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In Krisenzeiten werfen Gemeinden die Gelddruckmaschinen an#

Komplementär-Währungen#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 27./28. August 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Regine Bohrn und Sophia Freynschlag


  • Virtuelle Währungen stehen hoch im Kurs.
  • Bei Tauschkreisen werden Stunden statt Geld auf dem Konto gutgeschrieben.
  • Regiowährungen wie "Waldviertler" sollen Kaufkraft binden und Jobs sichern.

In Tauschkreisen wird Zeit getauscht
Statt Bargeld wird in Tauschkreisen Zeit getauscht.
Foto: © Images.com/Corbis

Wien. Wenn es mit der Konjunktur bergab geht, werden Gemeinden und Bezirke erfinderisch und drucken schon einmal ihr eigenes Geld. "Komplementär-Währungen sind wichtig, wenn es eine Notzeit gibt", erklärt Expertin Margrit Kennedy. Gut zu beobachten sei das beim Schweizer "Wir", den es seit 1934 gibt. "Wenn es der Wirtschaft schlecht geht, geht er hoch und wenn es wieder gut geht, geht der ,Wir runter."

Angesichts der Krise in Griechenland sind die Hellenen auch aktiv geworden. Sie haben zum Beispiel in der Hafenstadt Patras und in Thessaloniki mit der virtuellen Währung "Ovolos" als Euro-Ersatz eine Art Tauschhandel eingeführt. Seit der Gründung während der massiven Euro-Schuldenkrise im Jahr 2009 haben sich laut Sprecher Spyridon Goudevenos 2300 Mitglieder dem Verein angeschlossen. Ähnliche Bewegungen hat es auch in vielen argentinischen Städten zur Zeit des Staatsbankrotts gegeben, erklärt Veronika Spielbichler vom Unterguggenberger-Institut in Wörgl, das nach dem Erfinder der Wörgler Freiwährung, Michael Unterguggenbichler, benannt ist.

Das Prinzip der Tauschkreise ist relativ einfach: In Griechenland zum Beispiel bietet ein Mitglied eine Dienstleistung an, dadurch erwirbt es auf der Online-Plattform virtuelle "Ovolos"-Münzen. "Das ist die sogenannte Soziale Währung", sagt Sprecher Goudevenos: "Der Inhaber des "Ovolos"-Kontos kann dann sein fiktives Geld ausgeben, um sich Lebensmittel oder andere Gegenstände zu kaufen." Auch in der mittelgriechischen Stadt Volos hat sich eine ähnliche Bewegung entwickelt. Diese veranstaltet hauptsächlich Tauschtreffen. Im Oktober 2006 wurde in Athen die erste "Time Bank" vom Europäischen Frauennetzwerk gegründet, die in Stunden abrechnet. "Parallelwährungen stellen ein modernes Phänomen dar", schreibt Irene Sotiropoulou vom Wirtschaftsinstitut der Griechischen Universität.

Bezahlen ist nur in der Region möglich#

Allerdings floriert nicht nur in Griechenland, sondern auch in Österreich der Tauschhandel. Rund 50 Tauschkreise existieren in Österreich, schätzt Fritz Keller vom Talente-Tauschkreis Salzburg.

Als Einheit dient eine Arbeitsstunde, die nicht in Minuten, sondern in 100 Industrie-Minuten abgerechnet wird. Eine Stunde ist 10 Euro wert - es können aber weder Gutscheine in Euro noch umgekehrt getauscht werden. Die Gutscheine werden an Mitglieder gegen Abbuchung der Zeit vom gedeckten Tauschkreis-Konto des Bezahlers ausgegeben.

In diesem Jahr haben sich erstmals im deutschsprachigen Raum vier Tauschkreise aus Wien, Niederösterreich und dem Burgenland zu einem Verbund (www.tauschkreis.at) zusammengeschlossen und wollen damit eine Alternative zum bestehenden Werte- und Wirtschaftssystem anbieten. "Im Tauschkreis tauschen wir unsere Talente und Dinge, die man für Geld oft gar nicht kaufen kann", heißt es auf der Website.

Auf dem gemeinsamen Marktplatz wird zum Beispiel Korrekturlesen angeboten, ein anderes Tauschkreis-Mitglied stellt sich mit seinem Auto als Fahrer für Transporte zur Verfügung, eine Frau bietet eine Übernachtungsmöglichkeit in Wien im Gegenzug für 2,5 Stunden Arbeit an.

Neben den "Tausch-Währungen" gibt es aber auch "echtes" Geld, das parallel zur jeweiligen Landeswährung existiert. Der Zweck dieser Währungen sei in erster Linie, die Region zu stärken, erklärt Kennedy. Die zusätzlich eingeführte Währung, die fantasievolle Namen wie "Waldviertler", "Styrrion" oder "Klostertaler" trägt, will die Landeswährung aber nicht verdrängen, sondern nur ergänzen. Wer eine der Komplementär-Währungen verwendet, stärkt somit die Wirtschaft der Region, da das Geld nur in bestimmten Gebieten ausgegeben werden kann. Einige Ausnahmen gibt es laut Kennedy aber. In Deutschland wird der Sterntaler in manchen Orten, wo ansonsten mit dem Chiemgauer bezahlt wird, akzeptiert. Umgekehrt funktioniere das natürlich auch.

Wenn eine Gemeinde oder Region eine Komplementär-Währung einführt, muss sie laut Kennedy "professionell agieren": "Im Grunde sind sie eine Mini-Zentralbank."

