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Katerstimmung im Märchenland#

Das Sultanat Brunei im Norden der Insel Borneo lebt glänzend vom Erdöl. Doch allmählich versiegen die Ölquellen.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 16./17. Jänner 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Marc Tornow


Moschee in der Hauptstadt Bandar Seri Begawan
Postkartenmotiv für die Außenwelt: die Moschee in der Hauptstadt Bandar Seri Begawan.
© Tornow

Eine kurze Drehung an der Pinne und der Außenbordmotor heult auf. Das schnittige Holzboot jagt über den Sungai Brunei, den Brunei Fluss. Seine vom Lehm aus den umliegenden Wäldern braun gefärbten Wasser schlagen sprudelnd Gischt. Kaum zehn Minuten dauert die Fahrt hinaus aus der Hauptstadt, dann stoppt Nabil den Motor in einer unwirtlichen Umgebung. Wie grüne Vorhänge schieben sich undurchdringliche Baumreihen vor beide Seiten des Flusses. Zwischen dem knorrigen Wurzelwerk der Mangroven kriechen Krokodile, und in den meterhohen Wipfeln darüber kreischen exotische Vögel. Brunei Darussalam, so der Name des Öl-Sultanats auf der Insel Borneo, erhält im Gegensatz zu seinen Nachbarn Malaysia und Indonesien seine Urwälder. Nur hier, kurz hinter der Stadtgrenze, ragen einer Fata Morgana gleich goldene Kuppeln zwischen den Baumkronen auf.

"Da drüben ist der Palast unseres Sultans", erklärt Nabil stolz und macht eine ausladende Handbewegung, die den gesamten Uferabschnitt umfasst. "Platz für Helikopter, Yachten, Autos!" Der Chauffeur des Wassertaxis steuert auf die golden glänzenden Zwiebeltürme zu. Zutritt auf das Gelände haben die Untertanen nur an hohen islamischen Feiertagen. Von den raren Visiten weiß man, dass die Anlage 1788 Räume mit 200.000 Quadratmetern umfasst - darunter eine Audienzhalle für 5000 Personen sowie klimatisierte Stallungen für Polopferde und Garagen. "Und wissen Sie was? Es ist auch alles Gold, was golden glänzt!"

Pracht und Strenge#

Wie auf Bestellung erscheint die königliche Boeing im Tiefflug über dem Areal. Bei gutem Wetter wird die Flotte des Sultans, bestehend aus vier Großraumjets, aktiviert und kreist stundenlang über Bandar Seri Begawan, der verschlafenen Kapitale unter der gleißenden Sonne Südostasiens. "Die Piloten müssen ihre monatlichen Mindeststunden abfliegen, damit ihre Lizenzen nicht erlöschen", sagt ein Regierungsberater, der namentlich nicht genannt werden möchte. "In den Cockpits, in der Kabine, die Techniker in den Hangars - alles Leute aus Frankfurt. Und auch das Management des Palastes liegt in deutschen Händen."

Dass Hassanal Bolkiah, Sultan von Brunei, seinen Landsleuten sicherheitsrelevante Positionen anscheinend nicht anvertraut, mag auf seinen Erfahrungen von 1962 beruhen. Damals revoltierte das Volk gegen die absolute Monarchie. Mit Hilfe der Protektoratsmacht Großbritannien schlug der Herrscher den Aufstand nieder. Seither ist ein Bataillon der legendären nepalesischen Gorkha-Kämpfer in dem Königreich stationiert und es gilt das Kriegsrecht.

Von einem martialischen Umgang ist in den Straßen von Bandar Seri Begawan - kurz BSB - indes nichts zu spüren. Das Miteinander ist herzlich und die wenigen Autos stoppen schon Meter vor den Passanten, um ihnen Vorrang zu geben. Allein, auf den zweiten Blick überdecken Restriktionen den Alltag, die mit der Einführung der Scharia einhergehen.

