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Großer Schock mit Folgen #

Der Zweite Weltkrieg hat das Leben der Bürger nachhaltig verändert: Wirtschaftsforscher beleuchten die Konsequenzen des Krieges nun erstmals über fünf Jahrzehnte. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 30. Jänner 2014)

Von

Martin Tauss


Verbrannte Erde. Der Zweite Weltkrieg forderte in Europa 39 Millionen Todesopfer, etwa die Hälfte davon Zivilisten. Im Ersten Weltkrieg war der Anteil der zivilen Todesfälle mit 6 von 16 Millionen noch geringer.
Foto: Wikipedia

Die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs hat sich in unzähligen (Familien-)Schicksalen niedergeschlagen: Mehr als drei Prozent der Weltbevölkerung verstarben aufgrund des Krieges, allein in Europa wurden 39 Millionen Tote verzeichnet – etwa die Hälfte davon waren Zivilisten. Horrende Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurden begangen. Viele Personen waren gezwungen, ihr Eigentum ohne Kompensation zu verlassen. Familien wurden über lange Zeit auseinandergerissen, und viele Kinder verloren ihren Vater. Auch Kleinkinder wurden zu Augenzeugen der Kriegsgräuel. Von den häufigen Hungersnöten waren selbst relativ reiche Regionen in Westeuropa betroffen. Nicht zuletzt führten Bodenkämpfe und Luftangriffe zu großflächiger Zerstörung von Häusern und physischem Kapital.

Während historische Kriegsereignisse wie Schlachten heute gut erforscht sind, wurden die längerfristigen Auswirkungen des Krieges auf das Leben der Bürger bislang kaum untersucht. „Der Zweite Weltkrieg hat die Welt in vielerlei Hinsicht fundamental verändert, die Literatur über seine wirtschaftlichen Langzeitkonsequenzen ist aber noch erstaunlich dünn“, konstatiert Joachim Winter, Wirtschaftsforscher an der Ludwig Maximilians-Universität München. Auch sei die relativ junge Auseinandersetzung mit diesem Thema bislang eher US-amerikanisch als europäisch geprägt. Winter ist Mitautor einer aktuellen Studie, die in Europa erstmals auf individueller Ebene die sozioökonomischen Folgen des Krieges über 50 Jahre beleuchtet. Die Ergebnisse werden nun in der März- Ausgabe der Fachzeitschrift „Review of Economics and Statistics“ veröffentlicht.

Abwesende Väter #

Im Hintergrund solcher Forschungsarbeiten steht das Bestreben, ursächliche Faktoren für Gesundheit und Wohlstand zu finden – und auf Möglichkeiten zur Verbesserung langfristiger Entwicklungschancen zu schließen. Die neue Studie untersucht die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs für Personen aus Westeuropa etwa anhand folgender Fragen: Welche Ausbildung wurde erreicht? Wie entwickelte sich der Gesundheitszustand? Wie war der wirtschaftliche Status? Kam es jemals zu einer Eheschließung?

Die Forscher griffen hierbei auf Informationen zurück, die als Teil einer europaweiten Umfrage im Jahr 2009 erhoben wurden (SHARELIFE). Ausgewertet wurden Daten einer Stichprobe von 20.000 Personen im Alter von 50 Jahren oder älter aus 13 Ländern, darunter auch Österreich. Maßgebliche Kriterien waren, ob es zu einschneidenden Kriegserfahrungen gekommen war und ob sich die Personen in Regionen mit heftigem Kampfgeschehen befanden.

Verbrannte Erde. Der Zweite Weltkrieg forderte in Europa 39 Millionen Todesopfer, etwa die Hälfte davon Zivilisten. Im Ersten Weltkrieg war der Anteil der zivilen Todesfälle mit 6 von 16 Millionen noch geringer.
Foto: Wikipedia

Die Ergebnisse sind eindeutig: Sie zeigen eine langfristige Belangfristigem nachteiligung für Menschen, die während der Kriegsjahre in einem vom Krieg erschütterten Land lebten. So berichteten sie im späteren Lebensverlauf über einen deutlich schlechteren Gesundheitszustand, wobei sie eine erhöhte Wahrscheinlichkeit aufwiesen, Diabetes, Depressionen und, wiewohl weniger gut belegt, eine Herzkrankheit zu entwickeln. Außerdem wiesen Menschen mit Kriegserfahrung als Erwachsene einen geringeren Bildungsgrad auf, benötigten längere Zeit für den Bildungsabschluss und waren mit ihrem Leben als ältere Erwachsene weniger zufrieden. Die Wahrscheinlichkeit einer späteren Eheschließung war für Frauen mit Kriegserfahrung herabgesetzt, für Männer jedoch erhöht.

