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Manfried Welan über den Essay „Österreichs staatliche Geschichte" von Zeßner-Spitzenberg#

Zeßner hat sich sein ganzes Leben mit Österreich und seiner Geschichte beschäftigt.

Der Essay „Österreichs staatliche Geschichte" beginnt mit dem Satz „Österreichische Geschichte ist die Geschichte eines Raumes, der von Gott mit der besonderen Aufgabe gesegnet ist, der Herzraum Europas zu sein" — Der Schlussabsatz wiederholt und fast zusammen:

„In seiner Geschichte erkennt und findet sich Österreich wieder. Und seine Geschichte ist die eines Raumes, der von Gott mit der besonderen Aufgabe gesegnet ist, der Herzraum Europas zu sein. Sein Land liegt wie eine Festung in den Mittel- und Ostalpen, bewacht die Einfalls- und Ausfallstore nach dem Osten und die Wege nach dem Westen: Alpentäler und Donaufurche. Und bewacht die kürzesten Linien von Meer zu Meer über die Mitte des europäischen Erdteiles von der Nord- und Ostsee zur Adria und zum Mittelländischen Meer, die über seine Alpensättel führen. Säße hier ein Eroberervolk, es würde ganz Europa bedrohen. Doch die hier wohnen, sind sich bewusst: Verbinder, Verknüpfer, Vermittler und Versöhner zu sein und sein zu müssen, Wächter der hochbedeutsamen Klammer der europäischen Staaten und Kulturgemeinschaft, soll das Abendland nicht in Tod und Not versinken." Österreichs Kernraum sei seit über 1000 Jahren zwar deutsch. Aber dieser Kernraum habe weit darüber hinaus europäisch¬abendländische Bedeutung. „Österreichs Volk ist Träger einer Vermittlungsidee. Österreichs Art ist aufgeschlossen auch Anderssprachigen und freudig im Geben und Nehmen kultureller Güter. Gerade das ist seine übernationale Eigenart, ja seine österreichische Nationalart. So hat Österreich gewiss sein deutsches Selbst, aber ebenso seine völkerverbindende Sendung. Und diese zu erfüllen, ist der Sinn seiner Geschichte."

Der Essay schildert die vorgeschichtliche Zeit von der „Venus von Willendorf" an über Illyrer und Kelten, die römische Grundlegung der österreichischen Kultur über die Gründung der doppelten östlichen Mark unter Karl dem Großen, dessen Krönung zum Kaiser eine tausendjährige Reichsgeschichte einleitete bis zu Heinrich von Babenberg, seit dem die Mark den Namen „Ostarrichi" führte. 1156 brachte Friedrich Barbarossas „Privilegium Minus" Heinrich Jasomirgott das Herzogtum. Das war die rechtliche Grundlage für die Sonderentwicklung zum österreichischen Landesfürstentum in den folgenden Jahrhunderten. Der Kampf um das Babenbergererbe war der Kampf um die Schlüsselstellung in Mitteleuropa, den Rudolf von Habsburg gegen PrzemysI Ottokar II. von Böhmen gewann. In Rudolf IV. sieht Zeßner den eigentlichen Former der sich ihrer selbst bewussten „Österreichischen Idee". Österreich war ihm Herz und Schild des Reiches. Er habe den vorausschauenden Blick für die Großraumbildung im Alpen-, Sudeten-, Karpaten- und Donauland gehabt. 1437 vereinigte Albrecht von Österreich als König von Böhmen und Ungarn das erste Großösterreich. Aber dann folgten in Ungarn Matthias Corvinus und in Böhmen Georg von Podiebrad. Unter Kaiser Friedrich III. entstand das „Austria erit in orbe ultima" (AEIOU).

