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Schlechte Zeit für Zeitromane#

Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten junge österreichische Autoren, die nationalsozialistische Erblast gesellschaftskritisch zu beschreiben. Doch sie blieben weitgehend unverstanden.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 25./26. Oktober 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Evelyne Polt-Heinzl


Der Wien-Thrilller 'Der dritte Mann' (hier Orson Welles)
Der Wien-Thrilller "Der dritte Mann" (hier Orson Welles in der Hauptrolle) nach Graham Greenes Roman regte Wiener Schriftsteller zu kritischen Weiterentwicklungen an.
© John Springer Collection/Corbis

"Nach Kriegsende wurden plötzlich die Schleusen geöffnet ... Die meisten von uns lasen zum ersten Male ausländische Autoren der letzten zwanzig, dreißig Jahre. Zum ersten Male aber auch die deutsche und österreichische Lyrik des Expressionismus, des Dadaismus, des Surrealismus." So beschrieb 1957 Hanns Weissenborn, bis 1951 Redakteur der legendären "Neuen Wege" und ab 1954 Herausgeber der Zeitschrift "alpha", die Flut der literarischen Eindrücke für die junge Generation nach 1945.

Durch Austrofaschismus und Nationalsozialismus nicht weniger radikal verschüttet war der "Zeitroman" der 1920er Jahre, der mit Action-Verkleidung gesellschaftspolitische Schräglagen abhandelte. Seine Vertreter wie Vicki Baum, Georg Froeschel, Robert Neumann oder Otto Soyka wurden ins Exil vertrieben, Hugo Bettauer fiel bereits 1925 einem politischen Attentat zum Opfer. Ihre Bücher wurden rasch vergessen, was zur These führte, in Österreich habe es keine Literatur der Neuen Sachlichkeit gegeben.

Nach 1945 aber versuchten einige junge Autoren an diese Tradition anzuknüpfen. Zu ihnen gehörten der junge Johannes Mario Simmel ebenso wie der heuer verstorbene Hermann Schreiber, der fast nur mehr als Sachbuchautor wahrgenommen wird - alle elf aktuell lieferbaren Titel Schreibers fallen in dieses Segment. Das Scheitern des Zeitromans in der Zweiten Republik war ein Phänomen der Rezeption und hatte vor allem politische Gründe: Es war der Kalte Krieg, der die österreichische Literaturgeschichte der Nachkriegsjahre schrieb.

Besiegt, nicht befreit#

"Die Menschen gingen in alten Kleidern, sie wohnten in Kellern und Höhlen, sie hatten zu wenig Brot. Und viele von denen, die glaubten, dass ihnen Unrecht geschah, dachten bei sich . . ., es wird gut sein, den Untergang jener noch mitanzusehen, die unsere Richter waren." So beschreibt Simmel 1950 in seinem Roman "Brot" die Stimmung im zerbombten Wien. Das war die verbreitete Haltung der Akteure und Mitläufer des NS-Regimes, die sich nicht als Befreite, sondern als Besiegte erlebten.

Simmel ist vorgeworfen worden, das Buch enthalte problematische Formulierungen des Trosts, ebenso wie sein 1949 erschienener Roman aus dem Luftschutzkeller "Mich wundert, dass ich so fröhlich bin", der bei den Debatten über die angeblich ausgebliebene literarische Behandlung des Luftkriegs nie in den Blick kam. Eines aber ist in Simmels frühen Romanen immer klar: "Wir alle wussten, dass es ein Verbrechen war zu schweigen, aber wir schwiegen", und mit dieser Schuld haben die Menschen nun zu leben. Simmel entwirft in beiden Romanen ungeschönte Live-Berichte aus den realen wie moralischen Trümmerlandschaften Wiens, wo sich die differenten Lebenswege in der NS-Zeit auf oft groteske Weise mischen.

In Simmels 1950 erschienenem Krimi "Der Mörder trinkt keine Milch" überschneiden sich in einer Zeitungsredaktion - ein klassisches Ambiente der Literatur der Neuen Sachlichkeit - die Schicksale eines jüdischen Kulturredakteurs, dem als "U-Boot" ein Überleben in Wien gelungen war, eines Schiebers, der in einer Nachtbar residiert, und eines Journalisten, dem ein Erlebnis aus Kriegstagen zum Verhängnis wird.

