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Vom alten zum neuen Europa #

Von 18. September 1814 bis 9. Juni 1815 fand der Wiener Kongress statt. In Europa wurden Grenzen neu festgelegt und neue Staaten definiert. Die dabei verordnete Ruhe bestand allerdings nur kurze Zeit. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 18. September 2014).

Von

Wolfgang Häusler


Schlacht bei Wagram. Ölgemälde von Jacques François Joseph Swebach- Desfontaines
Schlacht bei Wagram. Nach der Niederlage vermittelte Metternich die Ehe zwischen Napoleon und Marie Louise, Tochter von Kaiser Franz (II.) I. Das Ölgemälde von Jacques François Joseph Swebach- Desfontaines zeigt den Übergang der Grande Armée unter Napoleon in die Lobau vor der Schlacht bei Wagram am 15. Juli 1809.
Foto: © IMAGNO/Austrian Archives

Vor mir liegt der stattliche Katalog, der vom Bundesministerium für Unterricht 1965 veranstalteten Ausstellung „150 Jahre Wiener Kongress“, der ersten umfassenden Präsentation einer historischen Epoche. Minister Theodor Piffl-Percˇevic´ zitierte im Vorwort Metternichs Selbstkritik: „Mein geheimster Gedanke ist letztlich der, dass das alte Europa am Anfang des Endes ist. ... Zwischen dem Ende und dem Anfang wird es ein Chaos geben.“ Dieses Wort fiel nicht „in den Tagen und Monaten der schweren Verhandlungen des Kongresses“ (Piffl), sondern erst 1830, im Jahr der Pariser Julirevolution und des polnischen Novemberaufstands, gegenüber dem russischen Geschäftsträger (und seinerzeitigen Kongresspartner) Graf Nesselrode. Wenig später wurde der Minister mit herber Österreich-Schelte konfrontiert: Am 4. März 1968 hielt Thomas Bernhard anlässlich der Verleihung des „Kleinen österreichischen Staatspreises für Literatur“ entgegen: „Der Staat ist ein Gebilde, das fortwährend zum Scheitern, das Volk ein solches, das ununterbrochen zur Infamie und zur Geistesschwäche verurteilt ist.“ Piffl verließ wütend den Saal mit dem Ruf: „Wir sind trotzdem stolze Österreicher!“

Der „Kutscher Europas“, wie man den mächtigen Fürsten (seit 1813) und Staatskanzler (seit 1821) Metternich nannte, vermochte die Prinzipien der Französische Revolution in ihren demokratischen und nationalen Dimensionen nur als Chaos, Erdbeben, Feuersbrunst, Sintflut zu sehen und abzuwehren, die ‚Urkatastrophe‘ der Moderne. Metternichs diplomatisches und politisches Lebenswerk galt der Erhaltung und Restauration der Dynastien gemäß dem von Talleyrand kreierten Legitimitätsprinzip – keine einfache Aufgabe, da er selbst nach der Niederlage von 1809 die Ehe zwischen dem Sohn der Revolution und Empereur Napoleon und der Tochter seines Kaisers Marie Louise vermittelt hatte. Papa François war, wie oft übersehen wird, nur ein Jahr älter als der stürmische Schwiegersohn. Nicht allein dessen Armeen, sondern die Ideen von 1789 gaben dem alten Europa eine neue politische und soziale Gestalt.