Maximilian und Philipp gewannen durch Heiraten große Reiche. 1526 wird Ferdinand I. König von Böhmen und Ungarn. Das spanische Erbe ist aber mit Deutschland und mit der habsburgischen Länderunion an der Donau nicht zu einem Weltreich zusammengewachsen. Die Reformation schwächte die innere Kraft. In Karls V. Machtbereich ging zwar die Sonne nicht unter, aber es kam zu zwei Linien des Hauses. Die Glaubensspaltung schwächte die religionsmonarchische und kulturelle Grundlage des Reiches und seines Kaisertums. Der Reichsgedanke lebte nach dem Dreißigjährigen Krieg „fast nur mehr im Kaiser selbst - und fand seine nahezu einzige Stütze in der um Österreich geschaffenen Ländergemeinschaft." Die österreichischen Länder waren in eine niederösterreichische, eine innerösterreichische und eine vorderösterreichische Gruppe geteilt. Erst Ferdinand II. (1619-1637) erklärte alle dem Haus Habsburg gehörigen Länder unteilbar. Der bereits verdrängte katholische Glaube wurde durch in den Alpen- und Sudetenländern wieder hergestellt.

Besonders widmet sich Zeßner „Österreichs großem Heldenzeitalter". „Schon in den Schwedenkriegen hat es begonnen. Nun zieht es voll herauf. Die Kaiser Leopold I. (1658-1705), Josef I. (1705- 1711) und Karl VI. (1711-1740), die Feldherren Montecuccoli, Karl von Lothringen, Ludwig von Baden und vor allem Prinz Eugen, Bischof Kollonitsch und der schlichte Kapuzinermönch Marco D'Aviano, das sind allbekannte Namen, die ihm das Gepräge geben." Der Widerstand und Entsatz Wiens ist für Zeßner eines der größten und entscheidendsten Ereignisse der österreichischen Geschichte. „Er zeigte die volle abendländische Bedeutung des österreichischen Raumes auf. Denn nicht um Wien allein handelte es sich dabei, sondern um das ganze christliche Abendland." Österreich wird durch Prinz Eugens Siege eine Großmacht. Die Großraumbildung Österreich, Böhmen, Ungarn ist durchgeführt. Philipp Wilhelm von Hörnigks Worte

„Österreich über alles, wann es nur will" versteht bereits unter Österreich die Gesamtheit aller Länder des Erzhauses, innerhalb und außerhalb des Heiligen Römischen Reichs. „Der Sieg der katholischen Gegenreformation im Inneren, die Überwindung der türkischen Gefahr und der französischen Gegenspieler im Äußeren, und die Verschwisterung mit der niederländischen und italienischen Kultur, die nun zahlreiche Künstler nach Wien und Österreich entsendet, das Kraftbewusstsein der großen kulturbringenden Aufgaben im Osten lassen jenen jubelnden, liebenswürdigen, kühnen und phantasiereichen Kunststil, den man das Barock nennt, in Österreich heimisch und zum Ausdruck des Österreichertums werden." 1713 wurde die Pragmatische Sanktion das erste Staatsgrundgesetz der österreichischen föderativen Großraumbildung. Unteilbar und untrennbar sollen alle Länder Kaiser Karl VI., dem letzten Habsburger seines Mannesstamms, auf die weibliche Linie übergehen. Die Landstände und Landtage stimmen zu. Völkerrechtlich wurde die Sanktion praktisch allgemein anerkannt.

Maria Theresia bereitete in Abkehr vom historischen gleichmäßigen Föderalismus einen modernen Staat mit zentralen Behörden. Sie hat das Österreich des nächsten Jahrhunderts geprägt. Ihr Staatsgebilde schuf sie aufgrund der Pragmatischen Sanktion als Erzherzogin von Österreich, Königin von Ungarn und Königin von Böhmen. „Zur Zeit ihrer Regierung tritt die Eigenständigkeit der österreichischen Staatsidee und Weltaufgabe, wenngleich innig verbunden mit der Idee des Heiligen Römischen Reiches zum ersten Mal sichtbar hervor." Josef II. setzte die Zielrichtung Einheitsstaat fort, aber seine Germanisierungspolitik wurde ebenso abgelehnt wie der „Josephinismus" überhaupt. Der Josephinismus vertrug die österreichische völkerverbindende, notwendig auf Bewahrung und allseitige Anpassung eingestellte Wesenheit nicht. Bauernbefreiung und Toleranzpatent blieben, der größte Teil der Reformen wurde aber zurückgenommen.

