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Übersendung des Bandes „Ungehorsam“ an Kardinal Schönborn (und den Papst?)#


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit, Nr. 62/2012


Sehr geehrter Herr Erzbischof,#

Wien, am 29. Oktober 2012

mit gleicher Post sende ich Dir zwei Exemplare des Bandes „UNGEHORSAM“, der Festschrift für Helmut Schüller, die jetzt anlässlich seines bevorstehenden 60. Geburtstages erschienen ist. Ich bin deren Mitherausgeber.

Die Frage des Gehorsams insbesondere von Klerikern, aber auch von Laien, hat in letzter Zeit große Aktualität und Bedeutung erlangt. Es gibt viele und prominente Stimmen, die nun Grenzen und Voraussetzungen dieser Verpflichtung betonen. Davon kommen Gewichtige in diesem Buch zu Wort. So darf ich Dir seine Lektüre sehr ans Herz legen.

Ich tue dies auch deswegen, weil sich der Beitrag von Pater Josef Garcia-Cascales, den er kurz vor seinem Dahinscheiden verfasst hat, an Dich persönlich richtet. Damit erfülle ich eine Verpflichtung gegenüber einen höchst geschätzten Seelsorger und lieben Freund, den wir sehr betrauern.

Das zweite Exemplar bitte ich Dich herzlich, dem Papst zukommen zu lassen. Ich erlaube mir dieses höfliche Ersuchen an Dich, weil ich weiß, dass gewöhnliche Post an den Vatikan dort errichtete Hürden nicht überwindet und in irgendeinem Büro (vielleicht sogar Papierkorb) landet. Du aber warst schon einmal so freundlich, das von Tausenden Katholiken und Katholikinnen unterstützte Memorandum der „Laieninitiative“, die ich damals leitete, nach Rom mitzunehmen. Dass eine Antwort unterblieb, ist angesichts der dort geltenden Gepflogenheiten nicht verwunderlich, aber dennoch höchst betrüblich.

Nun könnte man nicht ohne Grund meinen, das Oberhaupt der Kirche habe Wichtigeres zu tun als dieses Buch zu lesen. Papst Benedikt hat allerdings – wie Dir ja sicher bestens bekannt ist – auf den „Aufruf zum Ungehorsam“ der Pfarrer-Initiative in einem feierlichen Gottesdienst kritisch reagiert. So erscheint es durchaus angebracht, ihn mit der Meinung qualifizierter Autoren zu konfrontieren, die diesen Schritt anders als er sehen.

Immerhin ist ja Benedikt XVI. Wissenschafter und er könnte auch an den Aussagen der an der Festschrift mitwirkenden Theologen interessiert sein. Oft habe ich die Vermutung, dass man ihn von Derartigem abschirmt, was manche vatikanische Fehlentscheidungen erklären könnte. Jesu Beispiel müsste hingegen ganz allgemein zum Hören und miteinander Reden veranlassen, weswegen es auch nicht verständlich ist, dass der Papst die einen kritischen Standpunkt artikulierenden Priester nicht empfängt.

Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass die Hierarchie einen sehr bedeutenden Paradigmenwechsel offenbar nicht wahrnimmt. Es ist heute nicht mehr so, dass wir als mündige Christen einfach nur die Auffassungen und Entscheidungen einer kirchlichen Obrigkeit entgegenzunehmen haben. Wir sehen diese vielmehr als Trägerin eines Dienstes, der dem entspricht, was Paulus in seinem Brief an die Korinther ausdrückt: „Wir wollen ja nicht Herren über euren Glauben sein, sondern wir sind Helfer zu eurer Freude; denn im Glauben seid ihr fest verwurzelt “.

Dieser Glaube ist in der realen „Weltkirche“ heute vielfältig und auch nicht mehr in allen Fragen vorschreibbar, das ist Dir ja wohlbekannt.

In diesem Sinne empfehle ich mich mit meinen besten Grüßen

als Dein ergebener

Herbert Kohlmaier