Entfesselung der Gesellschaft #

Vom „Schlachtfeld von Marengo“ (1800) datierte Heinrich Heine (1828) demgegenüber „Emancipation“ als „diese große Aufgabe der Zeit, ... absonderlich Europas, das mündig geworden ist, und sich jetzt losreißt von dem eisernen Gängelbande der Bevorrechteten, der Aristokratie, ... im heiligen Befreiungskriege der Menschheit“. Am 13. März 1815 hatten die Kongressmächte einhellig den von Elba zurückkehrenden Revenant der Revolution als „Feind und Störer der Ruhe der Welt“ geächtet und nach der finalen Niederlage von Waterloo nach St. Helena verbannt. Als an dieses einsamste Felseneiland geschmiedeter Prometheus ließ er die Welt „meine Lieblingsideen“ wissen, „die Zusammenschmelzung, die Vereinigung der Völker ..., für Europa den Gedanken einer Amphiktyonie, eines nordamerikanischen Kongresses“ – im Sinne „eines Plans, eine Vereinigung der Nationen herbeizuführen.“ Seinem Sohn Napoleon II. trug er auf, die „gereinigte Revolution“, diese „neuen Ideen für Frankreich und Europa“ in „Frieden“ zu verwirklichen. – Es fällt nicht schwer, den Widerspruch dieser zu spät gekommenen Erkenntnisse mit der eigenen Machtpraxis festzustellen.

Dennoch: Wie schon Percy B. und Mary Shelleys „Prometheus unbound“ bzw. „Frankenstein or The Modern Prometheus“ beschworen, dachte Marx die Prometheus-Metapher vom „vornehmsten Heiligen und Märtyrer im philosophischen Kalender“ (Dissertation) weiter zur „Entfesselung der bürgerlichen Gesellschaft“ („Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“) „mit ihren Klassen und Klassengegensätzen“ („Manifest“). „Prometheus unbound“ ist auch der Titel des grundlegenden Werkes von David S. Landes (1969) über die von England seit dem 18. Jahrhundert ausgehende technisch-industrielle Revolution. Diese war es, die im Wettstreit zwischen dem meerbeherrschenden britischen Empire und dem durch die Kontinentalsperre behinderten französischen Empire letztlich Napoleons Scheitern bewirkte. In Wien setzte Großbritanniens Gesandter Castlereagh seine Vorstellung vom Gleichgewicht der Mächte durch, verweigerte sich jedoch der antimodernen Heiligen Allianz.

Sieger in diesem Kräftemessen war der die Welt nach dem Bild und Willen der aufsteigenden Bourgeoisie formende Kapitalismus, dessen globale Dimension Friedrich Schiller schon 1801 bei „Antritt des neuen Jahrhunderts“, den modernen Imperialismus vorahnend, erkannte: „Zwo gewalt’ge Nationen ringen / Um der Welt alleinigen Besitz. / Aller Länder Freiheit zu verschlingen, / Schwingen sie den Dreizack und den Blitz.“ – „Britannia, rule the Waves!“ contra Napoleons Artillerie!

Als Historiker, Geschichtsphilosoph und Dramatiker hatte Schiller die frühneuzeitlichen Revolutionen durchdekliniert, an „Tell“ und der „Jungfrau von Orleans“ gespiegelt, sich mit dem „Abfall der Niederlande von der spanischen Macht“ des „Don Carlos“ ebenso auseinandergesetzt, wie in der „Wallenstein“-Tragödie Bonapartes Aufstieg und drohenden Fall früh reflektiert und prophetisch im „Demetrius“-Fragment nach dem Osten Europas geblickt. Sein Vermächtnis erhellt den gegenwärtigen, von NATO und EU geschürten russisch-ukrainischen Konflikt – in diesem Jahr, da das erdölreiche Aserbaidschan den Vorsitz im Europarat (!) führt. Schillers Perspektive könnte Leitlinie in den gegenwärtigen europäischen und weltpolitischen Krisen sein.