Seit 2013 wird stufenweise das islamische Recht in dem Land implementiert, das etwa halb so groß ist wie Oberösterreich. So gilt in Brunei ein Alkoholverbot für Moslems; Diskotheken oder Nachtklubs sind undenkbar, auf Homosexualität steht die Todesstrafe durch Steinigung, und selbst Gesangsaufführungen sind nur in Ausnahmen erlaubt. Die staatlich kontrollierten Medien verkünden, dass Muslime Andersgläubigen nicht mehr zu deren religiösen Feiertagen gratulieren dürfen, um den Islam nicht zu diffamieren - eine weitere Initiative seiner Majestät des Sultans, der gleichzeitig das Amt des Premierministers und des Verteidigungsministers innehat. Das Budget des Königshauses sowie sein Privatvermögen bleiben gehütete Staatsgeheimnisse, da Hassanal Bolkiah auch Finanzminister in Personalunion ist.

"Das Parlament führt eigentlich nur Scheindebatten", sagt der Regierungsberater. So werde wochenlang über die angemessene Klimatisierung in den staatlichen Krankenhäusern diskutiert. Schlüsselentscheidungen aber treffe Er. Zum Selbstverständnis dieser Regentschaft gehört das System des Malayu Islam Beraja. Es protegiert auf allen Ebenen die malaysisch geprägte Kultur und die islamische Religion - unter Führung des Monarchen.

Und doch gibt es im zunehmend konservativ organisierten Alltag Bruneis vielerlei Schlupflöcher gegen Schmiergeldzahlung. Ein Anruf bei einem Mittelsmann - 30 Minuten später steht erlesener australischer Rotwein oder eine Flasche Gin auf dem Tisch. Chinesische Händler, die seit Jahrhunderten in weiten Teilen der Region aktiv sind, schenken im Hinterzimmer ihrer traditionellen Shophouses "Brunei Tea" aus - Whiskey, der passenderweise dieselbe Farbe wie Schwarztee hat. Und nach Einbruch der Dunkelheit tauchen dürftig bekleidete Prostituierte in den zugigen Seitengassen der Jalan Pemancha auf, der wichtigsten Geschäftsstraße von BSB. Diese illegalen Aktivitäten können nach islamischem Recht mit Gefängnis sowie Stockhieben geahndet werden, weshalb die neutral gekleidete Religionspolizei umgeht. Das alles verschafft der zersiedelten Hauptstadt ein wundersames Bild.

Besuch beim Thron#

Sämtlicher Grund und Boden gehört dem Königshaus, und entsteht irgendwo ein Hotel oder ein Freizeitpark, hatte sein Investor einen guten Draht zum adeligen Eigentümer. So erklärt es sich, dass über Kilometer unberührter Urwald steht und dann scheinbar aus dem Nichts ein Einkaufszen-trum auftaucht. So bleibt der Hauptstadt eine konzeptionelle Gliederung fremd, was nichts an ihrem bisweilen märchenhaften Charakter ändert, zu dem die Sultan Omar Ali Saifuddin-Moschee zählt. Ihre goldenen Türme können auch von Nicht-Muslimen besucht werden - sie sind das Wahrzeichen von BSB und Postkartenmotiv des Landes für die Außenwelt. Vis-à-vis erstreckt sich ein Paradeplatz für zeremonielle Aufmärsche und dahinter lockt das "Königliche Insignien Museum" mit freiem Eintritt.

Dutzende Hostessen mit sorgfältig gebundenen Kopftüchern geleiten das Publikum durch imposante Gewölbe, in denen sich der Andrang in Grenzen hält. In leihweise vergebenen, schneeweißen Frottee-Hausschuhen geht es über spiegelblanke Böden aus italienischem Marmor in einen Saal, der das von Soldaten bewachte Tabernakel der Ausstellung enthält: den goldenen Thron des Monarchen. Seine Paradeuniformen, Poloausrüstungen, Urkunden und Bilder sind in weiteren Räumen hinter Panzerglas zu bestaunen, ebenso die Gastgeschenke befreundeter Staatsmänner und eine vergoldete Kutsche.