"Sturz in die Nacht"#

Auch Hermann Schreiber begann mit zeitkritischen Romanen, die bei Erscheinen keiner als Beitrag zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus lesen wollte. Dies ist das "Muster eines neuzeitlichen Abenteuerromanes" und wer "hinter diesen aufregenden Vordergrund zu blicken vermag, der entdeckt dort die Sehnsucht der Jugend nach Sauberkeit und Treue, ihre Bereitschaft, sich für das, woran sie glaubt, mit dem Leben einzusetzen". So ist im Klappentext zu Schreibers 1951 erschienenem Roman "Sturz in die Nacht" zu lesen, und das könnte auch gut ein Buch über die Hitlerjugend bewerben. Doch Schreiber erzählt vor dem actiongeladenen Hintergrund eines Flugzeugabsturzes ganz andere Schicksale, die alle in den Jahren der Résistance und der Verfolgung wurzeln.

Die Formulierung des Verlags, die historische Fakten zu Plattheiten verflacht, entsprach dem zeittypischen Umgang mit dem gerade Erlebten. Er erwuchs aus dem Kompromiss zwischen dem Bedürfnis der großteils schuldhaft verstrickten Überlebenden nach raschem Vergessen und den Anforderungen des Kalten Krieges. Der verlangte eindeutige Frontstellungen, und der Feind war nicht länger der Nationalsozialismus, sondern die Sowjetunion. Deshalb war das Interesse an Romanen über die NS-Vergangenheit in Österreich besonders gering, was die Literarhistoriker zu der nächsten Absenzerklärung veranlasste, in Österreich habe es keine Trümmerliteratur gegeben.

Doch es hat sie gegeben, nicht nur mit Robert Neumanns "Die Kinder von Wien", 1946 im englischen Exil erschienen und zwei Jahre später in deutscher Übersetzung. Viele dieser Bücher wurden in kleinen Verlagen publiziert oder überhaupt nur als Zeitungsabdruck. Auch Reinhard Federmann fand für seine "Chronik der Nacht" keinen Verleger, "weil er in ihm das Schicksal eines heimgekehrten Juden in das Wien der vier Besatzungsmächte" schildert.

So schrieb Milo Dor im Nachwort zum Roman, der 1988 - nach einem Abdruck in der Wiener "Arbeiter-Zeitung" 1950/51 - erstmals in Buchform vorlag. "Da brennen sie einem eine Sühneabgabe auf. Die Verbrecher! Für was, möcht’ ich wissen . . . Unsereiner, der ehrliche Geschäftsmann . . . Dass ich schon 1931 dabei war - was wollen Sie denn? 1931 war die SA ja erlaubt".

So lässt Federmann hier schon 1950 einen "unschuldigen" Nationalsozialisten in der Art vor sich hinpoltern, die ein Jahrzehnt später den "Herrn Karl" von Karl Merz und Helmut Qualtinger berühmt machen wird.

Die bis heute touristisch vermarktete Krimi-Ikone aus dem zerbombten Wien im Schiebertaumel ist Graham Greenes "Der Dritte Mann" über den Bösewicht Harry Lime, der mit gestrecktem Penicillin handelt. Carol Reeds Verfilmung verzichtete weitgehend auf politische Aussagen oder Sozialkritik, was eine positive Rezeption beförderte, auch wenn einige Wiener Blätter von "Rufschädigung" sprachen. Am 10. März 1950 kam der Film in die österreichischen Kinos und brachte Milo Dor und Reinhard Federmann auf die Idee, an den Erfolg anzuknüpfen. Bereits 1951 schrieben sie gemeinsam den Kriminalroman "Internationale Zone", der ebenfalls im Schiebermilieu spielt und Elemente des Films übernimmt. Schriftsteller sei ein "guter Beruf", meint im Roman einer der Schieber, man "soll gut dabei verdienen . . . Kennen Sie Graham Greene?"

Politisch war "Internationale Zone" mit der klaren Rollenverteilung zwischen den verschlagenen russischen Besatzern und den Missstände rasch aufklärenden Amerikanern mit den Anforderungen des Kalten Krieges absolut kompatibel. "Und ihr wollt amerikanische Soldaten sein", herrscht der Offizier jene beiden GIs an, die sich an einer der dunklen Aktionen beteiligt haben.