Die Folgen des Wiener Kongresses #

Der Wiener Kongress konnte kein „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama nach 1989) statuieren; die Welt bleibt in „permanenter Revolution“ (Marx), wie auch die großen Konservativen des 19. Jahrhunderts, Jacob Burckhardt und Alexis de Tocqueville, erkannten – und es der aus Wien vertriebene Metternich im Sturmjahr 1848 als Niederlage seines Lebenswerkes erfahren musste. Die vermeintlich stabile Friedensordnung des Kongresses konnte durch die Interventionspolitik der Heiligen Allianz nur kurze Zeit bestehen; bei seiner Würdigung sind die Folgen zu bedenken, wie Wartburgfest (1817), die Kongresse von Aachen, Troppau, Laibach, Verona (1818/1822), Karlsbader Beschlüsse (1819), Wiener Schlussakte (1820), der Aufbau eines polizeilichen Kontroll- und Überwachungssystems und bevormundende Zensur, welche den Weg der Zivilgesellschaft vom Untertan zum Staatsbürger im Zeichen der Menschenrechte hemmen, aber nicht verhindern konnte.

Historische Tiefendimension #

„Der liebe Kongreß! Man weiß ja kaum, ob er angefangen hat“, notierte am 16. Jänner 1815 der preußische, in russischen Diensten stehende Graf Karl Nostitz, als ungelöste Differenzen, namentlich in der sächsisch-polnischen Frage, die Verhandlungen bedrohten. Am 16. September 1814 fand eine informelle Besprechung der Diplomaten der Siegermächte England, Russland und Österreich statt, am 18. September stieß Preußen dazu. Die Ergänzung zur Pentarchie gelang mit Einbeziehung des besiegten Frankreich dank Talleyrands Geschick. Metternich meinte, der Kongress habe erst mit den Achterkonferenzen seit dem 30. Oktober richtig begonnen – Schweden, Spanien und Portugal kamen hinzu, als merkwürdige Vorwegnahme der G8 (oder G7) unserer Tage. Im Zeichen des „Strukturwandels der Öffentlichkeit“ (Jürgen Habermas) stand der Empfang der alliierten Monarchen, Friedrich Wilhelm III. von Preußen und Zar Alexander I., an der Taborlinie durch Kaiser Franz, inszeniert mit Kanonendonner, Glockengeläut und Vivatrufen – ein Reenactment der fiktiven Monarchenbegegnung auf dem Völkerschlachtfeld von Leipzig.

„Europa in Wien“ – so der Titel der im Belvedere geplanten Ausstellung (Februar 2015), „Erfindung Europas“ – ein Projekt des Österreichischen Staatsarchivs, zwei Historikertagungen in Innsbruck (September 2014) und Wien (Juni 2015) stehen bevor. Vom 18. bis 22. September 2014 ist die internationale Konferenz „The Congress of Vienna and its Global Dimension“ anberaumt. Ein merkwürdiges Zusammentreffen verleiht diesen ‚Parallelaktionen‘ (Robert Musil) zum Wiener Kongress eine historische Dimension: 2014 gedenkt Aachen des 1200-jährigen Todestages Karl des Großen und der mit seinem Namen verbundenen ‚abendländischen‘ Kaiseridee. Nebenbei: Angesichts der Proklamierung des ‚Kalifats‘ in Syrien und Irak mit der Stoßrichtung Bagdad sollte man sich erinnern, dass die Machtübernahme der Abbasiden (750) den Islam über die arabischen Völker hinaus ausbreitete und synchron verlief zur Machtbegründung des Frankenreichs durch Karl Martell und Pippin, bekräftigt durch das Bündnis mit dem Papsttum – ein Vorbild für Napoleons Herrschaftsideologie. Noch weiter zurück führt die Erinnerung an das Todesjahr von Augustus 14 n. Chr.: Das Imperium Romanum lebte im Heiligen Römischen Reich bis zu dessen Auflösung unter Napoleons Druck (1806) weiter – Kaiser Franz (II.) I. rettete 1804 seine Tradition in das österreichische Erbkaisertum hinüber. Und im Jahrhundertgedenken an den Ersten Weltkrieg erkennen wir, wie die Krisen unserer Zeit durch den Untergang der übernationalen alteuropäischen Reiches und des Osmanischen Reiches geprägt sind.

DIE FURCHE, Donnerstag, 18. September 2014