„Waldviertler“
Wird der „Waldviertler“ nicht ausgegeben, verliert er pro Quartal zwei Prozent seines Werts.
Foto: © Waldviertler/Montage

Währungen verlieren mit der Zeit an Wert#

In Österreich gibt es rund 245 lokale Einkaufswährungen, schätzt Roland Murauer, Geschäftsführer des Stadt- und Regionalentwicklers Cima mit Sitz in Ried in Oberösterreich. Dabei haben sich verschiedene Modelle entwickelt: Einerseits existieren Einkaufsgutscheine wie in der Plusregion in den drei Salzburger Gemeinden Straßwalchen, Neumarkt und Köstendorf, bei denen ein Euro dem gleichen Wert in Gutscheinen entspricht und die vor allem zu Stadtmarketing-Zwecken eingeführt werden. "Der Verteilungskampf wird immer härter, um die Kaufkraft in der Region zu halten", sagt Murauer.

Andererseits haben sich "soziale Währungen" und Schwundwährungen entwickelt. Dazu zählt der "Waldviertler", bei dem drei Prozent des umgewechselten Betrages an soziale Einrichtungen gehen. Zusätzlich verliert der "Waldviertler" pro Quartal zwei Prozent an Wert. "Das soll den Anstoß geben, dass das Geld in Umlauf bleibt und nicht gehortet wird", erklärt Sabine Schopf vom Büro der Waldviertler Regionalwährung.

Der "Waldviertler" kann in 200 Geschäften in den Bezirken Gmünd, Waidhofen an der Thaya und Zwettl eingelöst werden. Seit der Einführung im Jahr 2005 wurden rund 50.000 Euro in die Komplementärwährung eingewechselt, ausgebende Stelle ist die Volksbank in der Region.

Neben dem "Waldviertler" gibt es in Österreich auch den "Styrrion". Mit dieser Währung kann in einigen Gemeinden rund um Graz bezahlt werden. Um eine Hortung des Geldes zu vermeiden, gibt es auch hier eine Ablauffrist von rund einem Jahr. Bis dahin muss das Geld ausgegeben oder mit einem Schenkungs- und Serviceabschlag von in Summe fünf Prozent zurückgegeben werden.

Die ausgebenden Stellen von Regiowährungen haben es sich laut Murauer zum Ziel gesetzt, nicht nur Konsumenten, sondern auch Firmen vor Ort für die Währung zu begeistern, die sie zu Weihnachten oder Firmenjubiläen verschenken. Detail am Rande: 15 bis 20 Prozent der ausgegebenen Gutscheine oder Münzen verschwinden - weil sie als Sammlerstücke gehortet oder vergessen werden.

Tauschkreise müssen Steuern zahlen#

Obwohl die Währungsprojekte gut durchdacht sind, bevor sie auf den Markt kommen, gibt es dennoch einige Probleme. Eines ist die Tatsache, dass viele der Währungen nur als Papiergeld existieren und damit nicht über die Bankomat-Terminals bezahlt werden kann. Aus Sicht von Expertin Kennedy ist das aber nur ein kleines Problem.

Das Hauptproblem ist aus ihrer Sicht, dass man in vielen Fällen mit dem Alternativ-Geld keine Abgaben und Gebühren zahlen kann. Aus ihrer Sicht sollten Staaten und Gemeinden froh sein, dass es diese Initiativen gibt und das Geld auch für die Zahlung von Gebühren zulassen.

Eine Ausnahme gibt es aber: Im südamerikanischen Uruguay kann man laut Kennedy die Steuern mit der dortigen Komplementär-Währung bezahlen.

In Österreich ist man auf Bundesebene zwar noch nicht so weit, aber einige Gemeinden akzeptieren die Euro-Alternative für das Bezahlen von Steuern. So kann man seit Jahresbeginn in der niederösterreichischen Stadtgemeinde Heidenreichstein 30 Prozent der Kommunalsteuer in "Waldviertler" bezahlen. Am Ende des Jahres wird die Steuer als Vereinsförderungen an die Vereine weitergegeben. Neben Heidenreichstein kann auch in einigen Vorarlberger Gemeinden mit der jeweiligen Komplementär-Währung bezahlt werden, erzählt Spielbichler vom Unterguggenberger-Institut. Sie betont: "In Vorarlberg wird das aktiv unterstützt." Auf Bundesebene vermisst Spielbichler die Unterstützung allerdings. Man habe eine entsprechende Petition im Parlament eingebracht, diese sei aber "in der Schublade" verschwunden, meint sie enttäuscht.

Wer mit Komplementär-Währungen bezahlt, bleibt von der Pflicht, Steuern zu zahlen, nicht verschont. Ein anderes Tauschmittel als die Landeswährung befreit nicht von gültiger Rechtsordnung und ist wie eine Fremdwährung zu handhaben, heißt es von Tauschkreisen. Eingenommene Regiowährungen müssen von Händlern wie Euro versteuert werden. Bei Tauschkreisen gelten die allgemeinen steuerlichen Bestimmungen: Alles was in der "Eurowelt" versteuert werden muss, ist auch bei Einnahmen in Stunden beim Finanzamt anzugeben, informieren die Tauschkreise im Internet.

"In welcher Währung abgerechnet wird, ist aus steuerrechtlicher Sicht egal", sagt Harald Waiglein, Sprecher im Finanzministerium. Steuerliche Probleme mit Tauschkreisen sind ihm allerdings nicht bekannt. Oft liegen die Einkünfte allerdings unter dem Betrag von 730 Euro pro Jahr, den Arbeitnehmer mit Einkünften aus nichtselbständiger Arbeit pro Jahr steuerfrei dazuverdienen dürfen.

Wiener Zeitung, Sa./So., 27./28. August 2011