Zeßner wusste, dass mit der Idee der großen Revolution das Heilige Römische Reich nach fast 1000jährigem Bestand sein Ende finden musste. Er stellt dem „Gewaltmensch und Erneuerer" Napoleon den „guten Kaiser Franz", Franz II. (I. 1792-1838), den letzten Römischen und Ersten Kaiser von Österreich gegenüber. „Langsam und bedächtig, den Neuerungen abhold, daher von der liberalen Geschichtsschreibung verzerrt dargestellt", war er „ein echter Volkskaiser", ein „Freund und Schützer des Handwerks". „Vor allem sah er klar die Gefahren des Industrialismus, der Maschine und des Kapitalismus voraus, und wird nicht mit Unrecht „Brotvater" seiner Völker genannt. In seinem einfachen, fast bürgerlichen Lebenswandel war er ein Symbol des konservativen Gedankens in der Zeit der Neuerungen; ein Symbol für die Biedermeierzeit."

Ihm und seiner Zeit gehört Zeßners Sympathie. Er sieht in ihm die Fortsetzung der alten großen europäischen Ordnung. Österreich habe die neue Ordnung Napoleons abgewehrt, Metternich das Prinzip der Rechtmäßigkeit und der Autorität wieder eingeführt. Die große geistige Bewegung der Romantik fand in einer neuen, universellen Schau des Lebens in Dichtung, Kunst und Staatsphilosophie ihren Ausdruck und in Österreich eine besondere Heimstätte. „In diesem Zeitalter, in dem sich Österreich mit allen seinen Kräften der Zerstörung vom Westen her entgegenstemmte, entstand das österreichische Kaisertum als die rechtliche Krönung der vollendeten großraumbildenden österreichischen Idee." Für Zeßner war das Haus Österreich mit seiner Völker und Kulturen verbindenden Länder- und Staatengemeinschaft die Macht, auf der das Heilige Römische Reich gegenüber Napoleon noch ruhte. Als der Kaiser auf Druck Napoleons die Römische Kaiserkrone niederlegte, da war das Kaisertum Österreich schon bereit, als geschichtlich legitimer Erbe die alten Traditionen fortzuführen. „Das Haus Österreich - und mit ihm sein Staatenkörper - hat also für die Reichsidee getan, was es nur konnte. Es hat ihr nach dem Zusammenbruch der alten Trägerschaft, die durch das deutsche Volk und Reich gegeben war, einen neuen Träger gesichert: die Völkermonarchie im Herzen Europas, im Alpen-Donauraum". Dementsprechend tagte der Kongress zur Wiederherstellung der legitimen Ordnung Europas in Wien.

„Wien war das natürliche Zentrum für die Bestrebungen der Wiederherstellung des Abendlandes nach den Grundsätzen der Rechtmäßigkeit und der geschichtlichen Entwicklung ...." Metternich war der Staats- und Staatenlenker Europas. „Österreich erfüllte als Völkerreich, als Vormacht Europas und als Präsidialmacht des 1815 gegründeten „Deutschen Bundes" den tiefsten Sinn des alten heiligen Reichsgedankens."

Zeßner vertrat die sogenannte großdeutsche Idee, also „ein völkerumspannendes föderatives Mitteleuropa vom Rhein bis zu den Karpaten, von der Ostsee zur Adria, gegen die nationalistisch-kleindeutsche Lösung eines Preußen-Deutschland Bismarck’scher Prägung." Vieles scheiterte an der Rivalität Österreich-Preußen. „Das österreichische Ministerium Schwarzenberg-Bruck strebte noch 1850 ein „Siebzig-Millionen-Reich" an, das mit einheitlichen Zollbund von den deutschen Meeren bis zur Adria und bis zum Schwarzen Meer reichen sollte. Auch Italien, Schweiz, Belgien und die Niederlande sollten ihm, wenn möglich, außer allen deutschen und österreichischen Ländern angehören können."

