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Friedrich Heer - der Prophet, der uns fehlt#

Trautl Brandstaller

Als Friedrich Funder am 1. Jänner 1948 den jungen Historiker Friedrich Heer in die Redaktion der „Furche“ holte, ahnte er noch nicht, welchen Feuerkopf und Querdenker er da engagiert hatte. Heer hatte zwar schon seit Kriegsende mit Publikationen auf sich aufmerksam gemacht, aber in der „Furche“ entwickelte er sich bald zum führenden Leitartikler, der für die junge Zweite Republik grundlegende Fragen zu Religion und Politik, zur Verantwortung für die NS-Vergangenheit und zur Rolle Österreichs in Europa aufwarf. Bald galt er jenseits der österreichischen Grenzen, vor allem in der damaligen Bundesrepublik Deutschland, als die intellektuelle Stimme Österreichs, die immer öfter und regelmäßig in den europäischen Diskurs eingriff. Als 1949, also zu Beginn des Kalten Kriegs, sein Buch „Gespräch der Feinde“ erschien, avancierte Heer zum Lieblingsfeind der politischen Rechten, die den Kampf gegen den Kommunismus als Hauptagenda der Politik sah. Dafür gewann er die Freundschaft von Heinrich Böll, Helmut Gollwitzer, Walter Dirks und Eugen Kogon, die ebenso wie Heer die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit zum wichtigsten Thema ihrer publizistischen Arbeit machten. Heer war einer der ersten, der den Widerstand von Katholiken und Kommunisten gegen die NS-Diktatur öffentlich würdigte. Obwohl selbst keiner Widerstandsgruppe angehörend, kannte er doch die meisten katholischen rund um Roman Scholz – und über seinen Schulfreund Christian Broda- auch kommunistische Widerstandskämpfer. Wenn dieser Widerstand auch zahlenmäßig bescheiden war, so blieb er für Heer dennoch die wichtigste moralische Grundlage der neuen Republik. Die nach 1955 sich häufenden NS-Heldenfeiern und Kameradschaftstreffen waren ihm ein Dorn im Auge: „Österreich wird zugrunde gehen, wenn seine verantwortlichen Politiker es nicht wagen, die Dinge beim Namen zu nennen“, schrieb er Anfang der Fünfziger Jahre. Der „Kampf um die österreichische Identität“, ein Buch, das er zwei Jahre vor seinem Tod veröffentlichte, und das 1996 neu aufgelegt wurde, war schon früh eines seiner großen Lebensthemen: Anfänglich noch vom konservativen Geschichtsdenken beeinflusst, hielt er an einer österreichischen „Mission“ fest, die das Land über alle Geschichtsepochen hinweg zu erfüllen habe, später entwickelte er sich zum „Österreich-Realisten“ : „Frauen und Männer des Dritten Österreich (in der Emigration) leben, lehren, arbeiten nicht in Österreich, weil man sie hier nicht sehen, ansehen, haben will…“ Und als eine der Hauptursachen für Fehlentwicklungen und „Engführungen“, wie er es nannte, sah er „unsere beiden vorrangigen Nationallaster, Neid und uneigennützige Gemeinheit“. Er wusste, wovon er redete. 1950 hatte er sich zum Privatdozenten für „Geistesgeschichte des Abendlandes“ habilitiert und erhielt 1961 den Titel eines „a.o.Professors“, eine ordentliche Professur an der Wiener Universität verhinderte vor allem der damalige ÖVP-Unterrichtsminister Heinrich Drimmel. Als August M. Knoll (mit ihm und Wilfried Daim hatte Heer das Buch „Linkskatholizismus“ veröffentlicht“) beim Minister für die Professur intervenierte, meinte Drimmel trocken: „Eine Professur für Heer? Ja, wenn die Bolschewiken kommen!