Dass mit solchen kulturellen Angeboten die Jugend Bruneis kaum unterhalten werden kann, beweisen die langen Autoschlangen am Wochenende. Viele fahren ins benachbarte Malaysia. Dort fließt der Alkohol in Strömen und in den Diskotheken wird bis zum Morgengrauen durchgetanzt. "Viele Eltern raten ihren Kindern, für ein Studium gleich ganz ins Ausland zu gehen", sagt der Regierungsberater. "Die intellektuelle Elite hat die Koffer gepackt und Brunei zum Beispiel in Richtung Singapur verlassen."

Mit dem Stadtstaat knapp 1300 Kilometer westlich teilt Brunei eine Parität seiner Währung: Der Singapur Dollar und der Brunei Dollar sind in beiden Ländern gültige Zahlungsmittel; eine währungspolitische Besonderheit, die sich in gemeinsamen Erfahrungen unter britischem Mandat und der Wiedererlangung der Unabhängigkeit begründen. "Neuerdings ist in Brunei von einem unbedingten Festhalten an dieser Währungsgleichheit die Rede. Anscheinend sieht sich die Staatsspitze genötigt, öffentlich die Frage nach der Stabilität seines Dollars zu beantworten, obwohl diese niemand gestellt hat", wundert sich der Regierungsberater.

Tatsächlich erhalten Kunden an malaysischen Wechselschaltern schon heute für einen Brunei Dollar weniger ausbezahlt als für die Scheine aus Singapur, obwohl beide Noten nominell gleichwertig seien. Hinter den Kulissen erodiert das Vertrauen in die Wirtschaftskraft Bruneis, dessen Wohlstand sich zu 90 Prozent auf Erdöl und Gas begründet. Offiziell sollen diese noch 20 Jahre sprudeln. "Fünf Jahre sind wahrscheinlicher."

Feudaler Luxus#

Schon heute sind viele der 1929 im Westen des Landes erschlossenen Vorkommen erschöpft. Nur noch weit draußen im Südchinesischen Meer vor der Kreisstadt Kuala Belait sind bei Dunkelheit die flackernden Flammen als Zeichen einer andauernden Offshore-Förderung auszumachen. Es sind gute Signale für das Königshaus und seinen Lebensstil, der bisher unberührt bleibt. Die Bräute verschiedener Adeliger präsentierten sich unlängst auf festlichen Hochzeitsbanketts in Brillanten besetzten Pumps. Inszenierungen wie diese werden mit Sonderbriefmarken bekannt gemacht - genauso wie Polopferde, Bohrplattformen oder Marineschiffe. Es finden sich aber auch landwirtschaftliche Motive, seit Acker- und Reisanbau als alternative Wirtschaftszweige der Zukunft salonfähig werden.

Für die Bevölkerung wie den Wassertaxifahrer Nabil bleibt das Leben vorerst steuerfrei - und damit aus Sicht der Monarchie ohne Sorgen: Absolute Macht gegen subventionierte Nahrungsmittel, kostenlose Schulbildung und medizinische Versorgung. Ein Liter Benzin wird für 30 Euro-Cent abgegeben. Brunei ist einer der wenigen schuldenfreien Staaten der Erde - zumindest solange fossile Brennstoffe gefördert werden.

Doch Nabil, Vater von sechs Kindern, starrt skeptisch zur Spitze eines gigantischen Betonpylons, der mitten im Brunei Fluss entsteht. Er ist Teil einer Hängebrücke zwischen der Hauptstadt und dem gegenüberliegenden Ufer mit dem auf Pfählen im Strom ruhenden Dorf Kampong Ayer. "Seit Jahrhunderten lebt mein Volk schon auf dem Wasser", berichtet der 46-jährige Bootsmann. Doch viele Familien sind längst weggezogen, ihre Wohnhäuser stehen leer oder wurden abgerissen. Einen Brunei Dollar, knapp 70 Euro-Cent, zahlt jeder Fahrgast für die kurze Fahrt mit dem Wassertaxi hinüber auf die andere Uferseite. Was mit der neuen Brücke aus ihm und seinem Geschäft werde, wisse er nicht, sagt Nabil und dreht an der Pinne seines Motorbootes.

Marc Tornow, geboren 1972, lebt als Journalist in Hamburg und arbeitet für Zeitungen und für die deutsche auswärtige Kulturarbeit.

Wiener Zeitung, Sa./So., 16./17. Jänner 2016