Für Zeßner sind Preußen und Bismarck die Ursache für den Niedergang des großen Reichsgedankens. „Österreich wird in diesen siebzig Jahren (1849-1914) auf sich selbst gestellt, auf den Alpen-Donauraum. Von der 1000jährigen Grundlage des Verwachsenseins mit Deutschland und von seinen Stützpunkten in Italien gelöst, soll es nun die von beiden verleugnete und verworfene übernationale abendländische Verbindungsaufgabe ganz allein erfüllen; erfüllen als vielsprachiges Völkerreich; als erster großstaatlicher Völkerbund, mitten in einer Welt des nationalen Taumels. Es ist vielleicht Österreichs größte Stunde, die es vor einen in der Weltgeschichte bisher einzig bestehenden Versuch stellt, die wahre Staatskultur des Lebens und Lebenlassens unter einem Dutzend national erwachter Völker zu pflegen."

Zeßners Geschichtsdarstellung ist antirationalistisch, vor allem aber antinationalistisch, gegen Preußen-Deutschland und gegen Italien gerichtet. Nur Österreich hat die große Aufgabe des europäischen Bindegliedes und der europäischen Brücke zwischen Ost und Süd, West und Ost und der nationalen und kulturellen Vermittlung. Der Berliner Kongress beauftragte Österreich Bosnien und Herzegowina zu besetzen. 1908 werden sie der Monarchie einverleibt und wieder leistet Österreich „segensreiche" Kulturarbeit. Zeßners Darstellung der inneren Staatsgeschichte Österreichs ab 1848 ist relativ kurz. Aber er hebt den Reichsbau hervor, den Belcredi auf der historisch-staatsrechtlichen Grundlage der Fünf-Gliederung nach österreichischen, böhmischen, polnischen, ungarischen und kroatischen Ländern entwarf, der „- schon von Metternich erwogen - wohl am besten die Probleme des Völkerreiches gelöst hätte."

Er zeigt auf, wie die verlorenen Kriege innerpolitisch Konsequenzen hatten. Es ist ja eine österreichische Tragödie, dass die Entwicklung zu Rechtsstaat und Demokratie mit Niederlagen Österreichs gepflastert war. Beide Wörter kommen daher in Zeßners Darstellung nicht vor. Ihm geht es um Österreich und das Haus Habsburg. Er sieht das Parlament in Kleinigkeiten und Streitigkeiten befangen, unmöglich zur inneren Reform. Ideen des liberalen Rechtsstaats und der liberalen Demokratie liegen ihm fern, sind ihm fremd. Er stellt kurz den „Ausgleich", die Zeit des Liberalismus und die ihr folgende konservative Gegenbewegung, den „großen Volksmann" Lueger und das allgemeine Wahlrecht dar. Es ist ihm klar, dass die alten Formen der Staatsordnung längst nicht mehr genügten. Brauchbare Lösungsformeln wurden genügend entworfen. Er nennt die großösterreichische Idee nationaler Gliedstaaten nach Siedlungsgebieten des Rumänen Constantin Popovici und die Idee der nationalen Kulturautonomie nach dem Personalitätsprinzip Karl Renners. „Aber der Parlamentarismus lebt vom Streit und bleibt unfruchtbar. Doch nie ging der Streit der Völker ernstlich gegen den Staat "

Wie andere nennt Zeßner als starken Halt des Reiches die „k.u.k. Armee, als wertvollsten Erzieher zur Einheit in der Vielgestaltigkeit, und das streng objektive altösterreichische Beamtentum, als Vollstrecker der Gleichberechtigung." Manche sahen ja im Art. 19 StGG über die Gleichberechtigung der Volksstämme die österreichische Staatsidee, andere im Bildungswesen, viele im Kaiser.

Nach der Beschreibung des Weltkrieges hebt Zeßner Kaiser Karls Friedensversuche hervor. „Er hat den besten Willen, die Völker zu versöhnen und zufrieden zu stellen, die Klassengegensätze zu überbrücken, den Blutopfern des Frontkrieges und dem Hungerelend des Hinterlandes durch einen ehrenvollen allgemeinen Frieden der Mäßigung und Verständigung ein Ende zu setzen. Aber weder Feind noch Freund hörten auf ihn."

