ dieser Stadt! Gut, dass Weiß die Bündelung aller Farben ist. Schlecht, dass Weiß eigentlich keine Farbe ist.

Die billige Zeitmaschine#

Wir Menschen sind aus dem gemacht, was wir sehen, was wir berühren, was wir riechen. Wenn wir das verlieren, werden auch wir weniger. Wenn der Laden, dessen Süßigkeiten Sie als Kind so gern gegessen haben, verschwindet, löst sich auch die Erinnerung an den bestimmten Geschmack langsam auf. Die Kraft des Duftes, der Menschen so schnell in die Vergangenheit zu versetzen vermag, wird für Sie nutzlos. Wenn Sie von dem Kaffeehaus, in das Sie Ihr Großvater so oft an der Hand haltend geführt hat, kein Foto mehr haben, erinnern Sie sich bald auch nicht mehr an die Bilder, die an diesen Kaffeehauswänden hingen. Langsam verlieren Sie einen Teil Ihres Lebens. Was bisher gesagt wurde, gilt normalerweise für alle. Eine Ausnahme bilden allerdings die Wiener! Hier geht nichts verloren, wird nichts vergessen. Auch wenn das Café Jelinek neue Betreiber hat, sind der Kachelofen und die Samtsofas noch immer dort. Jene geliebten, winzigen Bonbons, die wie Schmuckstücke verziert sind, können Ihren sechsten, ebenso Ihren vierzigsten Geburtstag versüßen. Gebäude, in denen seit Jahrhunderten die gleiche Arbeit verrichtet wird, sind nicht verfallen. Sie stehen aufrecht und gehören nicht selten noch derselben Familie! Hunderte von Gedenktafeln, die an Schriftsteller, Helden, Kriege, Schauspieler und Belagerungen erinnern, sind an Häusern und auf Gehsteigen angebracht. Die Streichholzschachteln Ihrer Großmutter können Sie auf dem Flohmarkt finden. Diese Stadt vergisst nichts, wirft nichts weg. In anderen Städten, in denen alles unter dem beängstigenden Räderwerk der Veränderung unentwegt und ohne Halt „erneuert“ wird, kann man sich nicht so sicher fühlen wie in dieser Stadt. Anderswo können nur Geschichtsprofessoren mit offenen Augen die Spuren von vor 200 Jahren sehen, andere müssen auf die Erfindung einer Zeitmaschine warten!

Das dritte Paradies#

Was macht ein Mensch, nicht mehr ganz jung, wenn er beginnt in einer Stadt zu leben, deren Sprache er noch nicht kennt? Natürlich schaut er! Er sieht Menschen wie sie streiten, wie sie lieben, wie sie leben. Er beobachtet das Geschehen auf der Straße. Aber diese Stadt wirkt kühl, und die Geschichten erkennt man nicht sofort. Hier ist nicht Paris, nicht Bombay, nicht Istanbul. Hier ist die Stadt von Thomas Bernhard. Bemerkenswert ist die Stille. Lebendig wird es im Kunsthistorischen Museum, in der Albertina oder im Leopoldmuseum mit Farben, mit Schreien, mit Gefühlen, mit Intimitäten hinter Hausfassaden. In dieser ruhigen Stadt erklingen Töne, überall. Hier ist die Hauptstadt der klassischen Musik. Gibt es für einen wortkargen Menschen ein schöneres Paradies als die Musik und die Malerei? Ja, es gab eines. Vor vier Jahren, im Filmmuseum, während der Buster Keaton Retrospektive. Da erlebten wir einen Zauber aus Choreographie und Timing, aus Akrobatik und Melancholie. In diesem Winter haben wir nur Stummfilme gesehen und eines Abends, als wir das Kino verließen, sagte ich zu meinem Geliebten, dass ich von Anfang bis zum Ende alles verstanden hatte! Wir hielten einen Moment inne und brachen in lautes Gelächter aus. Die Stille der Stadt war mit einem Schlag überwunden, besiegt und beendet. Niemand hatte sich nach uns umgedreht. Aber es ist ja auch unsere Geschichte...

Oksan Svastics, geb. 1963 in Ankara, lebt als Journalistin in Wien und arbeitet für türkische Zeitungen.

Wiener Zeitung, Samstag, 10. Jänner 2009