“ Das ideologisch aufgeheizte Klima der Fünfziger und beginnenden Sechziger Jahre erfuhr noch eine Steigerung, als Heer 1967 sein Werk „Gottes erste Liebe“ , über die jüdischen Wurzeln des Christentums und die christlichen Wurzeln des Antisemitismus veröffentlichte. Er hatte damit den Nerv des Katholizismus getroffen. Noch schlimmer wurden die Anfeindungen ein Jahr später: Heer analysierte in „Der Glaube des Adolf Hitler. Anatomie einer politischen Religiosität“ mentale Übereinstimmungen zwischen dem nationalsozialistischen „Glauben“ und dem „Glauben“ einer unspirituellen, ausgetrockneten Kirche. Hatten beim ersten Buch seine Freunde aus dem katholischen Milieu ihn noch unterstützt, so stürzte ihn das Buch über Hitler (eine „Atombombe zwischen Buchdeckeln“ nannte es der „Spiegel“) in die katholische Isolation. Er wurde nicht mehr zu Vorträgen eingeladen, man versuchte ihn von allen Diskussionen fernzuhalten. Der Ausschluss aus dem katholischen Milieu und die Distanz, die Kardinal König ihm gegenüber an den Tag legte, schmerzten Friedrich Heer mehr, als er nach außen zugab. Dabei hatte er- wie viele andere- so große Hoffnungen auf das Zweite Vatikanische Konzil gesetzt und sich selbst als Wegbereiter des „Aggiornamento“ verstanden. Diese Hoffnungen auf die Öffnung und Modernisierung der Kirche erfüllten sich nicht- weder in der Stellungnahme des Konzils zum Judentum noch zur Stellung der Frauen und zum Thema Sexualität. Aufrecht blieb Heers Interesse an den kirchlichen Entwicklungen in Lateinamerika, vor allem an der Befreiungstheologie, der Kontakt zu Ivan Illich, dem großen, aus Wien stammenden Kritiker einer verfehlten Entwicklungspolitik, blieb bis zu seinem Lebensende aufrecht. Die „Furche“ hatte er schon 1961 – nicht ganz freiwillig- verlassen, er übersiedelte ans Burgtheater, wo ihm sein alter Freund Broda bei Ernst Häussermann einen Posten als Dramaturg verschafft hatte. Im kleinen Zimmer unter dem Dach des Burgtheaters habe ich Friedrich Heer regelmäßig besucht, mein Interesse war nicht nur durch die Lektüre seiner Bücher, sondern auch durch seine „Verbannung“ aus den katholischen Kreisen geweckt worden. Wie gefährlich war ein Mann, der weder an der Universität lehren, noch mit katholischen Studenten diskutieren durfte? In diesen Zeiten des Aufbruchs und der beginnenden Studentenbewegung diskutierten wir über Gott und die Welt, über Religion und Politik, über Kirche und Moral, über Christentum und Marxismus - Gespräche, die zu meinen wertvollsten und prägenden Jugenderinnerungen zählen. Zentral für Heer war die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Europas. „Aufgang Europas“ hatte er sein erstes großes historisches Werk genannt- in bewusster Antithese zu Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“, seine „Europäische Geistesgeschichte“ avancierte zum Standardwerk, sein „Europa- Mutter der Revolutionen“ zum Lieblingsbuch vieler damals revolutionär gestimmter Studenten. Am europäischen Diskurs der Historiker und Philosophen nahm er teil, solange es ihm seine Gesundheit erlaubte. Für die heutige junge Generation ist Friedrich Heers Stil ziemlich schwer lesbar, manche finden ihn gar antiquiert. Seine in freier Assoziation entstehenden Wortkaskaden, die komplexe historische Zusammenhänge verdeutlichen wollen, machen die Lektüre seiner Bücher nicht gerade einfach. Und dennoch: hinter der manchmal überbordenden Wortflut läßt der Feuerkopf Heer immer wieder Funken „schöpferischer Vernunft“, innovative Gedankengänge, überraschende Erkenntnisse aufblitzen. Als Friedrich Heer 1983 starb, ging die Nachkriegszeit und ihre Fragestellungen ihrem Ende entgegen. Aber die Themenkreise, die der christliche Humanist Heer umkreist hatte, sind aktueller denn je: Was würde Heer zur heutigen Situation sagen- in Österreich, in Europa und in der Kirche? Für Österreichs Regierung würde er sich schämen – für die Stacheldrahtzieher, die Festungsbauer, die Domino-Effekt-Hascher, für alle, die „die Grenzen dicht“ machen wollen. Europas Versagen in der Wirtschaftskrise und der Flüchtlingspolitik würde er mit harten Worten geißeln und die Vision eines humanen, sozialen und friedensstiftenden Europa einfordern. Und die Kirche? Mit Papst Franziskus hätte er wahrscheinlich viel Freude, mit Österreichs Bischöfen schon etwas weniger, dafür aber umso mehr mit den Pfarrern und Ordensschwestern, die derzeit christliche Humanität vorleben.