Das Ende der Dodnaumonarchie#

Im Spätherbst 1918 der furchtbare Zusammenbruch, 1919 Gewaltfriedensdiktate, „die Deutschland knechteten, Österreich-Ungarn vernichteten. Ein verstümmeltes Österreich, ein verstümmeltes Ungarn blieben übrig. Kaiser Karl, der nicht gehörte Friedensbereiter, starb 1922 in der Verbannung auf der afrikanischen Insel Madeira." Bemerkenswert ist Zeßners Analyse der jungen Republik. Das Wort gebraucht er gar nicht. Er spricht vom „Österreich, dem der Staatsvertrag von St. Germain die engen Grenzen zog" und das „den Glauben an sich, an seine Vergangenheit und Zukunft und an seine europäische Bedeutung verloren" hatte:

„Mutlos hatte es am 12. November sein Heil in einer von Deutschland selbst mit Schweigen beantworteten Anschlusserklärung, in einem revolutionären Übergang zu einer auf die Spitze getriebenen Parteien- und Parlamentsdemokratie gesucht und sich der Herrschaft der Straße preisgegeben."

Dann lobt er Seipels Sanierungsprogramm, den Wiederaufbau und die Bundesverfassung vom 1. Oktober 1920 wegen der föderativen Staatsorganisation. Österreich habe als Land der friedlichen Vertragstreue das Vertrauen Europas gewonnen. Der Parteienstaat habe aber die innere Spannung der Klassen nicht überwinden können. Zeßner erwähnt den 15. Juni 1927, der nahe an den Abgrund des Bürgerkriegs geführt habe. Den Bürgerkrieg 1934 verschweigt er, ebenso den Staatsstreich und die Diktatur Dollfuss'. In ihm sieht er den Retter und denjenigen, der die „Fahne einer neuen Heimats- und Autoritätssicherung" „entrollte."

Er sieht Dollfuß nur positiv. Er habe in einem freien und mutigen Bekenntnis zu Österreichs Eigenart, „Staatlichkeit und abendländischer Bedeutung das schon verloren gegangenen österreichischen Selbstbewusstsein und Österreichs Staatswillen wieder hochgerissen".

Die Verfassung, die er am 1. Mai 1934 seinem Österreich gegeben habe, bekenne sich zur Ordnung eines christlichen Ständestaates und wolle die soziale Gerechtigkeit. „Der vaterlandsbewusste Weg, den Dollfuss wies und durch seinen Opfertod (25. Juli 1934) besiegelte, zielt darauf hin, Österreichs Vermittlerrolle im Herzen Europas zwischen West und Ost, Nord und Süd als Hüter des Friedens und des Rechtes wieder aufzunehmen."

Zeßner sah und deutete Geschichte sub specie Austriae Habsburgensis, nicht sub specie libertatis oder sub specie populi. Wenn man aber den Sinn der österreichischen Geschichte in mehr Freiheit für die Menschen sieht und es gibt Argumente dafür, so kann man Zeßners Sichtweise und Darstellung nicht nachvollziehen. So sehr er für die sozialen Rechte der Menschen war, so wenig hätte er Verständnis für mehr oder überhaupt liberale Rechte. Als Staatsbeamter und Jurist war er ein Träger des Rechtsstaates, dessen Wesen und Wert er kannte. Aber er gebrauchte nie das Wort Rechtsstaat, auch dann nicht, als es zu Brüchen des Rechtsstaates kam, also insbesondere nicht 1933 und Republikanisch war er blind, demokratisch unmusikalisch. Aber er war ein Österreicher.

„Der Christliche Ständestaat" leitete seinen fünften Jahrgang 1938 mit einem Bericht von der Weihnachtsbotschaft Pius XII. ein. In diesem wird klar gesagt, dass in Deutschland eine Religionsverfolgung seitens des NS-Regimes am Werke sei. So deutliche Worte hatte man von diesem Papst noch nicht gehört.