Die Schiebergeschäfte werden ganz im Sinne der amerikanischen Propaganda als ausschließlicher Geschäftszweig der sowjetischen Besatzer gezeichnet, die gleichsam die gesamte Gesellschaft infiltriert haben. Wien sei das letzte offene Tor zwischen Ost und West: "Hier verdienen sie, die roten Glücksritter. Hunderte von Deckfirmen haben sie hier. Herr Meier oder Herr Navratil sind die Inhaber. Christliche, bürgerliche Kaufleute. Verteidiger der westlichen Kultur. Zeitungen . . . Radio . . . alles Dreck. In Wirklichkeit sind sie nur Strohmänner der russischen Handelsgesellschaft."

Fragen der Schuld#

Solche Eindeutigkeiten hat Hermann Schreiber stets vermieden, dafür übersah er das Fortleben alter NS-Netzwerke selbst dann nicht, wenn das Buch wie 1952 sein Krimi "Die Glut im Rücken" im Wiener Volksbuchverlag erschien, der, so Schreiber, "einem strikt antikommunistischen Kurs" folgte. Auch Schreibers Roman führt in die Wiener Ruinenlandschaft und thematisiert die mediale Berichterstattung der Zeitereignisse, aber eben auch Fragen der Schuld.

Die junge Erna etwa kämpft mit bösen Erinnerungen, wie jene an die einstige Hausbesitzerin, von der sie 1938 als BDM-Führerin vergeblich um Hilfe gegen die Plünderung ihrer Wohnung gebeten wurde. Nun hat sie Angst, "dass irgendwo und irgendwann alles gesagt werden könnte, alles auch von den Bedenken, den kleinen Sünden, deren man tausende beging, weil man sicher war, dass sie ungestraft bleiben würden, und denen dann die großen Sünden gefolgt waren, für die damals auch keine Strafe drohte."

Trotzdem oder vielleicht deshalb bleibt Erna im Umfeld einer der aktiven NS-Gruppen, die am Ende des Romans - durch Zufall, nicht durch den Eifer der Behörden - ausgehoben wird. Auch der ehemalige NS-Offizier Dolansky kämpft mit einer alten Schuld: Er hat einst seine Geliebte, eine junge Französin, bei einem Herrenabend im deutschen Offizierskasino verraten. Der Anwalt, dem er seine "Schuld" beichtet, vermutet wohl zurecht, dass diese Geschichte auch dazu dient, üblere Erinnerungen zu überdecken. Dass die Geliebte von einst sich nun als Teil der französischen Besatzer in Wien aufhält, bringt die Krimihandlung in Gang, die allerdings ganz unerwartet endet.

Wie nebenbei streut Schreiber auch unorthodoxe Urteile über den sich neu konstituierenden Literaturbetrieb ein. Er macht sich über das erste "Plan"-Heft Otto Basils, in dem ein Gedicht Erich Kästners über den Ersten Weltkrieg als besonders aktuell abgedruckt war, ebenso lustig wie über die schalen Persiflagen der NS-Zeit auf den kleinen Kabarettbühnen. "Gehen Sie auch schon unter die Förderer", fragt wenig später ein Rundfunkredakteur den anderen mit einem Seitenblick auf Hans Weigel, Hermann Hakel oder Rudolf Felmayer.

Erfolg in der DDR#

Entstanden ist Schreibers illusionsloser Nachkriegskrimi im Rahmen eines Preisausschreibens der Büchergilde Gutenberg, die bereits ein Jahr nach Erscheinen des Buches eine Neuausgabe herausbrachte. Im selben Jahr erschien es im Verlag der Nation in Berlin/Ost. Wie es zu dieser Erfolgsgeschichte in der DDR kam, hat Schreiber 2013 unter dem Titel "Schreiber im Leseland" in der Zeitschrift "Literatur und Kritik" beschrieben, für die er bis zuletzt als Rezensent tätig war. Als 1964 in der Stiasny-Reihe "Das österreichische Wort" ein Band mit Texten Schreibers erschien, fehlte in der sorgfältigen Bibliografie, die allen diesen Bänden angefügt war, just "Die Glut im Rücken". Ein Schelm wer dahinter etwas anderes als Zufall vermutet.

Evelyne Polt-Heinzl, geboren 1960, ist Literaturwissenschafterin und -kritikerin. Mitherausgeberin des Bandes: "1928. Ein Jahr wird besichtigt" (Sonderzahl Verlag, Wien, 2014).

Wiener Zeitung, Sa./So., 25./26. Oktober 2014