Menschen aus Regionen mit schweren Kämpfen berichteten häufig über langfristige Gesundheitsprobleme. Diese waren aber nicht viel stärker ausgeprägt als bei jenen, die zwar Kriegserfahrung hatten, aber nicht unmittelbar schwere Kämpfe erlebten. Psychische oder körperliche Probleme im späteren Lebensverlauf, so die Studienautoren, scheinen viel eher mit Hungersnot während des Krieges, Belangfristigem Stresserleben, schlechter Ausbildung oder Männermangel assoziiert zu sein. Eine Ausnahme ist die Depression, die bei Studienteilnehmern aus Regionen mit schweren Kämpfen signifikant häufiger auftrat.

Hunger, Enteignung oder Verfolgung könnten als Schockerlebnisse wesentlich dazu beigetragen haben, diese individuellen Kriegseffekte zu vermitteln. Auch die Abwesenheit des Vaters spielte eine Rolle – ein Verweis auf die Thesen des Psychoanalytikers Alexander Mitscherlich über die negativen Auswirkungen einer „vaterlosen Gesellschaft“ liegt nahe.

Belastung der Mittelschicht #

In seinem gigantischen Ausmaß hat der Zweite Weltkrieg alle sozialen Schichten, quer durch Europa, betroffen. Die Studienteilnehmer berichteten aber häufiger über Gesundheitsprobleme und geringeren Wohlstand, wenn sie aus Familien stammten, die während der Kriegsjahre der Mittel- oder Unterschicht zuzurechnen waren. „Die schwersten Auswirkungen über die letzten Jahrzehnte waren von der Mittelschicht und, knapp dahinter, von den unteren sozialen Schichten zu tragen“, erläuterte Winter. Denn die Mittelschicht verfüge im sozialen Spektrum über die größte Mobilität und werde am stärksten von der Zerstörung von Bildungsangeboten getroffen.

Verbrannte Erde. Der Zweite Weltkrieg forderte in Europa 39 Millionen Todesopfer, etwa die Hälfte davon Zivilisten. Im Ersten Weltkrieg war der Anteil der zivilen Todesfälle mit 6 von 16 Millionen noch geringer.
Foto: Wikipedia

„Studien dieser Art sind wichtig, um der Gesellschaft die vielen langfristigen Konsequenzen eines militärischen Konflikts zu veranschaulichen“, betont Winter, der die Kriegserfahrung als exemplarisch für andere Schockerfahrungen wie etwa Krankheitsepidemien sieht. Für den Wirtschaftsforscher erhält die aktuelle Forderung nach frühzeitigen Interventionen für soziale Risikogruppen durch diese Studie zusätzliche Glaubwürdigkeit.

„Der Krieg verlangt von den Überlebenden einen Tribut hinsichtlich ihrer Gesundheit und ihres Wohlbefindens im weiteren Lebensverlauf“, resümierte Studienautorin Iris Kesternich. Die Kosten eines bewaffneten Konflikts nur während des Krieges oder unmittelbar danach zu evaluieren, bedeutet eine deutliche Unterschätzung seiner Gesamtkosten.

Dass die durch Kriege verursachten Wunden nur langsam heilen, gilt nicht nur für Individuen, Gruppen und Gesellschaften, sondern auch für ganze Ökosysteme. Denn im Meer versenkte Nuklearabfälle oder toxische Entlaubungsmittel haben die Umwelt nachhaltig verändert. Wie kürzlich die TV-Wissenschaftsdokumentation „Natur unter Beschuss“ auf 3sat zeigte, befindet sich allein in der Ostsee so viel korrodierende Munition, dass deren frei werdende Giftstoffe Europa auslöschen könnten. In der Danziger Bucht hat vor knapp 65 Jahren der Zweite Weltkrieg begonnen. Heute suchen dort polnische Wissenschafter Meter für Meter nach chemischen Kampfmitteln wie Zyanid oder Senfgas – eine Suche, die noch Jahrzehnte dauern könnte.

DIE FURCHE, Donnerstag, 30. Jänner 2014