Dann folgt Zeßners Grundsatzartikel „Österreichische Grunderkenntnisse".

Ausgehend von der Präambel zur österreichischen Verfassung 1934 zeigt er auf, dass das österreichische Volk ihr Empfänger und Träger ist. „Wir haben also nicht nur einen österreichischen Staat, für dessen Freiheit, Eigenheit und Unabhängigkeit wir eintreten, sondern als Träger und Eigner dieses Staates und als ersten Sinn und Zweck dieses Staates, durch den es seine Rechtsform und politische Gestaltung erhält, das Volk von Österreich," Wo es ein Volk gibt, dort gibt es auch ein Volkstum. Durch den österreichischen Raum bedingt, durch die österreichische Geschichte geformt, durch die österreichische Idee getragen und die österreichische völkerverbindende Sendung vor aller Welt ausgezeichnet und von aller Welt anerkannt und ganz besonders durch die eigene Klangfarbe österreichischer Kultur- und Lebensart ausgeprägt: Das österreichische Volkstum. In der Völkermonarchie sei dies alles nicht so sehr zum Ausdruck gekommen. Denn der Begriff Österreich war der übernationalen Reichsfunktion dienstbar. Sie umfasste viele gleichberechtigte Stämme und Sprachen. In dieser Gleichberechtigung der Nationalitäten sahen wie gesagt manche die österreichische Staatsidee. Heute sei aber Österreich nicht mehr ein übernationaler Reichsbegriff. Heute komme ihm die Selbsterkenntnis der besonderen Funktion dieses eigenartig getönten eigenen Volkstums mehr und mehr zum Selbstbewusstsein; auch seiner eigenen Sendung im Herzen Europas nach.

Die Zerreißung der Monarchie, das Verbleiben des sprachlich fast einheitlichen Erzösterreich als eigener Staat habe das besondere Volkstum zur Reife gebracht. Die Verbindungs- und Vermittlungsfunktion im Dienste Europas sei seinerzeit von der Dynastie getragen worden.

Viele sahen im Kaiser die österreichische Staatsidee der völkerverbindenden Sendung.

Das Volk des heutigen Österreich sei seiner Dynastie der völkerverbindenden Traditionen beraubt, „seit 1918/19 muss das österreichische Volk selbst erster Träger seiner Sendung, Träger seiner Idee, wissender und bewusster Träger seiner Kultur und Kulturaufgabe sein."

„Jener Kultur, die nicht nur sich selbst, sondern der sittlichen Ordnung in Europa dienstbereit ist; die über jeden Nationalismus erhaben und hinausgewachsen, die friedensvollen und gerechten Ideen der völkerversöhnenden Wege der Rechtsordnung und der Völkerordnung der Zukunft bewahrt und vorbildet". Zeßner sieht diese große historische Mission als Schöpferin des eigenartigen österreichischen Volkes. „Das österreichische Volkstum wurde im Kernraum der österreichischen Idee klar geformt, herausgehoben als ein eigenes, trotz seiner Deutschheit nach Sprache und Herkunft. Dollfuss habe dies intuitiv erkannt und in der Verfassungspräambel feierlich bekannt. Die Entwicklung im „Dritten Reich" habe dieses .Reifen österreichischer Volkstumserkenntnis" gefördert. Seit der Glaubensspaltung, seit der Verpreußung, seit der Bildung eines Neudeutschtums mit absoluter Konsequenz bis zur Förderung eines Neuheidentums und zur Beseitigung der christlichen Staats- und Kulturgrundlagen ging das „Dritte Reich" weiter. Es ist gewiss ein neudeutsches und - wie wir fürchten müssen - neuheidnisches Volkstum, das da draußen im „Dritten Reich" neu geschaffen wird."

Hier nimmt Zeßner Gedanken aus der Weihnachtsbotschaft des Papstes auf und ruft ins Bewusstsein, dass das Deutschland des Nationalsozialismus „etwas ganz anderes ist als das alte, das universale, völkerverbindende, das christliche der Grundeinstellung im öffentlichen Leben, das Gebundensein auch mit der Rechtsordnung in eine ewige von Gott ausgehende Ordnung, der Glaube an eine sittliche und nicht bloße Machtordnung unter den Staaten und Völkern, die Gerechtigkeit auch gegen Menschen anderer Sprache und Rasse".

„Damit aber ist die Eigenständigkeit des österreichischen Volkstums klar; ebenso klar und ebenso eindeutig wie die Eigenständigkeit seines österreichischen Staates...." Andernfalls hätte er zwar noch den gewaltigen Sinn, aber nicht die nötige Lebenskraft.

Man könne - ohne die altartige Deutschheit des Österreichertums anzuzweifeln - von einer österreichischen Nationalart, von österreichischen Nationaleigenschaften, vom österreichischen Menschen, von einer österreichischen Nation im volklichen und kulturellen Sinn ebenso sprechen, wie schon längst im staatlich-rechtlichen Sinn von österreichischer Nationalbank, österreichischer Nationalbibliothek usw. oder bei allen internationalen Veranstaltungen von der österreichischen Nationalmannschaft, vom österreichischen Nationalkomitee usw.

Das Österreichertum ist nach Zeßner etwas Besonderes. „Denn nicht die Sprache, sondern die Art des Kulturwillens, die Sendung und die Lebensform sind das Entscheidende für ein Volkstum". Zeßner ist sich bewusst, dass im Dritten Reich und bei Deutschnationalen gegen diese seine österreichischen Grunderkenntnisse, die bei ihm immer gleichzeitig Grundbekenntnisse sind, Widerspruch besteht. Aber als Jurist meint er, dass gerade der Vertrag vom 11. Juli 1936 ein solches österreichisches Nationalbewusstsein erfordert „und gesamtdeutsche Velleitäten (kraftloses Wollen) als vertragswidrig erscheinen lassen". Die Selbstständigkeit sei anerkannt, die Einmengung in innere Angelegenheiten zurückgewiesen.

Er sieht, wie vieles hüben und drüben gründlich verschieden ist. Er sieht daher ein Entweder-oder: Entweder verliert Österreich sein Österreichertum und geht auf in gesamtdeutscher Einheit von Volk und Staat - oder „die Hoffnung, Erwartung und Berechnung, dass doch einmal die Weltanschauung und Kulturform und damit die Staatsidee des Nationalsozialismus im Dritten Reich zusammenbrechen und eine gesamtdeutsche Kulturgemeinschaft zwischen Österreich und einem anders gewordenen Deutschland möglich sein werde."

Der Beitrag endet mit dem Satz: „Gerade die so viel verlästerten österreichischen Legitimisten, die fest im Österreichertum und im österreichischen Nationalbewusstsein verankert sind, stehen also am ehrlichsten auf dem Boden dieser Konsequenz des 11. Juli 1936". Zeßner gab sich also noch im Jänner 1938 Illusionen hin. Er war ein österreich-gläubiger Mensch. Er glaubte auch an dieses sein Österreich und an das österreichische Volk.

Aber die Österreicher waren nur als Minderheit die Willensnation, die sie nach 1945 wurden. Das Volk war zu einer österreichischen Mission noch nicht bereit. Es hatte andere Sorgen. Zeßner hat in seinen Analysen zu wenig die Realitäten berücksichtigt. Aber er hat den Unrechtsstaat Deutschland erkannt. Diesbezüglich machte er sich keine Illusionen. Der Vernichtung der christlichen Staats- und Kulturgrundlagen durch Hitlerdeutschland war er sich bewusst. Er erkennt die Einheit von Monopolpartei und Staat, die totalitäre Diktatur in ihren Erscheinungsformen und mit ihren Begleiterscheinungen, das neuheidnische Volkstum. Über den Nationalsozialismus und Hitlerdeutschland machte sich Zeßner keine Illusionen, wohl aber den österreichischen Staat und über das österreichische Volk.